Das Jahr der Kirchenmusik im Kirchenkreis

2012 ist auch im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein das Jahr der Kirchenmusik.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ – das sind die ersten Liedworte im Evangelischen Gesangbuch. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit kann man die Macht und Kraft der Musik spüren.

2012 feiert die Evangelische Kirche auf dem Weg zum Reformations-Jubiläum das Jahr der Kirchenmusik. Martin Luther selbst schätzte die Kirchenmusik sehr. Diese habe zweifelsohne zur Ausbreitung der Reformation beigetragen, ist sich auch Hartmut Weidt, der hauptamtliche Kantor des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein, sicher. Außerdem habe sie den Menschen in jenen Tagen noch mal eine ganz neue Rolle beschert: „Die Gemeinde ist durch den Choral mündig geworden, das Gotteslob mitzuvollziehen.“ Martin Luther habe das Kirchenlied als eigenständige Größe gewollt, der Reformator habe ja selbst viele Lieder geschrieben. Die Kirchenmusik wolle wie die sakrale Kunst das Werk Gottes anschaulich machen und Gott verherrlichen, darüberhinaus gelte: „Musik soll helfen, den Gottesdienst-Besuchern das Herz zu öffnen, den Alltag loszulassen.“

  • Fein säuberlich waren während der Generalüberholung einige der Pfeifen neben der eigentlichen Orgel gestapelt. Immerhin gehören zu der Erndtebrücker Orgel rund 1200 Pfeifen, so der Orgelbaumeister Peter Kozeluh. Die Spendenbereitschaft machte klar, wie wichtig den Menschen Kirchenmusik ist.
  • Interessiert schauten sich die Besucher ihre neue, alte Orgel nach deren Renovierung im Mai in der evangelischen Kirche Erndtebrück an. Die Spendenbereitschaft für die Generalüberholung machte klar, wie wichtig den Menschen Kirchenmusik ist.

Wie wichtig den Menschen in den Kirchengemeinden die Musik ist, das konnte man im abgelaufenen Jahr in Erndtebrück ganz deutlich und konkret an einer Sache sehen: „Die Spendenbereitschaft, die wir anlässlich unserer Bitte der Hilfe zur Orgelrenovierung erlebt haben, war vielsagend und überwältigend“, freut sich Stefan Turk. Am Ende des Jubiläumsjahres zum 100-jährigen Bestehen des evangelischen Kirchgebäudes offenbart dem Erndtebrücker Pfarrer allein der Blick auf die dazugehörige Veranstaltungsliste einen großen Pluspunkt der Musik, nämlich „die ungeheure Vielfalt in unserer Kirche“. Ohne langes Überlegen zählt Stefan Turk auf: „Orgel und Flötenkreis, Reggaekonzert und Rockkonzert, Philharmonie und Chor, Klavier und Orgel, Brass und Posaunenchor, Zither und Salonmusik, Big Band und Gospel.“ Genau durchdacht hingegen der zweite Teil seiner Analyse: „In der Musik durchdringt sich alles: Melodie, Harmonie, Text. Und Inhalte werden emotional transportiert. Das scheint mir das Geheimnis von Musik zu sein: Sie kommuniziert. Und das auf eine Art und Weise, die den meisten anderen Kommunikationsformen verschlossen bleibt. Sie kommt in der Gefühlswelt an. In der Kirchenmusik genau so: Guter Inhalt wird emotional ausgedrückt und weitergegeben. In einer Kirche des weithin nach wie vor gesprochenen Wortes tut uns das einfach gut: Die gute Botschaft mit Leib und Seele zu erleben.“

Bei Thomas Lindner, pädagogische Fachkraft im Kompetenzzentrum für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein, kann man Gitarrespielen lernen. „Unter Kirchenmusik verstehe ich auch die neueren Lieder, die auf Jugendbibelwochen, Freizeiten oder Konfi-Camps gesungen werden.“ Und da spielt die Gitarre - wie hier beim Aussendungsgottesdienst der Young Ambassadors im Juli – eine wichtige Rolle.

