Das Jahr der Toleranz im Kirchenkreis

Für Evangelische ist 2013 das Jahr der Toleranz - das Miteinander im Alltag soll fröhlich in Gottesfarben gemalt werden.

Eine der Erfahrungen zum Jahr der Kirchenmusik war 2012 im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein das Reformierte Gemeindeforum über das Gegeneinander traditioneller und neuer Musik im Gottesdienst in Bad Berleburg. Obwohl eigentlich als Streitgespräch angelegt, verlief sogar das eher harmonisch. 2013 ist nun das Jahr der Toleranz - dazu kann es nun doch beim schlechtesten Willen keinen Gegenposition geben, oder?

Eine jüdische Kippa und ein Palästinenser-Tuch - in dem Teil der Welt, wo ihre Träger auf begrenztem Raum zusammenleben, ist Toleranz bestimmt anstrengender als bei uns im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein.

Vor allen Dingen. Toleranz ist zwar ein wahnsinnig schönes Wort, darüberhinaus aber auch noch ein ganz kompliziertes. Toleranz kommt vom lateinischen Wort „tolerare“, das heißt soviel wie erdulden. Demnach bedeutet tolerant so etwas wie duldsam, nachsichtig, großzügig, weitherzig. Deshalb wird mancher Schwule oder manche Schwarze, mancher Rollstuhlfahrer oder Rhönradturner, manche Kopftuchträgerin oder mancher Kölner Fußball-Fan sich fragen, was genau hat mein Gegenüber zu erdulden, weil ich homosexuell, farbiger als weiß, behindert, Minderheiten-Sportler, Kopftuchträgerin oder FC-Köln-Fan bin? Ich muss mein Anderssein aushalten, sei es selbst gewählt oder angeboren. Also scheinen all das keine echten Einsatzgebiete für Toleranz zu sein. Noch komplizierter ist die Sache mit dem Ende der Toleranz. Bereits 1984 sang Robert Long - Niederländer - den Text von Michael Kunze - Schlager-Texter mit Doktor-Titel - „Morgen sind wir tolerant, tolerant, tolerant und finden selbst die größten Idioten interessant“. Im weiteren Text kommen noch hässlichere Worte, die ironisch deutlich machen, dass Toleranz ihre Grenzen haben muss.

Über all das kann man das komplette Jahr 2013 gut nachdenken - auch im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein. Oder vielleicht gerade im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein, wie Dr. Johannes Burkardt weiß. Er ist der Autor des Werks „Von Witt­gen­stein in die Welt“, in dem es um radikale Frömmigkeit und religiöse Toleranz geht. Der Klappentext zum Buch: „Zu Beginn des 18. Jahrhunderts arbeiteten die sogenannten radikalen Pietisten an alternativen religiösen und sozialen Lebensphilosophien und bauten ein weit über die Grenzen des Ländchens hinausreichendes Beziehungsnetzwerk auf, wie die Church of the Brethren in den USA heute noch zeigt.“ Kein Wunder, dass es sich ein bisschen altmodisch anhört, wenn der aus Berleburg stammende Kirchenhistoriker Burkardt einen Wittgensteiner Kronzeugen in Sachen „Toleranz“ zitiert: „Was derohalben ein Kind Gottes von dem Geist der Warheit, aus der heiligen Schrift, mit lebendiger Erfahrung gelernet hat, das kann ihm nicht verboten werden, in einer Versammlung davon zu reden.“ Das habe um 1733 der Berleburger Pfarrer und Hofprediger Victor Christoph Tuchtfeld geschrieben, was sich in der heutigen Zeit selbstverständlich anhöre, sei es damals definitiv nicht gewesen, nochmal Johannes Burkardt: „Wittgenstein war damals eine Insel der geistigen Freiheit, die uns noch heute zeigt, welch bunte Früchte der Geist religiöser Toleranz hervorbringen kann. Das Beispiel unserer Region zeigt aber auch, wie empfindlich und von manchen ungeliebt das Pflänzchen ‚Toleranz’ ist. Sehr schnell geht es ein und wird vergessen. Wir sollten dankbar sein, in einer Atmosphäre der Freiheit und des gegenseitigen Respekts leben zu dürfen, und alles daran setzen, dass Toleranz nicht zur langweiligen Selbstverständlichkeit wird oder von politischen oder religiösen Wirrköpfen ausgerottet wird.“

Was für sie das schön klingende Fremdwort bedeutet, das fasst die Esloherin Sahra Sritharan, deren Eltern vor mehr als 20 Jahren aus Sri Lanka nach Deutschland kamen, folgendermaßen zusammen: Toleranz heiße für sie, die Menschen mit ihren unterschiedlichen Kulturen zu akzeptieren: „Jeder und jede lebt so wie er oder sie es möchte, und da sollte sich keiner einmischen.“ So die 19-Jährige, die sich seit Jahren ehrenamtlich in der Jugendarbeit der Evangelischen Kirchengemeinde Dorlar engagiert und in den vergangenen beiden Jahren an dem Young-Ambassadors-Programn des Kirchenkreises beteiligt war. Bevor es für die jungen Leute nach Amerika ging, war es die besorgte Sahra, die es geklärt haben wollte, ob sie aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe in den USA vielleicht Schwierigkeiten bekommen könnte, denn in Deutschland habe sie als Ausländerin noch nie Probleme gehabt, so das Mädchen, das bereits hier geboren wurde.

