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08.02.2018
Von: Jens Gesper

„Domestizierung oder Emanzipation?“

Erkenntnis bei Vortrag in Erndtebrück: Beide Punkte müssen einander nicht ausschließen


Prof. Dr. Ute Gause von der Ruhr-Universität Bochum hielt unter der Überschrift „Domestizierung oder Emanzipation? Frauen der Reformation und ihre Lebenswelten“ einen gut verständlichen sowie gleichermaßen erhellenden wie einleuchtenden Vortrag in der Evangelischen Kirche Erndtebrück.

„Domestizierung oder Emanzipation? Frauen der Reformation und ihre Lebenswelten“, das stand jetzt interessanterweise an Weiberfastnacht über einem Vortrag im Rahmen der Ausstellung „Die weibliche Seite der Reformation“ in der Evangelischen Kirche Erndtebrück. Und die knapp 20 Zuhörer, die sich durch den sehr akademischen Titel nicht von einem Besuch abschrecken ließen, erhielten einen sehr handfesten und sehr gut fundierten Einblick in die Lebenswelten der Frauen zu Beginn der Reformation, also im 16. Jahrhundert. Prof. Dr. Ute Gause, Lehrstuhl-Inhaberin für Kirchengeschichte im Bereich der Reformationsgeschichte und Neueren Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum hatte sich eigentlich nach vielen Auftritten im Rahmen des Reformations-Jubiläums im vergangenen Jahr zum Thema vorgenommen, diesen Vortrag nicht mehr zu halten, sondern lediglich noch zu veröffentlichen. Für den Kirchenkreis Wittgenstein machte sie jetzt nochmal eine Ausnahme, kannte sie das Gebiet doch, auch weil sie bis 2007 über zehn Jahre lang Professorin für Kirchen- und Theologiegeschichte und Fachdidaktik an der Siegener Universität war. So folgte Ute Gause gern der Einladung von Silke van Doorn, Schulreferentin der Kirchenkreise Wittgenstein und Siegen, die sie ebenfalls kannte.

Die Referentin brachte die Zuhörerschaft, zu 75 Prozent weiblich, zunächst mal mit auf den aktuellen Forschungsstand: „Hatte sich in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zunächst die These verbreitet, dass Frauen aller Jahrhunderte als Unterdrückte und Opfer anzusehen seien, und dass dieses universal gelte, auch für die in den Ehestand gezwungenen Frauen des 16. Jahrhunderts, ist die heutige Forschung deutlich differenzierter.“ All das habe zum Beispiel auch immer mit dem gesellschaftlichen Stand der Frauen zu tun gehabt, konkret in Bezug auf den Protestantismus führte sie aus: „Die Forschungen der letzten beiden Jahrzehnte zeigen mindestens, dass evangelische Frauen durch die Jahrhunderte hindurch gestaltend und literarisch beziehungsweise theologisch hervorgetreten sind.“ Dabei war Ute Gause jedoch als Allererstes etwas Grundsätzliches wichtig: Durch die Reformation wurde die Ehe generell aufgewertet, auch durch die Tatsache, dass protestantische Pfarrer nicht nur heiraten durften, sondern eigentlich heiraten sollten. Zweiter wichtiger Punkt für den Hinterkopf, Auswirkungen gab es für Frauen und Männer: „Durchgehend sind beide Geschlechter durch die Veränderungen, die die Reformation auslöste, betroffen.“

In ihren gut verständlichen Ausführungen, gleichermaßen erhellend wie einleuchtend, gab Ute Gause zudem Beispiele für Frauen, die selbst mit theologischen Flugschriften, Briefen, Liedern und Gebeten an der Etablierung der Reformation mitgewirkt haben oder als Herrscherinnen auf Territorien im Übergang zum Protestantismus die dortige Religionspolitik gestalteten. Einige der genannten Namen fanden sich auch auf den Schautafeln der Ausstellung wieder, die noch bis zum Weltgebetstag Anfang März in der Erndtebrücker Kirche einen Blick auf die weiblichen Aspekte der Reformation wirft. Entlang stringenter Argumentationslinien stand am Ende des Vortrags für Ute Gause fest: „Domestizierung - das heißt: Festhalten an der Norm der Ehe und der durch die Bibel festgeschriebenen Unterordnung unter den Ehemann - musste Emanzipation nicht ausschließen: Die reichsrechtlichen und politischen Unsicherheiten während der Zeit der Konfessionalisierung, die Propagierung des Priestertums aller Gläubigen beziehungsweise aller Getauften sowie der Ruf ‚ad fontes‘ - und damit zu einer eigenen Auslegung der Bibel - führten dazu, dass Frauen sich für die Reformation einsetzten, politisch, seelsorgerlich, dichtend und somit aktiv für sie eintretend.“

Damit ging dieser Vortrag zu Ende. Aber das Schulreferat des Wittgensteiner und Siegener Kirchenkreises lädt nochmal in die Erndtebrücker Ausstellung ein. Am Donnerstag, 15. Februar, findet in der Evangelischen Kirche von 16 bis 18 Uhr ein Seminar mit Michelle Buchner statt: „Elisabeth von Hessen - die Reformation verändert den Alltag.“ Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Mitarbeitende aus allen Gemeindegruppen, die sich mit jener Elisabeth von Hessen beschäftigen wollen, sowie alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Nach einem Vortrag gibt es in einem zweiten Teil Arbeitsmaterialien wie Briefe von und einen Radio-Beitrag über die historische Gestalt der Elisabeth von Hessen, die in ihrer sehr selbstständigen Witwenschaft Elisabeth von Rochlitz genannt wurde.

Wer kommen möchte, meldet sich im Wittgensteiner Schulreferat bei Reinhard Stolz unter reinhard.stolz(at)kk-wi.de an, vor dem Seminar gibt es ab 15.30 Uhr die Möglichkeit zum Rundgang durch die Ausstellung.

Hier gibt es das Ausstellungs-Faltblatt,
hier gibt es mehr Fotos.