Jahreslosung 2012

Jesus Christus spricht:
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ 2. Korinther 12, 9

„Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ – das schreibt vor rund 2000 Jahren Paulus an die Christengemeinde in Korinth. Diese Verheißung ist die Jahreslosung für 2012.

Das schreibt Mitte des ersten Jahrhunderts Paulus an die Christengemeinde in Korinth. Der zweite Brief an die Korinther ist Teil des Neuen Testaments und aus ihm stammt die Jahreslosung für 2012. Die Botschaft ist eindeutig. Aber werden die Probleme der Welt nicht jeden Tag größer, fühlt man sich angesichts von Euro-Krise, wenig Kompromissbereitschaft fürs weltweite Klima und des schwierigen globalen Ringens um Demokratie alles andere als mächtig, sondern vielmehr jeden Tag ein bisschen ohnmächtiger? Welche Botschaft bringt uns die Losung heute, knapp 2000 Jahre nachdem sie geschrieben wurde?

Gerade in Zeiten, in denen Stärke und Macht vielen Menschen als allesentscheidender Selbstzweck schienen und die Schwächen Anderer im Kleinen wie im Großen oft zum eigenen Vorteil ausgenutzt würden, freut sich Wittgensteins Superintendent Stefan Berk über diesen biblischen Gegenentwurf zur real existierenden Gegenwart: „Gott kennt ein anderes Wertesystem und bietet es als lebenswert an: Da, wo sich Macht freiwillig zurücknimmt, wo eigene Stärke zuerst dem anderen zugute kommt, wo Leben von Ausgleich und Miteinander bestimmt ist, wird Wachstum möglich. Da findet die Gemeinschaft neue Kraft und Menschen atmen auf. Letztlich steht hinter dem provokanten Satz von Paulus die Erfahrung, dass ich mir mein Leben nicht selbst verdanke. Ich lebe aus Gottes Energie, und wo ich mir das bewusst mache, werde ich schwach für seine Liebe zu mir. Daraus entsteht Sanftmut genauso wie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit genauso wie Frieden. Daraus entsteht Zukunft.“

Die Zukunft der Gesellschaft, das sind auch immer die Kinder. Sabine Dreisbach ist die Leiterin des evangelischen Kindergartens an der Martin-Luther-Straße in Erndtebrück. Für sie ist die Jahreslosung sehr gut kompatibel mit der Kindergarten-Arbeit, denn natürlich würden die Mädchen und Jungen hier für ihren weiteren Lebensweg gestärkt. Aber ihr und ihren Kolleginnen sei darüberhinaus noch etwas ganz anderes wichtig. Sie vermittelten den Kleinen, dass man nicht immer den starken Mann spielen müsse, dass man auch ruhig mal schwach sein dürfe. Und da sie auch ein behindertes Kind in der Einrichtung hätten, könnten die Kinder im echten Leben lernen, dass derjenige bestimmte Sachen zwar nicht könne, andere Dinge aber schon - und außerdem könne er ganz stark sein.

Von ganz ähnlichen Erfahrungen mit unterschiedlichen Gaben spricht Christina Kötter, die seit Schuljahresbeginn in der Übermittagbetreuung der Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und Elsofftal arbeitet: „Es gibt Kinder, die nur recht unkonzentriert ihre Hausaufgaben bewältigen können. Aber gerade die sind es, die den anderen mit schönster Stimme Lieder aus dem Kindergottesdienst beibringen, die toll vorlesen und biblische Geschichten nacherzählen. Es gibt Kinder, die aufblühen, wenn sie mittwochs bei der Betreuung alter Menschen mithelfen dürfen und merken, dass sie das richtig gut können. Und dann denk ich mir, dass alle diese Dinge nicht einfach so von allein passieren, sondern, dass da eine besondere Kraft wirkt. Das muss die Kraft sein, von der Jesus Christus spricht.“ Kinder und oft auch Jugendliche sind naturgemäß schwächer als die Großen, aber unter ihnen gibt es dann zudem junge Menschen, deren Start ins Leben noch mal schwerer war.

