Jahreslosung 2011

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Römer 12, 21

Das schreibt Mitte des ersten Jahrhunderts Paulus an die Christengemeinde in Rom. Der Römerbrief ist Teil des Neuen Testaments und aus ihm stammt die Jahreslosung für 2011. Die Botschaft ist eindeutig. Aber ist ihr Anspruch nicht so hoch, dass man als Mensch daran nur scheitern kann? Was bedeutet sie heute, knapp 2000 Jahre später?

Mit der Erfahrung, dass erst der kriegerische Einsatz der Alliierten das Wüten des größenwahnsinnigen Diktators Hitlers stoppte, während die beschwichtigende Appeasement-Politik der Westmächte 1938 den Zweiten Weltkrieg bestenfalls hinauszögerte. Mit der Erfahrung, dass freundliche, überforderte, schlecht ausgerüstete Blauhelm-Soldaten rund 8000 Moslems zwischen zwölf und 77 Jahren im Juli 1995 an serbisch-bosnische Soldaten übergaben und damit in den sicheren Tod schickten. Mit der Erfahrung, dass der Ehrliche immer öfter der Dumme ist. Mit der Erfahrung, dass langjährige Mitarbeiterinnen wegen Bagatell-Diebstählen deutlich spürbar verurteilt werden, während gleichzeitig inkompetente Banker, die Milliarden verbrannt haben, von der Allgemeinheit finanzierte Gratifikationen bekommen.

Pfr. Dieter Kuhli

Dieter Kuhli fällt bei der Jahreslosung für 2011 zuerst eine Neujahrspredigt von 2010 ein. Margot Käßmann stellte darin als damalige Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche von Deutschland fest: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Dafür musste sie zum Teil geharnischte Kritik einstecken, heute ist die Sicht auf die Dinge dort insgesamt deutlich kritischer, der Laaspher Pfarrer führt aus: „Inzwischen wird von Tag zu Tag deutlicher: Mit militärischem Einsatz allein wird sich nichts zum Besseren hin entwickeln.“ Gefragt sei deshalb etwas ganz anderes, wie zum Beispiel zivile Aufbauprogramme. Und dann schlägt bei Dieter Kuhli noch einmal der Pfarrer durch, indem er ein Wort benutzt, das nicht auf Anhieb leicht zu verstehen, aber dennoch sehr schön ist. Gebraucht werde letztlich wohl „eine intelligente Entfeindungsliebe“.

Pfr. Johannes Weissinger

Auch der Laaspher Kurseelsorger Johannes Weissinger denkt an die Neujahrspredigt und ruft der Welt zu: „Lasst es endlich, mit Gewalt die bösen Taliban durch die gute NATO besiegen zu wollen.“ Die Sache mit dem Gut und Böse hat für ihn sowieso einen Haken. Normalerweise findet der Mensch das, was er selbst tut, eher gut und das was der andere tut, leichter schlecht. Eine objektive Wahrnehmung gibt es nicht, eine Durchsetzung mit Gewalt kommt deshalb für den Pfarrer aus Bad Berleburg nur schwerlich in Frage, wobei das Streben zum Guten ihm dennoch ein Anliegen ist. Dafür zitiert er den liberalen Rabbiner Leo Baeck: „Der Glaube an den Sinn von allem kann nur der Glaube an das Gute sein.“ Das Zusammenleben in der menschlichen Gesellschaft diene auch dazu, „dass wir einander vorm Bösen bewahren und zum Guten führen“.

Pfrn. Silke van Doorn

Aber was ist das Böse eigentlich? Silke van Doorn antwortet als Schulreferentin des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein: „Nichts anderes als die bösen Taten der Menschen. Meine und die der anderen.“ Dabei sei die Sache mit den eigenen Verfehlungen einfacher: „Da habe ich die Möglichkeit, es in die Hand zu nehmen, es wieder aus der Welt zu räumen. Kann Wiedergutmachung geben, kann mich entschuldigen, auf den anderen zugehen. Ich muss nicht im Bösen bleiben.“ Wenn das Fehlen eines Anderen mir Schaden zugefügt habe, sei das komplizierter, weil die Sache mutmaßlich nicht mehr in der eigenen Hand liege. Genau da greift für Silke van Doorn die Jahreslosung: „Den ersten Schritt auf jemanden zuzugehen, von dem man tief verletzt wurde, befreit auch mich selbst aus dem Kreislauf von Hass und Gewalt. Das allerdings ist die schwere Zumutung, die mir die Jahreslosung mit auf den Weg gibt. Es ist aber der Weg, der mich selbst von dem Bösen befreit.“

