An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfr. Joachim G. Cierpka

16. September 2018

Musik, die Sprache des Himmels

von Pfr. Joachim G. Cierpka, Bad Laasphe

Letzten Samstag fand in der Royal Albert Hall in London die „Last Night of the Proms“, der glanzvolle Abschluss der Konzertsommersaison, statt. Das ist ein besonderes Ereignis, traditionell geprägt und nicht ohne einen Hauch britischer Exzentrik. Einen besonderen Programmpunkt bildeten in diesem Jahr Lieder aus dem Ersten Weltkrieg, dessen Ende vor 100 Jahren wir im November erinnern.

Die Melancholie und Trauer, die Sehnsucht nach Frieden, Geborgenheit und Gemeinschaft, die die Lieder zum Ausdruck brachten, war beeindruckend. Gegen Ende des Konzertes, vor den traditionellen Stücken wie „Land of Hope and Glory“ von Edward Elgar und „Jerusalem“ von Hubert Parry sprach der Dirigent, Sir Andrew Davis, von der verbindenden Kraft der Musik zum Guten, derer wir in unseren Tagen der Zersplitterung und des drohenden Zerfalls und Gegeneinanders besonders bedürften.

In der Royal Albert Hall waren Menschen aus aller Herren Länder versammelt, die gemeinsam lauschten, sangen und von der Musik und dem Miteinander bewegt waren. Dominierend war - neben vielen anderen Flaggen aus aller Welt - die Europafahne. Mitten im Brexit-Prozess ein deutliches Zeichen. Oft lehrt uns erst der (drohende) Verlust den Wert dessen, was wir eigentlich erreicht haben und besitzen.

Man muss nicht nach England fahren, um die verbindende Kraft der Musik zum Guten zu erfahren. Sehr viele Menschen in unserer Region musikzieren aktiv oder hören gerne zu. Sie wissen, dass wir mit Musik unsere Freude und Trauer, unsere Kraft und unser Zagen zum Ausdruck bringen und teilen können. Sie wissen, dass Musik keine Grenzen kennt und zu heilen und zu stärken vermag.

Die Bibel erzählt von den Engeln, die in Chören und mit Instrumenten Gott loben. Musik ist die Sprache des Himmels, über alle Grenzen der Worte hinweg. Im Musizieren können wir auch jetzt schon am Himmel teilhaben und damit am Guten schlechthin. Das gibt der Seele spürbar Nahrung.

Ob aktiv oder passiv: Ich wünsche Ihnen ein beschwingtes Wochenende voller froher Klänge.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

9. September 2018

Alltägliche, aktuelle Aufgaben

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Als ich aus unserem Urlaub zurückgekommen bin, habe ich es sofort am Stadtbild wahrgenommen: Die Landeseinrichtung für Geflüchtete am Spielacker hat wie angekündigt ihren Status von einer Erstaufnahmeeinrichtung in eine Zentrale Unterbringungseinrichtung geändert. Dadurch ist die Verweildauer der Bewohner von einigen Tagen oder Wochen auf mehrere Monate gestiegen. Die Menschen haben mehr Zeit hier, sind wieder in der Stadt unterwegs und wir begegnen ihnen täglich auf der Straße, in Geschäften und im Gottesdienst. Eine herzliche Willkommenskultur ist einfach eine Sache von Anständigkeit. Für uns Christinnen und Christen ist sie aber auch mehr, nämlich Auftrag und Verheißung.

In Matthäus 25 wird erzählt, dass Jesus am Ende der Zeiten die Menschen zu sich in sein himmlisches Reich holt und ihnen sagt, an welcher Stelle sie ihm Gutes getan haben. Die Menschen erinnern sich nicht und fragen „Wann haben wir Dir Gutes getan?“ und Jesus gibt ihnen verschiedene Beispiele. Wenn jemand einen Hungernden satt gemacht habe oder einen Kranken besucht habe, dann habe er ihm selbst Gutes getan. Die Auflistung gipfelt in dem Satz „Was Ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan.

Planbar ist solches Verhalten von menschlicher Seite her nicht. Es scheint mir eher wie im Märchen von Frau Holle, wo die Aufgaben und Prüfungen sich im Vorrübergehen stellen. „Zieh‘ uns raus, sonst verbrennen wir“ rufen die Brote. Die eine geht weiter und die andere hilft. Kalkulierbar ist das nicht.

Der Schlüssel zu dem Bibeltext ist die Person Jesus Christus selbst. Er ist zugleich ärmster Nächster und höchster Weltenrichter. Das hat eine neue Haltung bei uns, die wir an ihn glauben, zur Folge. Wir sind nicht die edlen Guten, die sich zu den Armen hinab begeben. Die Hilfsbedürftigen sind nicht die Objekte unseres Mitleides. In der Zuwendung zu ihnen kann gar keine persönliche Größe stecken. Wir sind darin vielmehr die Beschenkten, weil wir Gott begegnen können. Das ist Glück und Gold und nicht Pech. So ist es nun mal die Art, die ihm gefällt: Der Ewige in dieser Zeit, der Herr der Welt ganz klein. Und ganz alltäglich gibt Gott die Chance, ihn selbst zu treffen.

Ich war fremd und Ihr habt mich aufgenommen“ ist nach der Aufzählung in Matthäus 25 eine Einladung zur Gottesbegegnung. Fremde, die auf einmal da sind. Sichtbar für jeden, alltäglich in der Begegnung. Neben allen politischen Herausforderungen, die sich dabei ergeben, geht es aktuell in unserer Stadt einfach darum, den Menschen, die warum auch immer hier sind, bestmögliche Bedingungen zu schaffen und ihnen freundlich zu begegnen. Die Aufgabe stellt sich aktuell und alltäglich. Es reicht eigentlich Anständigkeit und manchmal ein Lächeln. Gott lächelt zurück.


Pfrn. Kerstin Grünert

2. September 2018

„Komm, Herr, segne uns“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Kinder, wie die Zeit vergeht. Das denkt man ja immer wieder. Gerade in dieser Woche noch einmal verstärkt. Die Sommerferien sind zu Ende, der Alltagstrott kehrt langsam zurück. Ereignisse stehen an, die einem den Lauf der Zeit noch einmal so richtig vor Augen führen. Schule geht los. Oder wieder los. Die Kleinen fangen ganz neu an, die Größeren kommen eine Klasse weiter. Wie dem auch sei, sie sind begleitet von guten Wünschen. Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen. So sing man eigentlich zum Geburtstag, meint aber wahrscheinlich solche Schnittstellen damit. Gottes Segen soll mit dabei sein, wenn es in einen Neuanfang geht, oder zukünftig etwas anders wird, oder am besten immer und überall.

Nutzen wir da den Segen nicht ein bisschen ab? Geht nicht die Luft raus, weil wir ihn viel zu inflationär gebrauchen? Oder kann man Segenswünsche gar nicht oft genug verteilen?!

Gott sei Dank brauchen wir uns darüber keine Gedanken zu machen. Weder darüber ob und wann Segen funktioniert und wirkt, noch darüber, wann er alle ist. „Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen“, so heißt es schon in dem altbekannten Lied „Komm, Herr, segne uns.“

Segen, das ist etwas Unverfügbares, etwas, das ich nicht sehen oder anfassen kann. Segen ist wichtig und wir haben ihn ganz gerne an so wichtigen Punkten in unserem Leben. Taufe, Konfirmation, Hochzeit oder auch zur Einschulung. Wenn was Neues anfängt, wenn wir Mut oder einen kleinen Anschubs brauchen, dann tut auch Segen gut. Als Motor zum Vorankommen, wie ein Schirm zum Schutz, wie ein Schneepflug, der den Weg frei macht oder wie eine Lampe und eine Decke in dunkler, kalter Nacht. Es gibt viele Möglichkeiten, den Segen zu beschreiben. Nichts Magisches, aber etwas Besonderes, etwas, das sich für jeden anders anfühlt. Segen ist immer persönlich. Weil er persönlich zugesprochen wird und weil jeder Einzelne ihn für sich persönlich verstaut und wegpackt, mit ihm umgeht.

Auch in Zukunft wird es immer wieder Gelegenheiten geben, in denen man sich Gottes Segen wünscht oder ihn an andere weitergibt. Und da können wir aus einem unheimlichen Segensvorrat schöpfen. Da ist Gott nämlich wie ein Fass ohne Boden. Und der Segen nutzt sich auch nicht ab oder funktioniert nicht mehr. Segen ist da wie Gott selbst. Der hat ja gesagt: Ich bin der ich bin. Und ich werde sein, der ich sein werde. Also ständig, gestern und morgen und auch noch nächste Woche. In Dauerschleife sozusagen. So glaub' ich es. Und es ist doch schön, wenn wir was zum Teilen haben und keiner dafür die Verantwortung tragen muss. Jeder Einzelne glaubt den Segen, so wie es für ihn das Richtige ist und kann dem anderen da nicht reinpfuschen. Das sollten wir mal so richtig ausnutzen und mit dem Segen so richtig großzügig sein.

Viel Glück und viel Segen auf all Euren Wegen!


Pfrn. Claudia de Wilde

26. August 2018

Wie Schneeball-Hortensien predigen

von Krankenhaus-Seelsorgerin Pfrn. Claudia de Wilde, Hemschlar

Prachtvoll stehen sie am Rand des Rathausparks in Bad Berleburg: die weißen Schneeball-Hortensien mit den riesigen, kugeligen Blüten. Auch in vielen Gärten habe ich sie schon gesehen. In diesem Sommer hatten sie es nicht so leicht - wo sie jetzt in voller Blüte stehen, hat ein freundlicher Mensch dafür gesorgt, dass sie es durch die sonnigen Wochen schaffen. Von diesen Blumen habe ich eine wichtige Lektion gelernt:

Um einen Kirschbaum herum hatte die Kirchengemeinde, in der ich bis vor kurzem tätig war, einen Kreis von zwölf bis 15 Schneeball-Hortensien pflanzen lassen. Jedes Jahr blühten sie im parkähnlichen Gelände zwischen Pfarrhaus und Gemeindehaus, ein schöner Anblick.

Im Frühjahr des vergangenen Jahres nahm ich mir an einem Samstag etwas Zeit, um das Unkraut aus dem Beet zu ziehen. Einige Kinder, die auf dem Gelände spielten, kamen zu mir und fragten, ob sie mir helfen könnten. Natürlich erklärte ich ihnen gern, was zu tun war. Einige halfen auch mit, die trockenen braunen Pflanzenteile in einem anderen Beet abzuschneiden. Sichtlich Spaß hatten alle bei diesen kleinen Arbeiten im Garten, es war eine fröhliche Atmosphäre. Irgendwann waren die Kinder im Nachbarbeet fertig und kamen zu uns. Wir waren vertieft in die Arbeit und in ein Gespräch, als ich feststellte, dass bereits schon viele der in Bodennähe verlaufenden Wurzeln der Hortensien durchgeschnitten waren - die Kinder hatten sie für verdorrte Pflanzenteile gehalten. Ich beendete das freundlich und sofort, machte mir aber Sorgen um die Pflanzen.

„Wenn sie schon zehn Jahre an dem Standort stehen, dann werden sie vielleicht in diesem Jahr nicht blühen, aber im kommenden Jahr sind sie wieder in voller Kraft da“, beruhigte mich ein Gärtner: „Dann sind die Wurzeln so tief, dass eine Verletzung an der Oberfläche sie nur kurz stört.“ Tatsächlich, im vergangenen Jahr blieben die Blumen sehr klein und nur ein Teil von ihnen schaffte es bis zur Blüte. Aber in diesem Sommer stehen sie wieder in alter Pracht dort, ein weißes Meer von Schneebällen. Sie hatten es geschafft, sich zu erholen von dem harten Rückschnitt.

Eigentlich haben diese Blumen damit eine kleine Predigt gehalten: Wenn unsere Wurzeln tief genug sind, dann halten wir auch manche Widrigkeiten im Leben aus. Viele Menschen erleben Verletzungen, Krankheiten, Einschränkungen, die das Leben schwer machen. Immer wird es schöne und weniger schöne Zeiten geben. Wir können beides durchstehen: Wenn unser Leben in Gottes Liebe wurzelt, dann haben wir eine Quelle für Lebenskraft auch in schweren Zeiten. Gott begleitet uns auch dann, schenkt uns Lebensmut und Geduld. Und in seinen Augen sind wir wertvoll und geliebt, auch mit Belastungen und Einschränkungen. Die Hortensien haben das schon immer gewusst.


Pfr. Dr. Dirk Spornhauer

19. August 2018

Aber der Herr allein lenkt

von Pfr. Dr. Dirk Spornhauer, Raumland

In fast jedem Jahr gibt es irgendwo in einem der Dörfer in unserer Region ein Jubiläum. Einmal ist es ein Verein, der sein 50-, sein 60- oder 100-jähriges Bestehen feiert. Dann ist es ein Dorf, das seine Ersterwähnung mit einem großen Fest begeht. So ist es in diesem Jahr in Dotzlar, das auf 600 Jahre zurückblickt und dieses Jubiläum zum Anlass nimmt, ein buntes Festprogramm auf die Beine zu stellen. Vieles ist, wie in anderen Dörfern, wenn ein solches Ereignis gefeiert wird, doch eine Sache, die gar nicht so groß ins Auge fällt, hat eine wundersame Vorgeschichte, die es wert ist, einmal erzählt zu werden.

