Vorträge „200 Jahre Kirchenkreis Wittgenstein“

Der Kirchenkreis feiert dieses Jahr mit seinen Gemeinden in Wittgenstein und Hochsauerland sein 200-jähriges Bestehen. Aus dem Anlass gibt es im Juni und im Juli eine Vortragsreihe.

Am Montag, 4. Juni, beginnt eine Reihe von vier Begleitveranstaltungen zu der Ausstellung aus Anlass des 200-jährigen Bestehens des Wittgensteiner Kirchenkreises, die inzwischen aus dem Abenteuerdorf Wittgenstein ins Berleburger Haus der Kirche, Schloßstraße 25, umgezogen ist. Ab 19 Uhr spricht Dr. Jens Murken unter der Überschrift „Die neue Diöcesan-Eintheilung wird hiemit zur öffentlichen Kenntniß gebracht“ in Ergänzung zum Vortrag von Dr. Johannes Burkardt in Wemlighausen allgemeiner über die Gründung und Geschichte der evangelischen Kirchenkreise in Westfalen von 1818 bis 2018.

Jens Murken ist Historiker im Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen. Bekannt ist er für „Die evangelischen Gemeinden in Westfalen. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart“. Dr. Ulf Lückel, Schriftleiter des Wittgensteiner Heimatvereins, rezensierte in der jüngsten Zeitschrift „Wittgenstein“ Murkens Mammutwerk euphorisch: „Endlich, so möchte man erfreut ausrufen, gibt es eine Fortsetzung des ‚Gemeindebuchs Westfalen‘. Dieser Band II gehört auf jeden Fall in jede wissenschaftlich aufgestellte Bibliothek - und alle, die sich mit der Kirchenhistorie Westfalens beschäftigen, werden die akribische Arbeit Murkens schätzen lernen - eine klare Empfehlung für alle Interessierten und es bleibt zu hoffen, dass wir auf Band III nicht wieder so lange warten müssen.“

Wer Jens Murken persönlich in die gleiche Richtung ermutigen möchte, hat am Montag, 4. Juni, im Berleburger Haus der Kirche die Gelegenheit dazu.

Um „Pfarrer Friedel Birker und das Martinswerk in Dorlar“ geht es bei einem Vortrag am 11. juni zum 200-jährigen Bestehen des Wittgensteiner Kirchenkreises im Berleburger Haus der Kirche.

Am Montag, 11. Juni, wird ab 19 Uhr noch einmal sehr deutlich, dass der Kirchenkreis zwar Wittgenstein heißt, aber schon sehr früh über die Wittgensteiner Grenzen hinaus ins katholische Hochsauerland blickte. Das Thema an diesem Abend lautet nämlich „Pfarrer Friedel Birker und das Martinswerk in Dorlar“. Rolf Hufnagel spricht als ehemaliger Lehrer und früherer Presbyter der Evangelischen Kirchengemeinde Dorlar über diese traditionsreiche Jugendhilfe-Einrichtung in dem heutigen Schmallenberger Ortsteil.

Der Martinshof und damit auch Dorlar ist vielen Wittgensteinern auch heute noch ein Begriff, weil es hier in vielen Kirchengemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg und an manchen Orten bis in die Gegenwart immer wieder solidarische Aktionen für das Jugendheim gegeben hat: Kartoffel-Sammlungen oder auch vorösterliche Eier- und Spenden-Sammlungen. Untrennbar mit dem Martinswerk ist Friedel Birker verbunden, evangelischer Christ zum Teil in der Sauerländer Diaspora aufgewachsen, der nach seinem in Siegen abgelegten Abitur Theologie studierte, schon als 25-Jähriger 1932 auf seinem elterlichen Mühlenhof in Dorlar ein Jugendheim eröffnete, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg die Gründung der Dorlarer Kirchengemeinde vorantrieb, deren Kirche im Ort auf seinem Grund und Boden ihm privat gehörte.

Friedel Birker war eine schillernde Persönlichkeit, die Rolf Hufnagel den Zuhören in einem Vortrag mit vielen Fotos näherbringt. Alle Interessierten sind herzlich nach Bad Berleburg eingeladen.

