An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

14. Januar 2017

Das Himmelreich ist...

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

Werktag auf dem Bauernhof. Der Alte macht sich für die Arbeit auf dem Pacht-Feld fertig. Vielleicht ist er schon mit dem linken Bein aufgestanden. Alles läuft gegen den Strich. Der Kaffee schmeckt nicht, im Stall lahmt eine Kuh, der Traktor will nicht anspringen, und der Anhänger hat auch noch Plattfuß. „Ist das die Möglichkeit? Alles muss man alleine machen, weil keiner auf der Landwirtschaft arbeiten will. Es ist zum Auswachsen und zum Grün-Ärgern.“ Der Himmel ist grau in grau, während der Mann hinaus rattert. Endlich zieht der Pflug eine braune Furche - aber mit lautem Krach bleibt er stecken. Er ist auf einen Widerstand gestoßen. „Auch das noch. Dieser verfluchte Stein.“ Als er mit der Spitzhacke nachschlägt, entdeckt er einen Schatz vom unendlichen Wert. Mitten im Alltag hat sich der Wider-stand als großer Schatz entpuppt.

Werktag im Juweliergeschäft. Der Chef zieht die Gitter hoch, öffnet die Ladentür, wischt den Staub von den Glasvitrinen, macht die Kasse fertig und wartet auf den ersten Kunden, der den Umsatz ankurbelt. Als die Ladentür klingelt, ist es nur ein Mann mit dem Handkoffer. „Oh, diese Vertreter“, entfährt es ihm: „Eigentlich habe ich heute keine Zeit. Aber bleiben sie da. Zeigen Sie mal schnell ihre Kollektion.“ Schnell und widerwillig überfliegt er das neueste Sortiment und entdeckt urplötzlich einen leuchtenden Diamanten. „Den muß ich haben, den und kein andern.“ Mitten im Alltag stieß er auf den Fund seines Lebens.

Der Acker ist doch der Platz, den ich zu beackern habe. Das Geschäft ist doch der Ort, wo ich meinen Dienst tue, Es hat Gott gefallen, seinen Schatz nicht als Kirchenschatz im Dome zu stellen. Es ist Gottes Absicht, die Perle der Gotteskindschaft nicht in eine goldene Fassung zu hängen, ums sie dann in Galaschaufenstern den Reichen und Begüterten anzubieten. Vor unseren Füßen, gar nicht weit weg, mitten drin im Geschäft und im Dienst ist es zu entdecken. Gerade dort wo wir es nicht vermuten - im Hindernis, im Schmerz, in der Sinnlosigkeit, in der Krankheit - ist er da und will uns begegnen.

Kaum hat der Bauer seine Entdeckung gemacht, da spannt er seinen Pflug aus und steuert geradewegs den nächsten Makler an. Wenige Stunden später ist die schönste Auktion im Gange. Der ganze Hof mit toten und lebendigen Inventar kommt unter den Hammer. Alles findet einen neuen Besitzer. Mit dem Erlös eilt der Bauer zum Verpächter des Ackers und schließt einen Kaufvertrag ab. Fröhlich zieht er auf diese Scholle.

Und den Juwelier bietet dem Vertreter seinen ganzen Laden für diesen Diamanten. Der geht diesen atemberaubenden Handel ein. Als neuer Besitzer wechselt dieser Kofferträger das Ladenschild und sieht den Juwelier nach, wie der mit seinen Edelstein die Straße hinunterspringt. „Er ging hin voller Freude.“

Das ist die Entdeckung. Der Schatz und der Edelstein wiegen alles andere auf. Sie überstrahlen alle herben Verluste. Sie ersetzen hundertfältig alle anderen Einbußen. Mehr als diesen Schatz, mehr als diese Perle, mehr als das Reich Gottes in der Person Jesus brauchen wir nicht.


Pfrn. Christine Liedtke

7. Januar 2018

Wenn Könige niederknien

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Gestern war der Dreikönigstag, der Tag der Sternsinger, die in den katholisch geprägten Gegenden von Haus zu Haus gehen. Es sind Kinder, die als die Heiligen Könige verkleidet mit einem Stern und Reisigbesen singend an jeder Tür klingeln. In Schmallenberg kamen sie - wie schön! - jährlich auch an die Tür unseres evangelischen Pfarrhauses und baten um eine Spende für notleidende Kinder in der Welt. Dann malten sie mit Kreide ihren Segensspruch an den Pfosten der Haustür: 20+C*M*B+18, was neben den Anfangsbuchstaben der legendären Namen der Könige (Caspar, Melchior und Balthasar) auch den Segensspruch bedeutet: Christus möge dieses Haus segnen!