Für jedes Dorf und für jeden Chor im Dorf ist es eine sehr schöne Sache, ein eigenes Dorflied oder Dorfgedicht zu haben, von dem auch bekannt ist, dass es aus der Feder eines Menschen aus dem eigenen Dorf stammt. Ein solches Dorfgedicht gab es in Dotzlar, allerdings ohne dass irgendjemand davon Kenntnis hatte. Es stammt von dem Dotzlarer Heinrich Dreisbach, der im Juli 1941 in Finnland als Soldat gefallen ist.

Ein Kriegskamerad aus Dotzlar hat dieses Gedicht auf einem Zettel in seiner Geldbörse mit nach Hause zurück gebracht. Er hat allerdings nach vielen Jahrzehnten das Wissen um die Existenz dieses Gedichtes ebenfalls mit ins Grab genommen. Vor zwei Jahren, nach dem Tod von dessen Witwe, als der Hausstand aufgelöst wurde, landete die Geldbörse mit dem Gedicht im Mülleimer, woraus sie dessen Tochter noch einmal kurz zur Hand nahm und dabei den Zettel mit dem Gedicht fand.

Nun erst wurde der lange Weg dieses Gedichtes rekonstruiert und wieder waren es Dotzlarer, die eine Melodie für dieses Gedicht komponierten, so dass der Gemischte Chor „Liederkranz“ Dotzlar es nun im Rahmen des Jubiläums aufführen kann.

Entscheiden Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser, ob dies alles bloß Zufall ist, oder doch eine göttliche Fügung. Der weise alttestamentliche König Salomo drückt es in seinen Sprüchen so aus: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ Ich wünsche den Dotzlarern weiterhin ein erfolgreiches Jubiläumsjahr und eine Stärkung der Dorfgemeinschaft.

Wir sollen fröhlich unsere Jubiläen feiern und uns an dem guten Miteinander in den Dörfern freuen, wenn sich all die viele Arbeit der Planung und Vorbereitung dann endlich gelohnt hat. Und wir sollen bei all dem nicht vergessen, dass wir in Gott Hand geborgen sind. Wir dürfen darauf vertrauen, dass unser Gott uns begleitet auf den Wegen unseres Lebens und für uns da ist.


Pfrn. Christine Liedtke

12. August 2018

Mal ganz bewusst: Danke

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen - und ich auch. Ich durfte mit einer Delegation des Kirchenkreises Wittgenstein unseren Partnerkirchenkreis Ngerengere im Nordosten von Tansania besuchen. Dieser Kirchenkreis liegt - genau wie unser - im ländlichen Bereich und auch er hat zu wenig Pastoren; aber damit hört die Ähnlichkeit auch schon fast auf.

In Tansania sind nur knapp drei Prozent der Menschen älter als 65 Jahre, wenig mehr sind im dortigen rüstigen Seniorenalter von 55 bis 64 Jahren, fast 30 Prozent sind zwischen 25 und 54 Jahre alt, ein Fünftel der Bevölkerung ist 15 bis 24 Jahre alt und 44 Prozent der Menschen in Tansania sind Kinder, also bis 14 Jahre alt.

Da die Kirche als ein guter und werte-vermittelnder Ort angesehen ist, werden viele Kinder im Kirchenkreis Ngerengere getauft und die Kirchengemeinden wachsen. Neue Kirchen werden gebaut oder bestehende vergrößert, soweit das Geld reicht. Dabei gehen die Kirchengemeinden andere Wege als wir für das Fundraising: Sie machen zum Beispiel Versteigerungen nach einem Gottesdienst. Das haben wir selbst erlebt: Da sind bei einem Taufgottesdienst in Kwaba anlässlich der Taufe von etwa 20 Kindern nicht nur Geldspenden, sondern auch Sachspenden gegeben worden, was in Tansania auf dem Land nicht unüblich ist. Diese Sachspenden werden an den Meistbietenden versteigert - und dann werden beispielsweise Zuckerrohrstangen für einen weit höheren Preis als der Marktpreis erstanden. In Kwaba wechselte sogar ein lebendiges Huhn die Besitzerin.

Dass wir Christen eine weltweite Gemeinschaft sind, die unter ihrem Herrn Jesus Christus verbunden sind, wurde für uns ganz deutlich, als Pfarrer Oliver Lehnsdorf und ich eingeladen wurden, die 20 Kinder im Gottesdienst in Kwaba zu taufen. Das war eine ganz besondere und beglückende Erfahrung.

Während unseres Aufenthaltes in Ngerengere waren wir in den wohlhabenderen Familien untergebracht, was bedeutete, dass wir nicht auf dem Boden sitzend essen mussten, dass wir ein Bett mit Matratze hatten und eine Toilette im Hausbereich. Auch wurden uns Löffel zum Essen angeboten; dort essen die Menschen meistens mit den Fingern. Aber auch in diesen Familien wurde auf dem offenen Feuer gekocht, die große Wäsche fand in Waschschüsseln statt (es gibt dort keine Waschmaschinen), fließendes Wasser, Geschirrspüler, Mikrowellenherde oder Staubsauger suchte man vergeblich. Nur die reicheren Familien haben Moskitonetze über jedem Bett und Fliegenschutz vor den Fenstern.

Das Essen ist teuer, Zucker und Fleisch sind Luxuswaren. Dass der Strom zuweilen ausfällt, wird als normal empfunden. Während zwei Monaten, im März und April, essen die Familien aus saisonbedingtem Nahrungs- und Einkommensmangel nur höchstens eine Mahlzeit am Tag, die manchmal nur aus Tee besteht. Aber die Menschen dort beklagen sich nicht und jammern nicht. Sie stellen sich den täglichen Aufgaben und versuchen, ihr Leben zu meistern.

Sie feiern fröhliche Gottesdienste mit mehrstimmigem Gesang, ganz ohne musikalische Begleitung, ohne Gesangbücher, weil die zu teuer sind, in Lehm- oder Holzkirchen, die bei uns als Ställe gelten würden, mit einfachst zusammengezimmerten Holzbänken ohne Rückenlehne und mit einigen wenigen Monoblock-Plastikstühlen, auf denen wir Platz nehmen durften. Kinder und Babys sind selbstverständlich mit dabei in den etwa drei bis vier Stunden langen Gottesdiensten. Zwischendurch steht die Gemeinde auf, singt und klatscht, einer trommelt kunstvoll auf einem Plastikeimer.

Zweimal gehen die Gottesdienstbesucher nach vorne, um ihre Gaben (Geld oder Naturalien) an den Altar zu bringen. Die Predigt wird ausdrucksstark in Gestik, Mimik und Stimme vorgetragen, immer wieder unterbrochen durch „Bwana asifiwe - Gelobt sei Gott“, was mit einem lauten „Amen“ beantwortet wird. Hat der Prediger das Gefühl, dass nicht mehr alle bei der Sache sind, so ruft er noch einmal „Bwana asifiwe“ und erwartet ein noch lauteres „Amen“. Manchmal lässt sich der Prediger ein Wort wiederholen: „Der ältere Sohn aber, als er hörte, dass für den missratenen Bruder ein Fest gefeiert wurde, war neidisch. Was war er?“ Alle antworten: „Neidisch!“

Wegen der ganz anderen Altersstruktur in Tansania muss die Kirche dort viele Angebote für junge Menschen machen und auch besonders die Bildungsarbeit unterstützen. In manchen Volksstämmen Tansanias ist noch die Vielehe verbreitet, die in in diesem Land gesetzlich nicht verboten ist, aber als ein großes Problem empfunden wird.

Ja, ich könnte noch viel mehr erzählen. In allem, was mir begegnet ist, - und so geht es Ihnen sicher auch, wenn Sie in ein anderes Land verreisen – vergleiche ich in Gedanken oft mit den Zuständen zuhause; dann bin ich dankbar, dass wir in einer guten Demokratie leben dürfen, dass unser Wohlstand so groß und unsere Arbeitslosigkeit so niedrig ist und dass unsere Wirtschaft floriert. Dann bin ich dankbar, dass es bei uns Sozialleistungen gibt und wohltätige Einrichtungen vielerlei Art. Dass keiner einfach so verschwinden kann und die Regierung nur mit den Schultern zuckt. Dass wir mehr als drei Mahlzeiten täglich zu uns nehmen können. Dass bei uns die Schulbildung und Ausbildung der Kinder so kostengünstig ist. Dass viele Familien bei uns ein Auto (oder sogar mehr) besitzen; in Ngerengere können sich nicht einmal die Pfarrer und Lehrer ein Auto leisten. Dass wir vier Jahreszeiten haben und nicht nur Trockenzeit und - manchmal verheerende - Regenzeit. Ich bin dankbar, dass wir intakte Kirchgebäude und schöne Gemeindehäuser haben.

Diese Dankbarkeit findet ihren Adressaten in Gott, der für mich bestimmt hat, in Deutschland geboren zu werden, hier aufwachsen zu dürfen, hier leben und arbeiten zu dürfen. Im nächsten Gottesdienst will ich ihm bewusst „Danke“ sagen und für meine Schwestern und Brüder in Tansania beten.
Und nachdem Sie mir so lange bei meinen Reise-Erinnerungen gefolgt sind, bin ich gespannt auf Ihre Reise-Erlebnisse.


Pfrn. Kerstin Grünert

5. August 2018

Und die größte unter ihnen?

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Ich packe meinen Koffer und nehme... mit - so geht das alte Spiel. Jeder fügt ein Ding hinzu und der nächste muss dann die richtige Reihenfolge behalten und alles nacheinander aufsagen. Gut fürs Gedächtnis und gut für den Überblick. Denn manchmal kommt es mir genauso vor. Dann laufe ich beim Packen durch Haus, von oben nach unten, unablässig Sachen vor mich hinmurmelnd, dass ich auch ja nichts vergesse. Wie viel einfacher wäre es dann, wenn es wie bei dem anderen Spiel ginge: Wenn du auf eine einsame Insel fahren würdest und dürftest nur eine Sache mitnehmen - was wäre das?

Nur eins mitnehmen. Was für eine Entlastung beim Packen. Keine Taschen Logistik, Stapelanleitung für den Kofferraum oder die Dachbox. Aber wer will das entscheiden? Wer soll das aussuchen. Wie kann ich mich da entscheiden? Was soll das Eine sein?

Also, überlegen Sie mal. Was würden Sie mitnehmen, auf die einsame Insel? Ehemann, Ehefrau, die Kinder (aber nur eins davon), ein gutes Buch, das Handy, den Lieblingsfilm, das Fahrrad oder einen Fußball? Können wir unser Leben nur auf eine Sache reduzieren? Oder ist das jetzt wirklich übertrieben und völlig am Alltag vorbei?

Was könnte das sein, was nur eins ist, aber trotzdem alles oder wenigstens ganz viel umfasst? Achtung, jetzt wird es kitschig. Aber, ich glaube, es ist tatsächlich die Liebe. Gut, das ist jetzt nicht unbedingt etwas, das ich gut in eine Tasche packen kann, aber, wenn man sein Leben nur auf die Liebe reduzieren würde, dann würde doch ganz schön viel dabei rumkommen. Denn mit Liebe und Zuneigung hab ich auf jeden Fall eine Menge Menschen erfasst. Und müsste da niemanden abschreiben. Liebe macht mich stark, unfassbar stark.

Denken und spüren Sie dem doch mal nach, was Sie aus Liebe schon alles möglich gemacht und ausgehalten haben. Liebe macht mutig, bisweilen auch leichtsinnig, aber, wer liebt, der schafft ganz schön viel. Liebe mach aber auch genauso Angst, leider, oder Gott sei Dank - je nach dem. Liebe macht verrückt. Gut zum Ausspannen und Entfliehen. In Liebe kann man nämlich auch mal fünf gerade sein lassen und so einiges nachsehen. Liebe macht aber auch realistisch. Das wissen wir wohl alle. Auch das Leben auf der einsamen Insel ist nicht immer nur rosa oder blümchensblau, sondern schillert in allen möglichen Farben, natürlich auch dunkelgrau. Aber weil die Liebe ja auch so zäh macht, kann ich das dann gut aushalten.

Was sich wie eine Zeile aus einem Schlager anhört, ist meine Erkenntnis des Tages heute: Mit der Liebe im Gepäck auf dem Weg zur einsamen Insel und ich hätte alles dabei, was ich zum Leben brauche: Die Liebe hört nimmer auf (1. Korinther 13, 8). Amen und Gute Reise!