Pfarrerin Gisela Weissinger ist das von Sahra Sritharan angesprochene Einander-in-Ruhe-Lassen nicht genug, die Vorsitzende des Berleburger Arbeitskreises für Toleranz und Zivilcourage führt aus: „Nötig ist mehr: Offenheit für andere Menschen, ihre Kultur und ihre Geschichte, die Bereitschaft, von anderen Menschen wissen zu wollen, von ihnen zu lernen, sie als Bereicherung anzuerkennen, mit ihnen zu teilen und Grenzen zu öffnen. Die Lehren, die das Grundgesetz aus den Verbrechen der Nazi-Diktatur gezogen hat, insbesondere der Schutz für Menschen, die in unserem Land und in Europa Zuflucht und Asyl suchen, sind Aufgaben, die jeder Bürger und jede Bürgerin unseres Landes hat, Aufgaben, denen ich mich als Bürgerin nicht entziehen kann. Und sie sind Aufgaben für mich als Christin, weil ich davon überzeugt bin, dass diese Erde für alle Menschen, so verschieden sie auch sind, geschaffen ist und jeder Christ, jede Christin verantwortlich ist für andere, für ein gelingendes Leben und geschwisterliches Zusammenleben. Intoleranz aber ist da geboten, wo rassistisches Gedankengut und Antisemitismus, wo Zerrbilder und Vorurteile verbreitet werden, wo Menschen ausgegrenzt und eingeschüchtert werden.“

Dem pflichtet ihr Laaspher Kollege Dieter Kuhli bei: „Toleranz verträgt sich nicht mit der Missachtung von Menschenrechten, Antisemitismus und Parolen wie ‚Ausländer raus!’ Neonazistischen und rassistischen Äußerungen müssen wir energisch entgegentreten. Toleranz bedeutet nicht zuletzt: ‚Klarheit aus Nächstenliebe’“, zitiert der Gemeindepfarrer den Rat der Evangelische Kirche in Deutschland, der sich im Mai zum Thema „Rechtsextremismus“ äußerte. Dabei geht der reformierte Theologe allerdings noch einmal detaillierter auf das Themenjahr „Reformation und Toleranz“ ein, hieß das Thema vor vier Jahren doch „Reformation und Bekenntnis“: „Bekenntnis und Toleranz scheinen sich auszuschließen. Toleranz bedeutet die Bereitschaft, unterschiedliche Weltanschauungen und Glaubensrichtungen gewähren zu lassen und unterschiedliche Lebensauffassungen in gleicher Weise als gültig zu respektieren. Der Heidelberger Katechismus, dieses kleine Bekenntnisbuch, das 2013 immerhin 450 Jahre alt wird, erinnert uns in seiner ersten Frage daran, dass Toleranz und Bekenntnis durchaus gut zusammen passen: ‚Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.’ Tolerant - so bezeugt uns der Katechismus - kann nur sein, wer weiß, wohin er gehört. Auf dieser Grundlage bemüht sich der Heidelberger um eine Vermittlung der verschiedenen reformatorischen Richtungen. Seine ökumenische Zielrichtung erscheint mir ausgesprochen modern und hilfreich.“ Wobei Dieter Kuhli ein Detail ganz wichtig ist: Toleranz dürfe nicht mit Abstumpfung verwechselt werden.

Das sieht seine Kollegin Christine Liedtke genauso, sie ist in Schmallenberg Schulpfarrerin: „In der Schule begegnet mir bei der Schülerschaft oft ein ‚Tolerant-Sein’ im Sinne von: ‚Das ist mir gleichgültig, was der Andere denkt, es ist egal, was für abweichende Ansichten der Andere hat, damit befasse ich mich nicht näher, jeder kann doch nach seiner Fasson selig werden.’ Das aber ist Gleichgültigkeit, keine Toleranz. Da gilt es, fein zu unterscheiden.“ Was der Maßstab sein kann, damit sich das tolerante Rosa-Luxemburg-Wort „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ nicht in sein Gegenteil verkehrt, das weiß Schulreferentin Silke van Doorn: „Was aber, wenn der Andersdenkende selbst gar nicht den Andersdenkenden duldet? Dann wäre der Toleranzbegriff nicht mehr statthaft. Denn seine tiefste Begründung findet die Toleranz im Nächstenliebe-Gebot. Steckt in dem anderen Denken selbst die Vernichtung des Andersseins, dürfen wir es nicht dulden zwischen uns. Es muss entlarvt werden, damit es keinen Bestand hat.“ Auch Roland Dornhöfer, der sich in der Jugendarbeit der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Berleburg ehrenamtlich engagiert, erinnert daran, dass es bei Toleranz um Liebe geht: „Jeder von uns will seinen Platz in der Welt finden. Respektiert und akzeptiert werden so wie er ist, und da kommt die Toleranz ins Spiel. Ich bin homosexuell und wusel’ wie viele Andere auch ehrenamtlich in der Gemeinde ’rum, meine persönliche Umsetzung meines Glaubens ist: Gott ist Liebe, also sollten wir seinem Vorbild folgen und anfangen, toleranter unseren Mitmenschen gegenüber zu werden, denn er liebt uns so wie wir sind, wir sollten seinem Vorbild folgen. Denn am Ende geht es doch nur um eines, Liebe an sich in all ihren Farben und Formen.“

Gottesfarben - mit diesem Wort illustriert die Evangelische Kirche in Deutschland das Jahr der Toleranz, zu dem auch Superintendent Stefan Berk als Leitender Theologe seine ganz persönliche Meinung hat: „Toleranz brauche ich täglich in meiner Leitungsaufgabe. Denn unsere Kirche ist eine bunte Gemeinschaft, die davon lebt, dass die Einheit geglaubt wird - und nicht von oben verordnet wird. Das bedeutet nicht, auf eine eigene Meinung zu verzichten. Zu verzichten ist dafür aber umso mehr auf den Anspruch, dass der eigene Standpunkt die Wahrheit sei. Deshalb heißt evangelisch zu sein für mich, tolerant zu sein. Nur so können wir eine Gemeinschaft auf Augenhöhe sein - Kirche eben!“