„Die Jesus-Geschichte - neu erzählt“ (13. August 2014)

  • Im zweiten Jahr in Folge hatte die Pfarrerin Elisabeth Grube Prof. Dr. Hubertus Halbfas für einen Vortrag in der Evangelischen Auferstehungskirche Gleidorf gewinnen können. Wieder war das Gotteshaus proppenvoll.
  • Nach dem Vortrag von Dr. Hubertus Halbfas gab es in der Evangelischen Auferstehungskirche Gleidorf die Möglichkeit zum Gespräch mit dem emeritierten Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik.

So voll sei die Kirche sonst eigentlich nur zu Heiligabend, freute sich Pfarrerin Elisabeth Grube am Mittwochabend in der Evangelischen Auferstehungskirche Gleidorf. Aber der Zusammenhang „Weihnachten“ passte ja auch durchaus zur Veranstaltung, schließlich lautete das Thema: „Die Jesusgeschichte - neu erzählt“. Referent bei dieser Veranstaltung im Spirituellen Sommer war Dr. Hubertus Halbfas. Der inzwischen 82-Jährige arbeitete als Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik und hat sowohl der katholischen als auch der evangelischen Religionspädagogik über Jahrzehnte wichtige Impulse gegeben.

In der proppenvollen Gleidorfer Kirche, sogar die Treppe diente als Sitzplatz, begann der Referent seinen knapp einstündigen Vortrag mit der Einschränkung, dass er in diesem Rahmen nur einen kleinen Ausschnitt der Jesus-Geschichte beleuchten könne. Leitfaden für den Vortrag war sein im November veröffentlichtes Buch „Die Bibel. Für kluge Kinder und ihre Eltern“, Richtschnur war dem bibelfesten Katholiken das Buch der Bücher selbst. Wobei der belesene Referent seinen Zuhörer in ein unendliches Universum von Geschichte und Geschichten mitnahm.

Vorneweg erzählte er die bewegende Kurzgeschichte „Das Judenkind“ von Clara Asscher-Pinkhof, in der es um einen holländischen Jungen geht, der während der deutschen Besetzung auf keinen Fall als Jude erkannt werden möchte und deshalb auf die Frage nach seinem Vornamen mit „Jesus“ antwortet. Weil er nicht genau weiß, ob sein Name „Jopie“ ihn nicht als Jude verraten würde, und deshalb den mutmaßlich am wenigsten jüdischsten Namen wählt.

Außerdem sprach Hubertus Halbfas von Joseph Klausner, der 1921 als erster Jude ein Buch über Jesus von Nazareth veröffentlicht habe. Für seine darin vertretene Einschätzung, dass Jesus ein jüdischer Reformer gewesen und als überzeugter Jude gestorben sei, sei er von christlicher und von jüdischer Seite scharf angegriffen worden.

Auf diesem Fundament nahm der Referent seine Zuhörer mit ins Galiläa vor 2000 Jahren. Hubertus Halbfas zeichnete die damaligen Realitäten nach: Handwerker - wie der Zimmermann Josef und deshalb auch mutmaßlich sein Zieh-Sohn Jesus - standen deutlich unter den Bauern. Großfamilien waren in einer traditionell zementierten Rangfolge und als strikt geschlossener Kreis organisiert. Die damit verbundene Hierarchie der festgefügten Familie stellte Jesu im Kreise seiner Anhänger in Frage, nachzulesen in Markus 3: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Und von dieser Geschichte war es nicht weiter zu offenen Tischgemeinschaften, die Hubertus Halbfas dann ins Zentrum seiner Betrachtungen stellte. In seinem Gleichnis vom Abendmahl erzählt Jesus bei Lukas die Geschichte von einem Mann, der zu einem Festessen viele angemessene Gäste einlädt, die unter fadenscheinigen Gründen absagen: „Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.“ Und: „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“

Nicht Wohltätigkeit, sondern Tischgemeinschaft habe Jesus gefordert, so Hubertus Halbfas. Dabei unterstrich er, dass das „Reich Gottes“ nicht mit dem Jenseits verwechselt werden solle, vielmehr gehe es Jesus bei diesem Begriff um eine Lebensweise im Hier und Jetzt des Diesseits. Dabei solle niemand ausgeschlossen werden. Dieses Reich-Gottes-Programm von Menschlichkeit, Solidarität und Barmherzigkeit könnten alle Menschen akzeptieren - und sie müssten dabei nicht mal aufhören, Muslime, Buddhisten oder auch Atheisten zu sein.

„Danke für das Zentrieren auf den Kern ohne Unterschiede zwischen Konfessionen, Religionen, Kulturen zu machen “ richtete Elisabeth Grube das Wort an Hubertus Halbfas. Kurz und bündig brachte die Pfarrerin es auf den Punkt: „Es geht um Menschlichkeit.“ Und für Hubertus Halbfas stand am Ende fest: „Jesu Evangelium ist radikal, aber unendlich einfach.“ Genau damit ermutigte er seine Zuhörer zum Bibel-Lesen.