Pfr. Peter Liedtke

29. Juli 2018

Wir machen weder Sonne noch Regen

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

Die Sonne scheint. Kinder können draußen toben. Es sind ja Sommerferien. Die Erwachsenen können Sonnenschein genießen ohne in die Ferne zu fliegen. Viele Menschen freuen sich über diesen schönen Sommer. Andere sind besorgt: Die Ernte ist in Gefahr, auch die Waldbrandgefahr steigt. Menschen mit Herz- und Kreislaufproblemen haben Mühe in diesen Tagen. Ist die Sonne gut, ist sie schlecht?

Wir hatten auch schon andere Sommer, Ferienzeiten, in denen ohne Gummistiefel nichts ging. Die Laune vieler Menschen, nicht nur die der Kinder, litt darunter. Andere waren begeistert, dass die Talsperren sich füllten und der geringe Pollenflug den Heuschnupfen vergessen-sein ließ. Ist Regen gut, ist er schlecht?

Ich bin ein Sonnenmensch. Mir geht das Herz auf bei 35 Grad Celsius und Sonnenschein von morgens bis abends. Regen hingegen ist nicht meins. Aber im Leben gibt es immer beides. Da sind die Zeiten, die uns versöhnlich stimmen mit dem Leben, die uns Heiterkeit schenken. Und es gibt Herausforderungen, Ereignisse und Situationen, die es uns schwer machen, die uns herausfordern, uns oft an die Grenzen bringen. Das eine ohne das andere funktioniert nicht, so will es mir scheinen. Ein Leben ohne Herausforderungen bringt mich nicht in Bewegung, ich kann nicht wachsen und lernen. Ein Leben ohne Zeit des Wohlgefühls ist genauso schädlich. Seelische wie körperliche Erkrankungen folgen.

Wir Menschen brauchen beides, so wie das Korn auf dem Feld Sonne braucht und Regen. Aber hört man auf die Menschen, so gewinne ich den Eindruck, die Zeiten sind für uns Menschen schlechter geworden. So viele Menschen klagen, an welchen Lasten sie tragen. Sie erzählen von Überforderung und Sinnleere, von der Kälte unter uns Menschen und davon, wie ungerecht es in der Welt zugehe.

Meine Großmutter, Geburtsjahr 1897, hatte zwei Weltkriege mitgemacht, ihren Mann recht früh verloren, wurde in Berlin ausgebombt. Sie hatte auch ihre Zeiten des Klagens, so erzählt die Familie. Aber in unserer gemeinsamen Zeit von Großmutter und Enkel kann ich mich nicht daran erinnern. Ob es Erkrankungen waren, Sorge um Angehörige, Ärger mit dem Vermieter, sie ließ all das nicht mehr an sich heran. Sie hatte eine Redensart, die die Familie oft auf die Palme brachte: „Wenn ich das noch erlebe.“ Aber es war für sie nicht nur eine Redensart. Wer von uns weiß schon, was morgen ist. Wenn es heute regnet, dann regnet es. Wenn mich heute Dinge umtreiben, finde einen Weg, damit zurande zu kommen. Und wenn die Sonne scheint, das Leben es gut meint, dann genieße ich diesen Augenblick. Es hilft weder, während des Regens von der Sonne zu träumen, noch sich den Genuss des Augenblicks zerstören zu lassen von der Sorge um mögliche Herausforderungen des nächsten Tages.

Ist das unverantwortlich, so auf den einzelnen Moment zu schauen? Es ist viel eher ein Weg, das, was wir glauben, zu einem Lebenskonzept zu machen. Wir haben das Morgen nicht in der Hand. Wir hingegen ruhen alle in Gottes Hand und nichts kann uns diese Verheißung nehmen. Also ist es das Beste, den Moment zu nehmen, wie er ist, das Beste zu sehen in dem, was der Tag bringt. Wenn die Sonne scheint, machen wir etwas daraus, was uns Freude bereitet. Und wenn der Regen kommt, freuen wir uns daran, dass er die Welt wieder grüner macht und Pflanzen wie Tieren gut tut. Mehr geht nicht, denn wir können weder den Sonnenschein machen noch den Regen.

Meine Großmutter wurde 87 Jahre alt. Immer wieder hat sie sich gefreut an jedem neuen Tag, den sie nun doch noch erleben durfte, ob im Sonnenschein oder im Regen.


Pfr. Horst Spillmann

22. Juli 2018

Gehhilfen im Leben und im Glauben

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

In meinem Dienst als Klinikseelsorger sehe ich sie immer wieder: die Gehhilfen. Oder weniger freundlich ausgedrückt: die Krücken. Patienten nach einer Hüft- oder Knieoperation sind auf sie angewiesen.

Daneben erlebe ich aber auch, dass Patientinnen und Patienten manchmal noch ganz andere Gehhilfen haben. So erzählte eine Patientin von einer Engelsfigur, die sie geschenkt bekommen habe, und die sie bei den Operationen aber auch in anderen bedrängenden Lebenssituationen begleitet habe.

Oder eine Patientin zeigte mir ein kleines Kreuz, so abgerundet, dass sie es gut zwischen den Fingern einer Hand halten konnte und verwies ebenfalls darauf, dass es für sie ein treuer Begleiter in ihrem Leben sei, sie trage es oftmals in der Handtasche bei sich. Wie die Engelsfigur so ist auch dieses Kreuz ein Trost und Halt, ja eine Gehhilfe für diese Menschen geworden, an ihr konnten sie sich festhalten.

Ich bin der Überzeugung, dass wir ohne diese Hilfen gar nicht durchs Leben kommen. Natürlich müssen es nicht immer die medizinischerseits verordneten Krücken sein, aber wir brauchen immer irgendeinen Halt, an dem wir uns in Krankheit, in den Erschütterungen unseres Seelenlebens, in Ängsten und Sorgen festmachen können, eine Hilfe in den Anforderungen des Alltags. Und hier finde ich den Begriff Gehhilfe sehr treffend. Die Gehhilfe geht nicht alleine. Ich setze sie ein, also: Ich muss mitwirken, sie ist gleichsam mein Werkzeug.

Und das ist durchaus die Erfahrung, die wir im Glauben machen: Gott zaubert nicht einfach unsere Nöte weg - wiewohl er manchmal durchaus geheimnisvoll und wunderbar hilft -, vielmehr geschieht es häufig so, dass er uns Hilfsmittel zukommen lässt.

Gewiss ist es Ziel der Rehabilitation, dass die Patienten einmal die Krücken weglegen und wieder frei ausschreiten sollen - und in der Regel gelingt dies ja auch -, es gibt allerdings auch Patienten, die für ihr weiteres Leben Stöcke, Rollatoren, Rollstühle und Prothesen benötigen, ohne diese Gehhilfen geht es nicht mehr. Wichtig ist, sie anzunehmen, gleichsam mit ihnen versöhnt zu werden, weil ohne sie die Lebensqualität noch stärker eingeschränkt wäre.

Auch als Christen bleiben wir lebenslang auf die Gehhilfen im Glauben angewiesen, die uns Gott schenkt. Gewiss sehen das viele Menschen ganz anders - für die geht es auch ohne Gott, sie wollen gar ganz bewusst ohne ihn leben. Aber wo geht's mit ihnen hin? Der Liedertexter Manfred Siebald dichtet: „Es geht ohne Gott in die Dunkel, aber mit ihm gehen wir ins Licht.“

Als Christen bleiben wir lebenslang auf Gott angewiesen, wobei dann seine Gehhilfen uns in keiner Weise behindern, sie ermöglichen uns vielmehr erst ein reiches und weites Leben, sodass der Psalmbeter gar dichten kann: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Psalm 18, 30) - machen sie das mal mit den irdischen Krücken, die wir uns häufig im Leben suchen, mit solch untauglichen Hilfsmitteln wie dem Alkohol, dem Streben nach Macht und Reichtum, der Vergötzung der Gesundheit und vieles mehr... - die lassen uns elend scheitern, wenn nicht im Leben hier, so doch letztlich vor Gott. Aber mit Gottes Gehhilfen überwinde ich die mannigfachen Mauern des Alltags, ja sogar die Mauer in meiner Seele, die sich nicht zuletzt in dem Zweifel ausdrückt: „Sollte Gott mir wirklich helfen?“ Ja, er hilft! Weil er sich als unser Vater erweisen will, der uns niemals im Stich lässt, wenn wir ihn um Hilfe bitten.

Eine Frau erzählte mir einmal, dass sie die jahrelange Pflege eines bettlägerigen Kranken in ihrem Haus nie hätte bewältigen können, wenn sie nicht jeden Morgen den Text aus dem christlichen Abreißkalender hätte lesen können, der sie gleichsam durch den Tag und die Aufgabe getragen hat. Hier erweist sich einmal mehr Gottes lebendiges Wort als Gehhilfe - im Leben und im Glauben.

Eine solche Gehhilfe ist für mich ein Satz von Mutter Basileia Schlink, einer evangelischen Ordensgründerin, geworden, die sagte: „Beten heißt über alles, was uns von morgens bis abends beschäftigt, mit Jesus reden.“ Wohl wahr. Alle Anforderungen des Lebens kann ich tagtäglich mit Jesus Christus besprechen, von ihm Weisung erbitten, ja, ihn darum bitten, dass er sich selbst unter die Last meines Lebens stellt und mir tragen hilft. Er geht immer mit, so wie er verheißen hat: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.


Pfr. Steffen Post

15. Juli 2018

Danke an Helden des Alltags

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Heute Abend werden wir endlich wissen, wer Fußballweltmeister 2018 geworden ist. Fest steht inzwischen, dass nicht Stars wie Kroos, Messi, Neymar oder Ronaldo im Finale stehen, sondern die Spieler von Frankreich und Kroatien.

Im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein haben wir die Fußball-WM mit einer Aktion begleitet: „Wähl‘ die Elf des Glaubens“. Hier bestand für die Teilnehmenden die Möglichkeit, elf Personen aufzuschreiben, die für die Zeit der Bibel oder auch für die Kirchengeschichte bedeutsam erschienen und für den persönlichen Glauben bereichernd waren.

Inzwischen stehen die beiden Siegermannschaften fest: Die Bibel-Elf tritt im offensiven 4-3-3-System mit Ruth/Hiob - Johannes der Täufer, Maria, Maria Magdalena, David - Abraham, Paulus, Josef - Petrus, Jesus, Mose an (wegen Stimmengleichheit darf hier eine Person mehr mitspielen), während die Geschichts-Elf mit Katharina von Bora - Johann Sebastian Bach, Mutter Teresa, Hildegard von Bingen, Franz von Assisi - Friedrich von Bodelschwingh, Papst Franziskus, Martin Luther King, Paul Gerhardt - Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther im eher klassischen 4-4-2 aufläuft.

Es mag für Experten nicht überraschend sein, dass in der Bibel-Elf Mose und Jesus sowie in der Geschichts-Elf Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer die meisten Stimmen erhalten haben.

Bei der Geschichts-Elf ist mir aber noch etwas anderes aufgefallen: Hier wurden nicht nur bekannte Persönlichkeiten aus der Kirchengeschichte aufgelistet, sondern vereinzelt auch „meine Oma“ berufen oder neben „Mitarbeitern aus dem Kindergottesdienst und der Jungschar“ konkrete Namen von Menschen aus Wittgenstein benannt.

Das hat mir noch einmal vor Augen geführt, dass es in unseren Kirchengemeinden und auch in unserer Gesellschaft oft auf die Helden im Alltag ankommt, die so manchen Prominenten in den Schatten stellen.

Daher möchte ich an dieser Stelle Eltern und Großeltern danken, die ihre Kinder und Enkel im Gebet begleiten. Danke allen ehrenamtlichen Mitarbeitenden in unseren Gemeinden, die gerade in der Sommerzeit bei Freizeiten mitwirken. Danke allen engagierten Vereinsmitgliedern, die durch die Organisation von Festen und Konzerten das Gemeinwohl in unseren Städten und Dörfern stärken. Danke allen Mitbürgern, die sich für einen menschenwürdigen Umgang mit Geflüchteten einsetzen. Danke Angehörigen, Nachbarn und Pflegepersonen, die sich um einen kranken Menschen kümmern. Danke den Helferinnen und Helfern bei Polizei, Rettungsdiensten, Feuerwehr und THW, die da sind, wenn Hilfe benötigt wird.

Und so habe ich Anfang der Woche mit Spannung und Hochachtung verfolgt, was die Taucher und Rettungsmannschaften in Thailand bewerkstelligt haben, um die Jungs der Fußballmannschaft mit ihrem Trainer aus der Höhle zu retten.

Ich fände es angemessen, wenn solche Helden des Alltags viel öfters auf den Titelseiten unserer Zeitungen auftauchen würden, als so mancher sich künstlich aufblasender Star.


Pfrn. Kerstin Grünert

8. Juli 2018

Solange die Erde steht...

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Simmer und Winter, Tag und Nacht. Das verspricht Gott am Ende der Sintflut und stellt so das Gleichgewicht der Naturgewalten wieder her.