„Nie zuvor und niemals wieder danach erlangte das Wittgensteiner Land solch eine geistliche und geistige Blüte wie in dem goldenen halben Jahrhundert unter der Regentschaft des Grafen Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1687 - 1741) und seiner Mutter Gräfin Hedwig Sophie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1669 - 1738).“ Das Foto zeigt Graf Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg.

„Das pietistische Wittgenstein?!“ - unter dieser Überschrift begibt sich der aus Girkhausen stammende Dr. Ulf Lückel am Montag, 18. Juni, ab 19 Uhr im Berleburger Haus der Kirche, Schloßstraße 25, mit seinem Text und mit illustrierenden Fotos auf eine Spurensuche zwischen radikalem Pietismus und radikaler Erweckung. Dabei handelt es sich um die dritte Veranstaltung im Rahmen der Vorträge zum 200-jährigen Bestehen des Wittgensteiner Kirchenkreises.

Der Referent betreibt als evangelischer Theologe und Kirchenhistoriker seit mehreren Jahrzehnten intensive Forschungen zum Zeitalter des Pietismus und anderer kirchenhistorischer Themen. Zurzeit ist er Lehrbeauftragter für Evangelischen Theologie sowohl an der Leibniz-Universität Hannover als auch an der Universität Siegen. Ulf Lückel führt zu der Veranstaltung aus: „An diesem Abend wollen wir uns mit der interessanten und diffizilen Geschichte des radikalen Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts in Wittgenstein beschäftigen, der wichtige Spuren auf dem Gebiet des heutigen Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein hinterlassen hat. Nicht zuletzt bildete diese Bewegung in all ihren unterschiedlichen Ausprägungen den Nährboden für die so genannte Erweckungsbewegung, die im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug auch in Wittgenstein entwickelte und das Frömmigkeitsleben vieler Gemeinden nachhaltig prägte und bis heute präsent ist.

Gerade die Wurzeln aus dem radikalpietistischen Gedankengut können wir heute noch in der Erweckungsbewegung gut eruieren.

Dass die beiden tolerant geführten Grafschaften im Norden und Süden Wittgensteins durch ihre besondere Religionspolitik überregionale Bedeutung erlangten, ist hinlänglich bekannt - soll aber noch einmal in diesem Vortrag betont und aufgearbeitet werden.

Gerade auch das Wittgensteiner Alleinstellungsmerkmal, dass bereits im 18. Jahrhundert Hunderte von Religionsflüchtlingen in der Region Aufnahme fanden ist von überregionaler Bedeutung und kann als christlich motivierte Nächstenliebe und diakonisches Handeln verortet werden.

Dass sich darüber hinaus eine blühende Vielfalt von religiösen Determinationen in Wittgenstein eigenständig entwickelte und die religiöse Landkarte mit Neugründungen, die bis heute bestehen (u.a. die Church of the Brethren) bereicherte ist ebenfalls ein Thema dieses Abends.

Die große Bibelneuausgabe, die so bezeichnete ‚Berleburger Bibel (1726 - 1742) ist sicherlich als nachhaltigste Errungenschaft der Pietistenpresse in Berleburg zu bewerten - deren vielfältige Druckerzeugnisse den Namen ‚Berleburg‘ in der Welt bekannt haben werden lassen.

Nie zuvor und niemals wieder danach erlangte das Wittgensteiner Land solch eine geistliche und geistige Blüte wie in dem goldenen halben Jahrhundert unter der Regentschaft des Grafen Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1687 - 1741) und seiner Mutter Gräfin Hedwig Sophie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1669 - 1738).

Dennoch soll unser Blick auch auf das Ende des 19. Jahrhunderts und Begin des 20. Jahrhunderts geschärft werden, als die Erweckungsbewegung in die Region und es zeitweise zu einer neuen geistlichen Blüte kam.“

Der aus Allenbach stammende Dr. Gabriel Isenberg spricht am Sonntag, 1. Juli, ab 19 Uhr in der Katholischen Kirche in Bad Laasphe über die heimische Orgellandschaft und spielt zwischendurch auf der größten Wittgensteiner Orgel. Anlass dafür: 200 Jahre Evangelischer Kirchenkreis Wittgenstein.

