An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfrn. Silke van Doorn

12. November 2017

Vermisst: der Anstand

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Nein, es fällt nicht nur mir auf. Deutschland sucht nicht nur den Impfpass, sondern auch den verlorengegangenen Anstand.

Allenthalben werden Kommentare laut und es ist sogar ein Buch über die Frage nach dem Anstand erschienen, das unter eben diesem Stichwort einen Wikipedia-Eintrag erhalten hat. Anstand in schwierigen Zeiten. Wir fragen nach Werten wie Rücksicht und Zugewandtheit, Achtsamkeit und ja - auch Höflichkeit. Allerdings auch nach Widerständigkeit gegen Unrecht. Die Frage, die vielleicht bisher mehr dem konservativen Klientel zugeordnet und zuletzt von den unanständigsten Lautschreiern im Wahlkampf besetzt wurde.

Deren Anhänger und Funktionäre werden schnell rabiat, obwohl sie selbst nach den Werten fragen, die andere einhalten sollen. Auf ihren Demonstrationen wird die Bundeskanzlerin wegen ihrer Politik an den Galgen gehängt - es wird ihr der Tod gewünscht. Das geht über die freie Meinungsäußerung hinaus. Niemand von den Schreihälsen wird deswegen zur Rechenschaft gezogen.

Anstand wird aber auch vermisst, wenn sich Funktionäre in der Wirtschaft ihre Millionengehälter und -abfindungen garantieren lassen, obwohl sie missgewirtschaftet haben, gar Schmiergelder kassiert oder betrogen haben. Dabei schießen die Gehälter und Abfindungen in Höhen, die durch keine Arbeitsleistung gerechtfertigt ist. Wer hat schon 80 Millionen verdient? Wozu braucht ein Mensch die überhaupt? Anständig ist das nicht.

Anstand wird vermisst, wenn jahrelang Menschen, meist Frauen, in der Filmszene Amerikas und wohl nicht nur dort, missbraucht werden, weil sie Karriere machen wollen. Es ist ekelhaft von den Männern, die ihre Macht derartig missbrauchen. Aber wie versessen auf Karriere muss ich sein, dass ich lieber meinen Mund halte und mich missbrauchen lasse? Es geht in diesem Falle nicht nur um arme Frauen, die sich nur so ihren Lebensunterhalt sichern wollen. Es geht um Frauen und Männer, die sich ihre Berühmtheit so erkauft haben.

Wie wird Anstand überhaupt definiert? Anstand ist mehr als die Umgangsformen, die wir miteinander pflegen. Kant hat „Wohlanständigkeit“ als schönen Schein abqualifiziert. Doch die Frage, ob Anstand auch den Charakter des Menschen spiegelt, wird unterschiedlich beantwortet. Interessant ist, dass bis ins 20. Jahrhundert ein „anständiger Kerl“ derjenige war, der sich fair und großmütig gegenüber Gleichgestellten und Untergebenen verhält, der das nicht um der Vorschriften willen tut und nicht auf eigenen Vorteil bedacht ist.

Wer nicht auf eigenen Vorteil bedacht ist... Einen Aufstand der Anständigen hat nicht nur der damalige Kanzler Schröder gefordert als Unterkünfte Asylsuchender angezündet wurden. Der Aufstand der Anständigen war eigentlich die letzte freie Rede im Reichstag 1933 als Otto Wels und mit ihm die Abgeordneten der SPD gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben. In einer flammenden Rede hat er gesagt: Freiheit und Leben kann man uns nehmen, nicht aber die Ehre - den Anstand.

Die Erziehung des Menschen aus biblischer Sicht führt genau dahin: Gottes erster Akt als er sich dem Volk Israel als Retter und Erlöser zeigt, ist die bedingungslose Befreiung aus aller Unfreiheit und Unterdrückung. Doch er weiß nur zu genau: Wer in seinem Leben nur Unfreiheit erfahren hat, braucht Grundregeln der Freiheit, damit er nicht vom Unterdrückten zum Unterdrücker wird, zum Egomanen, der nur sich im Sinne hat. Kurz und knapp sind die Spielregeln des anständigen Miteinanders in Freiheit und Würde zusammengefasst. Zehn Gebote - nicht mehr, nicht weniger. Aber die sind unabdingbar.

Unabdingbar, damit jeder Mensch Weisheit, Klugheit und Standpunkt ausbildet. Damit jeder Mensch mit all seinem Kopf, mit all seinem Herzen, mit all seiner Schaffenskraft liebes- und gemeinschaftsfähig wird und bleibt.

Reformation heißt eben auch das: Immer wieder neu die Finger in die Wunde der unanständigen Gesellschaft, oder vielmehr der unanständigen Taten unserer Gesellschaft legen. Sich denen zuwenden, die dabei unter die Räder geraten und Einhalt gebieten denen, die rücksichtslos alle unter die Räder geraten lassen, die ihrer Machtfülle und Raffgier im Wege stehen.

Das wollen wir neu durchbuchstabieren und tun - jeden Tag neu.

Ein anständiges Wochenende


Pfr. Oliver Lehnsdorf

5. November 2017

„Das kleine Einmaleins des Glaubens“

von Pfr. Oliver Lehnsdorf, Oberndorf

Wir befinden uns im Reformationsjubiläumsjahr. Am 31.10.1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen. Dies markierte den Anfang der Reformation, weswegen in diesem Jahr in einer besonderen Weise daran erinnert wird.

Neben der historischen Betrachtung geht es in diesem Reformationsjubiläumsjahr auch besonders darum, die zentralen Inhalte des evangelischen Glaubens besonders in den Mittelpunkt zu stellen. Martin Luther hat sie so zusammengefasst: „Allein die Schrift, allein der Glaube, allein die Gnade, allein Christus.“

Dies nimmt auch die Egli-Ausstellung auf, die in der Oberndorfer Kirche von heute bis zum 25. November stattfindet, und das Thema „Das kleine Einmaleins des evangelischen Glaubens“ hat.

Der Frauentreff Oberndorf der Feudinger Kirchengemeinde, der dankenswerterweise die Vorbereitung und Durchführung der Egli-Ausstellung übernommen hat, schreibt dazu: „Mit dieser Ausstellung sollen die Besucher einen Zugang zur Reformation und zu Martin Luther erhalten - nicht mit Vorträgen oder Büchern, sondern mit Egli-Figuren, die helfen, Bilder und Text ganzheitlich zu begreifen. Wir lernen so, die Welt und Umwelt von Martin Luther besser zu verstehen und biblische Bilder, Texte und Symbolik ganzheitlich zu erfassen. In Verbindung mit verschiedenen Darstellungsmethoden erkennen wir, wie gegenwärtig und unmittelbar die Wirklichkeit Gottes ist. Neben den zeit-authentischen Gestalten einer Szene ist das symbolische Stellen der Figuren sehr einprägsam. An 10 Stationen werden Szenen dargestellt, die mit informativen und nachdenklichen Texten erläutert werden.“

Der CVJM-Jugendgottesdienst zur Eröffnung beginnt heute um 18.30 Uhr im Oberndorfer Gemeindehaus. Die Oberndorfer Kirche wird während des Ausstellungszeitraums mittwochs von 17 Uhr bis 21 Uhr, samstags von 15 Uhr bis 18 Uhr und sonntags von 11 Uhr bis 18 Uhr geöffnet sein. Der Eintritt ist frei - um eine Kollekte wird gebeten. Die Ausstellung ist barrierefrei und geeignet für Einzelpersonen, Gruppen und Kreise aller Altersgruppen. Die Führung für Gruppen ist auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich, und kann vorher bei Ulrich Rothenpieler unter Tel. (02754) 528 angemeldet werden.

So möchten wir sie ganz herzlich zur Egli-Ausstellung in Oberndorf einladen.


Pfr. Stefan Berk

29. Oktober 2017

„Als Freiheitsbewegung nie erledigt“

von Superintendent Stefan Berk

Am Dienstag ist Feiertag. Ausnahmsweise. Im nächsten Jahr müssen wir wieder arbeiten. Dann ist nämlich das große Reformationsjubiläum vorbei. 501 Jahre sind kein Grund zum Feiern.

Was machen Sie an diesem Tag? Genießen Sie die Freiheit? Machen Sie einfach mal frei?

Manche Leute sagen: „Ich nehme mir die Freiheit, einfach mal wegzufahren.“ Aber Freiheit kann man sich eigentlich nicht nehmen, finde ich. Freiheit kann man sich erkämpfen, so wie unsere Vorfahren sie den Königen und Despoten entrissen haben. Und Freiheit kann man geschenkt bekommen - so wie die Freiheit, von der Martin Luther vor 500 Jahren schrieb. Er hatte entdeckt: Gott macht mich frei von aller Schuld, von belastenden Traditionen, von der Ausweglosigkeit meines Lebens. Die Zukunft steht offen, eine lebenswerte Zukunft, auch über den Tod hinaus.

Für den Reformator war das die Tür zur Freiheit. Er hatte sie auch erkämpft, weil dieser Glaube verschüttet war von Vorschriften, von Traditionen, von falschen Autoritäten. Was muss das für ein großartiges Gefühl gewesen sein, als er diese Freiheit entdeckte! Als er spürte: Eigentlich hat Gott uns diese Freiheit schon immer ins Herz gelegt, nur gibt es so vieles, was dieses Wissen verschüttet.

Wenn das im Alltag mit dieser Freiheit so einfach wäre. Es gibt ja eine „Freiheit von“ und eine „Freiheit für“. Beides gehört zusammen, wie die beiden Seiten einer Münze. Eine Freiheit von allen Zwängen, die mich willkürlich „auf Teufel komm raus“ leben lässt, führt in einen rücksichtslosen Egoismus. Wichtig ist dann nur noch, was mir nützt, was mir einen Vorteil verschafft. Und manche Entwicklungen in unserer Gesellschaft tragen für mich diesen Stempel einer Freiheit, die nur noch sich selbst im Blick hat.

Die andere Freiheit blickt über den eigenen Tellerrand hinaus. Andere brauchen mich, meine Möglichkeiten und Begabungen, meine Zeit und meinen Einsatz. Freiheit bedeutet für mich immer auch, Verantwortung zu übernehmen. Denn ich bin ja frei von Zwängen, von der Angst vor der Hölle, frei davon, vor Gott als dem großen Richter Angst zu haben. In dieser Freiheit engagiere ich mich für andere, für ein gutes Leben miteinander. Und behalte ein weites Herz, auch wenn andere mich als „Gutmensch“ abstempeln, der in ihren Augen immer noch nicht verstanden hat, dass der Stärkere sich durchsetzen muss.

Nein, damit finde ich mich nicht ab. Ich will die große Freiheit, in die Gott uns Menschen stellt, nicht kleinreden oder von dumpfen Parolen niederschreien lassen. Mag sein, dass es manchmal mühsam ist, diese „Freiheit von und für“ zu buchstabieren und den Mut nicht zu verlieren. Aber wir sind frei: Einfach frei. Das macht unsere Würde aus. Das ist die Grundlage für unser Miteinander - in unseren Familien und Freundschaften, in unseren Dörfern, Vereinen, Kirchengemeinden.

Am Dienstag feiern wir die Freiheit. Einfach so. Und wenn Sie Ihren Feiertag genießen, dann denken Sie doch mal einen kleinen Moment an Martin Luther, an die Reformation, an die große Freiheit. Und auch wenn im nächsten Jahr kein Feiertag ist: Die Reformation als Freiheitsbewegung ist nie erledigt!


Pfrn. Heike Lilienthal

22. Oktober 2017

„Ich finde an keinem Ort der Bibel...“ 

von Pfrn. Heike Lilienthal, Kirchenkreis-Region II

Die Zeitspanne, in der mutige Frauen während der Reformation sich öffentlich zu theologischen Fragen und religionspolitischen Vorkommnissen äußern konnten, war nur kurz. Danach verschwanden Frauen wie Argula von Grumbach fast komplett aus dem protestantischen Gedächtnis. Denn eine tragende Rolle hatten auch die Reformatoren den Frauen in der Kirche nicht zugedacht.

Argula von Grumbach, adlige Mutter von vier Kindern, gilt als erste Frau, die öffentlich für die Reformation eintrat. Auch sie stritt wie Katharina Zell und andere für ihre Überzeugung. Neben der Erziehung ihrer Kinder hatte sie sich intensiv mit der neuen Glaubenslehre aus Wittenberg beschäftigt. Mit Luthers Schriften war sie bestens vertraut und stand mit dem Reformator in regem Briefwechsel. Ebenso kannte sie sich in der Bibel aus. Sie war bibelfest.

In das Licht der Öffentlichkeit trat sie durch einen Sendbrief an die Universität in Ingolstadt, der als Flugschrift veröffentlicht wurde.

Flugschriften waren damals das Medium schlechthin. Mit ihren Flugschriften kam Argula fast an Luthers Auflagen heran.

In diesem Brief trat Argula von Grumbach für einen jungen Theologen ein, der furchtlos und unbedarft die Thesen seiner Wittenberger Lehrer in seinen ersten Vorlesungen verkündete, obwohl dies durch die bayerischen Herzöge verboten war. Aufgrund dessen war ein Verfahren gegen Magister Seehofer eröffnet worden und unter Androhung von Gewalt sollte er widerrufen, und zwar ohne Widerlegung durch biblische Zeugnisse. Solch ein Vorgehen war nach Argulas Meinung gegen Gottes Willen. „Ich finde an keinem Ort der Bibel, dass Christus noch seine Apostel oder Propheten jemanden eingekerkert, gebrannt noch gemordet haben oder das Land verboten.“

Sie fühlte sich zum einen durch Martin Luthers „Priestertum aller Gläubigen“ dazu befugt, in das Schicksal des jungen Theologen einzugreifen. Zum anderen durch das, was ihr in der Bibel entgegenkam, der sie sich verpflichtet fühlte und ihren selbstverantworteten Glauben mit hervorgerufen hat.

Doch auf Argula von Grumbachs selbstbewusste und mutige Aufforderung an die Gelehrten, sich mit ihr über die Vorwürfe gegen Magister Seehofer theologisch auseinanderzusetzten und zwar auf Grundlage der Heiligen Schrift und in Gegenwart der Fürsten und der Gemeinde, erhielt sie keine Antwort. Trotz ihres Standes und ihrer Berühmtheit wird Argula sozial geächtet und ihr katholischer Mann verlor seine gut dotierte Stellung. Nach ihrer intensiven Zeit in der Öffentlichkeit wirkte Argula im Stillen weiter.

Mögen wir Argula von Grumbach, die in Zeiten des Umbruchs mutig das Wort ergriffen hat für die Reformation und um für einen anderen Menschen öffentlich einzutreten, nicht vergessen.


Pfr. Thomas Janetzki

15. Oktober 2017

Die Bibel - ein Buch zum Lesen

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

„Schockier‘ Deine Eltern – lies ein Buch!“, so steht es an der Tür unserer Gemeindebücherei in Wingeshausen. Wie ich finde, ein gutes Motto und nicht nur für Kinder und Jugendliche…

Aber mal davon abgesehen, dass es für alle nützlich sein kann, einmal wieder ein Buch zu lesen: Was soll man denn lesen? Jetzt gerade hat ja wieder die Buchmesse in Frankfurt begonnen und damit die größte Messe der Welt für Bücher. Die Auswahl ist riesig, von über 7300 Autoren aus rund 100 Ländern zu unendlich vielen Themen mit erwarteten 270.000 Besucherinnen und Besuchern.

Aber warum eigentlich nicht passend zur größten Buchmesse der Welt mal wieder einen Blick in das meistverkaufte allgemein verfügbare Buch der Welt werfen? Und das ist immer noch die Bibel, die pro Jahr rund 20 Millionen Mal gedruckt wird und inzwischen sogar in über 230 Sprachen als Gesamtdruck vorliegt. Seit 1815 sind laut Schätzungen wohl zwischen zwei und drei Milliarden Exemplare verkauft worden. Also ein echter Klassiker und mehrfacher Weltrekordhalter…

Und in diesem Jahr ist ein Blick in die Heilige Schrift - besonders in deutscher Sprache - noch interessanter, weil ja Martin Luther, dessen Thesenanschlag vor 500 Jahren wir 2017 feiern, die Bibel in den Jahren danach ins Deutsche übersetzt hat, damit „das ganze Volk, Bauer und Knecht, Ritter und Mägdelein Gottes Wunsch und Wille leibhaftig lesen können“. Immer schon also eine echte Volksbibel.

Eigentlich, finde ich, hätte die Bibel längst den Literaturnobelpreis verdient. Doch es wird schwer sein, ihre vielen Autorinnen und Autoren nach so langer Zeit ausfindig zu machen, und derjenige, dessen Botschaft sie verkünden, ist Gott sei Dank auf unsere Auszeichnungen nicht angewiesen. Aber es bleibt zu wünschen, dass die Bibel auch bei Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, daheim im Schrank steht - und zu den Büchern gehört, die gelesen werden…

In diesem Sinne ein schönes und gesegnetes Wochenende.


Pfr. Henning A. Debus

8. Oktober 2017

Doch wie's drinnen aussieht…

von Schulpfarrer Henning A. Debus, Bad Berleburg

Wenn ich unterwegs bin, dann komme ich an Bäumen und Häusern vorbei. Zugegeben: In Wittgenstein gibt es mehr Bäume als Häuser. Aber die Häuser interessieren mich mehr. Da sehe ich Schieferfassaden, Fachwerkfassaden, Klinkerfassaden, und ich frage mich oft, was wohl die Menschen hinter diesen Fassaden gerade machen.

Wird da gerade geputzt oder Staub gesaugt? Kocht da gerade jemand Essen für die Familie? Telefoniert dort gerade eine Mutter mit ihren Kindern, die weit entfernt von hier leben? Sitzt hier gerade ein Kind traurig in seinem Zimmer, weil es die Englischarbeit total verhauen hat? Und dort drüben: Weint da womöglich ein Mann, weil der Hausarzt ihm gesagt hat, er müsse dringend operiert werden? Und hinter wie vielen Fassaden werden Pflegebedürftige von ihren Angehörigen betreut, oft bis an die Grenzen der Belastungsfähigkeit?

Wenn ich an den Häusern vorbeifahre, denke ich, wie gut es ist, dass es Fassaden gibt. Sie bieten Schutz vor neugierigen Blicken, sie schützen die Intimsphäre, sie erlauben uns, unser Privatleben so zu leben, wie wir möchten. Aber ich denke auch an Menschen hinter manchen Fassaden, die vereinsamt sind, an Menschen, deren Sorgen und Probleme so groß geworden sind, dass sie eigentlich dringend jemanden brauchten, der ihnen zuhört oder hilft, Wege aus den Sorgen zu finden. Es gibt viele Menschen, die sich hinter ihren Fassaden einmauern und die dann, wenn sie denn mal ihre Häuser verlassen, immer noch - unsichtbare - Fassaden vor sich hertragen. Sie lächeln, obwohl ihnen zum Heulen ist. Mir sagte mal ein älterer Herr: „Wie würden wohl die Leute reagieren, wenn ich auf ihre Frage, wie es mir geht, antwortete: Schlecht! Die würden ganz schnell das Weite suchen.“

Um mich einem anderen Menschen gegenüber öffnen zu können, brauche ich Vertrauen. Ich muss sicher sein, dass er meine Situation nicht ausnutzt, dass er es ehrlich mit mir meint, dass er nicht anderen Leuten weitererzählt, was ich ihm anvertraue. Solche Menschen gibt es: in unseren Kirchengemeinden, in Diakonie und Caritas, ja, manchmal direkt in der Nachbarschaft.