Dieser Vers hat für mich wirklich eine besondere Bedeutung. So wie er im ersten Buch Mose aufgeschrieben ist, als Zusage nach dem Chaos, als Trost nach dem Unglück, als Aussicht auf den Fortbestand der Erde, des Planeten. Aber so langsam kommen einem doch Zweifel, ob das alles noch so in der richtigen Balance ist. Wochenlange Trockenheit, Waldbrandgefahr, nachts kalt und tagsüber warm, das sind doch Beschreibungen, die eher in eine Steppe passen und nicht ins Mittelgebirge. Und doch ist es nicht länger wegzureden: es hat sich etwas verändert. Getreideernte in Gefahr, sterbende Bienen und die Aufforderung, dass man die Hummeln im Frühjahr mit Zuckerwasser füttern soll. Das ist keine ökologische Übertriebenheit, sondern unterstreicht den Ernst der Lage. Bilder von Plastik im Magen von Schildkröten oder Seevögeln erinnern an Science-Fiction-Filme, gehören aber längst zur Realität. Anfang der Woche hab‘ ich mal probiert, möglichst ohne viel Plastik einzukaufen, das ist echt schon schwierig und das Obst kullert nur so über das Kassenband. Aber das kann ich ja ruhig für den Planeten in Kauf nehmen. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wie ernst nehmen wir die Sache mit dem Müll und mit der Fürsorge für unsere Erde. Ach, einmal schadet es doch nicht und wie oft nehmen wir zum Wandern mal die Dosen mit. Das kann ja nun wirklich nicht der ausschlaggebende Punkt sein. So oder so ähnlich lassen sich unsere Gewohnheiten passend schwätzen.

In der Erndtebrücker Grundschule haben sich die Schüler in der vergangenen Woche mit genau diesem Thema auseinandergesetzt. Es ging um Nachhaltigkeit. Was können wir tun, dass die Menschen nach uns auch noch gute Lebensbedingungen auf der Erde vorfinden können. Solange die Erde steht…Wenn sie denn noch steht. Schon die Kinder müssen anfangen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass die Erde uns nicht unbegrenzt und ohne Preis zur Verfügung steht. Unser Preis ist die Aufmerksamkeit und die Fürsorge. Angefangen bei der Plastiktüte für die Äpfel bis hin zur Mega-Kreuzfahrt mit ihren enormen Folgen für Wasser und Atmosphäre.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Simmer und Winter, Tag und Nacht.“ Sommer werden trockener, Stürme heftiger, die Chemiker erfinderischer, der Boden schwächer, die Tiere empfindlicher und der Mensch immer dickköpfiger. Alles keine guten Voraussetzungen für die Erde. Es liegt in unserer Verantwortung, dass uns die Natur und die Folgen der Ausbeutung nicht irgendwann mal um die Ohren fliegen. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehen. Dann sollten wir uns doch bemühen, uns nicht unser eigenes Grab zu schaufeln.


Pfr. Henning A. Debus

1. Juli 2018

Man muss gar nicht ins Weltall

von Schulpfarrer Henning A. Debus, Bad Berleburg

Seit drei Wochen umkreist er nun die Erde. Alexander Gerst, unser Astro-Alex, ist auf der ISS, der internationalen Raumstation. Ein halbes Jahr lang wird er zusammen mit seinen Kollegen unsere Erde in 360 Kilometern Höhe umrunden, einmal in 90 Minuten.

Und wozu der ganze Aufwand? Nun, mehr als drei Viertel der Experimente dienen der medizinischen, physikalischen und chemischen Forschung sowie der Erforschung des Universums. Die Wissenschaftler erhoffen sich von den Experimenten unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit neue Erkenntnisse für ihre Forschungsgebiete, die dann wiederum uns Menschen auf der Erde zu gute kommen.

Mich fasziniert das. Was mich aber besonders fasziniert, sind die Bilder, die uns von der ISS erreichen. Schon vor vier Jahren, bei seinem ersten Aufenthalt im All, hat Alexander Gerst wunderschöne Bilder von unserer Erde aufgenommen. Sie zeigen beeindruckende Landschaften, die Weite der Meere und Naturphänomene wie zum Beispiel Hurricanes aus einer anderen Perspektive. Und aus dieser Perspektive - von außen, von oben, aus der Distanz, spüre ich, wie kostbar und verletzlich unsere Mutter Erde, unser Lebensraum, ist. Und zugleich sieht man aus 360 Kilometern Entfernung nichts von all den Sorgen und Ängsten, von all dem Geschrei und Unverstand, von all dem, was wir Menschen uns einander Tag für Tag antun. Friedlich sieht sie aus, die Erde. Von oben! Mir fällt Reinhard Meys Lied ein: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen, und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Niemand von uns wird wohl jemals den Perspektivwechsel erleben, der im Weltall möglich ist. Vielleicht erleben wir etwas Ähnliches am ehesten bei einer Flugreise. Aber der Perspektivwechsel funktioniert auch auf der Erde. Mit festem Boden unter den Füßen. Da begegnet mir ein anderer Mensch. Er ist vergleichbar mit einem Planeten, mit all seiner Schönheit, seiner Geschichte, den Einschlagskratern, die schlimme Ereignisse hinterlassen haben. Wenn ich den Anderen nur oberflächlich betrachte, kriege ich von alldem nicht viel mit. Aber wenn ich mich auf ihn einlasse, dann eröffnet sich mir seine Einmaligkeit. Dann kann sich ein ganzes Universum öffnen. Dann kann ich ihm etwas Göttliches weitergeben: Segen.

Ich glaube, wenn ich die Perspektive wechsle, von mir weg auf den Anderen, dann öffnet sich ein ganzes Universum. Nichts braucht unser Zusammenleben mehr, als dass wir uns einander zuwenden, uns erzählen, was wir fühlen, was wir erhoffen und was wir alles an Gepäck mit uns tragen. Es gibt keine einfachen Lösungen für die Probleme von Mutter Erde. Aber es gibt eine starke Kraft, die uns Menschen hilft, gemeinsam die Probleme anzugehen: Segen, den wir weitergeben. Er vermehrt sich, wenn wir ihn teilen „wie im Himmel, so auf Erden“.


Pfrn. Simone Conrad

24. Juni 2018

Unmenschlickeit? Abschaffen!

von Diakoniepfarrerin Simone Conrad, Birkelbach

Kindermund tut Wahrheit kund - so heißt es im Volksmund. In den letzten Wochen hat Radio Siegen Kinder zu den großen Themen unserer Welt befragt, Motto: „Kleine Leute, große Fragen“. Einen kleinen Ausschnitt habe ich vor zwei Tagen im Auto auf dem Weg zu Arbeit gehört: Es ging um das Thema „Krieg“.

„Den wird es immer geben“, antwortete ein Junge. Traurig, aber vermutlich realistisch in dieser unserer Welt. „Können wir denn trotzdem etwas dagegen tun?“, fragte der Moderator. Viele gute Antworten kamen von den Kindern: sich vertragen, nicht streiten, lieb sein zueinander. Am knackigsten fand ich persönlich allerdings die Aussage eines Grundschülers, der lapidar entgegnete: „Abschaffen!“ Ich habe laut gelacht im Auto und innerlich applaudiert. Oh ja bitte: Abschaffen!

Und schwups, liefen meine Gedanken weiter. Abschaffen! Ja, da hätte ich noch einiges auf der Liste:

Verbitterung in den Familien, wo Menschen nicht mehr miteinander reden: Abschaffen!

Überforderung und Ausbeutung am Arbeitsplatz: Abschaffen!

Hunger in der Welt, der Menschen verzweifeln lässt: Abschaffen!

Falsch verstandener Nationalstolz, der in menschenfeindlichem Rechtsextremismus gipfelt: Abschaffen!

Ich, ich, ich statt wir: Abschaffen!

Was wäre das für eine Befreiung! Aber auch: was für eine Träumerei. Oder? Schnell ist man dabei zu sagen: Den Krieg abschaffen? Das geht doch nie. Mildes Lächeln. Abgehakt.

Abgehakt? Ich hoffe nicht. Denn auch, wenn wir nicht auf einmal die Kriege in der Welt abschaffen können, wir können uns auf den Weg der kleinen Schritte machen. So, wie die Kinder es formuliert haben: Sich vertragen. Streit beenden. Ja, das ist mühsam und bisweilen frustrierend und anstrengend - und ein guter Weg. Ein lohnender. Damit wir es vielleicht eines Tages schaffen: Abschaffen, was unmenschlich ist.


Pfrn. Silke van Doorn

17. Juni 2018

„Me first“ trennt uns Menschen

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn, Bad Laasphe

Tag der deutschen Einheit ist heute. Nein, ich habe mich nicht vertan: Der Tag der Deutschen Einheit ist natürlich am 3. Oktober. 1990, im Jahr der Vereinigung - hatten wir zwei Tage der Einheit. Unterscheidbar nur durch das „d“ oder „D“. Wer nach 1989 geboren ist, wird sich kaum mehr an diesen Tag erinnern, der -  obwohl als gesetzlicher Feiertag abgeschafft - immer noch Gedenktag ist. Heute jährt sich der Tag des Aufstandes gegen das DDR-Regime, gegen die schrecklich falsche Politik, die Menschen knechtete, Hunger und Unfreiheit produzierte, zum 65. Mal.

Seit Tagen rumorte es im Juni 1953: Menschen standen auf gegen die Normerhöhung, gegen Enteignung, gegen die Unterdrückung der Menschen, die der Kirche angehörten. Gewerkschaft und RIAS - beide aus dem Westen - berichteten und unterstützten damit die Aufständischen, ohne es zu ahnen. Das SED-Regime schwankte. So viele Menschen hatten mit den Füßen abgestimmt, wollten nicht mehr unter diesen immer schlechter werdenden Lebensbedingungen bleiben.

Die Arbeiterklasse hatte dem Regime des Arbeiter- und Bauernstaates das Vertrauen entzogen. Entgegen ihrer Lippenbekenntnisse interessierte sich die Herrschenden nicht für die Nöte der Arbeiterklasse und drangsalierte sie, ohne überhaupt auf die Klagen zu hören. Die Sowjetunion griff ein und schlug den Aufstand nieder. Menschen starben. Die Darstellung des DDR-Regimes setzte sich nicht mit ihrem Versagen auseinander: Da war es einfacher, es als „vom Westen gelenkten faschistischen Putschversuch“ darzustellen.

Bert Brecht hat in seiner Verarbeitung dieses Aufstandes, der tatsächlich ein Befreiungsversuch der Unterdrückten war, in seinem Gedicht „Die Lösung“ einen Schlusssatz geschrieben, der auch heute noch wahr klingt: Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?

Die Rolle der Kirche war zu der damaligen Zeit in der DDR eine wirklich wichtige: Sie sammelte die kritischen Geister, die die menschenverachtenden Tendenzen des Regimes, das Hunger und Unfreiheit brachte. Gemeinsam standen Menschen auf, um gegen Menschenverachtung zu demonstrieren. Die Situation mitten im Kalten Krieg ließ weiteres Eingreifen der westlichen Verbündeten nicht möglich werden. Wie glücklich waren wir, als diese Blockbildung überwunden war, die Welt - Osten und Westen - sich entfeindeten. Nun stehen wir in einer wieder auseinanderdriftenden Welt. Die Hetzer und Kriegstreiber wachsen.

Erinnerung ist gut, wenn wir versuchen, daraus den Weg für die Zukunft zu finden. Zukunft eröffnet sich immer dann, wenn Menschen in Freiheit und Würde leben, ihre Grundbedürfnisse gestillt werden können. Wir ahnen, das wir trotz unseres immensen Reichtums uns immer weiter davon entfernen. Ein „Me first“ - egal ob es Amerika oder Deutschland ist, wird uns als Menschen immer auseinanderbringen und niemals die Bedingungen für Viele zum Besseren bringen.

Das bedenken wir vielleicht heute wieder am 17. Juni.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

10. Juni 2018

Richtet das Recht auf im Tor

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Tooooor! Dieser Jubelruf wird in den nächsten Wochen der Fußball-Weltmeisterschaft hoffentlich zahlreich aus vielen Häusern und von den Plätzen des gemeinsamen Guckens erschallen. Ich verhöre mich schon 'mal mit Absicht gerne, um Worte mit erweitertem Kontext dann wieder zurück in ihren alten Zusammenhang zu bringen. Und das gelingt beim Torjubel ganz gut: Also, das Tor.

Das Stadttor war im alten Israel und in der Bibel immer auch ein Ort der Begegnung und des Zusammenkommens. Steinerne Bänke an den Innenseiten sorgten für angemessene bauliche Voraussetzungen. Dort im Tor wurde auch in Konfliktfällen vermittelt und Rechtsachen verhandelt. Hier wurde Recht gesprochen und für Gerechtigkeit gesorgt. Der Prophet Amos etwa fordert bei den sozialen Missständen seiner Zeit (Amos 5, 15) „Richtet das Recht auf im Tor“.

