An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Henning A. Debus

22. April 2018

„Das war schön!“

von Schulpfarrer Henning A. Debus, Bad Berleburg

„Das war schön!“ - die Patientin des Bad Berleburger Krankenhauses strahlte vor Freude in ihrem Rollstuhl. An einem der ersten warmen Frühlingstage war sie draußen spazieren gewesen. Und das nicht alleine: Alina, Schülerin der Bad Berleburger Realschule aus der 9. Klasse hatte sie begleitet, bergab und bergauf. Ganz schön anstrengend, den Rollstuhl unter Kontrolle zu behalten. Man konnte Alina die Anstrengung ansehen. Aber auch sie strahlte. „Das war schön!“

Alina ist eine von 16 Schülerinnen und Schülern aus den 9. Klassen, die seit Beginn des Schuljahres an einer besonderen Form des Unterrichts teilnehmen. Projekt „Soziale Arbeit“ nennt sich das. Die jungen Leute wollen herausfinden, ob ein Beruf im sozialen Bereich etwas für sie sein könnte. Und das finden sie nicht heraus, indem sie im Internet recherchieren oder Ratgeber lesen, sondern nur im direkten Umgang mit Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen.

Jeden Donnerstag sind wir unterwegs, und die Krankenhaus-Gruppe ist nur eine. Unsere Partner sind außerdem das Haus am Sähling, eine Berleburger Praxis für Ergotherapie und das Diakonische Werk, wo immer freitags zwei junge Leute die Begleitung demenzkranker Menschen kennenlernen.

Die Schülerinnen und Schüler lernen nicht nur Arbeitsabläufe in den sozialen Einrichtungen kennen, sie bieten auch eine Menge an: Gespräche, kleine Besorgungen aus der Cafeteria, Wasser holen, Gesellschaftsspiele und eben Spaziergänge bei schönem Wetter, ob mit oder ohne Rollstuhl. Vor einigen Wochen wurde eine Schülerin von einer älteren Patientin gefragt, ob sie mit ihr beten könne. Und das hat sie ganz toll gemacht.

Ich muss sagen: Ich bin stolz auf diese jungen Menschen. Ich merke ihnen an, dass sie gerne, einige auch leidenschaftlich beim Projekt mitmachen, ganz bei der Sache sind und sich mit Empathie auf Menschen einlassen, die sie bis dahin noch gar nicht kannten. Es geht ihnen nicht nur darum, für sich selbst herauszufinden, ob sie im nächsten Jahr eine Ausbildung im sozialen Bereich beginnen möchten. Es geht ihnen auch um die Anderen. Sie sind neugierig, geradezu gespannt auf die Menschen, die sich hinter der Tür aufhalten. Die meisten von diesen Menschen freuen sich über Besuch. Ich muss immer wieder staunen, wie oft Patienten unseren Schülerinnen und Schülern, die sie gar nicht kennen, ihre Lebensgeschichte erzählen. „Endlich hat jemand Zeit für mich und hört mir zu!“, bekommen wir dann zu hören. Versteht sich von selbst, dass alle eine Verpflichtungserklärung für das Krankenhaus unterschrieben haben, dass sie nichts von dem weitererzählen, was ihnen von Patienten anvertraut wurde.

Krankheit, Behinderung und Alter werden bei uns oft als „Betriebsunfälle“ einer Leistungsgesellschaft angesehen. Wenn es da junge Menschen gibt, die den Anderen nicht nur dann achten, wenn er funktioniert, sondern auch und gerade dann, wenn er krank, schwach oder alt ist, dann haben diese jungen Menschen unsere ganze Unterstützung und Wertschätzung verdient. Damit strahlende Gesichter nicht aussterben, sondern auch morgen noch sagen: „Das war schön!“