Christen leben im Vertrauen auf ihren Herrn, der hinter unsere Fassaden sieht, die gemauerten und die unsichtbaren. Ihm brauchen wir nichts vorzumachen und nichts vorzuspielen. Gott ist nicht der Chef einer himmlischen Stasi, sondern ein liebender Vater, der an unserem Leben Anteil nehmen möchte, an dem Schönen und an dem Schweren. Ihn dürfen wir jederzeit in unsere Häuser und Herzen hineinlassen.

Als Martin Luther vor bald 500 Jahren seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlichte, hatte er genau das erkannt: Gott weiß, wie schwer unser Leben ist. Und er will es mit uns teilen. Er steht uns nicht als Fremder, als Gegner oder gar als Feind gegenüber, sondern als Freund. Er trägt die freundlichen Züge des Jesus von Nazareth und begegnet uns im Nächsten. Er weiß, wie's drinnen bei uns aussieht und sucht unser Vertrauen. Da, wo wir Menschen einander Vertrauen geben, nimmt das Motto des Lutherjubiläums Gestalt an: EINFACH FREI!


Pfrn. Kerstin Grünert

1. Oktober 2017

„Ernten und Säen gehören zusammen“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Am liebsten hab' ich ja die Ernte. Volle Körbe von allem möglichem, das Gefühl, erst einmal ausgesorgt zu haben. Diese Zufriedenheit, die sich einstellt, wenn man es geschafft und das Ziel erreicht hat. Alles ist gut, rundum komplett und schön. Es fehlt nicht mehr viel und ich sehe pausbackige, fröhlich umhertollende Kinder vor mir, ein reich gedeckter Tisch und die Spitzendecke flattert im Wind. Wie in der Werbung für Getreidekaffee.

Beim Anblick von so viel Fülle und Fertigem vergesse ich dann oft das, was vorher war. Dass vor einer reichen Ernte immer das Säen steht. Das leuchtet uns für den Acker- und Gartenbau ein. Aber auch bei anderen Dingen ist die Ernte nur so gut, wie die ausgeworfene und gepflegte Saat.

Und was man da alles ernten kann: Hohn und Spott, Lob und Anerkennung und vieles, vieles mehr. Das schöne und sättigende Wort „Ernte“ kann also durchaus auch negativ besetzt sein. Gerade in der letzten Woche hat man es immer wieder gehört, bei den Nachbetrachtungen zur Wahl. Aber das soll ein Angedacht zum Erntedankfest werden und keine Politanalyse.

Wir dürfen eben auch die Saat nicht aus den Augen verlieren. Es geht nicht immer nur darum, was hinterher rauskommt. Wir können das beeinflussen. Ich gebe zu, dass vergesse ich manchmal. Wenn es gut läuft und es eine schöne Ernte gibt, dann ertappe ich mich dabei, wie ich es als selbstverständlich hinnehme. Und wenn es schief geht, dann will ich es eigentlich nicht gewesen sein. Dann hat es doch an etwas anderem gelegen. Ich habe doch bestimmt nichts Schlechtes gesät. Ernten und Säen gehören immer zusammen. Und das gilt im guten Sinne, genauso aber auch im schlechten. Wir müssen das ernten, was wir gesät haben. Und für die Ernte tragen wir dann auch die Verantwortung. Anders herum heißt das aber auch: Wir können nur ernten, wenn wir gesät haben. Denn von alleine passiert gar nichts.

Die Wunschliste

Ein junger Mann hatte einen Traum. Er betrat einen Laden. Hinter der Ladentheke sah er einen Engel. Hastig fragte er ihn: „Was verkaufen Sie?“ Der Engel gab ihm freundlich zur Antwort: „Alles, was Sie wollen!“ Der junge Mann sagte. „Dann hätte ich gerne das Ende aller Kriege in der Welt, immer mehr Bereitschaft, miteinander zu reden, die Beseitigung der Slums und Elendsviertel in den armen Ländern, mehr Ausbildungsplätze für Jugendliche, mehr Zeit der Eltern, um mit ihren Kindern zu spielen, mehr Zeit der Kinder für ihre pflegebedürftigen Eltern, und, und, und..“

Der fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: „Entschuldigen Sie, junger Mann. Sie haben falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen Samen!“


Pfr. Stefan Berk

24. Septmber 2017

„Und dann mache ich meine Kreuze“

von Superintendent Stefan Berk

Sie hatten keine Wahlscheine und keine Urnen. Wahlplakate klebten nicht an jeder Ecke, und Fernsehduelle gab es erst recht nicht.

Aber das Volk wurde gefragt. Die Menschen trafen eine Entscheidung. Zwei Lager gab es: Die einen argumentierten, dass man unbedingt einen König brauche, weil man sich sonst nicht gegen die anderen Staaten in der Nachbarschaft behaupten könne. Eine stabile, klare Regierung sei für einen modernen Staat überlebensnotwendig.

Die anderen hielten dagegen - und ihre Argumente hatten Gewicht. Sie verwiesen auf die Tradition, dass man bisher auch ganz gut ohne eine Zentralmacht ausgekommen sei und dass das föderale System seine Vorteile klar bewiesen habe. Und außerdem käme man dann auch nicht in die Gefahr, dass ein König in die Konkurrenz zu Gott kommen könnte - schließlich sei Gott ja die höchste Autorität, und am besten auch die einzige.

Die Abstimmung verlief eindeutig: Das Volk wollte einen König. Die Mehrheit war überwältigend, obwohl die Konsequenzen drastisch ausgemalt wurden. Die Geschichte der folgenden Jahrhunderte gab den Kritikern recht: Die Könige missbrauchten ihre Machtstellung, Korruption und Willkür wurden zur Begleitmusik der Politik. Andererseits konnte sich der junge Staat endlich wehren, diplomatisch und militärisch.

Das Ganze fand vor rund 3000 Jahren statt, als sich neben anderen auch der Staat Israel zum ersten Mal formierte. Die Hintergründe sind biblisch im 1. Buch Samuel, Kapitel 8 bis 10 nachzulesen - erstaunlich kritisch. Da gibt es auch ganz andere Geschichtsschreibungen...

Die Wahl haben, sich entscheiden zu können - das ist etwas, was zu uns Menschen gehört. Gehören sollte, müsste man wohl besser sagen, wenn man sich weltpolitisch umschaut. Diese Freiheit hat ihren Preis, keine Frage - das macht schon die uralte Erzählung vom sogenannten Sündenfall am Anfang der Bibel deutlich. Wer die Freiheit zu einer Entscheidung hat, der kann sich auch irren, kann eine falsche oder eine schlechte Möglichkeit wählen. Die Konsequenzen muss ich dann tragen, und es gibt niemanden, dem ich das in die Schuhe schieben kann.

Das macht unsere Freiheit riskant, zugegeben. Aber ehrlich: Ich möchte tausendmal lieber in dieser Freiheit leben, in der ich mitreden, mitentscheiden, mitdenken kann als nicht gefragt zu werden. Ich möchte tausendmal lieber Fehler machen können als nur gehorchen zu müssen. Da merke ich tief in mir, dass ich mir eine Alternative zu unserer Demokratie überhaupt nicht vorstellen will und kann, auch wenn auch in unserem Land lange nicht alles zum Besten steht und falsche Entscheidungen getroffen werden.

Und deshalb bin ich froh, dass ich wählen darf, auch eine Regierung. Für mich ist das immer noch ein wirklich gutes Gefühl, wenn ich in das Wahllokal komme, den Wahlschein erhalte und mich damit in die Kabine zurückziehe. Da habe ich die Wahl, da bin ich gefragt, da kommt es auch auf mich an, auf meine Meinung und meine beiden Kreuze.

Ich kann Ihnen natürlich nicht sagen, wen Sie am besten wählen sollten. Gerade das macht ja unsere Freiheit aus, dass jede und jeder selbst gefragt ist. Es stimmt schon, ohne Verantwortung und Information funktioniert das Ganze nicht. Und da zählen für mich Kriterien wie Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, da frage ich, wer gute Konzepte für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft vorlegen kann. Bei meiner Entscheidung frage ich danach, wer sich Gedanken über die Zukunft unserer Kinder und Enkel macht und konsequent für den Schutz unserer Umwelt eintritt. Und auch nach der Verantwortung für die Schwächsten frage ich.

Und dann mache ich meine Kreuze. Und ich merke jedes Mal: Das gehört zu mir. In diese Freiheit hat mich Gott entlassen. Und die will ich ernst nehmen - denn alles andere ginge mir furchtbar gegen die Natur.

Deshalb gehen Sie heute bitte wählen! Seien Sie - um das Motto des diesjährigen Reformationsjubiläums zu bemühen - EINFACH FREI!


Pfrn. Simone Conrad

17. September 2017

Sonne in den Alltag bringen

von Diakoniepfarrerin Simone Conrad, Birkelbach

Lieber Leser und Leserinnen, was bringt eigentlich Ihr Gesicht zum Strahlen? Bei mir persönlich sind das ganz verschiedene Dinge: Ich finde es unwiderstehlich, wenn ein Baby mich anlacht und strahle automatisch zurück. Mein Gesicht kann leuchten vor Freude, wenn jemand mir eine schöne Überraschung macht. Oder wenn ich am Ende eines Gespräches, einer Veranstaltung, eines Gottesdienstes merke: Ja! Das war genau richtig! Ich strahle vor Glück, wenn jemand mir Wertschätzung und Liebe schenkt. Es ist dieses Gefühl von: Jetzt und in diesem Moment ist alles richtig, ist alles gut - und im Herzen geht die Sonne auf.

An diesem Wochenende feiern wir in Elsoff das zehnjährige Bestehen der Arbeit der Diakonischen Gemeindemitarbeiterinnen. Ja, tatsächlich - zehn Jahre ist es her, dass dieses Erfolgsprojekt ins Leben gerufen wurde. Seit zehn Jahren machen sich die Mitarbeiterinnen in den Gemeinden auf, alte Menschen zu besuchen - zuzuhören, Zeit zu schenken, da zu sein, zu helfen, zu beten, Wertschätzung zu schenken - und ein Stück Lebensfreude.

Die Menschen, die besucht werden, freuen sich oft schon die ganze Woche darauf, wenn ihre Diakonische Gemeindemitarbeiterin kommt - kostbare Stunden, die den langen Tag verkürzen und ein Stück Licht und Sonne in den Alltag bringen. Und die damit das Gesicht eines alten Menschen zum Leuchten bringen, weil sie zeigen: Schön, dass es dich gibt. Du bist wertvoll - und ich habe Zeit für dich.

Aus unseren Gemeinden ist die Arbeit der Diakonischen Gemeindemitarbeiterinnen nicht mehr wegzudenken. Wir sind dankbar, dass es immer wieder Menschen gibt, die engagiert und fröhlich diese Arbeit tun. Darum ist es an der Zeit, Danke zu sagen - den Mitarbeiterinnen, die diesen Dienst übernommen haben oder übernehmen, allen, die diese Arbeit unterstützen und fördern - aber auch unserem Gott, der seinen Segen gegeben hat und gibt. Denn ich bin gewiss: er ist mit dabei in den Gesprächen und Begegnungen, mit unterwegs zu den Menschen. Und deshalb ist mein Geburtstagswunsch zum Jubiläum: Dass diese kostbare Arbeit weitergeht und weiter Segen bringt. Für das Leuchten im Gesicht eines alten Menschen!


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

10. Septmber 2017

Die etwas andere Sonntagsfrage

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Haben Sie auch das Fernsehduell zwischen Merkel und Schulz am vergangenen Sonntag gesehen? Es war ja insgesamt weder überraschend noch aufregend. An einer Stelle aber wurde es für mich doch sehr spannend. Nach etwa einer halben Stunde nämlich passierte Folgendes: Sandra Maischberger, eine der Moderatorinnen, fragte im Anschluss an den bis dahin recht berechenbaren Austausch über Migration, Islam und dessen Verfassungskonformität: „Kurze Zwischenfrage, weil wir gerade über Religion geredet haben: Heute ist Sonntag. Ist einer von Ihnen beiden in der Kirche gewesen heute?“

Beide Kanzlerkandidaten kommen prompt aus dem Tritt fertiger, eingeübter Antworten und wirken unsicher. Frau Merkel antwortet zuerst mit einer schlichten Verneinung, Herr Schulz führt dann an, dass er nicht in der Kirche, aber auf einem Friedhof in einer Kapelle gewesen sei, wo er an seinen verstorbenen Freund Frank Schirrmacher gedacht habe. Darauf ergänzt die Kanzlerin, sie sei am Tag zuvor, an dem Todestag ihres Vaters, in der Kirche gewesen, die er mit aufgebaut habe. Als unvollständigen Satz fügt Herr Schulz dann noch an „Wahrscheinlich aber im stillen Kämmerlein beide gebetet.“

Das Ganze hat keine Minute gedauert, war aber ein Paukenschlag der Irritation. Beide wirkten wie ertappt, drucksten herum, als müssten sie sich entschuldigen. Warum ist eine Antwort hier so schwer? Warum verkrampfen die beiden so dabei? Wenn sie die Frage als zu persönlich empfunden haben und als unangebracht in dieser Diskussionsrunde, hätten sie sie als gewohnte Redner ja ablehnen können. Auch eine einfache Antwort wie „Nein, der Gottesdienstbesuch ist mir nicht so wichtig“ hätte ich nicht so peinlich gefunden wie dieses Rumgeeiere.

Dabei haben doch beide offensichtlich einen Glauben, von dem sie erzählen können. Er scheint ihnen in der Trauer um Familienangehörige und Freunde und in dem Umgang mit dem Tod eine Stütze zu sein. Auch scheinen beide eine persönliche Gebetspraxis zu leben. Aber warum kann man das nicht sagen „Ich bete, und das ist mir wichtig“? Stattdessen so ein in der Luft hängendes „Wahrscheinlich gebetet“.

Die aktuelle Auseinandersetzung mit einer anderen Religion, dem Islam, stellt nicht nur in Politikerrunden die Frage nach dem eigenen Bekenntnis. Darüber zu reden, ist ja in Deutschland auch nicht verboten, wie in anderen Ländern dieser Welt wie Nordkorea, China, Somalia oder dem Iran. Da muss man dafür manchmal mit der Freiheit oder dem Leben bezahlen. Aber es scheint auch bei uns zumindest viel Überwindung zu kosten.

Haben wir es uns abgewöhnt, über das zu reden, was uns in der Tiefe unseres Empfindens ausmacht? Wieso ist es so peinlich über die eigene Gottesbeziehung zu reden? Auch wenn ich mir als Pfarrerin natürlich hier manch fröhliches Bekenntnis wünsche, brauche ich keine schnellen Antworten und will ich schon gar keine abgewägten Richtigkeiten, die uns für das Umfeld wählbar halten. Unerträglich finde ich aber diese Sprachlosigkeit oder das ausweichende Gestammel.

Gern mag ich darüber diskutieren, wie Glauben verstanden wird, von mir aus auch, ob der Gottesdienstbesuch dazu gehört oder nicht. Aber gar nicht darüber zu reden, das geht für mich nicht. Deshalb kurze Schlussfrage, weil wir gerade über den Kirchgang der Kanzlerkandidaten geredet haben: Gehen Sie heute in den Gottesdienst?


Pfrn. Kerstin Grünert

3. September 2017

Neu anfangen ist immer möglich

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Liebevoll wische ich noch einmal über das Armaturenbrett. Der Staub vom letzten Jahr verschwindet nur langsam. Fast hab' ich ein schlechtes Gewissen. Jetzt mach' ich es noch mal sauber, weil ich es weggebe. Und ich merke, ich brauch' das, um Abschied zu nehmen. Vielleicht albern und bestimmt keine Zeilen in der Zeitung wert, dass ich mein altes Auto gegen ein neues eintausche. Aber es beschäftigt mich schon. Abschied und Neuanfang. Als ich das neue zum ersten Mal gesehen hatte, hab' ich lange davor gestanden und versucht mir vorzustellen, was ich mit dem wohl so alles erleben werde. Natürlich hoffentlich nie einen Unfall. Aber welche Touren würde es geben, an welche Orte werden wir zusammen fahren und wen werde ich mitnehmen.

Ein Abschnitt ist zu Ende, ein neuer beginnt. Wie im richtigen Leben. Und manchmal kann man Abschied so richtig bewusst begehen und sich auf den Neuanfang einstellen, manchmal kommt alles ganz plötzlich und man weiß gar nicht wie es überhaupt weiter gehen soll. Ein Neuanfang ist wie eine Tür, vor der man steht. Ungeduldig, weil man sie endlich öffnen will, dann aber zu schüchtern und zögerlich, um die Klinke überhaupt zu drücken. Ängstlich, weil nicht klar ist, was dahinter liegt. Hin- und hergerissen zwischen aufreißen und nur durch einen Spalt hindurchluken wollen. Und dann der erste Schritt.

Wir gehen durch eine Tür... und wir lassen dabei manches zurück. Einiges lassen wir gerne zurück. Bei anderen Dingen fällt es uns eher schwer. Meistens ist dann ein wenig Wehmut dabei, manchmal sogar Trauer.

Aber ich denke, das ist gut so. Denn wenn es anders wäre, würde das ja womöglich bedeuten, dass das Meiste an der Vergangenheit unangenehm gewesen wäre. Mit etwas abschließen, etwas Neues beginnen... das heißt immer auch: Vertrautes zurücklassen.

Und wenn wir durch die Tür hindurch gehen dann gibt es da ganz Vieles, das auf uns wartet.

Das Wort „anfangen“ kommt ja von anpacken, anfassen, in die Hand nehmen. Neu anfangen heißt daher, das Leben selbst in die Hand nehmen. Ich übernehme die Verantwortung für mein Leben. Ich gestalte es. Ich kann immer neu anfangen. Ich kann das, was mir als Lebensmaterial gegeben ist, in die Hand nehmen und gestalten. Dieses Lebensmaterial ist meine Lebensgeschichte, es besteht aus meinen Stärken und Schwächen, meinen Erfahrungen von Geborgenheit und Selbstvertrauen, aber auch meinen Verletzungen und Kränkungen. Manchmal sind es auch die Scherben zerbrochener Lebensträume. Der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder hat gesagt: „Das ist alles, was wir tun können: immer wieder von neuem anfangen, immer und immer wieder.“ Neu anfangen - das ist immer möglich. Egal, wie es bisher gelaufen ist. Neu anfangen mit mir und mit anderen.

Ich hab' das alte Auto sauber gemacht und meine Sachen alle rausgeräumt. Die kommen ja dann auch in das neue. Dann ist es nicht so fremd, dann ist noch etwas vom Vertrauten da. Und ich rette etwas von dem vergangenen Abschnitt mit hinüber in den Neuanfang.


Pfrn. Berit Nolting

27. August 2017

Etwas gegen den Ernst des Lebens

von Pfrn. Berit Nolting, Berghausen

Sechs lange Wochen Schulferien liegen hinter uns. In vier Tagen geht es wieder los. Endlich!

So manche Eltern werden sich freuen, dass die Ferien zu Ende sind und endlich wieder Normalität ins Leben kommt. Endlich wieder früh aufstehen, kein Rumgelungere oder Gequengel mehr. Das Wetter in den Sommerferien war ja auch alles andere als sommerlich.

So manche anderen, besonders die Schüler, sind bestimmt traurig, dass die Schule wieder losgeht. Das Leben war doch recht chillig, so ohne Stundenplan.

Ja, und dann sind da die Schulanfänger. Wie oft die wohl in den vergangenen Tagen gehört haben, dass jetzt der Ernst des Lebens beginnt?

Was mag in den Kindern wohl vorgehen, wenn sie diesen Satz hören? „Ernst“ das klingt so hart, so streng. Ob es sie abschreckt? Manche bestimmt schon.