Inwiefern man beim Fußball einen Torjubel in diesem Sinne von aufgerichteter Gerechtigkeit anstimmen kann, finde ich eine bedenkenswerte Frage. Dabei meine ich nicht, ob der Fußballsport als solcher gerecht ist und etwa durch Videobeweise eine größere Gerechtigkeit erzielt und weitere Wembley-Tor-Traumata vermieden werden können. Da würde mir schon reichen, wenn fair, mit Anstand und eben regelkonform gespielt wird. Ob dann eben verdient oder unverdient, gerecht oder ungerecht gewonnen wird, ist nicht der Punkt. Es bleibt immer ein Spiel, bei dem nur einer gewinnen kann. „Tor für Deutschland!“, was für uns so fröhlich klingt, ist übrigens in Brasilien nach dem 7:1 im Halbfinale bei der WM 2014 zur Redensart für etwas, das schiefläuft, geworden.

Fußball und Gerechtigkeit finde ich aber eine relevante Verbindung, insofern es um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geht. Es ist ein soziales Foul, wenn Fußballvereine gigantische finanzielle Gewinne einfahren, aber die Begleitung von Spielen durch Großeinsätze der Polizei über Steuermittel aufgebracht werden muss. Zwangsarbeit beim Stadionbau gehört international abgepfiffen. Das betrifft nicht nur Katar für die WM 2022, sondern auch Russland, wo Arbeiter aus Nordkorea durch ausbeuterische Beschäftigungs-Verhältnisse ins soziale Abseits gestellt werden. Das gilt ebenso für die Näherinnen von Bällen und Sporttrikots, die unter Fairplay eben auch einen Fairen Handel verstehen, der ihrem Leben und dem ihrer Familien einen angemessen Spielraum zugestehen würde. Recht im Fußball heißt dann auch, dass Mannschaften, Zuschauer und Nationen einander in einem fröhlichen Wettkampf begegnen, in dem jede protofaschistische Fan- oder Hooligankultur sofort den Platzverweis erhält.

Richtet das Recht auf im Tor! Die Aufforderung des Propheten erinnert an die Spielregeln, die uns der himmlische Schiedsrichter für alle Bereiche des Lebens gegeben hat. Gerechtigkeit ist eine davon. Eine, die es manchmal verlangt, die Defensivtaktik des Schweigens und Tolerierens zu verlassen und klare Aufstellung zu nehmen. In Gottes Mannschaft, seinem Team von Christinnen und Christen, sind wir aufgestellt, damit es möglichst oft zu einem solchen gerechten Torjubel kommt. Gelebte und gestaltete Gerechtigkeit, wo Menschen zusammenkommen, ob bei der Arbeit oder beim Fußball, das wäre ein himmlischer Torjubel. Und wenn sich das eine oder andere bei dieser WM ereignen würde, wäre das ein toller Treffer für den Fußball.

Tooooor! Ich wünsche Ihnen eine gerechte, fröhliche und spannende Zeit und ebensolche Spiele.


Pfrn. Kerstin Grünert

3. Juni 2018

„Frei zu haben ist echt anstrengend“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Jetzt ist die schöne Zeit vorbei! Seit Wochen hangeln wir uns von einem Feiertag zum nächsten und nutzen die Tage dazwischen als Brückentage. Dann die langen Pfingstferien. Irgendwie scheint der Alltag im Mai verlorengegangen zu sein. Das ist aber ja auch mal nicht schlecht. Dem Trott entrinnen, Auszeit nehmen und so. Aber so viel freie Zeit hat auch eine andere Seite. Familien mit Kindern müssen sich organisieren, wenn Schule oder Kindergarten geschlossen sind. Im Einzelhandel scheint es jedes Mal endzeitlicher zuzugehen, weil es ja einen Tag lang nichts zu kaufen gibt und man dann ja vorher noch alles besorgen muss. Die Tage vor den Feiertagen sind für viele Menschen Hochleistungstage. Termine zum Haare schneiden werden knapp, die Grillabteilungen sind leer geräumt und das Schild an der Bäckerei, auf dem geschrieben steht, dass am Feiertag geschlossen ist, macht einen ganz nervös. Hoffentlich reicht das Brot.

Frei zu haben ist echt anstrengend. Was für ein Aberwitz. Als ich so darüber nachdenke, dass ich mit dem Angedacht-Schreiben dran bin - im Übrigen total stressig wegen des Feiertages, denn es muss schon am Mittwoch fertig sein - fällt mir eine Geschichte ein. Aus einem Buch, von dem englischen Autor Nicholas Allan, „Jesus nimmt frei“. Weil er total übermüdet ist und die Wunder nicht mehr richtig funktionieren geht Jesus zum Arzt und bekommt einen Tag Urlaub verordnet. Keine biblische Geschichte, völlig klar, da wird nur schon mal erzählt, dass Jesus sich alleine auf einen Berg zurückzieht. Jedenfalls, nach anfänglichen Schwierigkeiten, kriegt er es hin und macht einen ganzen Tag lang nur das, was ihm Spaß macht. Abends hat er dann aber doch ein schlechtes Gewissen, weil er ja niemandem geholfen, keinen getröstet oder von Gott erzählt hat. Ist ein Tag, an dem er nur sich selbst Gutes tut, nicht ein verlorener Tag?

Sie können sich denken, wie es ausgeht. Gott zeigt ihm, dass selbst das Ausruhen am freien Tag noch Früchte getragen hat. Und als es dann am nächsten Tag mit den Wundern wieder richtig gut klappt, ist das gute Ende der Geschichte perfekt.

Und wie komm ich jetzt von diesem netten Bilderbuch wieder auf unsere Feier- und Brückentage zurück? Mit dem Frei-Haben ist es eben nicht so einfach. Die Zeit davor und danach ist so anstrengend, dass die freie Zeit an sich fast keinen Sinn mehr macht. Das ist doch traurig, oder? Warum müssen wir auch immer so ein Aufheben darum machen? Wenn es nicht der Großeinkauf ist, dann ist es die übermäßige Rede darüber, dass man doch dringend mal weniger machen müsste. Viel zu viel Ballast rund um das Frei-Haben. Dabei dürfte es doch gar nicht so schwer sein. Unspektakulär und unauffällig kann auch funktionieren. Dann ist es auch nicht so anstrengend mit dem Ausruhen. Dass wir uns ab und zu ausruhen müssen, steht völlig außer Frage. Aber kann eben auch ganz entspannt vonstattengehen. Und dann ist ein Tag, an dem man nur sich selbst Gutes tut, in jedem Fall kein verlorener Tag!


Pfr. Joachim G. Cierpka

27. Mai 2018

Mut zum Perspektivwechsel

von Pfr. Joachim G. Cierpka, Bad Laasphe

Du hast zwar keine Chance - aber nutze sie! In diesem zunächst natürlich einmal sarkastisch wirkenden Zitat, das ursprünglich vom Schriftsteller Herbert Achternbusch stammt, steckt deutlich mehr positive Kraft, als man zunächst meinen mag. Denn viele resignieren angesichts der scheinbaren Unveränderbarkeit der Welt zum Besseren. Die Möglichkeiten des Einzelnen, etwas zu bewegen, scheinen verschwindend klein. Zudem herrscht häufig eine völlige Ungleichheit der Waffen, also der Einflussmöglichkeiten. Das hat nicht zuletzt die Anhörung des Facebook-Chef Marc Zuckerberg vor Mitgliedern des europäischen Parlaments bewiesen.

Wieviel ohnmächtiger fühlt sich da dann der sogenannte kleine Mann oder die kleine Frau angesichts der Interessen von Industriekonzernen oder auch oft der Auseinandersetzung vor Gericht. Viele Menschen verzichten einfach auf die ihnen von Rechts wegen zustehenden Güter etwa im Rahmen der Pflegeversicherung, weil der Verwaltungs- und Rechtsweg den Durchschnittsbürger schlichtweg überfordert, insbesondere im fortgeschrittenen Alter. Nicht wenige begründen ihre Politikverdrossenheit eben genau mit dem Gefühl, dass denen da oben ja doch völlig egal sein, was der Einzelne denkt und will.

Und dennoch: Resignation und Aufgabe angesichts der kleinen wie der großen Probleme der Welt sind der falsche Weg. Wer auf Waffengleichheit wartet, auf die faire Chance, kann lange warten. Doch wenn man, weil diese Chance nicht erkennbar ist, untätig bleibt, fördert man ungerechte und lebensfeindliche Strukturen.

Die Bibel erzählt unter anderem in der Geschichte von David und Goliath, dass anderes zählt, wenn man zum Erfolg kommen will. Mit einer Steinschleuder besiegt er den schwerbewaffneten und gerüsteten Philister. Weil er das nutzt, was er hat, statt die Defizite zu beklagen. Ungleiche Verhältnisse - ja. Was ihn siegen lässt, ist seine Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Das dazu unfähige Heer Israels verharrt und erstarrt in Angst. David aber kann anders auf die Dinge schauen und entdeckt seine Stärke. Wenn es uns öfter gelänge, solche Perspektivwechsel zu vollziehen, würden wir ganz andere Gestaltungskräfte freisetzen. Unsere vermeintlichen Schwächen können zur Stärke werden, wenn wir lernten, sie richtig zu nutzen - und unser Vertrauen nicht brechen zu lassen: in uns und die Möglichkeit, Zukunft nachhaltig und dem Leben dienend zu gestalten.

Für David ist dabei sein Gottvertrauen ausschlaggebend. Er weiß, wem er seinen Geistesblitz, mit dem er Golitath an seiner Schwachstelle trifft, verdankt. Und er weiß, dass nur der- oder diejenige, die sich nicht von Angst bestimmen lässt, handlungsfähig bleibt. Wer seine Kraftquellen in den Blick bekommt, kann seine Chancen nutzen, auch wenn es erst nicht so aussieht. Möge auch Ihnen genau das gelingen.


Pfr. Steffen Post

20. Mai 2018

Sportsgeist und Heiliger Geist

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

2018 ist ein Jahr mit sportlichen Höhepunkten. Die Olympischen Winterspiele in Südkorea liegen bereits hinter uns und die mit Spannung erwartete Fußball-WM in Russland liegt noch vor uns. In dieser Woche fand ein weiteres sportliches Großereignis statt, was aber vermutlich nicht viele bemerkt haben: Die Special Olympics Deutschland in Kiel, die nationalen Olympischen Spiele für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung. Diese Sportveranstaltung wird noch nicht so medial begleitet, wie etwa die Paralympics und doch hat als Beispiel das ARD-Morgenmagazin jeden Tag in einzelnen Beiträgen aus Kiel berichtet.

Unsere älteste Tochter hat sich als Leichtathletin für diesen sportlichen Wettbewerb qualifiziert und so durfte ich sie ein paar Tage in Kiel begleiten. Was mich an den Wettkämpfen im Rahmen der Special Olympics fasziniert ist Zweierlei:
1. Die Leistung einer jeden Sportlerin und eines jeden Sportlers wird anerkannt und gewürdigt, egal, ob mit Goldmedaille oder Teilnehmerschleife. Gewinner bei dieser Olympiade sind im Grunde alle Teilnehmenden, weil nicht der verbissene Leistungswettkampf im Vordergrund steht, sondern das Miteinander-Sporttreiben und die Freude über das, was der Andere trotz seiner Einschränkungen kann und präsentiert.
2. Die Unified-Wettbewerbe - hier treten in einzelnen Disziplinen gemischte Mannschaften aus behinderten und nicht-behinderten Athleten an, um zu demonstrieren, was im Zusammenspiel von unterschiedlichen Menschen möglich ist. So kann unsere älteste Tochter mit zwei ihrer Geschwister eine Vier-mal-100 Meter-Staffel laufen, was für uns als Familie ein tolles Ereignis ist.

Diese Eindrücke von den Special Olympics stehen mir auch mit Blick auf das Pfingstfest vor Augen. An Pfingsten hat Jesus seine Mannschaft neu ins Rennen geschickt. Eine Mannschaft, die nach Ostern und Himmelfahrt mit allerlei Herausforderungen und manchen Zweifeln zu kämpfen hatte, aber Jesus lässt seine Jünger nicht fallen. Er stattet sie mit der Kraft seines Heiligen Geistes aus und gibt ihnen somit zu verstehen: Ihr seid meine Mannschaft. Ich kann euch gebrauchen, auch mit euren Ecken und Kanten. Geht in die Welt hinaus und erzählt den Menschen, was ihr mit mir erlebt habt.

Und zum Zweiten entdecke ich in der Pfingstgeschichte, dass eine neue Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft einsetzt: „Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?“ (Apostelgeschichte 2, 8), so fragen sich die Anwesenden aus aller Herren Länder, als sie mitbekommen, was sich beim ersten Pfingstfest ereignet. Verständigung ist möglich, weil man sich wieder versteht, auf einander zugeht und den Anderen in den Blick nimmt. Durch Gottes Geist entsteht ein neues Miteinander, so dass vorherige Barrieren überwunden werden können.

Ich wünsche mir, dass wir diese Verständigung und das Miteinander nicht nur im Sport leben und bestaunen, sondern auch im täglichen Leben praktizieren.