Im Wittgensteiner Kirchenkreis gibt es viele Wege, auch in jungen Jahren schon zur Musik zu kommen: Bei Thomas Lindner, pädagogische Fachkraft im Kompetenzzentrum für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein, können junge ehrenamtliche Mitarbeiter Gitarrespielen lernen. „Unter Kirchenmusik verstehe ich auch die neueren Lieder, die auf Jugendbibelwochen, Freizeiten oder Konfi-Camps gesungen werden. Hier stimmen Text und Musik mit der Erlebniswelt Jugendlicher und (Jung)-Erwachsener überein. Dabei zeigt sich, wie wichtig es ist, dass Kirchenmusik nicht abhängig von Orgel und Klavier ist, sondern dass das Gitarrespielen eine wichtige Funktion in Gottesdiensten und christlicher Gemeinschaft übernehmen kann.“

Der Berleburger Gospelchor gestaltete den Familiengottesdienst beim Tag der offenen Tür im Freizeitzentrum Wemlighausen im April musikalisch mit und erntete nicht nur für „We Are the World“ jede Menge Applaus - da kann im kirchlichen Umfeld auch mal ein Lied aus der Feder von Michael Jackson stammen.

In seiner Funktion hat Thomas Lindner auch mit dem Gospel-Chor von Johannes-Althusius-Gymnasium und Evangelischer Berleburger Kirchengemeinde zu tun, der außer in den Ferien donnerstags zwischen 13.45 und 15.15 Uhr im Christus-Haus unter der Leitung von Jojo Tunyogi-Csapó probt und sich über neue Stimmen immer freut. Eckart Weiss, der für die Jugendarbeit der Berleburger Gemeinde zuständig ist, gehört auch zu den Sängern. Die absolute Relevanz von Kirchenmusik steht für ihn außer Frage: „Singen hebt meine Seele hoch, und gemeinsames Singen verbindet mich mit Anderen. Somit ist Kirchenmusik ein wichtiger Bestandteil in meiner Gottesbeziehung.“ Und für Ecki Weiss ist das nicht sein spezieller Sonderweg, sondern ein allgemeingültiger Ansatz: „Wir singen darum auch in allen Gruppen in der Jugendarbeit, das ist ein zentraler Punkt in unserem Programm.“

Die Bläser sind ein fester Bestandteil der heimischen Kirchenmusik: Rund 50 aus Wittgenstein - verstärkt um einen Siegerländer - spielten im Februar unter Leitung von Bundesposaunenwart Klaus-Peter Diehl in der evangelischen Erndtebrücker Kirche.

Wenn man über Kirchenmusik in Wittgenstein spricht, dann dürfen natürlich auch die Bläser nicht fehlen. Der Rückershäuser Eckhard Göbel ist beim Wittgensteiner CVJM einer den beiden Ansprechpartner für die Posaunenarbeit. Sehr engagiert und außerdem erfolgreich betreibt man hier Nachwuchsarbeit. Durch das persönliche Hineingehen in Schulen gewinnen die Bläser immer wieder junge Menschen für Wittgensteiner Posaunenchöre, von denen es eine ganze Menge gibt. Ganz kurz und einprägsam bringt Eckhard Göbel den Zusammenhang von Kirchenmusik und Religion mit Bezug auf die Weihnachts-Botschaft für die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem auf einen Nenner: „So lange es Bläser gibt, die ihre Zeit und Muße dafür einsetzen, ihrem Nächsten mit Musik eine Freude zu machen, solange ist die Botschaft vom Feld aktuell und lebendig.“

Lebendig geht es auch in der Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und Elsofftal zu, wenn hier junge Leute gemeinsam Musik machen. „Singen ist generationenübergreifend“, so Dr. Ralf Kötter: „Bei uns singen Achtjährige neben 18-Jährigen, und es funktioniert. Das stärkt kleinere Kinder, denen die Chance gegeben wird, sich an den Großen zu orientieren; das stärkt aber auch die Jugendlichen, die ihre besondere Bedeutung für die Entwicklung der Kleineren wahrnehmen. Gerade im Solo-Gesang über Mikrophon können Kinder ihre Ängste überwinden. Sie stoßen auf Anerkennung, ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen werden gestärkt.“ Auch die Begeisterung, die das Singen naturgemäß mit sich bringe, ist dem Pfarrer aus Elsoff wertvoll: „Begeisterung ist die beste Voraussetzung, um Dinge zu bewegen.“