Aber ich glaube, viele von ihnen freuen sich auch auf die Schule: Etwas Neues erleben, mit Buchstaben und Zahlen hantieren bis etwas Spannendes daraus wird. Neue Leute kennenlernen - ja und die Pausen!

Ich vermute für jeden Schulanfänger gibt es die Möglichkeit den Tag der Einschulung mit einem Gottesdienst zu beginnen und was man da zu hören bekommt, das hilft und macht Mut. Gott sagt: Ich bin bei Dir - ich helfe Dir. Ich bin da, wenn es Dir gut geht und wenn Du meine Hilfe brauchst.

Und wissen Sie was? Dieser Satz gilt nicht nur für Erstklässler, den kann man zu Beginn eines jeden Schuljahres hören: Auch für Fünft-, Acht- und Zwölftklässler ist er wichtig, genauso wie für Eltern und Großeltern.

Gott spricht: Ich bin bei Dir und helfe Dir - das ist bedeutend freundlicher und mutmachender als der Satz „Der Ernst des Lebens beginnt“.

Und auf Gott und seine Zusage kann man sich immer verlassen.


Pfr. Peter Liedtke

20. August 2017

Gottes Treue ermutigt

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

„Ich bin sauer auf Dich. Mit Dir will ich nichts mehr zu tun haben.“ In zerrütteten Familien, unter ehemaligen Freunden, in Nachbarschaften wird dieser Gedanke ausgesprochen. Es sind Dinge vorgefallen, die nach Konsequenzen rufen.

Dem Volk Israel ist es genau so ergangen. Gott war des öfteren verärgert. Was heißt verärgert? Er war stinksauer. Wieder einmal vergaß das Volk Israel den Bund, den Gott geschlossen hatte. Das Volk machte sein Ding, ohne nach Gottes Willen oder Gebot zu fragen. In der Folge wandte Gott sich ab, ließ Propheten harte Worte sagen, ließ zu, dass das Volk ins Exil geführt und der Tempel in Jerusalem zerstört wurde. Aber das Verhältnis Gottes zu seinem erwählten Volk wird nicht ohne Grund beschrieben mit Bildern einer Liebesbeziehung. Auch wenn Gott sich abwendet und das Volk straft, er lässt es nicht los. Er hat zu seinem Volk „Ja“ gesagt, und er hält ihm die Treue. Diese wechselhafte Beziehung Gottes zu seinem Volk wird bezeugt im Tenach, dem Teil der Bibel, die wir als Altes Testament bezeichnen.

Die Geschichte Israels mit Gott und das Zeugnis von seiner Treue ist Teil der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Sie ist Teil auch unserer christlichen Geschichte mit Gott. Denn wir glauben an den Gott, den Jesus Abba nannte. Wir glauben an den Gott, von dem der Jude Jesus die Botschaft der Liebe und der Vergebung im Glauben brachte. Nach einigen Zeugnissen der Evangelien sind die Menschen des Volkes Israel die eigentlichen Adressaten der Sendung Jesu, wir sind nur die, die abbekommen, „was von des Herrn Tische fällt“. Und wenn Paulus auch damit rechnet, dass Gott dem Volk Israel es zur Strafe anrechnet, nicht auf Jesus gehört zu haben, am Ende werden wir vereint mit dem Volk Israel beim himmlischen Vater sein. Auch das bekennt Paulus, der um die Treue Gottes weiß, die grenzenlos ist.

An diesen Bund Gottes und an seine Treue erinnert der heutige Israel-Sonntag. In der vergangenen Woche schloss ich mein Angedacht mit dem Hinweis auf die Schrift „Ich bin bei Dir alle Tage“. Heute möchte ich dies ergänzen mit dem Verweis, dass diese Zusage auch dann gilt, wenn Gott allen Grund hätte, mich zu verdammen. Er hat mich erwählt, mir in der Taufe sein „Ja“ zugesprochen. Und damit steht er zu mir, was immer ich mir zuschulden kommen lasse.

Kann das nicht eine Ermutigung sein für uns in den Konflikten, in denen wir stehen, in den Streitigkeiten, die Freundschaften gefährden, bei Selbstzweifeln, die uns zerreißen? Gott rückt nicht von uns ab. Und kann diese Ermutigung in uns eine Kraft entfalten, die heilt und stärkt? Die Geschichte des Volkes Israel legt diese Hoffnung nahe.


Pfr. Peter Liedtke

13. August 2017

Ich bin bei Dir alle Tage

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

Unsere Welt ist verrückt. Ich schreibe drei Tage, bevor Sie es lesen können, ein paar Gedanken, die Ihnen vielleicht für die kommende Woche etwas geben: ein bisschen Trost, Mut, die Chance, die Dinge oder sich selbst einmal von einer anderen Seite zu sehen. Und während ich es schreibe, weiß ich nicht, welche politischen, wirtschaftlichen oder ganz persönlichen Schlagzeilen in drei Tagen unsere Wahrnehmung bestimmen werden. Eigentlich gilt das für jede Zeit. Aber im Moment liegt etwas in der Luft, dass uns besonders deutlich spüren lässt, wie leicht das Morgen ganz anders aussehen kann als wir es uns vorstellen.

Da stelle ich mir schon die Frage, was bleibt, wenn alles ganz anders kommen sollte. Für mich ist das, was bleibt, eine Zusage: „Ich bin bei Dir alle Tage.“ Nicht allein sein. Jemand an der Seite zu haben, der zu mir steht. Wenn ich ihn völlig vergesse, weil es mir so gut geht - Gott ist da.Wenn ich sauer auf ihn bin, weil ich es ungerecht finde, wie es mir ergeht - er hält mein Gejammer aus. Wenn ich versuche, ihn zur Rede zu stellen - er versteckt sich nicht. Wenn ich mich wie ein Held fühle, auf den es ganz allein ankommt - er verspottet mich nicht. Dabei ist er nicht auf mich angewiesen. Er ist nicht gezwungen, zu mir zu stehen, damit ich ihm nachher dankbar bin. Es ist ganz allein seine Entscheidung. „Ich habe Dich ausgewählt. Du bist, zu dem ich stehe.“ So lautet seine Botschaft. Und niemand kann ihn von diesem Platz an meiner Seite vertreiben. Nur ich allein könnte ihn wegschicken.

Ich spüre, dass ich seine Nähe im Moment ganz besonders brauche. Vielleicht geht es Ihnen auch so.

Unsere Welt ist verrückt. Nichts und niemand ist uns sicher. Von heute auf morgen kann unsere Welt ganz anders aussehen. Damit uns dies nicht in Verzweiflung führt, gibt er uns die Garantie, dass er bei uns bleibt, in sonnigen, luftigen Höhen und in dunklen, tiefen Schluchten. Er führt uns zurück zu dem, was wirklich zählt: zu diesem Moment hier, jetzt, heute, an dem ich bin, an dem ich lebe, den ich füllen darf mit dem, was für mich dran ist. Was morgen ist, ich weiß es nicht. Und ich brauche es nicht zu wissen. Ich tue, was heute zu tun ist. Ich arbeite, helfe, unterstütze, ich singe, tanze, genieße, ich lache, ich weine, bin voller Träume, stelle mich meinen Zweifeln. Oder ich tue auch mal gar nichts,genieße, dass nichts geschieht. Das kann ich, weil ich nicht allein für die ganze Welt verantwortlich bin. Ich bin ein kleines Rädchen, wer kennt schon mich und meine Aufgabe. Aber er, er weiß um mich. Er trägt mit mir an jedem Tag und an dem, was aus jedem Tag für das Morgen erwächst. Er lässt mich nicht im Stich und er lässt mich nie allein. Er sagt zu mir: „Ich bin bei Dir alle Tage.

Er sagt es mir und er möchte es auch Ihnen sagen.


Pfrn. Heike Lilienthal

6. August 2017

Tolerant dank Glaube und Liebe

von Pfrn. Heike Lilienthal, Kirchenkreis-Region II

Es ist das Jahr des Reformationsjubiläums. Die Männer der Reformation kennen wir. Jetzt kommen auch die Frauen in den Blick, die sich für die Reformation eingesetzt haben, die sich öffentlich zu theologischen Fragen äußerten, wie Argula von Grumbach und Katharina Zell. Die Letztgenannte war eine selbstbewusste und gebildete Bürgerin aus Straßburg, die wie Luther die Frage nach dem gnädigen Gott umtrieb. Sie, die der Bibel kundig war, las schon damals die Heilige Schrift aus der Perspektive einer Frau und fühlte sich von den weiblichen Leitbildern ermutigt, von Maria Magdalena und Maria, der Mutter Jesu. Katharina, übrigens gehörte sie seit ihrer Heirat mit dem Prediger am Straßburger Münster, Matthäus Zell, zu den ersten evangelischen Pfarrfrauen, setzte für Frauen neue Akzente und lebte vor, wie eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen und Männern im Dienst der Kirche schon zu ihrer Zeit hätte gestaltet werden können.

Eine deutliche Meinung hatte Katharina Zell auch zu dem paulinischen Schweigegebot der Frauen, mit dem sie sich auseinandergesetzt hat. Und so ließ sie sich nicht abhalten, eigene Schriften zu verfassen, seelsorgerliche Trostbriefe zu schreiben, ein Liederbuch herauszugeben und an Gräbern von Frauen der Täuferbewegung zu predigen, die kein lutherischer Prediger beerdigen wollte. Ebenso stand diese couragierte Frau im regen Briefwechsel mit den Reformatoren und kritisierte sogar Martin Luther in manchen Gedankengängen, wie nach dem Scheitern der Abendmahlsgespräche der Reformatoren in Marburg. Sie warf ihm vor, die Liebe untereinander nicht genug beachtet zu haben, denn diese sei wichtiger als alle Lehrstreitigkeiten.

In verschiedenster Weise trat Katharina Zell für ihren Glauben engagiert ein und wagte, unbequem zu sein. Sie hatte zudem einen Blick für soziale Missstände, die sie benannte, nahm Anteil am Leid anderer Menschen und kümmerte sich um Glaubensflüchtlinge. Katharina war eine Frau, die ein Herz für andere hatte und deren Glaube und Liebe sie offen und tolerant sein ließ.

Es ist gut, von ihr zu erfahren und sich ermutigen zu lassen.


Pfrn. Christine Liedtke

30. Juli 2017

Wo es von Schutzengeln wimmelt

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

„Teenager filmen ertrinkenden Mann“ - diese Schlagzeile sprang mir am Montag bei der Zeitungslektüre ins Auge. Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren hatten in Florida an einem See einen ertrinkenden Mann in aller Seelenruhe gefilmt, das Geschehen zynisch kommentiert und dann ins Internet gestellt. Keinen Finger hatten sie zur Rettung gerührt, nicht einmal den Notruf gewählt. Mein Erschrecken ist tief: Wozu sind wir Menschen fähig? Diese Nachricht verfolgt mich tagelang.

Aber auch das Andere kann ich in der Zeitung lesen: Da springt ein Mann in einen Fluss und rettet ein siebenjähriges Kind, das schon 200 Meter von der Strömung mitgerissen worden war. Er hat die Notlage gesehen, reagiert, gehandelt. Der Siebenjährige wird dem Leben neu geschenkt. Der Retter war der Nächstbeste, der da war, der Nächste, der gehandelt hat.

Jesus wird einmal gefragt: Wer ist denn mein Nächster? Jesus antwortet mit einer Geschichte (Lukas 10): Da gerät ein Mensch unterwegs unter die Räuber, wird zusammengeschlagen, ausgeraubt und halbtot am Wegesrand liegen gelassen. Es kommen nacheinander zwei Menschen vorbei - und gehen vorüber. Dann kommt einer des Weges, von dem man nicht erwartet, dass er hilft. Er wird tätig, hilft und lässt es sich sogar Geld kosten, den Schwerverletzten versorgen zu lassen. Am Ende der Geschichte fragt Jesus seine Zuhörer: „Welcher unter den dreien ist der Nächste gewesen für den, der unter die Räuber gefallen war?“ Nicht der Hilfsbedürftige ist der Nächste, sondern ich, die ich und der ich am nächsten dran bin, ich bin die und der Nächste für den Menschen, der Hilfe braucht:

Ich sitze im Bus: Ein Mitreisender wird von Anderen angepöbelt. Ich bin die Nächste, die jetzt ihre Stimme dagegen erheben soll.

Ein kleines Kind läuft gerade vor mir hinaus aus der Umzäunung des Kinderspielplatzes; die Mutter ist zu weit entfernt, sie schreit hilflos. Ich bin die Nächste, ich stehe genau richtig, ich kann das Kind festhalten und davor bewahren, auf die Straße zu rennen.

Auf dem Schützenfest bekomme ich mit, wie ein 14-Jähriger von gewissenlosen Erwachsenen geradezu abgefüllt wird. Ich bin die Nächste für diesen Jungen, ich sollte eingreifen.

So könnten Sie und ich noch zahlreiche Beispiele nennen. Wenn wir alle uns als die Nächsten für unsere Mitmenschen fühlen, dann ist keiner mehr mutterseelenallein gelassen. Wenn wir alle verstehen, dass wir als die Nächsten in der Verantwortung stehen, dann hat jede(r) viele gute Beschützer an der Seite. Wenn wir einander die Nächsten sind, dann hat jede(r) ein ganzes Netzwerk von Akuthilfe, auf das er und sie bauen kann.

Denn der Nächste ist, wenn wir das Wort näher betrachten, der, der am nächsten dran ist, er ist sozusagen ein Nahe-Stehender, einer, der seine Hand schnell zur Hilfe ausstrecken kann, einer an meiner Seite. So kann er auch das Amt eines Schutzengels übernehmen.

Das bedeutet: Wenn wir bereit sind, einander die Nächsten zu sein, dann wimmelt es um uns herum von Schutzengeln, dann sind wir umgeben von Nahestehenden, die da sind, wenn Not am Menschen ist! Wie wunderbar; so kann es sein, wenn wir bereit sind, einander die Nächsten zu sein!

Lassen Sie uns in der nächsten Woche einander nahe stehen, lassen Sie uns einander Schutzengel sein, lassen Sie uns das Amt des Nächsten verantwortungsvoll wahrnehmen - dann wird es eine gesegnete Woche!


Pfr. Horst Spillmann

23. Juli 2017

„Wenn einer eine Reise tut,...

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

... so kann er was erzählen“ - demnach müsste Mister Donald M. Parrish Jr. aus Illinois, USA, eine ganze Menge erzählen können - er gilt ist Spitzenreiter bei MostTravelledPeople.com, einem Internetportal, das die Personen aufführt, die die meisten Länder und besondere Punkte dieser Erde besucht haben – er kommt auf 852, davon alle 193 Staaten dieser Erde.

Dazu der Kontrast: „Warum soll ich in der Welt rumreisen, bei uns zuhause (gemeint ist Wittgenstein) ist es doch auch schön!“, so einige Male von Menschen hier in Wittgenstein gehört.

Ich möchte nicht beide Ansichten gegeneinander ausspielen, beide haben ihren Wert, wenn die eine Frage beantwortet ist, die Jesus zu Beginn seines öffentlichen Auftretens stellt, wie es im Johannes-Evangelium berichtet ist. Es kommen Menschen zu ihm, und er konfrontiert sie mit der Frage: „Was sucht ihr?“ Er fragt nicht: „Was wollt ihr, was wünscht ihr?“. Darauf bekäme er wohl heutzutage ganz schnell eine Antwort: „Ein neues Smartphone wünsche ich mir. Mehr Rente will ich. Ich will endlich ohne Schmerzen leben …“ - unsere Wunschliste ist schier unendlich. Aber darum geht es Jesus nicht. Mit seiner Frage „Was sucht ihr?“ weist er uns in die Tiefe unseres Seins. Hier müssen wir uns darauf besinnen, was wirklich lebensnotwendig ist, sonst bleiben wir an den schnellen Wünschen hängen, die nicht selten lediglich die materielle Befriedigung zum Ziel haben. Vermutlich aber können Menschen sich dieser Frage erst dann recht stellen, wenn sie sich ehrlich das Vergebliche ihrer bisherigen Suche eingestehen können. So wie es die Dichterin im dem Kirchenlied formuliert:

1) Ich bin durch die Welt gegangen, und die Welt ist schön und groß,
und doch ziehet mein Verlangen mich weit von der Erde los.

2) Ich habe die Menschen gesehen, und sie suchen spät und früh,
sie schaffen, sie kommen und gehen, und ihr Leben ist Arbeit und Müh.

3) Sie suchen, was sie nicht finden, in Liebe und Ehre und Glück,
und sie kommen belastet mit Sünden und unbefriedigt zurück.

Da bin ich mir sicher: Es kommen leider viele aus dem Urlaub unbefriedigt zurück, egal, wo sie waren, auf Mallorca oder im Odenwald, auf Feuerland oder in Center Parcs in Holland. Warum? Nun nicht einmal weil das Essen ungenießbar, das Bett zu hart war, einen die Sommergrippe oder die Sonnenallergie plagte, nein, sie nehmen schlichtweg ihre Sorgen, ja, die Nöte ihrer Person mit und werden sie im Urlaub nicht los. Das erkannte was übrigens schon der Philosoph Sokrates (470 bis 399 vor Christus): „Wie könntest du auf Reisen deine Sorgen vergessen? Du nimmst immer dich doch selber mit.“ Die Urlauber kommen zurück und kehren zuhause wieder in den alten Trott ein. Oder wie es die Schriftstellerin Charlotte von Kalb ausgedrückt hat: „Manche Leute reisen, um Neues zu sehen; aber sie sehen das Neue leider immer mit alten Augen.“
Und damit generell gesagt: Viele tragen das Unerledigte beständig mit durch ihr Leben. Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hat auf das Thema des Unerledigten hingewiesen. Sie meint damit: Es gibt für jeden etwas, das er erledigen muss, um gut sterben zu können. „Unerledigte Geschäfte“ erschweren den Sterbeprozess.

Unerledigte Geschäfte – und dazu zählt vor allem eines, was der Mensch in seinem Leben klären muss: sein Verhältnis zu Gott. Deshalb auch die Frage Jesu: „Was sucht ihr?“ Sucht ihr das Wahre, den Lebensgrund oder nur den trügerischen Ersatz? Wir sollen uns im Klaren darüber werden, dass die Angebote dieser Welt uns unbefriedigt zurücklassen, nicht aber das Angebot Gottes, das in der Gabe des ewige Lebens besteht.

Ist die Gottesfrage geklärt, habe ich mein Leben vor Gott geordnet, Unerledigtes bei ihm abgegeben, dann ist es egal, ob ich den Urlaub auf Balkonien oder an der Copacabana verbringe. Ja, das wären doch die richtigen Holidays (auf Deutsch: heiligen Tage), der erquickende Urlaub, wenn ich in ihm Zeit für Gott fände, um diese Frage Jesu zu klären: Was suchst du eigentlich in deinen Leben, das auch noch im Tod Bestand hat? Menschen, die damals zu Jesus kamen, haben darauf, indem sie mit ihm lebten, bei ihm die Antwort gefunden: „Du bist der Christus, der Herr, in dem Gott Frieden mit uns Menschen gemacht hat, der uns zur Ruhe bringt.“ Woraufhin die Liederdichterin ihr Lied beschließt:

5) Es ist eine Ruh gefunden für alle, fern und nah,
in des Gotteslammes Wunden, am Kreuze auf Golgatha.