Pfrn. Silke van Doorn

13. Mai 2018

Erinnerung als Geschenk

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn, Bad Laasphe

Die Bad Laaspher Altstadt ist mein neuer Wohnort.
Sie ist schön und hat viele alte Häuser. Und Stolpersteine. Vor der Schloßstraße 14 liegen die Steine der Familie Präger. Der schräg hinaufführende Weg ist nach Max Präger, dem letzten Synagogenvorsteher benannt. Vor 75 Jahren ist er mit seiner Frau und seinen verbliebenen Kindern Lora und Ursula, damals 15 und 12 Jahre alt, deportiert worden. Der Sohn war schon in ein Arbeitslager gekommen. Sie waren die letzte jüdische Familie in Bad Laasphe. Alteingesessene. Das Haus der ehemaligen Synagoge steht noch in der Mauerstraße. Es ist völlig heruntergekommen und in Privatbesitz. Es ist alles andere als ein Ort der Erinnerungskultur. Es ist verfallen und vernachlässigt. Nichts weißt darauf hin, dass es eine Synagoge war.

Letzten Dienstag an der Universität in Siegen.
Das Seminar beschäftigt sich mit der jüdischen Gedenk- und Erinnerungskultur. Es ist der 8. Mai. Auf die Frage, welcher Gedenktag heute sei, hat nur ein Student nach langem Zögern eine Antwort: Kapitulation. Auf meine Nachfrage, ob denn nie auch nur ein Lehrer in ihrer Schulzeit den Tag erwähnte, er nie irgendwo in ihrem Leben sie berührte, kam nur Kopfschütteln. Auf die Frage, ob es denn eine Kapitulation oder die Befreiung gewesen sei, kam zögerlich eine Diskussion in Gang: Warum es wichtig sein könnte, diesen Tag zu begehen, auch wenn er kein Feiertag ist. Warum es nicht unwichtig ist, ob ich ihn als Befreiungstag oder Kapitulationstag begreife.
Erinnern und Gedenken sind in unserer deutschen Tradition nicht positiv belegt. Es gibt eine Abwehr gegen das Gedenken. Klar, es ist immer schmerzlich, sich der dunklen Seiten zu erinnern. Aber um seine Geschichte zu wissen, schafft Identität. Erinnern und Gedenken sind wichtige Faktoren, um Sprachfähigkeit zu erlangen, eine Haltung zu entwickeln. Erinnern heißt eben nicht, die „Gnade der späten Geburt“ für sich zu reklamieren und zu sagen „Was hab ich damit zu tun?“
Natürlich war niemand von den meisten Menschen, die heute hier leben, ein Täter. Oder ein Opfer. Aber wir sind geprägt durch die Täter und Opfer. Sie waren unsere Vorfahren und haben uns erzogen, haben uns durch Worte und durch Schweigen und durch Handlung auch zu denen gemacht, die wir heute sind. Sie haben unsere Gesellschaft geprägt. Eine Gesellschaft, die sensibel mit Antisemitismus umgeht und in denen Menschen Zeichen setzen gegen Antisemitismus. So ist das an vielen Orten in Deutschland geschehen, nachdem ein junger Mann mit Kippa verprügelt wurde. Eine Gesellschaft, in der aber auch immer stärker antisemitische Reden öffentlich geschwungen werden - sogar durch Politiker, die in unseren Parlamenten sitzen.

In Bad Laasphe gibt es viele Menschen, die über viele Jahre hindurch die Geschichte der Stadt mit Licht und Schatten wach halten, die Stolpersteine legen lassen, die den Überlebenden wie Herbert Präger, dem überlebende Sohn der Familie Präger, immer wieder entgegen gekommen sind und ihnen ermöglicht haben, ihre Heimatstadt wieder zu betreten. So findet Versöhnung statt. Verdrängen und Vergessen führt nicht dazu. Wir sind lebendig mit und in unseren Erinnerungen - den guten wie den dunklen. Indem wir beides bedenken und weitergeben, wird es schwieriger, Hass und Ausgrenzung zu leben. Das ist doch ein Geschenk.


Pfr. Dr. Tim Elkar

6. Mai 2018

Seine Analyse stimmt ja

von Pfr. Dr. Tim Elkar, Erndtebrück

Gestern wäre einer der bekanntesten Deutschen, Karl Marx, 200 Jahre alt geworden. Als Philosoph, Ökonom und Theoretiker des Sozialismus gehört er sicherlich zu den einflussreichsten deutschen Denkern. In der Sendung „Unsere Besten“ kam Karl Marx in der Rangliste der größten Deutschen hinter Konrad Adenauer und Martin Luther auf den dritten Platz. In der DDR standen viele Karl Marx Denkmäler und das heutige Chemnitz trug bis 1990 den Namen Karl-Marx-Stadt. Als Christen hingegen tun wir uns oft mit Karl Marx schwer. Der Grund dafür ist die Religionskritik von Karl Marx. In einem berühmten Ausspruch hat er die Religion als Opium des Volkes bezeichnet. Die Religion ist für ihn nicht in der Lage das Elend dieser Welt richtig zu erfassen, sondern begnügte sich damit die Menschen mit Hoffnung auf das Jenseits abzuspeisen.

Und doch oder gerade deswegen lohnt es sich auf Karl Marx genauer zu sehen. Die Analyse, wonach viele Menschen unter den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dieser Welt leiden, stimmt ja. Dies wird schon auf den ersten Blick erkennbar, wenn wir in die Länder Asiens und Afrikas blicken, wo Menschen unter erbärmlichsten Bedingungen und zu ausbeuterischen Konditionen arbeiten. Das wird aber auch deutlich, wenn wir etwas genauer in unser eigenes Land sehen.

Menschen gehen ganz regulär 40 Stunden arbeiten und können sich trotzdem keine passende Wohnung leisten, weil auf der anderen Seite Menschen daran verdienen, dass die Mieten ins Unermessliche steigen. Obdachlosigkeit in den großen Städten ist ein bekanntes und eigentlich nicht zu ertragendes Phänomen. Der Vorwurf von Karl Marx an die Gemeinschaft der Christen lautet, ihr vertröstet die Menschen doch nur ins Jenseits, statt ihnen hier und jetzt zu helfen. Ist da vielleicht etwas dran? Ich glaube, dass der Trost, nämlich dass wir auch nach dem Tod in Gottes Hand sind, ganz wichtig ist. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob wir als Christen manchmal zu stark Rückzugsort für die Versehrten und Geschädigten der Wirtschaftsordnung sind und dabei unsere kritische Stimme zu wenig erheben.

Wenn ich an die Sozialkritik der Propheten, etwa eines Amos denke, dann sollten wir mehr zu einer Veränderung der Welt aufrufen und uns dafür einsetzen. Immer wieder ergreift Amos für diejenigen Partei, denen es materiell schlecht geht und appelliert daran, dass diese Menschen zu ihrem Recht kommen. Mehr noch: Er sagt zu, dass Gott diesen Menschen zum Recht verhelfen wird. Das ist unsere Hoffnung als Christen, indem wir uns dann doch von Karl Marx unterscheiden, wir bauen darauf, dass Gott diese Veränderung bewirken wird. Von ihm geht die Veränderung der Welt aus, so ist es übrigens auch Tenor bei allen Propheten. Sie selbst sind anders als Karl Marx keine Revolutionäre, sondern erwarten alles vom Eingreifen Gottes.


Pfr. Steffen Post

29. April 2018

„Du bist ein Gedanke Gottes“

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

„Sie nähern sich einer singenden Straße“, so stand es bis vor Kurzem auf einem Hinweisschild in der Nähe eines friesischen Dorfes in den Niederlanden. Spezielle Rillen im Asphalt ließen dort beim Darüberfahren mit Tempo 60 die ersten Takte der friesischen Hymne erklingen. Nach Protesten von Anwohnern wurde dieser singende Weg aber wieder zum Schweigen gebracht.

Als ich diesen Bericht vor einigen Tagen in der Westfalenpost laß, habe ich mich gefragt: „Welche Melodie würde ich denn auf meinen Lebensweg einfräsen lassen?“

„Kantate“, also: „Singet“, ist das musikalische Motto des heutigen Sonntags im Kirchenjahr und ich nehme das mal als Anleitung zur Suche nach meiner Melodie für's Leben.

Ich gestehe, dass ich kein Musikexperte bin, aber die Notenvielfalt auf einem Liedblatt spricht mich immer wieder an: Der Wechsel von hellen und dunklen Noten; mal auf, mal zwischen, mal über den Linien platziert; mal als volle oder halbe Note, mal als Viertel- oder Achtelnote gesetzt, wird dabei für mich zu einem Bild für die verschiedenen Melodien und Takte, die im Laufe meines Lebens angeschlagen werden.

Da gibt es die hellen Noten, die mich an festliche Klänge, frohe Stunden und feierliche Momente denken lassen, wie die Feier der Konfirmation, die in diesen Wochen in vielen unserer Kirchengemeinden begangen wird. Bei den dunklen Noten stehen mir dann eher die traurigen Momente vor Augen, schmerzliche Erlebnisse, Enttäuschungen und Niederlagen, die meine Stimmung in Moll-Töne gehüllt haben.

Neben der Melodie gehört dann auch der Text zu einem Lied; in der Regel aufgeteilt in einzelne Strophen und den Refrain. Wenn ich mir von einem Lied den Text behalte, dann ist es meistens der Refrain, wird dieser doch in bestimmten Abständen wiederholt und in der Regel ist hier die Botschaft enthalten, die mit dem Lied weitergegeben werden soll. Trifft so ein Refrain dann meine Stimmung und bleibt mir im Ohr, dann begleitet mich ein solches Lied schon einmal über Tage, ja manchmal Wochen und ich erfreue mich immer wieder dran, wenn es im Radio gespielt wird oder ich es mir selbst per CD oder YouTube-Video auflege.

Gibt es so einen Ohrwurm, eine Grundmelodie auch für mein Lebenslied? Klingt ein Refrain in mir, in dem ich die dunklen und hellen Noten in meinem Leben vertonen könnte? Mir fällt da ein Lied aus Jugendzeiten ein: „Vergiss es nie: dass du lebst, war keine eigene Idee, und dass du atmest, kein Entschluss von dir. Vergiss es nie: dass du lebst, war eines anderen Idee, und dass du atmest, sein Geschenk an dich. Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur. Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu. Du bist du, das ist der Clou, ja der Clou. Ja, du bist du.“

Das - finde ich - ist eine starke Lebensmelodie, die mir auf den Straßen meines Lebens gerne im Ohr und im Herz bleiben darf.


Pfr. Henning A. Debus

22. April 2018

„Das war schön!“

von Schulpfarrer Henning A. Debus, Bad Berleburg

„Das war schön!“ - die Patientin des Bad Berleburger Krankenhauses strahlte vor Freude in ihrem Rollstuhl. An einem der ersten warmen Frühlingstage war sie draußen spazieren gewesen. Und das nicht alleine: Alina, Schülerin der Bad Berleburger Realschule aus der 9. Klasse hatte sie begleitet, bergab und bergauf. Ganz schön anstrengend, den Rollstuhl unter Kontrolle zu behalten. Man konnte Alina die Anstrengung ansehen. Aber auch sie strahlte. „Das war schön!“

Alina ist eine von 16 Schülerinnen und Schülern aus den 9. Klassen, die seit Beginn des Schuljahres an einer besonderen Form des Unterrichts teilnehmen. Projekt „Soziale Arbeit“ nennt sich das. Die jungen Leute wollen herausfinden, ob ein Beruf im sozialen Bereich etwas für sie sein könnte. Und das finden sie nicht heraus, indem sie im Internet recherchieren oder Ratgeber lesen, sondern nur im direkten Umgang mit Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen.

Jeden Donnerstag sind wir unterwegs, und die Krankenhaus-Gruppe ist nur eine. Unsere Partner sind außerdem das Haus am Sähling, eine Berleburger Praxis für Ergotherapie und das Diakonische Werk, wo immer freitags zwei junge Leute die Begleitung demenzkranker Menschen kennenlernen.

Die Schülerinnen und Schüler lernen nicht nur Arbeitsabläufe in den sozialen Einrichtungen kennen, sie bieten auch eine Menge an: Gespräche, kleine Besorgungen aus der Cafeteria, Wasser holen, Gesellschaftsspiele und eben Spaziergänge bei schönem Wetter, ob mit oder ohne Rollstuhl. Vor einigen Wochen wurde eine Schülerin von einer älteren Patientin gefragt, ob sie mit ihr beten könne. Und das hat sie ganz toll gemacht.

Ich muss sagen: Ich bin stolz auf diese jungen Menschen. Ich merke ihnen an, dass sie gerne, einige auch leidenschaftlich beim Projekt mitmachen, ganz bei der Sache sind und sich mit Empathie auf Menschen einlassen, die sie bis dahin noch gar nicht kannten. Es geht ihnen nicht nur darum, für sich selbst herauszufinden, ob sie im nächsten Jahr eine Ausbildung im sozialen Bereich beginnen möchten. Es geht ihnen auch um die Anderen. Sie sind neugierig, geradezu gespannt auf die Menschen, die sich hinter der Tür aufhalten. Die meisten von diesen Menschen freuen sich über Besuch. Ich muss immer wieder staunen, wie oft Patienten unseren Schülerinnen und Schülern, die sie gar nicht kennen, ihre Lebensgeschichte erzählen. „Endlich hat jemand Zeit für mich und hört mir zu!“, bekommen wir dann zu hören. Versteht sich von selbst, dass alle eine Verpflichtungserklärung für das Krankenhaus unterschrieben haben, dass sie nichts von dem weitererzählen, was ihnen von Patienten anvertraut wurde.