Egal, ob Missbrauchsopfer oder anders traumatisiert, die Geschichten der Kinder im Martinswerk sind unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen ihr neues Zuhause in Dorlar. Etwa 200 Mitarbeitende betreuen hier über 200 Kinder, Jugendliche und junge Volljährige in 23 Wohngruppen und anderen Betreuungsformen. Wenn das Martinswerk auch im Schmallenberger Sauerland liegt, so gibt es doch enge Verbindungen zu Wittgenstein. Als Superintendent sitzt Stefan Berk im Vorstand des eingetragenen Vereins „Martinswerk“. Gegründet wurde es vor knapp 80 Jahren von Pfarrer Friedel Birker, der eine wichtige Rolle bei der bisher letzten, kompletten Gemeinde-Neugründung des Kirchenkreises Wittgenstein 1947 in Dorlar spielte. Als Leiter Pädagogik im Geschäftsführenden Vorstand des Martinswerks sieht Ulrich Vogelheim heute in der Jahreslosung nicht nur die ermutigende Botschaft, sondern darüberhinaus den Auftrag: „Da sich das Martinswerk sehr praktisch mit der Frage von Macht und insbesondere Ohnmacht auseinandersetzen muss, kann unsere Einlassung auf die Jahreslosung 2012 nur so lauten: Wenn dies Wort zur Macht der Schwachen werden soll, dann müssen sozial verantwortliche Christen es in ihnen mächtig werden lassen; ansonsten verkommt es zum wohlfeilen Trost.“

Einige Jugendliche aus dem Martinswerk nehmen inzwischen gern Angebote an, die vom Kompetenzzentrum für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit im Kirchenkreises Wittgenstein mitorganisiert werden: etwa die HSK-Jugendbibelwoche oder das Einsteiger-Seminar. Auch die theologische Fachkraft im Kompetenzzentrum hört einen Auftrag in der Jahreslosung. Pfarrerin Kerstin Grünert hat sich 2011 im Kirchenkreis um die Ausgestaltung des Jahrs der Taufe gekümmert: „Das Jahr geht zu Ende. Aber am Ende der Taufe sind wir noch lange nicht angekommen, denn die Jahreslosung fürs kommende Jahr gibt uns eine Fortsetzung auf: ‚Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig’ - so formuliert Paulus die Zusage Jesu, die uns alle angehen soll. Und somit kann auch das Jahr 2012 zum Jahr der Taufe - gewissermaßen Teil 2 - werden.“

Miriam Hüster aus Elsoff absolviert seit Sommer ein Jahrespraktikum im Kompetenzzentrum. Die 17-jährige hört in erster Linie die Ermutigung im Satz: „Für mich bedeutet die Jahreslosung, dass Jesus vor allem den Schwachen Kraft gibt.“ Allein das Wissen um Jesus gebe Kraft, denn so könne man gewiss sein: „Da ist jemand, der passt auf mich auf, macht mich stark“. Gerade in schweren Zeiten, in denen man glaube, dass niemand mehr da wäre.

Etwas älter, aber auch ein ganz aktiver Ehrenamtlicher in der kirchlichen Jugendarbeit ist Jörn Dickel. Dem 25-Jährigen, der als Jugenddelegierter jüngster Stimmberechtigter bei Kirchenkreis-Synoden ist, ist die Jahreslosung eine konkrete Hilfe: „Auch im kommenden Jahr müssen wir wieder viele Entscheidungen treffen. Jugendliche müssen sich entscheiden, wie es nach der Schule weitergeht, welcher Beruf ist passend für mich, was ist das beste Studium für mich oder welche Leistungskurse bringen mich weiter. Eine Entscheidung braucht nicht nur Zeit, sondern auch Kraft. Mit der Jahreslosung 2012 spricht uns Jesus diese Kraft zu, weil er uns dabei hilft und uns in die richtige Richtung lenkt.“ Als Young Ambassador hat der Raumländer einst selbst eine kreiskirchliche Verbindung mit dem Ausland erlebt und die USA besucht.

Oliver Lehnsdorf hat die synodale Beauftragung für die Partnerschaftsarbeit des Kirchenkreises inne. Der Oberndorfer Pfarrer sieht deshalb den globalen Ansatz: Die Jahreslosung mache klar, dass wir genau wie die ganze Welt und damit auch die Brüder und Schwestern im Partnerkreis Ngerengere in Gottes Hand lägen, was die Afrikaner oftmals sehr stark verinnerlicht hätten: „Trotz der Armut dort, erlebe ich bei unseren tansanischen Partnern einen großen Reichtum. Sie sind sehr reich durch ihre Gastfreundlichkeit, ihre Herzlichkeit, ihren Glauben und ihre Hoffnung." Dabei spielt auch die lebhafte afrikanische Musik eine Rolle.