Wir müssen nicht unzählige Stempel im Reisepass sammeln, es reicht, wenn Gott uns um Jesu willen den einen Stempel in unseren Lebenspass eindrückt: „Du bist in Ewigkeit mein geliebtes Kind!“ Wer so mit Gott seine Lebensreise tut, der wird gewiss eine Menge von Gottes Liebe und Barmherzigkeit als seine prägenden Reiseerlebnisse erzählen können.


Pfrn. Kerstin Grünert

16. Juli 2017

Weil Gottes Hand zusammenhält

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Wer verliert schon gerne? Wohl niemand so richtig, oder? Am liebsten gewinnen wir doch. Wettkampfsituationen jeder Art reizen uns, auch die, die gar nichts mit Sport oder einen offiziell ausgeschriebenen Duell zu tun haben. Wir sind immer gerne auf der Sonnen-, auf der Gewinnerseite. Ja, das ist ein Hochgefühl, das sogar süchtig machen kann. Wie scharf auch immer man es formulieren möchte, eines bleibt: Es ist einfach ein tolles Gefühl! Ruhm und Anerkennung, Wohlwollen von anderen zu bekommen, da gibt es fast nichts Besseres.

Aber, was ist, wenn es nicht klappt? Wenn Pläne geschmiedet, vielleicht sogar Strategien entwickelt wurden und es am Ende nicht reicht? Keiner verliert gerne. Verlierer zu sein ist für die meisten Menschen ein extrem schlechtes Gefühl. Denn viele schließen aus einer Niederlage auf ihren Selbstwert. „Nimm es doch sportlich!“ So etwas zu hören hilft erst einmal nicht. Wer mit Herzblut dabei ist, der verliert auch mit dem Herzen.

Wie schön ist es doch da, auf der anderen Seite zu stehen. Im Hellen, von allen beachtet, bewundert und auch beneidet. Sieger und Erfolgreiche sind nie alleine. Da wollen sich immer welche mit sonnen, vom Erfolg des anderen zehren. Und doch, gewinnen macht auch einsam. Wenn es nicht passt, wenn man als Sieger gegen den Meister der Herzen antreten muss. Ja, es ist beides nicht einfach: Verlierer sein nicht, und Gewinner sein erst recht nicht.

Man erlebt mal das eine und mal das andere. Und mal ist eine Niederlage so richtig bitter, vielleicht weil es gefühlt einfach anders hätte ausgehen sollen. Mal ist man aber auch in der Lage, das ganze schnell abzuhaken weiter zu machen. Winston Churchill hat dazu mal gesagt: „Erfolg ist die Fähigkeit, von einem Misserfolg zum anderen zu gehen, ohne seine Begeisterung zu verlieren.“

Auf die Begeisterung kommt es an. Wenn ich begeistert bei der Sache bin, dann kann ich auch wieder aufstehen. Zwar auch erst, wenn ich meiner Enttäuschung richtig Luft gemacht habe, von mir aus auch einen Moment so richtig verzweifelt bin. Mit Begeisterung verlieren - das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das funktioniert. Das Beste draus machen. Aufmerksam dafür sein, wer da ist, auch wenn ich verloren habe. Kraft und Mut holen daraus, dass es ein nächstes Mal gibt und ich Menschen an meiner Seite habe, die es noch einmal mit mir versuchen. Und nicht zuletzt: Das Zerbrochene und Bruchstückhafte in meinem Leben wird in einer Hand, in Gottes Hand, zusammengehalten. Vielleicht nicht immer geflickt, so fühlt es sich jedenfalls an, aber doch zusammengehalten.

Deswegen verliere ich immer noch nicht gerne, aber ich finde es durchaus aufbauend, wenn ich immerhin im Umgang mit dem Misserfolg auch erfolgreich sein kann. So lange ich begeistert bin!


Pfrn. Simone Conrad

9. Juli 2017

Das tut alles im Namen des Herrn

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

Jedes Jahr wird ein Wort des täglichen Gebrauchs durch eine unabhängige Jury zum Unwort des Jahres gekürt. In den vergangenen Jahren waren solche Wörter wie „Gutmensch“, „Lügenpresse“ oder „Opfer-Abo“ darunter. Als „Unwort“ werden dabei Ausdrücke benannt, die entweder gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen verwendet werden - oft sind diese „Unworte“ diffamierend oder herabwürdigend gemeint.

Nun muss ich gestehen, dass ich neben diesen offiziellen „Unwörtern“ auch noch ganz persönliche „Unworte“ habe - Worte, die mich auf die Palme bringen, weil sie gedankenlos gebraucht werden.

Im Moment ist mein ganz persönliches Unwort: „eben mal“. „Kannst du das mal eben noch vor den Ferien erledigen?“ fragt dieser Tage gefühlt mindestens jeder Zweite. „Kannst du eben mal den Krankenbesuch machen?“ Oder „mal eben“ noch eine Sitzung einschieben?

Vor kurzem habe ich mit Freundinnen gesprochen, denen es ebenso geht - übrigens auch in ganz anderen Berufen. Auf unsere gemeinsame „Unwort-Hitliste“ haben es außer „mal eben“ auch noch „Das machst du doch mit links!“ und „Das machst du doch nebenbei!“ geschafft.

Durch diese „Unwörter“ wird Arbeit, die Zeit und Kraft kostest, herabgesetzt. Tätigkeiten, in die Herzblut fließt, werden klein geredet: „mal eben“. Ich mache nicht „mal eben“ einen Krankenbesuch - der kranke Mensch hat meine volle Aufmerksamkeit und Konzentration verdient. Ich halte auch nicht „mal eben“ einen Gottesdienst - hier schlägt mein Herz, das läuft nicht nebenbei.

Ich erlebe in zunehmendem Maße, dass der Respekt zwischen den Menschen schwindet – auch der Respekt für das Tun und Lassen des jeweils anderen. „Mal eben“ ist wie ein Signal dafür - und deshalb mein persönliches Unwort.

In der Bibel heißt es übrigens: „Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus“ (Kolosser 3, 17) - nicht „mal eben“, sondern in Gottes Namen - mit vollem Herzen.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

2. Juli 2017

Wir sind Gottes Werbeplakate

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Kaum ein Tag, an dem nicht eines dieser Werbeblättchen den Weg in meinen Briefkasten findet: Alles muss raus, Preissturz, Rabatte, Nachlass, Dauertiefpreise, billig-billig-billig, 20 Prozent auf alles, Happy Hour, Treueprämien, Kundenkarten, Eröffnungsangebote, Schluss- und Räumungsverkauf, kauf‘ drei - zahl‘ zwei, kleine Preise, Prozente, Sonderangebote, Super-Schnäppchen, Schnupperpreise, Vergünstigungen Ermäßigungen, Dreingaben… So oder ähnlich werde ich da zum Küchen-, Schuh- oder Joghurtkauf eingeladen. Menschen finden viele Worte für das, was ihnen wichtig ist. Das scheint hier der Fall zu sein. Und Sonderangebote ziehen uns zudem ja magisch an, während Billigware in unserem Empfinden irgendwo einen Haken haben muss. Alles, was das Herz begehrt, gibt es, wenn man nur clever ist, auch noch als Superschnäppchen. Wer kann da denn „Nein“ sagen?

Die Tageslosungen aus der Bibel werden selten gelesen, das Werbeblättchen vom Supermarkt aber gründlich. Und die Gemeinde, die sich am Angebotstag dann im Supermarkt einfindet, ist größer als die des Sonntagsgottesdienstes.

Gott hat offensichtlich eine schlechte Werbestrategie. Denn das Wertvollste gibt es bei ihm umsonst, aber die Leute laufen sich nicht gerade die Hacken danach ab. Was gibt‘s denn überhaupt bei ihm? Gnade umsonst! Das ist übrigens etwas Anderes als billige Gnade, denn sie kann schnell zu teuer werden für den, dessen Herz an anderen Dingen hängt. Gott macht dabei seltsame Rechnungen auf. Er knausert nicht. Er ist vielmehr ein grandioser Verschwender seiner Liebe, weil wir ihm so wertvoll sind und wir sie ihm deshalb abkaufen sollen. Deswegen verschenkt er sich selbst, gibt sein Wertvollstes, seinen Sohn, um uns im Glauben aus jedem Preis-Leistungs-Denken zu befreien.

Schnäppchenjäger kommen bei ihm nicht auf ihre Kosten. Gar nichts zahlen und Verfügbarkeit für alle? Vielleicht ist das der Grund, dass das Angebot viel zu wenig nachgefragt wird, nach dem Motto: Was nix kostet, taugt nix. Das hat übrigens schon der Prophet Jesaja festgestellt, als er schrieb „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.“ (Jesaja 55, 1 und 2).

Alles umsonst und alles muss raus! Gemeint ist die Botschaft der freien Gnade in Jesus Christus. Gemeint ist die Liebe Gottes zu jedem Menschen. „Alles muss raus!“, das sagten Petrus und Johannes, als sie unter Androhung von Strafe aufgefordert wurden, nicht mehr von Jesus zu predigen. Genauer sagten sie „Wir können es ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4, 10). Sie wussten nämlich: Gott hat sich genau auf diese Werbestrategie festgelegt. Auf uns! Wir sollen von ihm erzählen. Mund-zu-Mund-Propaganda von zufriedenen Kunden sozusagen. Wir als seine Ebenbilder, zu denen er uns geschaffen hat, sind damit zugleich seine Werbeplakate. Wenn die Menschen unser Leben anschauen, sollen sie neugierig werden auf das, was es da bei Gott gibt. Diese Werbestrategie ist zugegebener Weise sehr gewagt. Aber Gott will es nun mal so. Deshalb lassen Sie uns darauf achten, dass auf unseren Plakaten wenigstens aktuelle Gotteserfahrungen draufstehen und keine vergilbten Erlebnisse von früher, die schon halb von anderen Anbietern überklebt wurden. Denn bei Gott gibt es mehr als alles. Und das umsonst! Und das muss raus!


Pfr. Peter Liedtke

25. Juni 2017

Gott schenkt das Heilmittel

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

Selbstinszenierung - ein Trend unserer Zeit. Es reicht nicht mehr, einfach da zu sein, ein treuer Partner in der Beziehung zu sein, ein verlässlicher Freund, eine gute Kollegin. Wir müssen uns formen, verschönern, profilieren. Wer nicht herausragt aus der breiten Masse wird schnell an den Rand gedrängt. Dafür muss man sich auch noch ständig neu präsentieren, bei Facebook die neuesten Fotos einstellen, auf denen man noch attraktiver wirkt, bei Twitter mitzwitschern in der Gunst um das Wahrgenommen-Werden.

Es reicht nicht mehr, einfach da zu sein? Willkommen damit in der Zeit vor der Reformation, als die Menschen sich hervortun mussten in Frömmigkeit und Nächstenliebe, in Spendenbereitschaft, in öffentlich zur Schau getragener Demut und im Gehorsam gegen die Obrigkeit. Wer da mit dabei war, durfte ein kleines bisschen hoffen auf das Glück - wenn nicht in dieser Welt, dann doch wenigstens im Jenseits.

Es reicht nicht, einfach da zu sein? Doch, für Gott reicht es, dass ich ich bin, denn er hat mich geschaffen. Für ihn brauche ich mich nicht zu inszenieren, denn er kennt mich in- und auswendig. Bei ihm muss ich keine guten Werke anhäufen, um Vergebung erhoffen zu dürfen. Denn er hat alle schlechten Seiten aus meinem Profil gelöscht. Das ist seine Botschaft in Jesus Christus.

Diese Wiederentdeckung, dass wir Menschen als Gottes Kinder aus seiner Sicht einfach da sein dürfen, ohne Angst, ohne Druck, verdanken wir - unter anderem - der Reformation. Im Zurückgehen auf die Bibel und in einem Lesen der Bibel - suchend, auf Glauben hoffend, betend - erschloss sich ihnen aufs Neue die Botschaft von der Gnade, die wir Jesus Christus verdanken. Die einzige, von uns geforderte Antwort darauf ist die Bereitschaft zulassen, dass Gott in uns Glauben weckt.

Wir feiern ein Jahr der Reformation. Es gibt Vorträge, Fahrten oder Ausstellungen wie unseren Luthergarten, den wir heute eröffnen. Aber weder der „arme, stinkende Madensack“ aus Wittenberg, wie Martin Luther selbst sich bezeichnete, noch Johannes Calvin, Huldrych Zwingli, Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen, Katharina Zell und wie sie alle heißen sollten im Vordergrund stehen. Was wichtiger ist als die Personen ist die von ihnen wiederentdeckte Wahrheit. Der Wert des Feierjahres 2017 liegt darin, dass wir uns wieder einmal zusprechen lassen, Kinder Gottes zu sein, angenommen, geliebt, erlöst. Wieder einmal ist es dran, uns Menschen befreien zu lassen von einem zerstörerischen Selbstbild. Denn unser heutiger Zwang zur ständigen Selbstinszenierung und zum Wettbewerb mit all den anderen Menschen um uns herum treibt uns nur in eine Verzweiflung, die oft genug in Depression, Selbstverletzung, Drogenkonsum oder Burnout führt. Das Heilmittel dagegen schenkt uns Gott: Ich sehe Dich, ich kenne Dich, ich liebe Dich, ich nehme Dich an.

Alles andere wird daraus erwachsen, die Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, gute Werke. Dann aber nicht mehr als uns erdrückende Pflicht, nicht als Alleinstellungsmerkmal, sondern als dankbare Antwort auf ein geschenktes Leben.


Pfrn. Heike Lilienthal

18. Juni 2017

Wer macht schon gern Fehler?

von Pfrn. Heike Lilienthal, Kirchenkreis-Region II

Wer macht schon gern Fehler? Möchten Sie nicht auch, dass alles, was Sie beginnen, auf Anhieb gelingen und gut sein soll? Gleich, ob Sie eine neue Sprache erlernen oder ein neues Instrument, Sie ein Rezept ausprobieren, mit Nähen anfangen, Sie die neue Stelle antreten, eine Entscheidung treffen. Wer macht schon gern Fehler? Vor allem, wenn es auch noch andere mitbekommen.

Aber geht es überhaupt ohne Fehler? Ist es überhaupt sinnvoll?

Als ich eines Tages wieder so eine unzufriedene Anwandlung hatte, - zum Glück werden diese mit zunehmender Lebenserfahrung weniger -, kam mir ein Kalenderblatt zu Hilfe: „Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht.“ (Albert Einstein) Und weiter las ich: „Das Diktat der Fehlerfreiheit gehört abgeschafft“. Es wäre interessant dem nachzugehen, wer das Diktat der Fehlerfreiheit eigentlich in Umlauf gebracht hat! Und mir fiel der Satz ein „Aus Fehlern kann man lernen“, der sich in meinem Leben schon oft bewahrheitet hat. Ja, man kann an und mit Fehlern wachsen.

Je mehr ich lerne, mir Fehler zuzugestehen, gestehe ich sie auch anderen zu. Je mehr ich lerne, mit mir barmherzig umzugehen, fällt es mir ebenfalls zu anderen leichter.

Mit unseren Fehlern können wir uns innerlich entwickeln, reifen. Aber es gibt auch Entscheidungen, die wir zunächst für Fehler halten, aber im Nachhinein erweisen sie sich als ein guter Weg.

Ich bin überzeugt davon, dass wir ausprobieren dürfen, verschieden Wege, Möglichkeiten. Wir dürfen Fehler machen, sie korrigieren und aus ihnen lernen.

Wir dürfen mit den Fehlern wachsen (wie der biblische verlorene Sohn).

Gott verlangt nicht von uns fehlerfrei zu sein. Gott ist zum Glück barmherziger mit uns als wir selber. Das gab auch Jesus weiter „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6, 36)


Pfrn. Silke van Doorn

11. Juni 2017

Wo Füße auf weitem Raum stehen

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Kennst du den Ort, an dem im Bachbett die Kiesel zum Verweilen einladen? Kennst du den Ort, an dem du gegen den Strom schwimmst und trotzdem bequem liegst? Kennst du den Ort, an dem im Luftschloss das Sofa in der Luft schwebt?

Mitten in den Wemlighäuser Hügeln hat das Abenteuer längst begonnen. Weit ist es dort. Du kannst mit Freunden die Natur entdecken: neben Rehen, Füchsen, Maulwürfen, Wasserratten und Wisenten auch Lamas. Weit ist es dort, um Zusammenleben, Lernen, Entdecken und Quietschen vor Vergnügen auszuleben.

Der Evangelische Kirchenkreis Wittgenstein hat sich aufgemacht, seine alten Räume neu zu entdecken, zu entmotten und ihnen den Strahleglanz zu verleihen, den es unter der Decke der Jahre immer schon hatte. An Fronleichnam können es alle sehen und erobern: das Abenteuerdorf Wittgenstein.

Kirche steht für Lernen, Kirche steht für Freiheit, Kirche steht für Staunen, für Vertrauen.... Hier können es alle Menschen - vom Kitakind bis zum Senior - erleben. Vieles ist neu und überraschend geworden. Aber das, was schon meine eigenen Kinder auf Klassenfahrten kennenlernten, ist geblieben, vielmehr deutlicher spürbar: die Freiheit, mit anderen aufs einfachste Leben und Überleben zu trainieren. Gemeinschaftsbildung ist dabei. Die Klassen kamen verändert zurück. Irgendwie ist es ein Zauberort, erzählte meine Tochter damals: Es gibt fast nichts - und doch haben wir alles, was wir brauchen. Kein Handy, Computer oder Fernseher wurde vermisst - keine Dusche und kein Spiegel - keine Sorge: Es war und ist beides vorhanden. Doch die Kinder brauchen es nicht mehr so sehr, selbst dann nicht, wenn sie als Jugendliche hier sind. Kinder entdecken hier wieder einen Ort, an dem sie sich selbst organisieren: Sie bauen und reißen ein, klettern und fallen, werden mutig und lassen sich fallen. Selbst die Baustelle des Außengeländes hindert sie nicht. Im Gegenteil: Sie entdecken die Materialien und Möglichkeiten und arbeiten mit.

Das Abenteuerdorf ist von vielen liebevoll und professionell neugedacht und neuerbaut worden. Ganz tatkräftig haben vom Jungscharkind bis zum Superintendenten viele, viele mit angefasst. Dieses Gefühl der Gemeinschaft, des Hand-in-Hand ist zu spüren.

Und nun ist er fast ganz fertig: der Raum, von dem wir sagen: Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum. Hier erleben wir die Auszeit vom Alltag und gehen geweitet und gestärkt wieder in den Alltag zurück. Genau so ist Kirche.


Pfr. Stefan Berk

4. Juni 2017

Gelbe – rote – schwarze – orange

von Superintendent Stefan Berk

In der S-Bahn war dichtes Gedränge. Eigentlich war kein Platz mehr, aber alle wollten mit. Alle in dieselbe Richtung. Richtung Spandau. Oder Richtung Olympiastadion. Und es ist immer wieder erstaunlich, dass in eine volle Bahn noch zehn Leute hinein passen.

Dabei waren die Farben ziemlich bunt gemischt. Die einen kamen aus Frankfurt, was an den rot-schwarzen Schals zu erkennen war. Die anderen waren aus Dortmund, die großen Favoriten, ganz in gelb-schwarz gekleidet. Und dazwischen die Leute mit den orangen Schals. Die Leute vom Kirchentag. Die waren jetzt in Berlin sogar in der Mehrheit – über 100.000. So viele kriegt man nicht mal ins Stadion hinein.

Wir drängen uns hinein. Mitten zwischen die rot-schwarzen Schals. Wir fahren in dieselbe Richtung. Nur dass wir eine Station vorher aussteigen, an der Messe.