Krankheit, Behinderung und Alter werden bei uns oft als „Betriebsunfälle“ einer Leistungsgesellschaft angesehen. Wenn es da junge Menschen gibt, die den Anderen nicht nur dann achten, wenn er funktioniert, sondern auch und gerade dann, wenn er krank, schwach oder alt ist, dann haben diese jungen Menschen unsere ganze Unterstützung und Wertschätzung verdient. Damit strahlende Gesichter nicht aussterben, sondern auch morgen noch sagen: „Das war schön!“


Pfr. Thomas Janetzki

15. April 2018

Alles erwacht, alles wird wieder neu…

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Geht es Ihnen auch so, dass es Sie jetzt, wo nach dem langen Winter nun der Frühling da ist, mit Macht hinauszieht - vielleicht in den eigenen Garten, vielleicht nur zu einem Spaziergang einfach aus Freude an einem frühlingshaften Tag? Die Natur ist wieder zum Leben erwacht und wir sind dazu eingeladen, Gottes Schöpfung neu mit allen Sinnen zu genießen und zu erfahren. Ich finde, das ist eine wunderbare Erfahrung, die wir da machen dürfen - und das alle Jahre wieder!

Und: Nicht nur in der Natur, sondern auch im Glauben können wir solche Erfahrungen des Neubeginns machen, so wie die Jünger an Ostern, die sich in ihren Häusern aus Resignation, Furcht und Angst eingeschlossen hatten - in engen und dunklen Räumen, in einem inneren Winter gefangen. Und erst die Nachricht von Jesu Auferstehung und die neuerliche Begegnung mit ihm hat sie befreit. Der Raum um sie und in ihnen wurde wieder hell und weit, alles in ihnen wurde wieder zu neuem Leben erweckt. Und aus ihrem engen Raum sind sie danach aufgebrochen hinaus in alle Welt, um ihren Glauben zu leben und von dem neuen Leben zu berichten, das Gott schenkt.

Und diese Erfahrung, dass Menschen sich aufmachen in ihrem Glauben, setzt sich fort, etwa in der Zeit der Konfirmationen, die jetzt ja wieder in vielen Gemeinden beginnt. Das ist gerade für viele Jugendliche eine Gelegenheit, neue Erfahrungen mit Gott zu machen, neue Wege mit ihm zu gehen, neue Lebensräume kennen zu lernen. Und für uns als erwachsene Christinnen und Christen ist es eine wichtige Aufgabe, diese jungen Menschen dabei zu begleiten, offen zu sein für ihre Ideen und Vorstellungen, mit ihnen neu zu erfahren, was Gott uns gemeinsam anbietet, voneinander zu lernen, miteinander Neuland zu erkunden...

Und ich wünsche uns allen, dass wir gemeinsam den weiten Raum, den uns Gott da öffnet, froh und mutig betreten und durchschreiten. Dass wir miteinander, Jung und Alt, aufbrechen und Neues entdecken - in dem Wissen, dass wir auf allen unseren Wegen von Gott begleitet sind.


Pfrn. Kerstin Grünert

8. April 2018

„Altes abschütteln, Neues angehen“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Island, nach einer langen Tagestour. Wir hatten eine Fahrt zum Askja Vulkan unternommen. Stundenlang durch eine rote Staubwüste. Aber das Erlebnis war es wert. Vor allem das Bad in dem Kratersee, unbeschreiblich. Allerdings hatten wir noch sehr lange von diesem Bad. Denn das schwefelhaltige Wasser hinterließ eine besondere Duftnote an der Haut. Und dann noch die Stunden durch den roten Staub, hin bis an die Ostküste. Es müffelte und knirschte überall. Nie werde ich das Zimmer in dem kleinen Hotel in Seyðisfjörður vergessen. Dieser große, runde Duschkopf, und das Wasser, das da raus kam – ein Traum. Denn, nach diesem unheimlich langen Tag in Schwefelgestank und Staub, kam mir die Dusche in dem kleinen Hotel im Fjord wie das Paradies vor. Aufbereitetes Meerwasser, das keine, wie sonst bei dem warmen Wasser, leichte Schwefelnote hatte. Ich fühlte mich wie neu geboren.

Wann fühlen Sie sich wie neugeboren? Vielleicht auch nach einem erfrischenden Bad, einer guten Massage oder wenn Sie nach einer langen Wanderung tief geschlafen haben. Oft hat es mit unserem Körper zu tun. Also, wer hüpft alles morgens aus dem Bett, reckt sich und streckt sich und tönt laut jubelnd: „Ich fühle mich wie neu geboren“? Ich nicht. Hier kommt schon einmal die Aufgabe für die kommende Woche: Wir machen es einfach mal. Wir werden wach und stehen auf mit dem Gefühl, wie neu geboren zu sein. Quasimodogeniti - wie die neugeborenen Kinder. So heißt der heutige Sonntag nämlich. Altes abschütteln, Neues angehen. Mutig voran schreiten und fröhlich und unbedarft sein. So wie die Kinder. Das könnten wir doch tun. Mit der Freude von Ostern im Rücken hätten wir doch genug Aufwind. Aber Ostern ist ja Feiertag und jetzt kommt wieder der Alltag. Wieviel lässt sich herüber retten von Friede, Freude und Eiersuchen?

Was kann eine klare, erfrischende Dusche sein, die den alten Staub und den Muff, der mir anhaftet, abwäscht? Was hält die Botschaft vom Leben, das gegen den Tod gewonnen hat, wach, wenn uns die Schreckensnachrichten einfach nur lebensmüde machen? Hilft da ein Sonntag, der einen so niedlichen Namen hat?

Mutig, fröhlich und unbedarft, so könnten wir ja einmal mit uns umgehen. Die Maßstäbe nicht ganz so eng stecken, manche Fünf gerade sein lassen und auch das Spielen nicht vergessen. Also Zeit lassen zum Genießen und sich treiben lassen. So, wie Kinder, die alles über dem Spiel vergessen.

Wie die neugeborenen Kinder - wie könnte man Gott besser dafür danken, dass er mit dem Leben gegen den Tod gewonnen hat!


Pfr. Stefan Berk

1. April 2018

Ostern am 1. April - das passt

von Superintendent Stefan Berk

Am 1. April werde ich traditionell auf den Arm genommen. Von allen in der Familie. Irgendwie ist das so eine Art Sport geworden: Wer schafft es, Papa reinzulegen? Nur blöd, dass ich so auf der Hut bin und alles mit größter Skepsis angehe. Bloß nicht spontan sein - das könnte den großen Lacher auslösen!

Eigentlich ist der 1. April für Ostern das perfekte Datum. Denn da fühlten sich viele Leute auf den Arm genommen. Ich glaub', ich spinne! Wer ehrlich war, reagierte so - belustigt, verärgert, entrüstet. Was die einem da erzählten, konnte nur ein Aprilscherz sein: Seit wann können Tote auferstehen?

Aber genau das wurde behauptet: Da wäre einer gewesen, der hingerichtet worden war - als Terrorist, sagten manche, aus Versehen, sagten andere. Und es gab auch Leute, die hinter vorgehaltener Hand meinten: Das sei doch alles ein abgekarteter Plan der Geheimdienste gewesen. Viele wussten es besser. Denn eigentlich war er ein Gutmensch gewesen. Einer, der genau gespürt hatte, wo es die Menschen drückt. Einer, der von Freiheit und Gerechtigkeit reden konnte, ohne dass es irgendwie von oben her klang. Spontanheilungen wurden ihm nachgesagt - aber was hatte man in Jerusalem nicht schon alles erlebt!

Aber: Seit wann können Tote auferstehen?

Ja, gut, man kann sich das in SciFi-Filmen vorstellen. Da gruselt es, wenn irgendwelche Geister aus den Gräbern erwachen oder Untote ihr Unwesen treiben. Aber so ganz handfest, zum Anfassen? Das kann mir doch keiner erzählen. Da will mich jemand auf den Arm nehmen.

Aber was, wenn es doch wahr wäre? Was würde sich verändern, wenn doch einer von den Toten auferstanden wäre? Was, wenn es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen wir tatsächlich keine Ahnung haben? Die wir auch nicht begreifen können mit unseren begrenzten Möglichkeiten?

Am Sonntag ist 1. April und Ostern. Das passt zusammen. Denn Ostern hat mit Osterhasen und Ostereiern zu tun. Aber der Kern ist die Behauptung: Jesus ist auferstanden! Das ist wahr - auch wenn es unmöglich klingt. Auch wenn es wie ein Aprilscherz daherkommt. Und unsere Skepsis uns warnt, bloß auf der Hut zu sein.

Aber wenn es stimmt?

Wenn Jesus auferstanden ist, damals, vor bald 2000 Jahren, dann ist Ostern kein Aprilscherz. Dann müssen wir einige unserer Urteile über die Welt gerade rücken. Der Tod ist dann nicht mehr das Letzte, sondern das Leben. Und am Ende setzen sich nicht diejenigen durch, die auf Teufel komm' raus wirtschaften, sondern Leute mit weitem Herzen, mit Geduld und Hoffnung. Und wenn das Leben bleibt, dann drehen wir uns nicht nur um uns selbst: Gemeinsam das Leben zu gestalten ist dann angesagt!

Aber stimmt es? Ist Jesus auferstanden?

Ich weiß es nicht. Aber ist glaube es.

Und wenn Sie sich auch nicht so ganz sicher sind, willkommen im Club der Suchenden. Seien Sie nicht so skeptisch. Geben Sie Gott eine Chance zu zeigen: Leben bleibt. Leben lohnt. Leben wird nie ein Aprilscherz sein!

In diesem Sinne: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Gesegnete Ostern!


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

25. März 2018

Wer regiert in unserem Leben?

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Heute ist Palmsonntag, an dem im Kirchenjahr an den Einzug Jesu in Jerusalem gedacht wird. Die Menschen legten ihm Palmzweige und Kleider auf den Weg, um ihn wie einen König zu empfangen. Er aber ritt auf einem Esel, um zu zeigen, dass seine Herrschaft im Dienen besteht. Der Gegensatz ist offensichtlich zu den machtstrotzenden oder gar militärischen Einzügen und Machtbehauptungen, die uns im Weltgeschehen der letzten Woche mit Sorge beschäftigt haben, ob in Syrien, China oder Russland.

Einen weiteren traurigen Triumphzug hat am Mittwoch ganz aktuell auch einmal wieder Königin „Wirtschaft“ gefeiert. Die NRW-Landesregierung hat ihr das sogenannte Entfesselungsgesetz auf den Weg gelegt und damit dem Mammon ein kräftiges Hosianna angestimmt. Von nun an haben die Kommunen die Möglichkeit doppelt so viele Sonn- oder Feiertage verkaufsoffen zu halten.

Schon das Wort „Entfesselung“ lässt einen aufmerken. Es geht nicht darum, dass Menschen befreit werden, sondern dass eine Macht, nämlich die von Wirtschaft und Konsum von ihren regulierenden, zum Schutz von Menschen und Gesellschaft geschaffenen Bindungen entfesselt wird. Und was passiert, wenn Wirtschaft so entfesselt agieren darf? Angestellte in den Geschäften und ihre Familien werden hier die ersten Opfer sein, das gesellschaftliche Miteinander als nächstes Schaden nehmen, wenn es eben keine verlässlichen gemeinsamen freien Zeiten mehr für alle gibt.

Jesus fordert in seiner Herrschaft keine Opfer, er gibt sich selbst als Opfer hin. In dem Wochenspruch dieser Woche heißt es: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass es diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Matthäus 20, 28). Klar, hat gerade Jesus auch immer wieder den Sabbat gebrochen, aber dabei hatte er das Wohlergehen der Menschen im Blick. Als er an einem Sabbat einen kranken Menschen heilt, fragt er die Umstehenden „Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun?“ Die Antwort ist klar, sie erfolgt aber nicht. Und dann heißt es: (Markus 3, 5) „Und er sah sie ringsum an mit Zorn und war betrübt über ihr verstocktes Herz.

Palmsonntag ist ein guter Termin, darüber nachzudenken, wer in unserem Leben regiert und eine Antwort von daher in das aktuelle Geschehen unserer Zeit zu geben. Es ist schwierig, Kriege und Machtapparate in anderen Ländern zu verändern. Ob aber in unseren Wittgesteiner Kommunen das durch die Landesregierung geschnürte Paket zur Aushöhlung des Sonntagsschutzes ausgepackt wird, darauf können wir sehr direkt Einfluss nehmen. Wir kennen die Zuständigen und können sie ansprechen. Und letztendlich wird es daran liegen, unsere Einkaufszeiten bewusst von den Sonn- und Feiertagen fernzuhalten.