Pfr. Jürgen Rademacher

Wobei der Esloher Pfarrer Jürgen Rademacher mahnt: „Das Böse wird bleiben. Es wird nachwachsen - immer. Ich werde auch daran scheitern - immer wieder. Doch es liegt in meiner Entscheidung, welchen Raum ich dem Bösen einräume in meinen Gedanken und meinem Verhalten.“ Wichtig sei, die Bereitschaft zum Guten, die in jedermanns Verfügung bleibe. Mit dieser inneren Haltung könne man sich auf den Weg des Guten machen, auf den Weg, den Gott segne: „Selig sind die Friedfertigen.“

Pfrn. Claudia Latzel-Binder

Als spannender werden allerdings Krimis empfunden, deshalb erinnert sich Berleburgs Pfarrerin Claudia Latzel-Binder bei der Jahreslosung an einen 08/14-Gottesdienst mit dem Thema „Tatort“. Der all-sonntägliche Quotenkönig im Fernsehen begeistere seine Zuschauer auf dem Sofa womöglich auch, weil nach anderthalb Stunden stets der Böse dingfest gemacht und die Welt gerettet sei. Außerhalb vom Fernseher sei es nicht so einfach, dort existiere das Böse ja weiter. „Wenn Gott es aber in Jesus Christus besiegt, überwunden, versöhnt hat, bleibt gerade deswegen für uns nicht die Sofa-Position. Im Wissen um die eigene Erlösung und die Versöhnung Gottes in Jesus Christus mit dieser Welt sind wir mit hinein genommen in seinen Versöhnungswillen.“ Damit seien die Christen sozusagen als Gottes SOKO auf den heimischen Straßen unterwegs: „Dabei sind wir keine Super-Helden, aber verantwortlich für diese Welt.“

Silke Grübener

Und mit der SOKO-Dienstanweisung aus der Jahreslosung hat sich auch Silke Grübener, Mitarbeiterin der Kirchenkreis-Verwaltung, beschäftigt: „Wir haben uns mit einem Kreis von Jugendmitarbeitern Gedanken zur Jahreslosung gemacht. Um den Hintergrund zu verstehen, haben wir auch den Text gelesen, der dieser voran steht.“ Beeindruckt hätten sie im zwölften Kapitel des Römerbriefs die klaren Anweisungen, wie das Leben in einer Gemeinde funktionieren könne, wie jeder Einzelne anhand einiger Regeln zum Gelingen beitragen könne: „Ich glaube, wenn man diese Punkte ganz im Kleinen versucht, umzusetzen, kann man etwas davon erfahren, was die Jahreslosung meint.“

Thomas Lindner

Konkreter wird es bei Thomas Lindner, der pädagogischen Fachkraft im Kompetenzzentrum für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit beim Kirchenkreis: „In meiner alten Arbeitsstelle gab es einen Menschen, der mir meine Arbeit sehr schwer machte, mir Knüppel zwischen die Beine warf und mich schikanierte, wo es ging. Das Problem, er war der Vorsitzende eines CVJM. Es war wirklich schlimm. Dann habe ich angefangen für ihn zu beten, für seine Arbeit und den Segen Gottes. Wir wurden nie Freunde, aber ich lernte damit umzugehen und meine negativen Gefühle ihm gegenüber abzubauen.“