Als erste Einrichtung in Wittgenstein bekam die Kindertagesstätte „Senfkorn“ einen Felix vom Deutschen Chorverband. Das entsprechende Emaille-Schild hatte Hermann Otto (links) mitgebracht. Sem Luca hielt die Auszeichnung schon einmal dorthin, wo Kita-Leiterin Ute Gatzemeier und der Berleburger Presbyter Hans Gerhard Tuschhoff als Träger-Vertreter sich den bunten Felix künftig gut vorstellen konnten.

Auf Begeisterung setzt auch Manuela Schnell, die in der Evangelischen Kindertagesstätte „Senfkorn“ in Bad Berleburg arbeitet, die im vergangenen Jahr als erste Einrichtung in Wittgenstein mit einem Felix vom Chorverband NRW ausgezeichnet wurde. Den gab es, weil im Senfkorn täglich gesungen wird, Tonart und Tonhöhe der Lieder an die kindlichen Stimmern angepasst sind, die Liedauswahl vielfältig und altersgemäß ist und Lieder aus anderen Kulturkreisen gesungen werden. Für Manuela Schnell steht fest: „In der Arbeit mit Kindern hat die Musik einen hohen Stellenwert. Musik und das Singen sind nicht nur Klänge und Töne, sondern fördern Sprache und Gemeinschaft. Für mich ist Musik die schnellste Verbindung von Mensch zu Mensch. Sie kann Herzen erreichen, wo Worte fehlen.

Singen mit vollem Körpereinsatz – das ist für die Mädchen und Jungen vom Berleburger Senfkorn kein Problem und eine Selbstverständlichkeit. Auch deshalb haben sie sich mit ihren Erzieherinnen die Felix-Auszeichnung des Deutschen Chorverbands redlich verdient.

Sie erreicht Menschen über alle Grenzen hinweg.“ Das weiß die Berleburgerin auch noch aus einem ganz anderen Zusammenhang, sie gehört zum vierköpfigen Musik-Vorbereitungs-Team in der deutschen Werkstatt-Gruppe für den Weltgebetstag. Alljährlich nähern sich Christen am ersten Freitag im März weltweit einander an, auch über Musik und Tänze sucht der Weltgebetstag seinen Zugang zu einem bestimmten Land auf dem Globus. Dass Musik den Brückenschlag in andere Welten und zu fremden Kulturen vereinfacht, hat auch Oliver Lehnsdorf festgestellt. Der Oberndorfer Pfarrer ist im Kirchenkreis für die ökumenischen Kontakte ins Ausland zuständig: „Kirchenmusik kann Dinge verdeutlichen, die Worte allein nicht so gut ausdrücken können. Ich erlebe dies besonders bei der Partnerschaftsarbeit. Denn dabei ist die Kirchenmusik ein wesentliches Element, um gemeinsam mit unseren Partnern in Tansania und in den USA wechselseitig Brücken zu bauen. Die Kirchenmusik ist eine Sprache, die jeder versteht. So ist die Kirchenmusik meines Empfindens nach auch die schönste Sprache der Welt.“

Aber was ist, wenn man die nicht hören kann? Die Siegenerin Barbara Plümer ist als Gehörlosen-Seelsorgerin für die benachbarten Kirchenkreise Siegen und Wittgenstein zuständig. Trotz aller Widrigkeiten spielt Kirchenmusik auch in ihrem Arbeitsbereich eine Rolle: „Die Musik und das gemeinsame Singen bestehen außer aus Melodien ja auch aus Rhythmus, Poesie und Gemeinsamem-Tun. Lieder sprechen uns anders an als gesprochenes Wort. Diese eben genannten Aspekte haben wir in der Gehörlosenseelsorge versucht, auch in den Gehörlosen-Gottesdienst zu holen. Deshalb haben wir sogenannte Gebärdenlieder erfunden. Manchmal sind das etwas poetischere Übersetzungen bekannter Kirchenlieder, meist sind sie aber Neuentwicklungen. Statt Orgelbegleitung steht vorn vor der Gemeinde eine Person, die sozusagen Vorsänger ist, die also die Lieder für alle sichtbar gebärdet. Die Gemeinde sieht auf den Vorsänger und macht die Gebärden mit.“ Auf ganz andere Art macht das deutlich, wie wichtig Kirchenmusik ist – in der einen oder anderen Form.