Wittgensteins Diakonie-Pfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert erinnert sich an eine heimische Geschichte mit Musik: „Zu Ende des letzten Winters sitze ich mit einer Gruppe chronisch Kranker, Pflegebedürftiger zusammen. Wir singen den Frühling herbei, suchen uns die Lieder zusammen. Es herrscht eine fröhliche, kraftvolle Stimmung - die Winterstarre ist wie weg geblasen. Diese Kraft ist nicht zu kaufen, sie wirkt einfach. Und sie wird verstärkt, wenn ich aus dem Vertrauen in Gott lebe, mich durch Gottes Geist leiten lasse. Und sie wirkt gerade bei denen, die nicht durch ihr Machtstreben und Kontrollbedürfnis für alle andere Kraft blockiert sind.“ Die Jahreslosung sei ein Kontrapunkt zu einer Gesellschaft, in der alle möglichst jung, gesund, wohlhabend und einflussreich sein wollten: „Dagegen steht das Pauluswort: Gottes Kraft ist mächtig gerade in den Anderen, in den Schwachen. Das ermutigt zum Ich-Sein, so zu sein, wie wir sind, wie wir gewollt, gemeint sind. Wir brauchen nicht besondere Leistungen zu bringen, um von Gott angenommen zu werden. Seine Kraft wirkt in uns, wenn wir das ins Leben einbringen, was wir bekommen haben, unsere je eigenen Fähigkeiten.“

Für die Berleburger Presbyterin Edith Aderhold gehört die Jahreslosung zu ihren biblischen Lieblingsversen - auch für ihre Arbeit im Haus am Sähling, wo die Wemlighäuserin die Hausleitung innehat: „Persönlich erlebte ich von Jugend an Phasen, in denen ich mich durch körperliche Beeinträchtigungen schwach und unvermögend fühlte. Da war mir dieser Vers großer Trost und Ermutigung. Überhaupt fühle ich mich Paulus sehr verbunden, der ja auch zeitlebens körperlich beeinträchtigt war und diesen Vers als persönliche Hilfe erhielt. Bei der Arbeit ist es so, dass ich versuche, diesen Trost und diese Ermutigung an die Bewohnerinnen und Bewohner weiter zu geben. Sie leiden darunter, nichts mehr leisten zu können, leiden unter gesundheitlichen Einschränkungen und der Tatsache, dass sie viele Dinge aus der Hand geben müssen. Ihnen zu sagen, dass Gott gerade für ihre Situation eine verheißungsvolle Zusage macht, dass es eigentlich notwendig ist, schwach zu sein, um Gottes Beistand besonders zu erfahren, das finde ich sehr verheißungsvoll und aufbauend.“

Wenn ihr langjähriger Presbyteriums-Kollege Hans Gerhard Tuschhoff auf sein mittlerweile 75-jähriges Leben mit viel ehrenamtlichem Engagement zurückblickt, wundert er sich über die Energie, die er über die Jahrzehnte hinweg stets einbringen konnte: „Mein zurückhaltendes, leider oft banges Wesen ist eigentlich zu schwach dazu.“ Deshalb kann der ehemalige Verwaltungsleiter des Kirchenkreises Wittgenstein, wenn er eins und eins zusammenrechnet, in Bezug auf die Jahreslosung versichern: „Dankbar habe ich in meinem Leben erfahren, dass es wirklich so ist: Gottes Wort stimmt!“ Dabei ermutigt ihn die Zusage auch für einen ehrenamtlichen Posten. Genauer gesagt: „für meinen Vorstands-Job im Verein für Soziale Dienste und Arbeit im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein, wo es ja um Menschen geht, denen aus gesellschaftlich geschwächten Umständen herauszuhelfen ist“.

Mit 75 Jahren kann man kein Presbyter mehr sein, deshalb wird Hans Gerhard Tuschhoff bei der nächsten Wahl nicht mehr antreten, sein Leben wird sich ändern, genau wie das von Annette Kurschus. Die Siegener Superintendentin wird im März in ihr Amt als Präses der Evangelischen Kirche eingeführt, deshalb zum Schluss noch ihre Gedanken zur Jahreslosung: „Erwartungen sind auf mich gerichtet, so viel erwarte ich von mir selbst, ich werde es unmöglich immer gut und allen recht machen können - und hier sagt einer: Du bist nicht auf dich allein gestellt; du musst nicht alles mit deinen begrenzten Möglichkeiten schaffen; was wird, hängt nicht nur von deinem Vermögen ab. Die Verheißung Gottes, dass er meinem Unvermögen mit seiner Kraft aufhelfen wird, stärkt und beflügelt mich. Ohne das Vertrauen auf diese Verheißung hätte ich nie gewagt, mich den großen Herausforderungen meines neuen Amtes zu stellen.“

Und die gute Nachricht dazu: Die Jahreslosung gilt nicht nur für angehende Chefinnen der Westfälischen Landeskirche, sondern für jeden Menschen, der diesen Satz für sich in Anspruch nehmen möchte.