Christiane Petri

Aber die Umsetzung der Jahreslosung ist dennoch gar nicht so leicht, vielleicht insbesondere in der Jugend, wie sich Christiane Petri von der Superintendentur des Kirchenkreises erinnert: „In der Jahreslosung spiegelt sich das Lebensmotto meiner Eltern wider. Als Jugendliche habe ich dagegen rebelliert. Warum dem anderen auch noch die rechte Wange hinhalten, wenn er mich auf die linke schlägt? Ich lass’ mir nix gefallen und haue zurück.“ Erst sehr viel später habe sie die Worte, die ihr der Vater ins Poesie-Album geschrieben hatte, für sich als Lebensweisheit akzeptieren können: „Habe immer Gutes im Herzen und halte Dich für zu gut, etwas Böses zu tun.“ Auch wenn das Böse in der Welt sei, so könne man dagegen doch nur protestieren, indem man ihm etwas anderes entgegensetze: „Frieden statt Streit, Liebe statt Hass, Verständnis statt Verurteilen.“

Pfrn. Elisabeth Grube

Auch Elisabeth Grube führt die Jahreslosung zurück in der Zeit. Die Seelsorgerin im Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft erinnert sich an eine Frau, die sie in einer früheren Stelle – auch als Krankenhausseelsorgerin -kennenlernte. Bei der Kranken war ein bösartiger, nicht mehr zu operierender Tumor diagnostiziert worden. Allein eine Frage trieb die Frau um: „Warum trifft es gerade mich?“ Bis die Patientin sich veränderte. Der Verwunderung von Elisabeth Grube begegnete die Frau damals mit folgender Erklärung. Sie habe erkannt, dass sie um die falsche Frage gekreist sei, die richtige laute: „Warum sollte es mich nicht auch treffen?“ Obwohl sie immer noch traurig und wütend sei, erkenne sie nun: „In meinem Leben gibt es soviel Gutes. Gerade jetzt spüre ich das ganz deutlich. Meine Familie, meine Freundinnen, alle kümmern sich so liebevoll um mich. Und wenn ich das anschaue, das Gute, dann kommt Dankbarkeit. Und eigentümlicherweise Frieden.“

Pfr. Dr. Dirk Spornhauer

Die Wege zum Frieden sind mannigfaltig, aber einer der neuen, beliebten Wegweiser ist mit Sicherheit falsch. Davor warnt auch Dr. Dirk Spornhauer: „Mit dem berühmten ‚Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht’ können wir nur eines: Gemeinsam scheitern.“ In Bezug auf die Jahreslosung hofft der Raumländer Pfarrer: „Vielleicht kann uns dieser Appell des Paulus ja im kommenden Jahr zumindest helfen, in unseren jeweiligen kleinen und großen Entscheidungen nicht nur uns selbst zu sehen, sondern auch die Menschen in unserer Umgebung.“ Schließlich ständen wichtige Entscheidungen an: „Wir stehen vor großen Herausforderungen in unserer Gesellschaft, in der die Alten in absehbarer Zeit die Mehrheit bilden, in der wir angesichts unserer Umweltprobleme merken, dass wir die Natur brauchen, die Natur uns aber nicht, und in der wir immer stärker realisieren, dass wir unseren Lebensstandard nur halten können durch die Ausbeutung der anderen Menschen auf unserem Planeten.“

Pfr. Dr. Ralf Kötter

Auf die Kraft der Jahreslosung setzt auch der Pfarrer der Lukas-Gemeinde. Dr. Ralf Kötter aus Elsoff betont die Chancen: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem - für mich verwandelt dieser Satz unsere Wirklichkeitswahrnehmung. Viele Zeitgenossen klagen und trauern über die Herausforderungen der Gegenwart und werden darin starr und unbeweglich, ja nahezu wunschlos unglücklich. Aber wir sind mit dieser Jahreslosung dazu ermutigt, uns nicht still und ergeben abzufinden mit dem vermeintlich Unabänderlichen, sondern wir dürfen selbst aktiv werden und unseren Weg kreativ und engagiert gestalten. Gerade Zeiten, die oft mit Begriffen wie ‚Verfall’ oder ‚Krise’ beschrieben werden, verwandeln sich so zu wunderbaren Gelegenheiten, Neues wachsen zu lassen. Eine Krise ist nicht per se schlecht, sondern sie beinhaltet immer die großartige Chance für einen neuen Beginn, für einen lebendigen Aufbruch.“

Das lesen die unterschiedlichsten Menschen vom Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein in der Jahreslosung. Und Sie?