Schals verbinden, keine Frage. Man kann sich ansprechen. Man weiß, wo der andere hingehört. „Na, wie geht‘s heute aus?“ Der Frankfurter zuckt ein bisschen mit den Achseln. Er weiß, dass auf die anderen die Wetten abgeschlossen sind. „Aber wir sind dabei! Hier in Berlin! Das ist super!“

Die Leute mit den anderen Schals haben Respekt vor den Leuten in Orange. Vier Tage in Berlin, mit so vielen Menschen, das strahlt was aus. Und es ist nicht nur die Zahl, die Eindruck macht. Es ist auch die Haltung, mit der die Kirchentagler in der Stadt unterwegs sind. Da wird nicht gedrängelt und geschubst. Niemand zetert oder schimpft, wenn man warten muss oder das Essen aus ist. Stattdessen wird gesungen. Das hilft erstaunlich gut gegen Stress und Frust. Und andere bleiben einen Moment stehen, wippen mit, gehen mit einem Lächeln auf dem Gesicht weiter.

Nach dem Pokal-Endspiel am Samstag trifft man sich wieder. Kein Problem. Man kommt schnell ins Gespräch. Die einen sind glücklich, weil nach so vielen Anläufen endlich mal wieder der Pokal in Dortmund steht. Die anderen sind zufrieden, weil sie die Sensation beinahe geschafft hätten und nicht untergegangen sind. Auffällig ist aber, dass nur die mit den orangenen Schals überall stehen. Bei den Dortmundern, bei den Frankfurtern und bei den normalen Leuten aus Berlin. Aus Erfahrung weiß man: Nach einem Spiel sollten die Fußballfans der verschiedenen Mannschaften besser nicht in einem S-Bahn-Wagen fahren.

200.000 Schal-Träger in Berlin: Es ist gut, wenn wir Leidenschaften haben. Und wenn diese Leidenschaften erkennbar werden, weil sie uns prägen und wie ein innerer Motor antreiben. Trotzdem kommt es darauf an, dass wir mit den anderen leben, nicht gegen sie. Dass wir uns für die Vielfalt des Lebens einsetzen. Dass wir miteinander reden, erst recht, wenn wir unterschiedliche Schals tragen und gegensätzliche Meinungen vertreten. Schweigen, fürchte ich, ist der erste Schritt zur Gewalt.

Auf dem Kirchentag waren sich längst nicht alle einig. Da wurde gestritten und diskutiert. Manches bleibt umstritten, selbst nach den Tagen in Berlin. Ob Herr Obama und Frau Merkel wirklich vor dem Brandenburger Tor auftreten mussten. Ob wir uns wirklich auf das Gespräch mit einer Christin einlassen müssen, die bei der AfD engagiert ist. Aber fast alle trugen orange. Der Schal war ein Zeichen: Wir gehören zusammen - nicht, weil wir uns gegenseitig toll finden, sondern weil Gott uns als Einheit sieht. Als eine Sorte Menschen, die daran glauben: „Du siehst mich.“

Heute ist Pfingsten. Wir feiern Gottesdienste, überall. Und jedes Mal buchstabieren wir diese Einheit, diese Zusammengehörigkeit. Die schenkt uns Gott durch seinen Geist, und das kann man spüren. Auf dem Kirchentag und in unseren Kirchen. Nicht immer, aber immer wieder.

Die Leute in Orange taten Berlin gut. Denn unsere Gesellschaft braucht Menschen, die Hoffnung und Vertrauen ins Leben sichtbar machen. Deshalb gehen Sie in die Gottesdienste, feiern Sie Pfingsten, tragen Sie orange - damit unsere Leidenschaft für das Leben erkennbar wird!

Und sollten Sie noch einen Schal brauchen: Im Internet-Shop des Kirchentages gibt es noch reichlich…


Pfrn. Kerstin Grünert

28. Mai 2017

Angst vor der Angst

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Schon wieder ist es passiert. Der Schrecken ist mitten ins Leben getreten. Brutal, erbarmungslos. Vor allem junge Menschen sind es diesmal. Der Anschlag in der Manchester Arena vom Montagabend macht die Angst doch wieder zum Thema.

Ich ertappe mich dabei, wie ich über meinen nächsten Konzertbesuch nachdenke. Ob ich wohl auf dem Giller Angst haben muss? Wir sind hier doch nicht in der großen weiten Welt. Aber so viele Menschen auf einem Haufen. Die Gedanken gehen hin und her. Genau das ist doch der Terror. Dass man keinen klaren Gedanken fassen kann, die Angst übermächtig wird. Und ich hab' so Angst vor der Angst.

Angst hat mit Enge zu tun. Die Blutgefäße verengen sich. Das Herz pocht und pumpt das Blut fünfmal schneller durch den Körper. Die Muskelspannung nimmt zu. Alles verkrampft sich. Die Atmung wird flacher, bis man kaum noch Luft bekommt. Und ich kenne diese ganzen Symptome nur zu gut. Wenn die Sorgen zu groß werden, kriege ich richtig Schiss. Die Gedanken drehen sich immer schneller im Kreis und es scheint keinen Ausweg zu geben.

Jeder Mensch ist mehr oder weniger von Angst betroffen. Ängste entstehen manchmal durch äußere Einflüsse: Wir haben Angst vor Gefahren aus der Natur wie Gewitter oder Erdbeben, Angst vor Kriegen oder der Umweltverschmutzung; Angst vor Krankheit, Unfall, Tod oder Armut; davor, im Berufsleben nicht bestehen zu können oder in der Familie zu versagen. Es gibt aber auch innere Ängste: Angst vor Einsamkeit oder Abhängigkeit, vor Veränderungen oder Zwängen.

Wie können wir mit unseren Ängsten leben? Viele versuchen, sie zu überspielen, zu betäuben, zu leugnen oder ihnen auszuweichen. Manche versuchen, vor ihnen wegzulaufen. Solche Versuche können manchmal vorübergehend Erleichterung schaffen. Doch die verdrängten Ängste melden sich früher oder später, sie kommen wieder, quälender und gefährlicher als vorher.

Was aber kann uns tatsächlich in unseren Ängsten helfen? Natürlich müssen wir prüfen, was uns Angst macht. Wir können Lebensumstände verändern, Sachen der Angst beseitigen und damit die Angst abbauen. Manche Ängste sind auch krankhaft und müssen behandelt werden. Gut ist es auch, einen Menschen zu haben, mit dem man sich aussprechen kann.

Als Pastorin bilde ich mir ein, dass ich etwas gegen die Angst tun muss. Jedenfalls etwas parat haben sollte. Eine Portion Mut, eine Botschaft, die uns aus die die Gedanken wieder in klare Bahnen lenkt. Es gibt einen Vers, an den ich mich regelmäßig klammere. Jesus sagte: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Mich tröstet die Vorstellung vom Überwinden. Es heißt nämlich nicht: Alles wird gut. Ganz von alleine, ohne viel Mühe. Überwinden heißt: Durchmachen, durchleben, durchleiden und auch verzweifeln. Angst haben. Es gibt sie weiterhin, die Angst und die Angst vor der Angst. Aber ich hoffe einfach, dass irgendwann die Botschaft von der Hoffnung durchschlägt, zur Wahrheit wird. Irgendwann wird es die Welt und der Mensch geschafft haben. Und bis dahin möge Gott uns in unserer Angst begleiten.


Pfrn. Silke van Doorn

21. Mai 2017

Du siehst mich

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Ich sehe was, was du nicht siehst! Und das ist…

Erinnern Sie sich noch an das Spiel? Wir versuchten im Raum etwas oder jemanden zu finden, der von den Mitspielern nicht wahrgenommen wurde. Und es mit nur einem Detail zu beschreiben. Das Unauffällige, fast Unsichtbare stand auf einmal im suchenden Mittelpunkt aller - und wurde gesehen.

Das Motto des Kirchentags bringt es auf den Punkt: Eine Frau, eine unterprivilegierte Frau mit Migrationshintergrund kommt in Schwierigkeiten: Hagar wird schwanger als Leihmutter. Durch die Leihmutterschaft bekommt sie höheres Ansehen. Sie wird überheblich der Frau gegenüber, deren Kind sie trägt. Als Konsequenz wird sie über die Maßen schlecht behandelt. Sie flieht aus dieser ausweglosen Situation - in eine noch ausweglosere: Sie geht in die Wüste. Das bedeutet ohne Schutz der Gruppe den sicheren Tod.

Doch in der Wüste findet sich - wunderbarerer Weise - eine Wasserstelle. Und eine unverhoffte Begegnung mit einem, der wie ein Bote scheint: Er fragt nach ihr. Er fragt nach ihrer Lage. Er fragt nach ihrem Baby. Sie wird wahrgenommen. Sie, die sich schutzlos und wehrlos und unsichtbar fühlte, wird gesehen. Nicht von irgendeinem - nein, von Gott selbst.

Du siehst mich! So nennt sie den, der sie, die Unsichtbare, rettet. Und ihr zu Bedeutung und Leben verhilft.

Die Unsichtbaren. Eine alte Frau sagte mir: Früher drehten sich die Männer nach mit um, heute fühle ich mich unsichtbar.

Der Bettler sagt: Niemand schaut mich an. Der Blick ist abgewendet. Ich bin unsichtbar geworden.

Verfolgte syrische und koptische Christen klagen: Ihr hier seht uns nicht. Wir sind für euch unsichtbar. Wir sind euch gleichgültig.

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) im Reformationsjahr 2017 beginnt am Mittwoch in Berlin und Wittenberg. Der DEKT will sich nicht nur feiern, sondern sehen, woran wir hier in der Welt kranken. Schaut auf den modernen Ablasshandel, schaut auf die Anführer, die so gern das Unliebsame unsichtbar unter den Teppich kehren. Schaut auf die Vergessenen. Wenn das Motto „Du siehst mich“ gelebt wird, dann schauen wir durch Gottes Augen auf die Unsichtbaren. Wer gesehen wird, bleibt nicht unsichtbar.

Ich sehe was, was du nicht siehst! Dich.


Pfr. Steffen Post

14. Mai 2017

Updates aus der Bibel für das Leben

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

„Sicherheitslücke: Firefox schnell updaten“ - diese Zeitungsüberschrift erregte Anfang der Woche meine Aufmerksamkeit. Schnell habe ich das genannte Programm auf meinem Computer aktualisiert, also upgedated und es so auf den neuesten Sicherheitsstand gebracht. Offenbar lauern immer neue Gefahren und Herausforderungen im weltweiten Netz, vor denen ich meinen Computer auf diese Weise schützen kann.

Wäre das nicht praktisch, wenn ich einen solchen Warnhinweis auch in Lebens- und Glaubensdingen erhielte? Wenn ich morgens früh aufstehe, dann weiß ich doch auch nicht, was mich im weltweiten Netz der Menschheit so alles erwartet, welche Gefahren da lauern, vor welche Herausforderungen ich gestellt werde. Wie sähe so ein Update, so eine Aktualisierung oder Auffrischung wohl aus?

Die Tageslosung aus dem blauen Büchlein der Herrnhuter Brüdergemeine kann eine solche Auffrischung für den Glauben bieten. Denn sie erinnert jeden Tag neu an die Zusagen, die Gott uns gibt, und an das, was er von uns erwartet. „Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.“

Das ist mein Konfirmationsspruch. Wäre doch auch ein mögliches Update, wenn ich den an einem Ort im Haus hängen habe, wo ich täglich dran vorbei komme und so immer mal wieder einen Blick drauf werfen kann. Wissen Sie eigentlich, wo ihr Konfirmationsspruch ist oder wie er heißt?

Mal wieder die Bibel zur Hand nehmen und lesen: Texte wie die Bergpredigt, die Gleichnisse, die Jesus erzählte oder über die Art und Weise staunen, wie er Menschen begegnet ist, das kann zu wunderbaren Impulsen für meinen Alltag führen. Wie der gewohnte Griff zum Handy kann auch das Händefalten zum Gebet eine Auffrischung im Tagesablauf bedeuten. Ich muss meinen Tag oder manchmal auch meine Nacht nicht alleine bewältigen, sondern kann mit Gott besprechen, was mich beschäftigt. Und schließlich ist auch jeder Gottesdienst ein Update des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Jeden Sonntag hören wir eine biblische Geschichte, die uns im Alltag weiterbringen, korrigieren, trösten, helfen, erfreuen möchte. Gönnen Sie sich doch auch mal wieder eine Auffrischung für Ihren Glauben!

Gesegnetes Update
wünscht Ihnen Pfarrer Steffen Post.


Pfr. Thomas Janetzki

7. Mai 2017

Die Melodie des Lebens

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

„Och nee, jetzt hab' ich einen Ohrwurm“ - kennen Sie dieses Gefühl, einen Ohrwurm zu haben, eine Melodie, einen Liedtext, die einen tagelang begleiten? Man hat es irgendwo gehört und es lässt einen nicht mehr los. Ja, man ertappt sich sogar dabei, wie man die Melodie vor sich hin summt, den Text nachspricht.
Für viele Menschen, wie etwa für die Dichterinnen und Dichter der Psalmen, ist Gott wie ein solcher Ohrwurm. „Der HERR ist mein Psalm“, sagt der Prophet Jesaja. Das heißt: Er ist mein Lied. Er ist meine Lebensmelodie, die mich begleitet.

Und welche Melodie des Lebens begleitet Sie, liebe Leserinnen und Leser?

Ich hoffe, eine gute, denn viel zu viele Menschen lassen sich von einer negativen Lebensmelodie prägen. „Es nützt ja alles doch nichts“ oder „Ich kann das einfach nicht“ tönt es dann in ihrem Inneren wieder und wieder. Andere leben mit einer zwar positiven, aber zu selbstsicheren Melodie: „Ich kann alles, ich bin die oder der Beste“ singen sie vor sich hin. Das böse Erwachen ist dann meist vorprogrammiert, denn eine solche Lebensmelodie ist leider sehr realitätsfern.

Wieder andere machen es wie der Prophet Jesaja, dem Gott zur Melodie seines Lebens geworden ist. Ihr Leben wird dann begleitet vom Klang des Lobpreises Gottes: „Gott ist mein Herr“ oder „Ich bin bei Gott geborgen“. Das ist die denkbar beste Lebensmelodie, finde ich. Wenn sie in mir ertönt, dann schwingt im Alltag weiter, was ich im Gottesdienst, in einem tollen Konzert, im gemeinsamen Singen mitgenommen habe. Es kann zu meinem ganz persönlichen, intimen Lied werden und mich mein Leben lang begleiten - als meine Titelmelodie.

Was könnte mir Besseres passieren?


Pfrn. Kerstin Grünert

30. April 2017

Das perfekte Herz

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Miserikordias Domini - so heißt der heutige zweite Sonntag nach Ostern. Barmherzigkeit Gottes. Klar, Gott ist barmherzig. Das ist keine großartig neue theologische Botschaft. Wenn ich aber dieses große Wort einmal aufdröseln möchte, dann gerate ich schon eher ins Stocken.

Gott hat ein mitfühlendes Herz. Gott hat ein Herz? So wie wir? Ein Organ, das ihn am Leben hält? Sicherlich nicht! Ist er doch so gar nicht in menschlichen Kategorien zu denken oder zu messen. Naja, aber doch: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Also muss Gott ja so etwas wie ein Herz haben. Vergleichbar mit unserem. Nur eben viel, viel größer. Und anders. Wahrscheinlich perfekt. Ja, genau, Gott hat bestimmt das perfekte Herz.

Da gibt es doch so eine Geschichte, vom perfekten Herzen. Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.
Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: „Nun, dein Herz ist nicht annähernd so schön, wie meines.“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken... Genau gesagt waren an einigen Stellen tiefe Furchen, in denen ganze Teile fehlten.
Die Leute starrten ihn an und dachten: Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner? Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: „Du musst scherzen“, sagte er, „dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“
„Ja“, sagte der alte Mann, „deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau passen, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde. Ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?“

Eine wunderschöne Geschichte. Und so eindeutig. Das Herz ist dann perfekt, wenn es viel in Gebrauch ist. Und in Gebrauch zu sein hinterlässt Spuren. Dann stelle ich mir Gottes Herz reichlich zerfleddert vor. Mit vielen Narben, die durch alle Schichten gehen. Und immer ist noch Platz da, für neue Gebrauchsspuren. Und das besondere an seinem Herz ist, dass sich jeder ein Stück holen kann.

„Dein ist mein ganzes Herz“ - so sagt Gott es zu jedem Menschen. Und dementsprechend muss es aussehen, das Herz Gottes, in dem immer noch ein Platz frei ist für eine neue Narbe. Oh, Gott, hoffentlich hat dein Herz nie ein Ende! Heute und morgen nicht und auch nicht in Ewigkeit! Amen.


Pfrn. Silke van Doorn

23. April 2017

Die Bibel will vorgelesen werden

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Abenteuer erleben in Wittgenstein? Ob das wohl möglich ist? Als Zugereiste kann ich nur sagen: Es gibt hier viele verwunschene Orte zum Abtauchen und Eintauchen. Einen ganz besonderen gibt es, an dem man sogar übernachten kann.

Als ich ein Kind war tauchte ich in andere Welten. Ging aus der Gegenwart in eine andere Zeit, in einen anderen Raum. Tags konnte ich den Schulschluss nicht abwarten, weil ich in meine Zeitmaschine einsteigen wollte: die Stadtbücherei. Dort stöberte ich, schmökerte und versank. Oftmals so lang, dass meine Mutter sich sorgte und mir strenge Zeiten auferlegte. Nachts lag ich mit der Taschenlampe und dem Buch unter der Bettdecke. Ich wollte nicht aus der eingetauchten Welt hinaus. Wollte die Abenteuer der Drei ???, Fünf Freunde, aber auch des Oskar Matzerath nicht verlassen, ehe ich am Ende angekommen war. Ich lebte mit ihnen, ging durch die Abenteuer, die sie bestanden, geriet in die Gefahr und überstand sie.

Was für meine Eltern und meinen Bruder völlig fremd war, teilte ich aber mit anderen (literarischen) Menschen: Sonetschka (von Ljudmilla Ulitzkaja) hieß die Frau, die mich in meinen finstersten Stunden meines Lebens begleitete. Sie fühlte wie ich, litt und tauchte immer wieder neu in ihre Bücherwelten – und war erfüllt und getröstet. Und ich mit ihr.

Mit meinen Kindern entdeckte ich eine neue Variante: das Vorlesen. Gemeinsam gingen wir auf die Abenteuerreise in die Bücher. Stundenlag tauchten wir gemeinsam ein und erlebten die Abgründe und Gipfel, wurden nass im Regen und bekamen Sonnenbrand. Wir wussten genau als wir in die Tintenwelt eintauchten, dass genau das die Realität war: Dass da eine, die die Bücher so liebt, so liest, dass alle, die zuhören, wirklich mitten drin sind. Und bestürzend, wenn wir nicht nur hineingelesen werden, sondern auch Menschen im Tausch in unsere Welt kommen. Wenn es dann keinen Weg zurück mehr gibt…

Zeitreise in die ganz andere Welt. Sich dort verlieren und neu entdecken. Mit dem Buch der Bücher und mir klappte das lange, lange nicht. Entzog es sich doch meinem Verschlingen… Bis ich die ganz andere Art entdeckte, in die Bibel einzutauchen. Sie ist langsamer und geheimnisvoller. Doch zieht sie in ihren Bann. Es geschieht selten allein: Die Bibel will vorgelesen und gehört werden.

