An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Peter Liedtke

19. November 2017

Achtet einander!

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

Zehn Jahre lang haben wir uns auf das große Jubiläum vorbereitet. Mit verschiedenen Themen versuchten wir, die in der Reformation gewonnenen Erkenntnisse für heute nutzbar zu machen. Rückschau wurde gehalten, die damaligen Persönlichkeiten gewürdigt. Doch verändert es etwas für unser Tun heute und morgen?

Eine der ganz wichtigen Erkenntnisse der Reformation war: Wir Menschen sind wertvoll. Wir sind nicht der Dreck an den Stiefeln Gottes. Wir sind ihm so wichtig, dass er in Jesus Christus all die Schattenseiten dieser Welt auf sich nahm, damit wir seine Liebe erfahren, in Worten, Zeichen und Taten. Gott macht sich so klein, dass wir ihm auf Augenhöhe begegnen können. Er ringt mit uns wie mit Jakob, er lässt sich für uns bespucken und verhöhnen, leidet und liefert sich tiefster Einsamkeit aus, damit wir endlich erkennen, wie wertvoll wir ihm sind. Das hat die Reformation wieder ins Licht gestellt. Mit Themen wie „Taufe“ und „Abendmahl“, „Dienst am Nächsten“ und „Bibel“ wurde dies in der Vorbereitung auf den Reformationstag 2017 durchbuchstabiert. Doch was ist unsere Konsequenz?

Ich bin kein Verantwortlicher der Evangelischen Kirche in Deutschland. Wäre ich es aber, dann würde ich gern nach den zehn Jubeljahren zehn weitere besondere Jahre ausrufen. Jahre, in denen wir nach vorn schauen und uns gemeinsam überlegen, was wir aus dem machen, was Gott uns schenkt. Gott gibt uns einen unvorstellbaren Wert. Hat das nichts mit unserem Alltag zu tun? Dann hat es uns in unserem Inneren nicht erreicht. Wenn ich einen derart besonderen Wert zugesprochen bekomme, dann muss das Folgen haben für meine Werte. Daher würde ich gern über Werte mit den Menschen um mich herum nachdenken.

Als Erstes kommt mir dabei die Aufforderung in den Sinn: „Achtet einander“. Ich bin ein Kind Gottes. Obwohl ich viele Fehler habe, mich oft nicht entschieden genug als Mensch in der Nachfolge verhalte, trotzdem liebt Gott mich und nimmt mich an. Warum gehe ich dann hin und breche über Anderen den Stab? Ist der Andere nicht genauso ein von Gott geliebter Mensch? Auch wenn er mich beinahe in den Graben abgedrängt hat, obwohl er schlecht über mich redet, obwohl er lügt und seine Vorteile daraus zieht, obwohl ich seine Worte für überheblich oder dumm ansehe - er ist ein von Gott geliebter Mensch. Ich darf mit ihm streiten, sein Verhalten kritisieren, aber ich darf ihm nicht absprechen, in Gottes Augen genauso wertvoll zu sein wie ich es bin.

Ich wünsche mir keine süßliche Nächstenliebe, die jedem Streit aus dem Wege geht. Aber ich wünsche mir, dass ich jeden Tag neu lerne, den Anderen zu achten. So wie mir keiner meinen Wert absprechen darf, so darf ich es auch nicht einem anderen. Es ist keine Lösung für alle Probleme. Aber es macht - so glaube ich - alle Probleme lösbar. Weil die Gotteskindschaft ein Band ist, das mich mit dem Anderen über allen Streit hinweg verbindet.

Ich habe keine Befugnis, ein solches Jahr auszurufen. Aber was hindert uns, die kommenden zwölf Monate unter den Aufruf zu stellen: Achtet einander!