Das Gefährlichste wäre wahrscheinlich, wenn die unterschiedlichen Facetten der Kirchenmusik im Kampf um Anerkennung und einen einzig richtigen Weg gegeneinander in Stellung gehen würden: die alten Choräle gegen moderne christliche Popmusik oder auch die mittelalten Gospellieder. Deshalb bringt es Wolfgang Weyandt, Leiter des nagelneuen Erndtebrücker Gospelchores, auf den Punkt, was wirklich unabkömmlich ist für ansprechende Gottesdienste: „Gute Musik, die zum Ausdruck bringt, was wir mit Gott erleben und was uns wichtig ist, sei es mit Orgelbegleitung oder Schlagzeug, Keyboard, E-Bass und mitunter kreischender E-Gitarre. Früher wie heute war, ist und bleibt es so, dass sich oft gesungene Lieder mit Text und Melodie in uns verankern und uns so manches Mal Trost und Halt geben. Früher wie heute finden sich Menschen zum Musizieren in unseren Gemeinden zusammen. Mit lauten und mit leisen Tönen. Das bleibt ein wichtiger Teil unseres Gemeindelebens.“

Wie schon 2011 und in den Jahren zuvor wird der Kirchenchor Berghausen/Feudingen unter Leitung des Wittgensteiner Kirchenkreiskantors Hartmut Weidt auch im Jahr der Kirchenmusik wieder zu seinen Passionskonzerten einladen.

Wobei am Ende doch immer der Ton die Musik macht. Mögen die Lieder so alt sein wie sie wollen, bei Friedhelm Nicklaus, der auf seine ganz besondere Art seit Jahren in Bad Laasphe in die Tasten haut, hört sich die Musik immer irgendwie frisch an: „Meine Art, Orgel zu spielen, ist übrigens im Vergleich zur Spielart der meisten Organisten swingend.“ Ihm ist dieser etwas andere Ansatz wichtig. Es sei eine Stärke der Musik, dass die Verschiedenartigkeit der Musizierenden sich in ihrem Schaffen widerspiegele, es gebe keine Uniformität in der Musik. Für ihn gehe es nicht um die sture Beachtung oder eine Unterwerfung unter die Orgelliteratur, im Vordergrund stehe für ihn die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Variation und Improvisation: „Wie kann man die Gestaltung des Spiels noch verbessern? Mit dieser Neugier bin ich beim Spielen permanent beschäftigt!“, so der Mann, der ursprünglich aus einem Berliner Pfarrhaushalt stammt und schon sehr früh an einer Orgel saß: als Achtjähriger in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, weil der eigentliche Organist der Gemeinde gestorben war. Heutzutage spielt er beim Gottesdienst der Wittgensteiner Kreissynode zum Thema „Taufe“ auch schon mal Variationen zum bekannten Pippi-Langstrumpf-Titellied und unterhält damit die versammelten Pfarrerinnen und Pfarrer, Presbyter und Presbyterinnen.

Bei dieser lebendigen Bandbreite muss man sich in Wittgenstein wenig Gedanken um die Kirchenmusik machen. Besondere Großereignisse für das Jahr der Kirchenmusik seien nicht geplant, so Hartmut Weidt. Es gebe immer wieder kleinere Veranstaltungen, aber ansonsten will der Kirchenkreiskantor auch nicht zuviel Bohei machen. Für ihn steht nämlich fest: „Wir haben immer Jahr der Kirchenmusik, denn wir machen jedes Jahr Kirchenmusik.“