Das Abenteuerdorf Wittgenstein ist der verwunschene Ort, in dem nicht nur Kinder- und Jugendliche in eine andere Welt verschwinden können. Echte Wildnis, abenteuerliches Übernachten, waghalsiges Wipfelstürmen sind sowieso schon erlebbar. Ab heute, dem Tag des Buches, gibt es auch noch meine Abenteuerwelten dort: Bücher aus der aktuellen Sammelaktion des Wittgensteiner Kirchenkreises klettern eine Wand herauf und sind jeder und jedem, der und die immer noch nicht genug erlebt hat, künftig Begleiter durch die Zeit in der anderen Welt. Spätestens bei der offiziellen Eröffnung an Fronleichnm können sich das alle Besucherinnen und Besucher selbst anschauen.

Kommt und lest und lebt.

Es grüßt sie aus fernen Welten
Silke van Doorn


Pfr. Stefan Berk

16. April 2017

Der Glaube gegen die Leere

von Superintendent Stefan Berk

„Leer“ ist kein schönes Wort. Wenn mein Kühlschrank diesen Zustand erreicht hat, muss ich was tun. Einkaufen. Und das möglicherweise mit knurrendem Magen.

Ostern fing mit dem Wort „leer“ an. Es wird erzählt, dass das Grab leer war, in das man den Leichnam von Jesus Christus gelegt hatte. Fast 2000 Jahre ist her, einer der spektakulärsten Justizmorde der Geschichte: Gegen besseres Wissen wird dieser Jesus von Nazareth als vermeintlicher Terrorist hingerichtet. Dafür standen die berüchtigten Kreuze auf der Galgenhöhe. Wer hier qualvoll endete, der war gebrandmarkt als Verbrecher der übelsten Sorte. Dass Jesus ordentlich bestattet wurde, verdankte er einflussreichen Freunden, die wenigstens seinen Leichnam retten konnten.

Dann war das Grab leer. Das stellten einige Frauen am Ostermorgen fest, als sie den Leichnam einbalsamieren wollten. Leer, fast ganz leer, nur noch ein paar Tücher lagen herum. Und schon damals löste das Wort „leer“ nur Frustration aus. Denn die Frauen konnten sich keinen Reim darauf machen, waren entsetzt, flüchteten von diesem furchtbaren Ort. Und erzählten niemandem davon!

Es hat sich dann wohl doch herum gesprochen. Und sofort fing das Gerede an: Der Leichnam wurde gestohlen. Oder noch besser: Die Freunde von Jesus haben ihn heimlich weggebracht, um behaupten zu können, er sei auferstanden. Das beste Gerücht: Jesus sei gar nicht richtig tot gewesen, und er würde sich irgendwo in seiner alten Heimat erholen. Nach einer Kreuzigung? Da muss einer aber viel Fantasie gehabt haben!

Das ist das Problem bei dem Wort „leer“: Es sagt noch gar nichts. Das leere Grab, der leere Kühlschrank - man kommt nur zu der Frage: Und jetzt? Was ist jetzt? Wie geht es jetzt weiter?

Es nützt jedenfalls nichts, in die Leere zu starren und zu warten, dass was passiert. Denn hier ist nichts mehr zu holen. Das macht Ostern so schwierig, so lange man in ein leeres Grab starrt: Es gibt einfach nichts zu sehen. Weihnachten ist viel einfacher, da kann ich mir einen Stall, eine Krippe, Hirten und weise Leute aus dem Orient vorstellen. Was kann da schon Ostern bieten? Nur ein leeres Grab!

Nein, nicht nur. Es gibt mehr zu sehen. Allerdings nur dann, wenn ich die Richtung ändere. Ich muss mich umdrehen und abwenden von der Leere. Ich muss einen neuen Blick riskieren, der nicht an der Vergangenheit klebt und alles schön redet, was früher war. Ich brauche den Mut, dem Leben zu trauen. Ich brauche den Mut zur Hoffnung, dass zwischen Himmel und Erde mehr passiert als ich mit meinem kleinen Verstand fassen kann. Dass das Leben nicht leer bleibt.

Die Freunde von Jesus waren gebannt von dem Tod Jesu. Was sie erlebt hatten, stand vor ihnen, auch das eigene Versagen und ihre Feigheit. Doch dann sahen sie – IHN. Er war plötzlich da. Lebendig, kraftvoll, wie ein Zauberwesen. Und sie sahen ihn, sie redeten mit ihm. Das leere Grab bekam seinen Sinn: Dort konnte Jesus nicht mehr sein, weil er ja lebte. So fanden sie ein neues Wort für ihre Entdeckung: Jesus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Beweisen lässt sich  nichts. Man kann hier noch nicht mal vernünftig argumentieren. Aber das leere Grab ist eine Art Wegweiser: Ändern Sie die Blickrichtung! Lassen Sie sich von Gräbern nicht bannen! Achten Sie auf die unendlich vielen Zeichen des Lebens! Lassen Sie sich anstecken von der Osterhoffnung, dass das Leben bleibt und blüht, gegen das Vergessen, gegen die Resignation und Enttäuschung, gegen das millionenfache Leid und Sterben.

Das ist für mich Ostern: Der Glaube an das Leben. Der Glaube gegen die Leere. Der Glaube an eine offene Zukunft, die Gott alleine gehört. Ein Glaube, der vertraut, der hofft, der sich engagiert, der selbst dann noch ein Apfelbäumchen pflanzt, wenn morgen die die Welt unterzugehen droht. Und der Gott tausendfach sieht - in dem bunten, vielfältigen Leben um mich her.

Wenn Sie wieder mal vor Ihrem leeren Kühlschrank stehen, dann gehen Sie fröhlich einkaufen, trotz eines Knurrens im Bauch. Und dann halten Sie doch einen Moment inne und suchen die Zeichen des Lebens, der Hoffnung, der Liebe in Ihrem Leben. Ostern. Gott auf der Spur. Mitten im Alltag.

Feiern Sie fröhlich und gesegnet!


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

9. April 2017

Von der Karwoche mitten im Frühling

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Fundstücke beim morgendlichen Lesen: Aus den Tagesnachrichten beschäftigt mich ein längerer Bericht über die Dürre in Ostafrika und das dadurch bereits eingesetzte Viehsterben und den Hunger der Bevölkerung. In einem Andachtsbuch begegnet mir kurz darauf der Spruch von Blaise Pascal „Da die Menschen unfähig waren, Tod, Elend, Unwissenheit zu überwinden, sind sie, um glücklich zu sein, übereingekommen, nicht daran zu denken“. Das sitzt. Übereinkommen, nicht daran zu denken. Zerstreuung durch kollektives Verdrängen.

Das beschreibt für mich genau das aktuelle Zeitempfinden. Es ist Frühling mit schon einer ganzen Reihe von warmen Tagen. Die Vorgärten blühen und man selbst kann wieder draußen manchem Hobby nachgehen. Wunderbar. Das Kirchenjahr aber kommt dazu quer mit der Passionszeit und ab heute, dem Palmsonntag, mit der folgenden Karwoche, in der wir Christinnen und Christen in besonderer Weise an das Leiden und Sterben Jesu denken.

Ach, das will so gar nicht passen und stört. Besser einfach nicht daran denken, scheint eine probate Umgangsweise. Da wundert es auch nicht, dass diese Woche zum Beispiel in der Werbung des örtlichen Baumarktes als Osterwoche bezeichnet wird. Das Nachdenken über und das Andenken an den leidenden Christus passt einfach nicht in die Stimmung dieser Tage von frischem Grün in den Gärten. Genauso wenig wie die Bilder der vertrockneten Landschaften aus Somalia, Sudan oder Kenia.

Darüber nachzudenken birgt die Unbequemlichkeit, sich mit dem eigenen Anteil daran auseinandersetzen zu müssen und die Erkenntnis zu ertragen, dass wir ja sehr wohl etwas dagegen tun könnten. Die Passionszeit ist unbequem und stört! Aber ich lerne zunehmend, das Kirchenjahr als eine Tradition voller Weisheit zu betrachten. Der Weg zum zentralsten Fest der Christenheit geht eben bewusst den langen Weg von sieben Wochen Passionszeit mit der intensiven Karwoche mit Gründonnerstag als Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, mit Karfreitag und dem Gedenken an seine Kreuzigung und seinen Tod und dann dem Karsamstag mit dem Aushalten der Grabesruhe.

Erst nach dem Durchschreiten der Passionszeit feiern wir Ostern, das Fest des Lebens, die Feier der Auferstehung. Wir feiern die unverwüstliche Lebendigkeit und die nicht kleinzukriegende Menschenliebe unseres Gottes. Und weil das Leben bei Gott auf Ewigkeit gewonnen hat, berührt es auch alle Begrenzungen unserer Zeit und Welt. Gott ist in seiner Weltleidenschaft wirklich erstaunlich. Er schaut nicht an dem Schweren des Lebens vorbei. Er macht es vielmehr zu seiner eigenen Sache und geht selbst hinein, um es zu tragen.

In der Nachfolge Jesu heißt das für mich von Ostern her: Pascal hat Recht. Wir Menschen sind tatsächlich unfähig, den Tod zu überwinden. Aber Gott hat es getan. Deswegen können wir hinsehen, wo Elend oder Unwissenheit das Leben hier auf Erden kleinmachen. Im Wissen um die Auferstehung können wir hinsehen ohne die Hoffnung aufzugeben, können glücklich sein ohne zu verdrängen. Wir können Blumen pflanzen und uns an den Frühlingsgärten erfreuen. Und genauso können wir dafür sorgen, dass diese Erde eine ist, auf der Menschen an allen Orten leben können. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine gesegnete Karwoche.


Pfrn. Christine Liedtke

2. April 2017

Hauptsache gesund?

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Ein grüner Apfel zeigt, dass in Berleburg die Gesundheitswoche gestartet hat: 270 Aktionen finden in den nächsten acht Tagen statt, und alle rücken das Thema „Gesundheit“ in den Mittelpunkt.

Als Kind fand ich es schrecklich, wenn alte Menschen sich über ihre Krankheiten unterhielten; nun bin ich selbst fast in dem Alter, wo das Nachlassen der Gesundheit nach Gesprächsraum schreit. „Hauptsache gesund!“ sagt eine Freundin immer, wenn es um Probleme oder Schwierigkeiten geht: Eine sehr lange Geburt? Hauptsache, das Kind ist gesund. Eine riskante Reise? Hauptsache, man kam gesund wieder. Probleme mit den Kindern? Hauptsache, alle sind gesund. Schwierigkeiten mit dem Chef? Hauptsache, man reagiert nicht mit Magenschmerzen.

Ist tatsächlich die Gesundheit die Hauptsache? Ist es die Gesundheit meiner Lieben, um die ich mir die meisten Gedanken machen sollte?

Was wünsche ich mir denn sehnlichst für meine Kinder, die nun schon flügge sind und sich ein eigenes Leben aufbauen?

Ich wünsche mir, dass sie ihr Leben in Dankbarkeit leben, dass sie sich freuen können über alles Gute, das ihnen begegnet. Ich wünsche mir, dass sie zufrieden sind und Zufriedenheit ausstrahlen. Ich wünsche mir, dass sie anderen Menschen wichtig sind, dass sie in Kontakt treten und in den Austausch, dass sie vor Meinungsverschiedenheiten nicht zurückscheuen und dass sie zu ihren gewonnenen Überzeugungen stehen. Ich wünsche mir, dass sie dem Leben offen und im besten Sinne neugierig begegnen. Ich wünsche mir, dass sie Herzensgüte besitzen und dass sie verzeihen können. Ich wünsche mir, dass sie lieben können und dass sie geliebt werden. Ich wünsche mir, dass sie von Herzen fröhlich sein können und dass sie genießen können. Ich wünsche mir, dass sie sich in ihren Lebensbereichen verantwortlich fühlen und nach ihren Gaben und Fähigkeiten Verantwortung übernehmen. Mein Herzenswunsch ist, dass sie sich in ihrem Leben von Gott getragen fühlen und begleitet von dem, der uns mit unbedingter Liebe begegnet.

Gesundheit? Ja, die wäre gut, aber sie steht nicht über allem. Alles, was ich mir für meine Kinder wünsche, können sie auch im Rollstuhl leben, alles, was mir wirklich wichtig ist, können sie auch mit einer Krebserkrankung leben.

„Hauptsache gesund“ - nein, das trifft es nicht. Hauptsache zufrieden? Ja, das passt eher. Oder: Hauptsache geliebt? Oder vielleicht: Hauptsache geborgen? Ja, das wünsche ich mir für meine Kinder: dass sie sich in allem, was das Leben für sie bereit hält, dass sie sich in Krankheit, Unglück und Enttäuschungen, in Gesundheit, glücklichen Fügungen und Erfolgen, dass sie sich in wirklich allem geborgen und bejaht fühlen, geliebt und begleitet von Gott, der sie in diese Welt gestellt hat und der einen Weg für sie weiß und der sie im Letzten trägt und hält! Wenn dann Gesundheit sie begleitet, bin ich froh und dankbar, aber sie ist nicht die Hauptsache.


Pfrn. Kerstin Grünert

26. März 2017

Arbeiten für neue Zweige

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

„Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man 'nen Arbeitskreis!“ - so heißt es im Allgemeinen, wenn man der Ratlosigkeit in institutionalisierter Form einen Namen geben will und das Ganze auch noch einen ironischen Touch bekommen soll. Sie kennen den Spruch bestimmt. Und ja, es ist soweit, ich bin jetzt auch in einem! Seit Dienstag.

Bei der Gemeindeversammlung der Kirchengemeinde Erndtebrück im Bezirk Schameder/Leimstruth wurde der Arbeitskreis „Kapelle“ in Leben gerufen. Und das hoffentlich nicht, weil wir nicht mehr weiter wussten.

„Arbeitskreis“ hat sogar einen eigenen Eintrag bei Wikipedia. Und dort heißt es: „Mit Arbeitskreis wird meist eine eher formlose Vereinigung von Personen mit einem bestimmten gemeinsamen Ziel bezeichnet. Einen (für alle Beteiligten oder möglichst viele) akzeptablen Weg zu diesem Ziel auszuarbeiten, ist Aufgabe des Arbeitskreises.“

Diese Deutung ist mir da doch viel lieber. Denn dafür treten wir an. Wir wollen einen Weg finden, die Situation in den Griff zu kriegen. Dafür müssen wir zukunftsorientiert denken. Strategien entwickeln, Zahlen parat haben und sie entsprechend deuten können. Ach, herrje, da wartet ein Berg an Arbeit auf den Arbeitskreis. Und bevor ich vor der Aufgabe zu viel Angst kriege, bin ich froh, dass es den Arbeitskreis gibt. Da sind Menschen, die uns bei den Leitungsfragen der Kirchengemeinde beraten und unterstützen wollen. Da gibt es Menschen, die an der Zukunft der Kirchengemeinde, an dem Bleiben von kirchlichem Leben im Dorf interessiert sind.

Bei allen Vorhersagen und Deutungen von Mitgliederzahlen und verbleibenden finanziellen Mitteln gibt es immer wieder auch Aussicht auf ein Miteinander und tragfähiger Gemeinschaft. So jedenfalls möchte ich die Gründung des Arbeitskreises „Kapelle“ sehen. Uns muss etwas einfallen. Denn es ist unübersehbar und das gilt für viele Gemeinden im Kirchenkreis und auch darüber hinaus: Die Verhältnisse haben sich geändert. Wie Bäume wuchsen vor ein paar Jahrzehnten kirchliche Gebäude aus dem Boden und mittlerweile fehlen die Leute, um sie zu bevölkern, und das Geld, sie zu unterhalten.

Kann ein Kahlschlag da die Lösung sein? Säge raus und absägen, bis auf den Stumpf. Ja, aber erst einmal nur, was die alten Vorstellungen und Maßstäbe betrifft. Gemeindeleben kann und muss heute anders sein, als noch vor Jahren. Wir müssen umdenken. An jedem Ort alles, das kann es nicht mehr geben. Wir müssen unsere Gemeinde neue Zweige treiben lassen. Neue oder andere Formen können auf altem, bewährtem Grund entstehen.

So wie bei der alten Ankündigung eines Propheten: „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ (Jesaja 11, 1)

Das ist eine Botschaft! Jesaja ist ein Seher. Von Gott hat er etwas zu sehen bekommen. Mitten in der Wirklichkeit des Vergänglichen schaut er das Leben. Gegen alle Wahrscheinlichkeit sieht er das Wunder eines neuen Anfangs. Und er lässt es uns schauen: Etwas Neues, etwas Zartes, Zerbrechliches wächst aus dem abgestorbenen Stumpf. Wir sind es gewohnt, diese Worte als Ankündigung auf die Geburt Jesu zu deuten. Aber genau so können wir es auf einen Neubeginn beziehen.

Gemeinden mit ihren Finanzen, Gebäuden und Mitgliederzahlen mögen uns wie Baumstümpfe vorkommen. Aber es ist nie unmöglich, einen neuen Zweig hervortreiben zu lassen. Dabei steht am Anfang vielleicht die Ratlosigkeit auf der Tagesordnung und man gründet einen Arbeitskreis. Aber wichtig ist doch, dass der Blick in die Zukunft da und unverstellt ist. Wir sind bereit, kreativ zu denken und Früchte auf neue Weise entstehen zu lassen.


Pfrn. Simone Conrad

19. März 2017

Vertrauensvoll in Gottes Hände

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbacher Gemeindepfarrerin und Diakoniepfarrerin

Letzten Sonntag war Vollmond. Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich persönlich liege in Vollmondnächten auch schon mal sinnlos wach im Bett und ärgere mich, dass ich nicht einschlafen kann. (Dabei bin ich ansonsten eine begnadete Langschläferin und Werwölfe habe ich eigentlich auch nicht in meiner Ahnenreihe…)

Aber wie dem auch sei: Dann fangen die Gedanken an zu rotieren. Gerne in solche Richtungen wie: Was steht eigentlich morgen an? Hast du auch wirklich nichts vergessen? Mist, du wolltest doch heute Frau Soundso anrufen... Und am Ende bin ich dann mitten in der Nacht putzmunter und könnte mich an den Schreibtisch setzen. Gott-sei-Dank passiert das eher selten, Vollmond ist ja nicht so oft...

Aber ich glaube, hier spiegelt sich eine Herausforderung unserer Zeit: In einer Zeit des Perfektionismus und wachsender Aufgaben getrost loslassen zu können. Probleme oder Sorgen oder Aufgaben abgeben können. Nicht verantwortungslos - aber doch nachdem ich das Meine getan habe, sagen können: Ok, das war's. Mehr kann ich nicht dazu tun. Ich gebe diese Baustelle, dieses Problem, diese Aufgabe jetzt bewusst ab - oder in altmodisch: Ich lege sie vertrauensvoll in Gottes Hände.

Jesus sagt in der Bergpredigt: „Seht euch die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht - und unser himmlischer Vater ernährt sie doch. Gott sorgt für die Vögel - wieviel mehr sollte er für uns Menschen sorgen?

Für mich ist hier die Adresse, bei der ich abgeben kann. Loslassen. Sagen: „Ich habe getan, was ich konnte - jetzt bist du dran, Gott. Ich lege mich und was du mir aufgetragen hast vertrauensvoll in deine Hände.“ Das befreit - denn bei Gott muss ich weder perfekt sein noch die Welt retten - das hat ein anderer getan. An Ostern mehr dazu. In diesem Sinne: Schlafen Sie ruhig und gut!


Pfr. Henning A. Debus

12. März 2017

Für Kinder nur das Beste

von Schulpfarrer Henning A. Debus, Bad Berleburg

„Für Kinder ist nur das Beste gut genug.“ Das war das Lebensmotto einer außergewöhnlichen Frau, die vor 170 Jahren in der kleinen Stadt Giengen an der Brenz auf der Ostalb geboren wurde. Margarete Steiff.