„Da der Pfarrer zur Zeit des Orgelbaus auch selbst die Organistentätigkeit ausführen musste, ist der Spieltisch unmittelbar neben dem Altarraum platziert, so dass zwischen Spieltisch und Orgel eine Entfernung von über zehn Metern besteht.“ Was man vielleicht schon immer über die Katholische Kirche St. Petrus und Anna in Bad Laasphe wissen wollte und möglicherweise nicht zu fragen wagte, das beantwortet Dr. Gabriel Isenberg hier: „Ich möchte Ihnen hier all jene Orgeln vorstellen, auf denen ich bisher spielen konnte und durfte“, lautet dort sein erster Satz nach dem Willkommensgruß.

Auf der Seite finden sich einige Instrumente aus dem heimischen Bereich, schließlich ist der katholische Kirchenmusiker in Allenbach im Siegerland aufgewachsen. Heute ist er Ende 30 und Organist der Katholischen Pfarrkirche St. Viktor im niedersächsischen Damme. Der Titel seiner Doktorarbeit an der Musikhochschule Dresden lautete: „Orgellandschaft im Wandel. Die Geschichte der Orgeln in den südwestfälischen Kreisen Olpe und Siegen-Wittgenstein zwischen 1800 und 1945. Ein Beitrag zur Orgelgeschichte Westfalens“. Gabriel Isenberg hat seine umfangreichen Kenntnisse, die sich in der Dissertation und auf der Orgelsammlungs-Homepage manifestieren, jetzt noch etwas stärker konzentriert, um am Sonntag, 1. Juli, ab 19 Uhr einen Vortrag unter der Überschrift „Die Geschichte der Orgeln in Wittgenstein“ zu halten. Es geht um den vorreformatorischen Orgelbau genau wie um Instrumente aus den unterschiedlichen Jahrhunderten hier vor Ort, es geht um Wittgensteiner Orgelbauer von Johann Heinrich Dickel aus Berghausen über den Organisten Müller aus Feudingen bis hin zu Peter Kozeluh aus Wingeshausen - und das ist nur eine Auswahl. Und Gabriel Isenberg wirft am Ende auch noch einen Blick in die Zukunft.

Dieser Vortrag schließt die Reihe zum 200-jährigen Bestehen des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein ab - und findet in der erwähnten Katholischen Kirche in Bad Laasphe, Gartenstraße 13, statt. Zum Reformations-Jubiläum im vergangen Jahre gab es überall im Wittgensteiner Kirchenkreis, der auch die Hochsauerländer Evangelischen in Eslohe, Schmallenberg und Winterberg umfasst, viele wohltuende ökumenische Begegnungen. Und so endet die Vortragsreihe zum Kirchenkreis-Jubiläum jetzt in der Kirche St. Petrus und Anna, die - Originalton Isenberg - „mit heute 35 Registern das größte Orgelwerk des Altkreises Wittgenstein“ beherbergt. Gabriel Isenberg wird an diesem Abend nicht nur reden, sondern auch selbst spielen: Werke von Johann Sebastian Bach genau wie von dem in Puderbach geborenen Friedrich Kiel bis hin zu dem heute aktiven Kirchenmusiker Michael Schütz. Der Spieltisch ist ja praktischerweise und Gott sei Dank gleich vorn neben dem Altarraum, da hat es der Referent nicht weit. Und vielleicht können die Evangelischen dann mal nachfragen, ob das bei den Katholiken von den Abläufen her so einfach möglich ist, dass der Pfarrer den Gottesdienst hält und außerdem im gleichen Gottesdienst auch noch die Orgel spielt.

Die Berichterstattung zu den vier Terminen gibt es unter den Neuigkeiten oder im Nachrichten-Archiv am jeweiligen Datum.