Am meisten gefiel mir, wenn einer der glitzernd gewandeten Könige mit seinem Reisigbesen über unsere Schwelle wischte und dazu sagte: „Alle Sorgen aus diesem Haus / kehrt Melchior mit dem Besen aus!“ Ja, das wäre so gut, ohne Sorgen und zuversichtlich in das neue Jahr zu blicken! In der Bibel finde ich dazu auch eine Anweisung, im ersten Petrusbrief: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er, Gott, sorgt für euch.“ (1. Petrus 5, 7)

Ich blickte den Sternsingern hinterher und mir kam unversehens ein Werbespruch eines Bierherstellers in den Sinn: Heute ein König! Und auch ein anderer Sinnspruch fiel mir wieder ein: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“. Wollen wir nicht alle immer auch Könige und Königinnen sein, Prinzen und Prinzessinnen? Die Mädchen leben diesen Wunsch zu Karneval aus, wenn sie sich als kleine Prinzessinnen verkleiden, mit Tüllkleidchen und Krönchen - habe ich selbst auch gemacht! Die Märchen erzählen von Königsfamilien - und erzählen uns damit auch von uns selbst. Die Regenbogenpresse hält uns auf dem Laufenden, was die realen Königshäuser dieser Welt betrifft. Insofern ist uns der Königsbegriff ganz nahe und kann uns vielleicht auch der gerade vergangene Dreikönigstag ganz wesentlich berühren.

Jetzt ist auch die Zeit, in der die drei Köngisfiguren der Weihnachts-Krippe zusammen mit dem Kamel an den Stall und die Krippe herangerückt werden, wo sie ihre Geschenke darreichen: Gold, Weihrauch und Myrrhe, kostbare Gaben, die schon deutlich machen, dass dieses neugeborene Kind einen besonderen Weg vor sich hat, denn Weihrauch und Myrrhe sind Heilmittel zur Wundbehandlung und Schmerzstillung. Der Evangelist Matthäus erzählt als einziger von den drei Weisen aus dem Morgenland, die dem neuen Stern gefolgt waren, um den neugeborenen König zu finden. Meine drei Krippenfiguren der weit gereisten Sterndeuter - oder Könige, wie es der Volksmund sagt -, zeigen deutlich, was die Bibel mit den folgenden Worten ausdrückt: „Und sie fielen nieder und beteten es an.“ Die drei Könige haben begriffen, dass auf dem Heu und Stroh jemand liegt, der größer und mächtiger ist als sie, und sie beugen ihre Knie und zeigen ihm ihre Ehrerbietung.

Ich selbst habe noch nie vor einem Menschen gekniet, außer wenn ich meinen kleinen Jungs die Schuhe zugebunden habe. (Eine Frage an die Männer unter Ihnen: Haben Sie beim Heiratsantrag vor Ihrer Liebsten gekniet?) Ich kenne es aber, vor Gott zu knien, eine Gebetshaltung, die uns Evangelischen eher nicht so vertraut ist. Sich niederknien bedeutet: Ich mache mich klein, ich erniedrige mich vor dir, ich beuge mein Haupt vor dir (denn auch das gehört dazu: versuchen Sie mal, kniend den Kopf nach oben zu heben). Niederknien bedeutet, dem Anderen die Ehre zu geben. Es bedeutet, ihn als größer und mächtiger anzuerkennen, es bedeutet, selbst eine demütige Haltung einzunehmen.

Vielleicht müssen wir sie wieder einüben, diese Haltung der Demut, die anerkennt, dass nicht ich selbst mein Leben und meine Geschicke lenke und verantworte. Vielleicht sollten wir mal wieder unser Haupt neigen vor wunderbaren Entwicklungen, staunenswerten Ereignissen und unverdienten Geschenken des Lebens. Vielleicht steht es uns gut an zuzugeben, dass wir weniger Könige und Königskinder sind als vielmehr Bettler und Bedürftige. Auf seinem Sterbebett fasste es Martin Luther in den Satz: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Wie wenig verdanken wir uns selbst! Wie viel mehr verdanken wir anderen Menschen und eintretenden Fügungen. Wie viel verdanken wir unserem Schöpfer, dem, der in Wahrheit unser Leben lenkt: Gott, der unsere Nähe sucht und uns mit seiner Liebe umhüllt und uns ein fürsorglicher Vater sein will! Wenn wir diese Erkenntnis in unserem Herzen spüren, dann fallen wir vielleicht wie die Heiligen Drei Könige dankbar auf die Knie, dann werfen wir unsere Sorgen von uns und vertrauen sie diesem Vater an, dann neigen wir unser Haupt und beten: Hab' Dank für das neue Jahr und gib du deinen Segen auf all mein Tun und Lassen, lass mich nicht sorgen und ängstlich sein, sondern zuversichtlich und getrost mein Leben aus deiner Hand nehmen.