Ich war für die Schule auf der Suche nach Menschen, die trotz Handicaps etwas Besonderes in ihrem Leben geleistet haben. Da stieß ich auf den Film „Margarete Steiff“ mit Heike Makatsch in der Titelrolle. Und obwohl ich den Film schon kannte, war ich fasziniert von dem Lebenswerk dieser Frau, die vor einem ganz hellen Hintergrund gelebt haben muss. Mit anderthalb Jahren erkrankt sie an Kinderlähmung. Ihre Beine werden sie nie tragen können. Ihre rechte Hand wird sie zeitlebens nur eingeschränkt und unter Schmerzen benutzen können. Aber sie ist klug und lernt schnell. Und sie ist trotz ihrer Behinderungen lebensfroh. Ihre Mutter ist zu ihr strenger als zu den drei Geschwistern, weil sie Angst vor dem Tag hat, an dem sie nicht mehr für ihr behindertes Kind sorgen kann. Der evangelische Pfarrer schließt Margarete weitgehend aus der Gemeinde aus. Er ist der Meinung, die Kinderlähmung sei eine Strafe Gottes für begangene Sünden. Als hätte Jesus nie gelebt...

Sie wird gehänselt und belächelt. Aber sie beißt sich durch, lernt Nähen. Mit Ende 20 verfügt sie über die erste Nähmaschine in Giengen. Als sie merkt, dass sie das Schwungrad mit der halb gelähmten rechten Hand nicht drehen kann, verzweifelt sie nicht, sondern dreht die Maschine einfach herum und näht spiegelverkehrt. Immer mehr Aufträge kommen herein, weil Margarete gewissenhaft und gut arbeitet.

Als sie zu einem Markt ein paar Stoffelefanten als Nadelkissen näht, sind die Kinder der Marktbesucher begeistert. Immer mehr Spielzeugtiere entstehen in der Folgezeit in der Werkstatt von Margarete. 1902, vor 115 Jahren, wird der Teddybär geboren. Dank einer Großbestellung von Bären aus den USA erledigen sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Firma Steiff. Der endgültige Durchbruch ist geschafft! Margaretes Beharrlichkeit und ihrer positiven Einstellung zum Leben ist das zu verdanken. Sie ist eine gute Chefin, hat für die Sorgen und Probleme ihrer Mitarbeiter ein offenes Ohr. Und sie verlangt Qualität. Denn: „Für Kinder ist nur das Beste gut genug.“

Mein Teddy ist fast 55 Jahre alt. Ich bekam ihn 1962 als Weihnachtsgeschenk. Ja, ihn gibt es immer noch! Und wenn ich mir ihn ansehe, muss ich an das Leben von Margarete Steiff denken, an diese mutige, im besten Wortsinn protestantische Frau.

In diesem Jahr des 500. Reformationsjubiläums sind es ja eher die großen Namen wie Luther, Melanchthon, Calvin, die in aller Munde sind. Menschen, die tatsächlich Entscheidendes für den christlichen Glauben geleistet haben, indem sie ihn aus dem Würgegriff einer erstarrten mittelalterlichen Kirchlichkeit befreiten. Aber ein Reformationsjubiläum bekommt erst dann Farbe, wenn wir auch Menschen wie Margarete Steiff und so viele andere bekannte und unbekannte Namen, Evangelische und Katholische, im Blick haben, die im allerbesten Sinn protestantisch gelebt haben und leben.

Protestantisch ist auch das Lebensmotto von Frau Steiff: „Für Kinder ist nur das Beste gut genug.“ Es ist geradezu eine ökumenische Aufgabe der gesamten Christenheit, wenn wir an die wachsende Kinderarmut in unserem so reichen Land denken. Wenn wir an die Tausende von Kindern denken, die Opfer allein des Krieges in Syrien geworden sind und immer noch werden. Wenn wir an die unzähligen Kinder dieser Welt denken, deren Fähigkeiten nicht entdeckt und nicht gefördert werden und deren Selbstbewusstsein verkümmert, weil sie nicht ins gesellschaftliche Konzept der Mächtigen passen.

Es ist und bleibt unsere Zukunftsaufgabe: „Für Kinder ist nur das Beste gut genug.“


Pfr. Stefan Berk

5. März 2017

Zeit für beherzte Schritte miteinander

von Superintendent Stefan Berk

In der vergangenen Woche war ich öfter in Winterberg. Wir haben von unserem Kirchenkreis aus die Gemeinde besucht, die ja - jedenfalls aus evangelischer Sicht - zu Wittgenstein gehört.

Winterberg ist ziemlich katholisch. Nur zehn Prozent der Leute gehören zu der kleinen evangelischen Kirchengemeinde. Man muss die zwar nicht suchen, aber man kann sich gut vorstellen, dass das Gefühl, eine Minderheit zu sein, immer mitschwingt. Dass man sich eher klein fühlt und deshalb von den Großen nicht richtig wahr genommen wird. Dabei ist das oft gar keine böse Absicht, sondern passiert einfach so im Alltag.

Dieser Alltag in Winterberg ist besonders. Die Menschen haben eine besondere Einstellung zum Leben. Denn jedes Jahr kommen rund 30 Mal mehr Gäste in diese kleine Stadt als sie Einwohner hat. Stellen Sie sich vor, Sie hätten jedes Jahr 30 Gäste - jede und jeder von Ihnen. In einem Vier-Personen-Haushalt wären das schon - Moment - 120 Leute, die durchschnittlich drei Tage bleiben.

Das Thema „Tourismus“ spielt eine herausragende Rolle. Das merkt man zuerst bei allen offiziellen Begegnungen. Und in den Gesprächen am Rand spürt man das auch. Wer Gäste hat, kann nicht zu üblichen Zeiten einen Gottesdienst besuchen. Wer im Kassenhäuschen am Skihang sitzt, kann nicht abends zum Bibelkreis kommen. Und die holländischen Gäste haben noch einmal ganz andere Interessen, weil man gerade im Urlaub buchstäblich auf andere Gedanken kommt.

Was sollen wir da tun, als kleine Minderheit?

Ein kleiner Satz, den der Winterberger Bürgermeister fast beiläufig gesagt hat, blieb mir im Gedächtnis. Der ist - welche Überraschung - auch katholisch. Aber bei seiner Erinnerung an einen Gottesdienst-Besuch in der Zeltkirche Elkeringhausen war er unsicher geworden: War das jetzt ein evangelischer oder katholischer Gottesdienst?

Die Frage hieß nicht, ob ich „richtig“ oder „falsch“ bin. Es war eher so, dass er sich beides vorstellen konnte, als er in dieser besonderen Art von Kirche stand. Nicht das Adjektiv vor dem Wort „Gottesdienst“ war wichtig. Vielmehr zählte für ihn, dass hier überhaupt Gottesdienst gefeiert wird. Dass es auch an diesem ungewöhnlichen Ort um den Glauben an Gott geht, von dem die Bibel erzählt - an einem Ort, der zuerst überhaupt nicht typisch Kirche ist.

Wer mit so vielen Gästen von auswärts zu tun hat, bekommt offensichtlich einen anderen Blick für das Wesentliche. Ganz gelassen, fast nebensächlich schärfte der Bürgermeister uns diesen Blick. Er hat ja Recht: Wir haben in unseren beiden großen Kirchen so viel Gemeinsames, dass das Trennende eigentlich kaum ins Gewicht fallen dürfte. Deshalb müsste es uns darum gehen, gute und fröhliche und einladende Gottesdienste zu feiern - an den Orten, an denen Menschen sich gern treffen.

Für Christen gibt es einen gemeinsamen Auftrag: mit anderen Menschen das Leben unter dem Segen Gottes zu gestalten. In unterschiedlichen Sprachen, in einer Kirche genauso wie in einem Zelt. In einer traditionellen Messe wie in den Vereinen und Organisationen, in denen Christen sich für das Gemeinwesen engagieren. Ob das mit katholischem oder evangelischem Eintrag auf der Steuerkarte passiert, ist an dieser Stelle nicht wichtig.

Aus Winterberg habe ich nicht nur einen dicken Schnupfen mitgenommen, sondern auch die Einsicht: Vielleicht ist es wirklich Zeit, beherzte Schritte miteinander zu tun. Auch mit dem Risiko, dass hier und da etwas schief geht. Aber das darf passieren. Denn wir sind - Gott sei Dank - nicht für die Ewigkeit verantwortlich. Mit einer gerechten und friedlichen Gegenwart haben wir genug zu tun. Gemeinsam und mit Hoffnung im Herzen.


Laienpredigerin Manuela Schnell

26. Februar 2017

„Was ist denn fair?“

von Manuela Schnell, Laienpredigerin aus Bad Berleburg und Musikbeauftragte des Deutschen Weltgebetstags-Komitees

So lautet das Thema des Weltgebetstags 2017. Dieser Frage stellen sich am Freitag über eine Millionen Menschen allein in Deutschland, die sich in den vielen Gottesdiensten zum Weltgebetstag treffen.

„Informiert beten - betend handeln“ ist das Motto, dass den Weltgebetstag beschreibt. Deshalb erwarten uns viele Informationen zum Land. Die Lebenswege dreier philippinischer Frauen unterschiedlichen Alters werden uns vorgestellt. Der Bibeltext, den die Frauen der Philippinen in den Mittelpunkt des Gottesdienstes stellen, ist Jesu Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. So nehmen sie uns mit in das ihren Alltag bestimmende Thema: Gerechtigkeit.

Die philippinischen Frauen fordern Gerechtigkeit und benennen die Ungerechtigkeiten in ihrem Land. Gibt es da Parallelen auch zu uns? Wo geht es in unserem Land ungerecht zu? Bei den Steuerabgaben, der Kinderbetreuung, den Bildungschancen, bei prekären Arbeitsverhältnissen und ungleichen Löhnen von Männern und Frauen, um nur einige zu nennen.

Und dann sind wir schon mitten im Weinberg der biblischen Geschichte. Gleicher Lohn für alle, egal, wie viele Stunden die Arbeiter im Weinberg gearbeitet haben? Das widerstrebt unserem Gerechtigkeitsgefühl. Doch jeder erhält am Ende soviel, wie er braucht. Das ist Bedürfnisgerechtigkeit. Das ist Gottes Gerechtigkeit und Großzügigkeit, die Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern und auch uns mit diesem Gleichnis erklärt.

Nun habe ich schon fast zu viel verraten, oder sind Sie doch ein wenig neugierig geworden?

Mehr zu dieser Geschichte und mehr zu den Menschen der Philippinen werden erfahrbar im Gottesdienst zum Weltgebetstag am ersten Freitag im März.

Ich lade Sie herzlich ein, in einen dieser Gottesdienste zu gehen. Wir werden in diesem Jahr aufgefordert, den Samen der Gerechtigkeit zu pflanzen. Mit Gottes Hilfe können daraus Früchte der Gerechtikeit werden. Erleben sie die besondere weltweite ökumenische Verbundenheit im Gebet. Dazu sind sie herzlich eingeladen.Musik und Lieder runden diesen besonderen Gottesdienst ab.

Mabuhay - in der Sprache der Philippinen heißt das: Willkommen!


Pfrn. Silke van Doorn

19. Februar 2017

Angesichts des Todes besser leben

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“ - Psalm 90, die große Meditation über den Sinn und Unsinn des Lebens, gibt uns das mit auf den Weg. Gestern vor 40 Jahren starb meine Urgroßmutter Anna. Sie war keine fromme Frau. Sie wurde 95 Jahre alt, lebte bis zum Schluss in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung zur Miete unterm Dach, Klo auf halber Treppe. Morgens putzte sie ihre Wohnung - wie immer jeden Freitag. Dann ließ sie meine Oma, ihre Schwiegertochter rufen - Telefon hatte sie nicht. Meine Oma kam. Uroma sagte: Martha, ich muss sterben. Sie legte sich gewaschen und mit einem eigens dafür aufgehobenen neuen Nachthemd ins Bett, schlief ein und hörte auf zu atmen. Ich erinnere mich bis heute daran. Ich war zehn Jahre alt. Es tröstete mich damals und das tut es bis heute. So zu gehen… Eine Gnade.

Als Lehrerin habe ich sehr gern mit Schülerinnen und Schülern über „Tod, Sterben und was dann?“ gesprochen. Kaum eine Unterrichtsstunde ist so sehr dem Leben gewidmet. Was möchtest du gemacht haben, bevor du stirbst? Jede und jeder schrieb zehn Dinge auf, die er gemacht haben wollte, bevor er starb. In dem Film „Das Beste kommt zum Schluss“ machen zwei unterschiedlichste, alte Männer, die nichts einte außer der Tatsache, dass sie gerade gesagt bekommen hatten, dass sie nicht mehr als ein Jahr Lebenszeit zu erwarten hätten, eine Löffelliste: zehn Dinge die ich vor meinem Tod noch gemacht haben möchte. Auf den höchsten Berg des Landes steigen, einmal über die Stränge schlagen, sich mit dem Sohn versöhnen, mit dem es vor fünf Jahren Streit und seitdem Funkstille gab, noch einen verliebten Abend mit der eigenen Frau verbringen und ihr sagen, wie sehr ich sie liebe… Die beiden Alten, reich, weiß, großspurig der eine, schwarz, liebevoll, bescheiden, nachdenklich der andere, tun es.

Das Gespräch in unserer Klasse war sensationell. Die Ermunterung, so zu leben, dass man sich die innersten Wünsche erfüllt, kam von den Jugendlichen: Die meisten Wünsche waren keine materiellen. Die Frage danach, was ein erfülltes Leben ausmacht, stand im Vordergrund. Das Wissen, dass wir nichts in der Hand haben, um auch nur ein Quäntchen zur Lebenszeit dazu zu setzen, machte in dieser gemeinsam mit Nachdenken und Ermuntern nicht erschrecken, sondern es machte uns klug. Einen Moment lang. Das Wissen, um unseren eigenen Tod, lehrte, über das Leben, seinen Sinn und Unsinn nachzudenken. Keine Resignation oder Klagen über die Vergeblichkeit angesichts des Todes. Und das Begreifen, dass der Tod des anderen geliebten Menschen die größere Zumutung ist.

Gestern war nicht nur der Todestag meiner Uroma. Es war auch der Todestag des Menschen, den wir dieses Jahr feiern für das, was er in Bewegung brachte: Martin Luther. Seine Suche begann mit der Angst, im Gewitter sterben zu müssen als ganz junger Mann. Es führte ihn zu der großen Erkenntnis, dass Gott gnädig ist, dass er ihn nicht erst gnädig stimmen muss. Er ließ damit Fundamente wackeln und befreite die Menschen aus der Unmündigkeit der damals allmächtigen Kirche. Er nahm die Angst vor dem strafenden Gott. Friede brachte es nicht auf Erden. Das Ringen und Streiten um diese Fragen, die doch befreien sollten, bleibt hart.

Das Wissen, dass wir Bettler, Angewiesene sind - aufeinander und auf Gnade - machte sein Leben reicher und beschenkte uns mit diesem Wissen: Angesichts des Todes besser leben.


Pfrn. Kerstin Grünert

12. Februar 2017

Den Mut zur Liebe feiern

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Übermorgen ist Valentinstag. Seit Tagen werden wir darauf vorbereitet. Blumen werden hübsch geordnet angepriesen und die Schokoherzen stehen ganz vorn im Ladenregal. Im Kino geht es seit Wochen darum, dass kurz vorher der zweite Teil von „Shades of Grey anläuft - ein Statement für die facettenreiche Form von Liebe. Alles ist darauf eingerichtet, dass wir auch ja nicht vergessen, ein Zeichen der Liebe zu verschenken.

Das ist doch alles sowieso nur Geldmacherei. Die Blumenhändler freuen sich und der Süßigkeiten-Verbrauch steigt rasant in die Höhe. Mehr steckt doch nicht dahinter. So hört man es auch oft.

Vielleicht brauchen wir erst einmal ein paar Fakten zum Valentinstag: Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Valentinstag nach Deutschland. In Amerika, England und Frankreich gab es ihn schön früher. Vielleicht war es nach dem Krieg besonders wichtig, einander zu zeigen, wie sehr man sich liebt und braucht; vielleicht haben auch Soldaten die Sitte aus ihrer Heimat oder aus der Gefangenschaft mitgebracht.

Der Valentinstag geht zurück auf einen christlichen Priester, der im dritten Jahrhundert nach Christus gelebt hat und der am 14. Februar 269 hingerichtet wurde. Was hatte er denn so Schlimmes getan?

Die Legende erzählt, dass er illegal Trauungen nach christlichem Ritus vorgenommen haben soll. Aber damals wurden in Rom Trauungen nicht nach christlicher, sondern nach römischer Sitte vorgenommen - das heißt: im Namen der römischen Götter und vor allem: des römischen Kaisers!

Und es gab Menschen, die durften gar nicht heiraten - zum Beispiel Soldaten oder Sklaven. Valentin soll sie dennoch getraut und mit Blumen aus seinem Garten beschenkt haben. Ihre Ehen - so sagt man - standen unter einem besonders guten Stern.

Also, es steckt schon eine mutige Geschichte hinter diesem Tag. Und zu Liebe gehört ja auch eine große Portion Mut. Bis man es erst einmal erkannt hat, dass es sich um Liebe handelt, bis man dann den Mut hat, danach zu handeln und dem anderen auch seine Liebe zu gestehen.

Wie im Film ist Liebe nicht immer nur blümchensblau und watteweich, sondern kennt auch Ecken und Kanten, harte Wege, mit dunklen Abschnitten. Wer liebt, braucht Mut. Wer liebt, ist mutig. Liebe ist eben total facettenreich. Denn Liebe ist nicht einfach nur EIN Gefühl. Es sind ganz viele Gefühle auf einmal. Zur Liebe gehören Gefühle, Emotionen, Wallungen und was weiß ich noch alles! Aber: Gefühl ist nicht alles in der Liebe. Liebe ist neben dem Gefühl vor allem ein Entschluss! Ich muss mich dazu entschließen, jemanden zu lieben. Hört sich komisch an, oder? Und so gar nicht romantisch. Aber ich finde, mit dem Begriff „Entschluss“ ist genau die Portion Mut beschrieben, die es zum lieben braucht. Weil man eben auch immer damit rechnen muss, dass nicht unbedingt die gleiche Zuwendung zurückkommt, oder die entgegengebrachte Liebe einiges an Kraft und Aufwand erfordert.

Wir sollen Zeichen der Liebe verschenken. Da mag manchmal der Blumenstrauß genau das Richtige sein, oder ein paar ehrliche Worte oder einfach mal nur ein bisschen Zeit füreinander und miteinander. Liebe im ganz großen Sinne oder als kleine Geste, selbstverständlich und ohne großes Tamtam.

Valentin hat es vorgemacht. Er hat den Mut, der untrennbar zur Liebe dazu gehört, gefeiert und mit Blumen gegrüßt. Und wie auch immer man zu diesem Tag steht oder ihn begeht, es kann ja nicht schaden, einfach auch noch mal über den Mut, den man auch zum Lieben braucht, nachzudenken.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

5. Februar 2017

Trump und die verschwundene Tür

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Die Tür ist weg! Es war ein wunderbares Stück, gebastelt als Requisite für Krippenspiele: stabil mit massivem Holzaufbau stand sie zuverlässig und hatte sogar ein eigenes Guckfensterchen, durch das der Wirt nach Maria und Josef schauen konnte. Sie war so praktisch, dass sie nach dem Weihnachtsgottesdienst der Grundschule noch für eventuelle weitere Einsätze in der Kirche bleiben sollte.

Ich weiß nicht, ob Sie auch nur eine ungefähre Ahnung davon haben, wie es in einer Sakristei um Weihnachten herum aussieht? In der dichten Abfolge besonderer Gottesdienste werden Klavier, Notenständer, Kerzenkisten, Leinwände und Hirtenkostüme so gestapelt, dass man in dem kleinen Raum wenigstens noch stehen kann. Da über die Festtage aber niemand grundlegend aufräumen mag, packen liebe Helfer große Dinge eben einfach schon einmal aus dem Weg in eine Ecke, wo sie nicht so stören, wie in den Glockenturm oder die Garage. So muss das mit der Kulissentür passiert sein. Deswegen überrascht mich der gestrige Anruf erst einmal nicht, dass die Tür weg sei. Ist sie bestimmt nicht. Wir müssen heute nur an allen Orten suchen.

„Die Tür ist weg“ ist für mich aber auch eine Zusammenfassung des verächtlichen Abschottungsverhaltens des neuen amerikanischen Präsidenten mit den von ihm erlassenen Einreisebeschränkungen und seinen Mauerbauplänen. Wer die Rechtmäßigkeit solcher Aktionen bei ihm auch nur anzweifelt, wird prompt selbst als Justizministerin entlassen und als Verräterin abgestempelt. Kaum ein Gespräch in dieser Woche, das dieses Thema nicht sorgenvoll und entsetzt streift. Hier scheint eine Tür verschwunden. Eine Tür der Anständigkeit und der Menschenrechte. Ich bin bei allem Erschrecken aber noch zuversichtlich, dass die vielen Proteste, eine wehrhafte amerikanische Demokratie und kluge internationale Politik hier einen Zugang wieder öffnen können. Statt dass Herr Trump auf zwei Bibeln seinen Amtseid geleistet hat, wäre mir lieber, dass er in einer einmal die Stellen liest, in denen Gott die Fremden unter besonderen Schutz stellt, in denen er Gerechtigkeit für sozial Benachteiligte einfordert und die Versorgung von Kranken als Erfüllung seines Willens sieht.

Ich gehe jetzt die Papptür suchen und hoffe, dass wir bei den Wahlen dieses Jahres nicht leichtfertig Türen zuschlagen.


Pfr. Steffen Post

29. Januar 2017

Puzzle-Sortierhilfe bei Paulus

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Heute ist Welt-Puzzletag. Er erinnert mich daran, dass ich schon seit einger Zeit versuche ein Puzzle mit 20.000 Teilen zusammenzusetzen. Dabei merke ich, dass so ein Puzzle auch ein Bild für unser Leben sein kann:
Beim Puzzeln gibt es Teile, für die findet man schnell einen Platz - ein Bild für Tage in unserem Leben, die eher alltäglich sind und die sich in den gewohnten Ablauf problemlos einreihen.
Dann gibt es Puzzleteile, da muss man hier und da probieren, wo sie passen könnten. Manchmal entdeckt man erst nach einer Pause oder am nächsten Tag, wo sie wirklich hingehören - ein Bild für Tage in unserem Leben, an denen uns ein wichtiges Anliegen beschäftigt. Manchmal hilft hier eine Pause oder eine Nacht drüber schlafen, um eine entsprechende Lösung zu finden.
Und dann sind da Puzzelteile, die scheinbar nirgendwo passen wollen; die man probiert, weglegt, probiert, weglegt und sich schließlich fragt, ob sie nicht in der falschen Tüte gelandet sind - ein Bild für Tage in unserem Leben, die wir nur schwer einordnen können, weil uns ein schreckliches Ereignis von jetzt auf gleich aus der Bahn geworfen hat; ein Erlebnis, das wir in unser Lebenspuzzle nicht eingeordnet kriegen.

Der Apostel Paulus hat mal in der Bibel geschrieben: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Auch Paulus hat offensichtlich bei seinem Lebenspuzzle mit Teilen zu kämpfen, für die er keinen rechten Platz findet, aber er hat für sich eine Sortierhilfe gefunden, mit der er ein wenig Ordnung in die vielfältigen Puzzelteile seines Lebens bringt: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Der Glaube ist der Rahmen, der den Halt gibt. Wie die Randteile beim Puzzeln eine erste Orientierungshilfe bieten und gleichzeitig dann den Halt gebenden Rahmen für alle weiteren Teile bilden, so ist es für Paulus der Glaube an Gott, in dem er Halt für sein Leben findet, auch manchen Herausforderungen zum Trotz.

Dann ist da die Hoffnung, dass Gott am Ende für Ordnung sorgen wird. Von den 20.000 Teilen meines Puzzles habe ich im Moment erst einen kleinen Bruchteil gepuzzelt, aber das auf dem Puzzlekarton aufgedruckte Bild beinhaltet für mich die Hoffnung, dass am Ende jedes Puzzelteil seinen Platz finden wird. Jetzt erkenne ich stückwiese..., aber ich hoffe darauf, dass Gott am Ende für Ordnung sorgen wird.

Und dann ist da die Liebe, die uns untereinander und mit Gott verbindet. Ich staune beim Puzzeln immer wieder, wie die verschiedenen Teile mit ihren Ecken, Aussparungen und Verbindungsstegen zu einander passen. Die Liebe macht immer wieder diese Verbindung zwischen unterschiedlichen Menschen möglich; und gleichzeitig denke ich an die vielfältigen Verbindungsstücke der Liebe Gottes, die er zu uns Menschen knüpft: Im Kind in der Krippe, im Mann am Kreuz, im auferstandenen Herrn, in der Gabe seines Heiligen Geistes.

So wünsche ich es Ihnen und mir, dass diese Sortierhilfe von Paulus auch für die Teile unseres Lebenspuzzles eine nützliche Hilfe sein kann.


Pfr. Thomas Janetzki

22. Januar 2017

„Hinschauen und mitdenken!“

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Wir Menschen denken ja immer gern, dass wir in einer Zeit der Fakten leben, der harten Zahlen und Informationen. Aber weit gefehlt! Spätestens seit der Wahl in den USA, aber auch weil wir immer wieder feststellen müssen, dass selbst Fachleute trotz vorliegender Fakten und Zahlen nicht unbedingt daraus das Gleiche schließen müssen, kommt in vielen ein Gefühl von „Was und wem kann ich eigentlich noch irgendetwas glauben?“ auf. Wir denken unwillkürlich: „Wer informiert mich eigentlich mit welchem Hintergedanken worüber und was will er bei mir damit erreichen?“

Nun möchte Facebook zukünftig eindeutige Falschmeldungen, die in seinem Netzwerk unterwegs sind, aufspüren und dann als solche kenntlich machen. Auch sollen bei schweren Vergehen die Verfasser nach Möglichkeit gefunden und ausgeschlossen werden. Aber Facebook räumt selbst ein, dass dies fast unmöglich ist und nur bedingt gelingen kann. Warum? Weil es so viele Nachrichten sind und so wenige, die sie kontrollieren sollen? Das ist für mich zu kurz gegriffen. Ich glaube: auch deshalb, weil viele Menschen eben sehr für solche Nachrichten, für Sensationen zu haben sind, auch wenn Zahlen und Fakten auf dem Tisch liegen. Es ist eben viel schöner, seine eigene Meinung bestätigt zu sehen, auch wenn ich eigentlich damit an der Realität vorbeigehe und es selbst weiß, dass das so ist.

Besonders schwierig wird es dann aber, wenn solche Fake-News benutzt werden, um Stimmung für oder gegen etwas zu machen, also als Instrument in der Politik, in der Wirtschaft oder sonstwo missbraucht werden, denn dann nehmen oft Menschen dabei Schaden, die eigentlich völlig unschuldig sind und auf einmal ins Visier geraten.

Dann, so glaube ich, ist der Punkt gekommen, an dem wir als Christen aufgefordert sind, ebenfalls Stellung zu beziehen, um so etwas zu verhindern. Dann müssen wir solchen Falschmeldungen und -meinungen im Interesse der Menschen, die davon betroffen sind, entgegentreten und das Falsche als solches entlarven, möglichst samt den dafür Verantwortlichen. Ihr Tun widerspricht unserem Glauben an den Gott, dessen wahre und gute Nachricht seine grenzenlose Liebe zu allen Menschen ist, die wir weitergeben sollen, gerade auch in der Art, wie wir denken, reden und handeln.

Also: nicht einfach nur lesen, sondern genau hinschauen und mitdenken!


Pfrn. Kerstin Grünert

15. Januar 2017

Ein Maßband fürs Leben

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Vor mir liegt ein Meter Lebenszeit. Ich sitze bei einer Fortbildung und Biografie-Arbeit steht auf dem Programm. Ein Maßband vom Baumarkt soll für das Leben stehen, mein Leben. Die erste Aufgabe lautet: Schneiden Sie das Maßband bei der Stelle ab, die die Statistik für ihre zu erwartende Lebensdauer hält. Also, die Frauen bei 84, die Männer bei 79. Schon geht es los. Ich fange an zu verhandeln. Wirklich bei 84? Wo denn genau da? Eher Richtung 83 oder doch lieber näher an der 85? Oder ist es nicht vielleicht sogar früher? Wenn ich an die Risikofaktoren denke, dann käme ja eine ganz andere Obergrenze raus…

Nein, die Statistik sagt 84, also schneide ich bei 84. Die 16 Zentimeter Lebenszeit lege ich zur Seite. Mit einem leichten Schauer, das muss ich doch zugeben. Dann kommt der nächste Schritt: Schneiden Sie den Teil ab, den Sie schon hinter sich haben! Ich schlucke. Es ist ja nur ein Maßband, aber es hat doch viel mehr Symbolkraft, als ich es vermutet hätte. Also, kurz und schmerzlos schneide ich es bei 38 durch. Ein Glück, der Abschnitt mit der noch verbleibenden Zeit hat noch ein paar Zentimeter mehr, als der, den ich auf dem Maßband schon hinter mir habe.

Eine simple Übung, die aber ganz viel auslöst. Wie wäre es, wenn wir so klar und eindeutig über unsere Lebenszeit bestimmen könnten. Wäre das gut? Würde uns das helfen, wenn wir wüssten, mit 84 ist es endgültig vorbei. Wenn Schnitte so klar zu setzen wären. Mich würde das in keiner Weise ruhiger machen. Ganz im Gegenteil. Ich würde ja versuchen, noch so viel wie möglich in der verbleibenden Zeit unter zu kriegen. Würde wohl in Panik verfallen. Gott sei Dank ist es ja nur Statistik. Keiner weiß es genau.

So ein Jahresanfang ist immer der Zeitpunkt, das Maßband mit der verbleibenden Zeit noch mal zu glätten, neu auszurichten, jeden Zentimeter zu betrachten und ein wenig zu planen. Drei, fünf Jahre, das kann man schon wagen. Das ist doch realistisch. Da lohnt es sich Pläne zu machen, Träume zu träumen, sich etwas vorzunehmen.

Beide Stücke habe ich vor mir liegen. Die ersten 38 Zentimeter meines Lebenszeitmaßbandes. Und ich überlege, wie ich es bewerten soll. Vieles war gut, einiges war ganz schön daneben. Hätte ich Buntstifte zur Hand, würde ich einiges fröhlich und hell malen und andere Millimeter doch eher dunkel und grau. Ich kann es zusammenrollen. Gut ist es, es ist jetzt eh nichts mehr daran zu ändern. Aber die andere Hälfte, die verbleibende Lebenszeit, die übrigen 46 Zentimeter, die sind noch unbeschrieben. Warten darauf, ausgemalt und gefüllt zu werden. Hoffentlich hab ich die Gelassenheit, sie Stück für Stück zu sehen und anzunehmen. Der nächste Zentimeter hat begonnen. Und ich bin gespannt, wie es wird. Ein weiteres Jahr ist uns geschenkt. Aus Gottes Ewigkeit. Denn er hat unsere Lebenszeit geeicht. Bei ihm hat alles seine Zeit.


Pfrn. Christine Liedtke

8. Januar 2017

Neugier oder Resignation?

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Was wünschen wir uns in diesen Tagen?

Ein frohes neues Jahr! Ein gutes neues Jahr! Ein gesegnetes neues Jahr!

Ich liebe es, solche Wünsche zu hören und auszusprechen.

Dieser Wunsch steckt voller Verheißungen. Da liegen zwölf neue und frische Monate vor mir, die mir - so Gott will - zugedacht sind, die ich gestalten darf, die von mir erlebt werden wollen, die mich als Person fordern und fördern! Ein neues Jahr bedeutet für mich auch. Ich darf Neues erleben, Neues erfahren, neue Seiten an mir und an Anderen entdecken. Insofern liegt das neue Jahr wie ein Neugeborenes vor mir. Es liegt da ganz ungeschützt, wir hoffen das Beste für es, wissen aber nicht, wie es sich entwickeln wird. Wir freuen uns auf alles, was in ihm schon da ist und was sich entfalten will. Es ist ja schon vieles in dem Winzling angelegt. Das neue Jahr fügt sich ja nahtlos an das alte an. Meine Familie ist da, meine Bekannten und Freunde stehen mir zur Seite, die Tätigkeit, die mich ausfüllt, beruflich oder ehrenamtlich, ist geblieben, mein Zuhause, mein gewohntes Umfeld, ich habe ein Dach über dem Kopf, Nahrung und Auskommen - für mich selbstverständlich, für viele Menschen auf dieser Welt nicht.

In ganz unterschiedlicher Weise gehen die Menschen - das erlebt man gerade in diesen Tagen besonders - auf das neue Jahr zu. Mit Neugier oder Resignation, mit Angst oder Zuversicht, mit Freude oder mit Seufzen.

In diesem Jahr ist viel Skepsis zu hören: Was wird es bringen? Begriffe wie: Probleme der inneren Sicherheit, Flüchtlingsdrama, Terror, Krisenherde, Trumpismus, EU-Krise, Werteverlust und Klimakatastrophe verdunkeln das Gesicht derer, die sie aussprechen, und sind wie dunkle Wolken über dem neugeborenen Jahr.

Wie gut, so äußern es die lebensweisen Frauen in der Frauenhilfe, wie gut, dass wir nicht alles vorher wissen. Wie gut, dass der Mensch das nicht kann: in die Zukunft sehen. Sonst, so überlegen sie weiter, würde der Mensch da auch noch reinpfuschen.

Wie gut auch, dass wir nicht das ganze Jahr auf einmal abhandeln und erleben müssen, sondern dass wir Schritt für Schritt und Tag für Tag und Stunde für Stunde, ja Augenblick für Augenblick in dem Jahr leben und uns nur abverlangt wird, diesen Augenblick zu gestalten. Der bietet ja wahrhaftig Möglichkeiten genug. So oder so reagieren, das oder jenes tun oder lassen, beherzt handeln oder gelassen abwarten, mir Hilfe holen oder Hilfe anbieten, Gutes tun und Gutes reden, Augen und Ohren für die Welt um mich herum haben.

Wie gut auch, dass wir Christen uns dabei nicht alleingelassen fühlen: Gott ist da, in jedem Augenblick, er ist an unserer Seite und er hilft uns bei allem, was das Leben uns abverlangt.

Die Jahreslosung, ein für das Jahr ausgeloster Bibelvers, darf uns dabei über die zwölf Monate hin begleiten. In diesem Jahr steht sie im Prophetenbuch des Hesekiel und lautet: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und legen einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36, 26)

Wir brauchen ein neues Herz, das ohne Hartherzigkeit sich das Leben zu Herzen gehen lässt, das barmherzig ist und sich ein Herz nimmt. Wir brauchen einen neuen Geist, der geistvoll und begeistert das Leben gestaltet, der sich geistreiche Gedanken macht und dem Zeitgeist etwas entgegen setzen kann. Beides kann und will uns Gott schenken. Beten wir in den nächsten zwölf Monaten darum!

Gott segne Sie im Jahr 2017!


Pfr. Peter Liedtke

1. Januar 2017

Gesucht: neues Herz und neuer Geist

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

Im Internet finden sich - schaut man auf Jahresrückblicke zu 2016 - viele negative Stimmen. Allein mit Blick auf die vielen Anschläge in Europa, die zerbombten Städte in Syrien, Wahlentscheidungen, die ich auch nicht begreifen kann (oder will), eine nachvollziehbare Einschätzung. In vergangenen Wochen habe ich aber nicht nur in der medial vermittelten Wirklichkeit Dinge mitbekommen, die auch mich verstören oder verunsichern.

Da verschwinden Geflüchtete plötzlich von der Bildfläche, weil sie abgeschoben werden sollen, zurück nach Afghanistan, in das so „sichere Land Afghanistan“. Es ist so „sicher“, dass das Auswärtige Amt von Reisen in alle Regionen des Landes abrät: „Wer dennoch reist, muss sich der Gefährdung durch terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte bewusst sein.“ So auf der Homepage des Auswärtigen Amtes am 23. Dezember 2016 zu lesen. Da stürzen Familien in tiefe Krisen, weil ihre Kinder und Enkel in seelische oder medizinische Krisen geraten, in denen sie dringendst Hilfe bräuchten. Aber wirkliche Hilfe kommt spät - oder gar nicht. Andere Menschen, die ich begleite, müssen miterleben, wie ihre Beziehungen in Familie und Freundschaft zerbrechen, manchmal durch Arbeitslosigkeit, manchmal durch Burnout, manchmal ganz ohne greifbare Erklärung. Ich kenne viele Menschen, die dem Jahr 2016 die Rote Karte zeigen und vom Platz schicken möchten.

Aber wenn wir ganz ehrlich sind: Auch die meisten anderen Jahre ließen sich so beschreiben, bis auf das Jahr 1989, in dem die Maueröffnung uns alle mit der Hoffnung erfüllte, das Gute hätte in Politik und Gesellschaft eine Chance, und das Jahr 2006 mit dem Sommermärchen der Fußball-WM. Alle anderen Jahre sind geprägt von Schreckensbildern in den Medien und Krisen im persönlichen Umfeld. Und doch hat sich etwas geändert: unsere Haltung. Menschen in unserer Mitte haben den Kaffee auf, sind gereizt bis in die Fingerspitzen.

Es ist an der Zeit: Wir brauchen einen neuen Geist. Wir brauchen auch ein neues Herz. Immer wieder stehen wir vor Entscheidungen, bei denen auf der einen Seite mein persönlicher Vorteil steht und auf der anderen Seite die Chancen für unser gesellschaftliches Miteinander. Und immer öfter entscheiden wir uns zugunsten unseres persönlichen Vorteils: als Aktionäre, als Konsumenten, mit Blick auf die Verwendung unserer verfügbaren Zeit, mit Blick auf Außenseiter. Immer öfter siegt das finanzielle Kalkül über das Mitgefühl und die Verantwortung für andere.

Wir brauchen einen neuen Geist. Einen Geist, der sich nicht blenden lässt von Ruhm und Wohlstand. Wir brauchen ein Herz für die Menschen an unserer Seite. Das Engagement für die Willkommenskultur hat vielen in unserer Region persönlich gut getan, nicht nur den Geflüchteten, auch den engagierten Ehrenamtlichen. Umso mehr tut es weh, wenn hier nicht weiter geholfen und unterstützt werden kann. Es zerreißt Menschen, wenn die, die sie umsorgt und begleitet haben, plötzlich verschwinden, abgeholt werden mitten in der Nacht. Das Engagement in den vielen Vereinen unserer Ortschaften bereichert uns alle. Da tut es weh, wenn Initiativen gegeneinander ausgespielt werden. Denn alle haben ja vor allem das Interesse, ihrer Sache und der Gemeinschaft zu dienen.

Wir brauchen einen neuen Geist und ein neues Herz. Als Motto steht es von Seiten der Kirche über dem Jahr 2017. Wenn wir es zulassen würden, könnte es zu mehr werden als einem Slogan. Egal, wer irgendwo Präsident ist oder welche Herausforderungen im Persönlichen uns gestellt werden.