Pfrn. Simone Conrad

18. März 2018

„Was bisweilen fast verloren scheint“

von Diakoniepfarrerin Simone Conrad, Birkelbach

Montagmorgen. Das Telefon im Büro des Pflegedienstes klingelt. „Hallo, hier ist Herr XY, ich brauche dringend Hilfe bei der Pflege meiner Frau. Es muss gespritzt werden und das offene Bein gewickelt, ich schaffe das alles nicht, sie müssen sofort kommen.“

Leider wohnt Herr XY nicht im Einzugsbereich der Pflegedienststelle. Behutsam versucht die Mitarbeitende der Diakonie, dies zu erklären und mögliche Lösungen zu finden. Aber Herr XY ist verzweifelt. Er weiß sich nicht zu helfen - und diese Hilflosigkeit und Überforderung bricht sich Bahn.

Er fängt bitterlich an zu schimpfen - die bemühte Pflegekraft wird mit Kraftausdrücken bombardiert und in geradezu unverschämter Weise angegangen. Eine Kaskade aus Fäkalausdrücken und Vorwürfen ergießt sich. Die Pflegekraft wird sich dennoch weiter um eine Lösung bemühen – das ist klar, selbst nach diesem Gespräch. Und dennoch - es bleibt ein fahler Geschmack.

Vielleicht denken Sie jetzt: Ach, das ist ein Ausnahmefall. In dieser Härte - mag sein. Im Grundsatz - leider nicht. Es macht mich nachdenklich, betroffen und auch ärgerlich, welchen Zumutungen, Beschimpfungen und Ansprüchen Menschen in sozialen Berufen oft und zunehmend ausgesetzt sind. Das Konsumdenken in unserer Gesellschaft nimmt zu und oft wird nicht mehr höflich gefragt, sondern angeordnet. „Das steht mir doch zu!“ - warum also freundlich darum bitten. Mit dieser Haltung werden nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Erzieherinnen, Lehrer, Personal im Dienstleistungsbetrieb, Verkäufer, beratende Dienste und viele mehr konfrontiert.

Und dabei wird genau das vergessen, was doch eingefordert wird: Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Respekt. Wenn ich dieses für mich erwarte, sollte ich nicht bereit sein, genau diese Tugenden zu üben?

Im Kolosserbrief schreibt Paulus: „Und der Friede Christ, zu dem ihr auch berufen seid… regiere in euern Herzen; und seid dankbar.“ Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen diesen Worten folgen und wiederentdecken, was bisweilen fast verloren scheint: die Wertschätzung für mein Gegenüber und ihre oder seine Hilfe für mich.


Pfrn. Silke van Doorn

11. März 2018

„Verwirf mich nicht in meinem Alter“

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Zum Geburtstag viel Glück und viel Segen, Sharon Stone. 60 Jahre wurde sie gestern. Vital, erotisch, schön, mit einer Ausstrahlung, die Menschen beschreiben, die sie getroffen haben. 26 Jahre ist ihr größter beruflicher Erfolg her - Basic Instinct an der Seite von Michael Douglas. Sie hat viele Filme gedreht und Auszeichnungen als beste und als schlechteste Schauspielerin erhalten. Ganz wie im wirklichen Leben. Vor 17 Jahren erlitt sie Gehirnbluten, von dem sie sich mühsam und mit allen Anstrengungen erholte. Die grundlegendsten Dinge des Lebens musste sie wieder erlernen: Gehen, reden, essen… Heute sieht man nichts mehr davon. Eine strahlend schöne Frau, die ihr Leben schillernd meistert.

Es hört sich märchenhaft an - gerade auch dann, wenn sie eben nicht nur unbeschädigt durch das Leben gegangen ist, sondern mit Lebensbedrohung und Rehabilitation zu kämpfen hatte.

Mein Vater ist nun im Ruhrgebiet im Altenheim. Es gibt nur wenige Männer dort. Einer von ihnen hatte ebenfalls gestern Geburtstag. Er wurde nicht 60 Jahre alt, sondern 62. Auch er hatte Gehirnbluten. Seitdem ist er im Altenheim. Er arbeitete auch hart, doch reichte das Geld nicht, um eine so ausdauernde Rehabilitation zu machen, die er gebraucht hätte. Mittlerweile kann er nach drei Jahren wieder reden und essen. Mit dem Laufen klappte es nicht mehr. Er sitzt im Rollstuhl. Seine Bewegungsfähigkeit ist eingeschränkt. Von selbst kann er sich nicht aus seinem Rollstuhl erheben. Somit ist er auf Hilfe angewiesen, um auf die Toilette zu gehen. Da aber in dem Pflegeheim immer viel zu wenig Personal da ist, ist keine Zeit, um ihn auf die Toilette zu bringen, wenn er es braucht. Nun trägt er Windeln, obwohl es nicht sein müsste. Die muss er auch tragen, wenn sie schon längst voll gemacht sind. Er wartet, bis Zeit ist, sie zu wechseln. Er sitzt darinnen bis er wieder ganz nass ist und der Geruch die Anderen beim Essen stören müsste. Er sieht viel älter aus als 62 Jahre.

Die Bitte des Psalmbeters in Psalm 71 ist „Verwirf mich nicht in meinem Alter; verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.“ Dass wir gehalten sind und wirklich gute Entwicklungsmöglichkeiten haben auch dann, wenn wir schwach geworden sind, ist der Wunsch eines jeden Menschen, der Schwachheit an sich oder seinen Angehörigen erfahren hat. Kein Problem in unserer so reichen Gesellschaft - dachte ich. Bis ich die Grenzen aufgezeigt bekommen habe.

Warum fehlen so viele Pflegekräfte? Warum ist der Beruf so unattraktiv? Warum gibt es nicht vielfältige Lösungen für eine Stellenvielfalt in den Pflegeheimen? Eine examinierte Pflegekraft wird an anderen Stellen gebraucht als zum Essen-Austeilen! Warum gibt es so wenige Anregungen und Angebote, damit die Kräfte der Menschen, ihre Vitalität erhalten bleiben. Oder sogar wieder erlangt werden können nach schlimmer Erkrankungen, die aber geheilt wurden?

Als Kirchen werden wir an dieser Stelle glaubhaft die besseren Angebote machen müssen. Und immer wieder Sand im Getriebe unserer Gesellschaft sein, die mehr kann als sie tut.

Allen Geburtstagskindern alles Gute, Gottes Segen. Und Ihnen auch.


Pfrn. Kerstin Grünert

4. März 2018

Gemeinsames Beten bestärkt

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Ein Gebet wandert über 24 Stunden lang um den Erdball und verbindet Frauen in mehr als 100 Ländern der Welt miteinander.

So steht es auf der Homepage des deutschen Weltgebetstags-Komitees. Und immer am ersten Freitag im März ist es soweit. So auch vorgestern. Mit der Liturgie, die Frauen aus Surinam vorbereitet haben, wurde in der ganzen Welt gebetet und Gottesdienst gefeiert.

Es möge nützen, denke ich da so. Auf dass unser Gebet bewirke, dass Ungerechtigkeiten aufhören und Menschen würdig und rücksichtsvoll miteinander umgehen.

Macht Beten überhaupt noch einen Sinn? Kann Gott Sachen werden lassen oder machen, dass Dinge in der Welt anders werden? Oder ist das Gebet vielleicht eine längst überholte Form, die früher funktioniert und Menschen froh gemacht hat, heutzutage aber nichts mehr ausrichten kann?

Ich muss zugeben, manchmal fehlt mir einfach die Antwort. Ich bin viel zu kommunikativ, lebe vom Geben und Nehmen im Miteinander, als das mir diese einseitige Geschichte beim Beten ausreichen würde. Dann hätte ich es gern konkret, spür- und sichtbar. Dann möchte ich die Veränderungen erleben.

Das mit Gottes Antworten auf mein Gebet ist ja so eine Sache. Wie oft bin ich neidisch auf Abraham oder Mose, Elia oder die Propheten, die Gott noch leibhaftig gespürt haben und Botschaften zu hören bekamen. Bei meinen Recherchen zum Thema „Gebet“ bin ich auf eine interessante Deutung gestoßen. Mit den Antworten Gottes auf ein Gebet ist es so wie mit einer Ampel.

Rot bedeutet: Gott sagt manchmal tatsächlich „Nein“ zu unserem Gebet und greift auch nicht ein - nachvollziehbar oder ganz und gar nicht nachvollziehbar.

Gelb heißt, dass er antwortet, aber anders als ich denke. Zum Beispiel mit einem anderen Zeitplan, oder auf eine andere Art und Weise und auch mit einem Anspruch an mich selbst, den ich so nie gesehen hab‘.

Grün bedeutet: „Ja“, einfach nur „Ja!“ Genau das, worum wir Gott gebeten haben, passiert auch.

Rot, gelb, grün. Schon im Straßenverkehr hab‘ ich ja am liebsten eine grüne Welle. Alles läuft nach Plan und meinem Geschmack, ich komme vorwärts. Aber wir werden eben auch immer wieder ausgebremst, von der Härte des Lebens. Das tröstliche an der roten Gebetsampel ist der Gedanke an einen Gott, der mit uns mitleidet, wenn uns das Leben so hart trifft. Er setzt sich nicht mit verschränkten Armen da hin und denkt sich: Sieh zu, wie du klar kommst. Wenn das rot besonders grell aufleuchtet, dann ist er uns nah‘ in unserer Ratlosigkeit und in allem Schweren.

Auch mit dem Vergleich der Ampel bin ich immer noch neidisch auf die Alten, von der die Bibel erzählt. Aber die Tatsache, dass sich immer wieder Frauen und Männer weltweit zum Gebet zusammentun stärkt mich in dem Vertrauen darauf, dass es doch auch irgendwo ankommen muss. Amen.


Pfr. Dr. Tim Elkar

25. Februar 2018

Ein Sieg ist wichtig, aber nicht alles

von Pfr. Dr. Tim Elkar, Erndtebrück

Wenn Sie in den vergangenen Tagen und Wochen den Fernseher angeschaltet haben, lief dort fast den ganzen Tag auf ARD und ZDF die Übertragung von den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang. Können Sie eigentlich etwas anfangen mit den Olympischen Winterspielen? Mein Verhältnis zu den Spielen ist durchaus ambivalent.

Einerseits sehe ich gern die Übertragungen von Biathlon, Curling und Freestyle-Skiing. Biathlon finde ich sehr spannend. Beim Curling beeindruckt mich die Präzision mit der die Spieler arbeiten müssen. Spektakulär ist das Freestyle-Skiing. Ich sehe mir diese Übertragungen an und verbringe mehr Zeit vor dem Fernseher als sonst. Damit bin ich keineswegs allein, viele Menschen sehen die Olympischen Spiele im Fernsehen.

Andererseits sind da die vielen negativen Schlagzeilen, die Olympia auch in diesen Tagen wieder gemacht haben. Die ersten Dopingfälle der Spiele sind bekannt. Da ist die Sperre für das russische olympische Team wegen der Anschuldigung, dass in Russland systematisch gedopt wird. Die Sportanlagen werden in Naturschutzgebiete gebaut und nach den Olympischen Spielen bleiben sie ungenutzt als zunehmend verfallende Ruinen stehen. Natürlich sind die Olympischen Spiele auch eine Gelddruckmaschine für das Internationale Olympische Komitee. Skepsis ist also durchaus angebracht.

Wie halten wir es als Christen eigentlich mit dem Sport und den Olympischen Spielen? Wenn ich so in die Sportgeschichte blicke, dann wird darin immer wieder deutlich, dass die Kirche viele Jahre und Jahrhunderte kritisch auf den Sport gesehen hat. Wenn Sportarten verboten waren, dann oft auch aus religiösen Gründen. In einen Sportverein zu gehen, das galt viele Jahrhunderte lang, häufig weniger als Ergänzung als vielmehr als ein Gegenkonzept zur Kirche. Zudem gab es eine gewisse Leibfeindlichkeit innerhalb des Protestantismus.

Also dann doch lieber weg- und umschalten, wenn Olympia oder Sport im Fernsehen gezeigt werden? Ich finde, es gibt gute Gründe für den Sport und auch für das Sehen der Olympischen Spiele. Zunächst einmal ist es so, dass wir unseren Körper von Gott geschenkt bekommen. Er ist Teil seiner guten Schöpfung. So drückt es der 139. Psalm mit den Worten aus: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Geistlich gesehen gehört der menschliche Körper Gott und dient als sein Tempel. Deshalb sollen wir uns auch um unseren Körper kümmern. Sport tut dem eigenen Körper bekanntermaßen gut.

Zudem ist es so, dass die Olympischen Spiele ein großes Fest der Gemeinschaft ist. Verschiedene Nationen und Menschen kommen zusammen und erleben Gemeinschaft, friedvolle Gemeinschaft. Mir ist es lieber, dass sich Menschen zu Wettkämpfen zusammenfinden und sich messen, als dass sie Krieg gegeneinander führen. So gibt es bei dieser Olympiade eine koreanische Mannschaft. Dies ist eine gute olympische Vision, dass sich Menschen in Frieden zusammenfinden, ein bisschen so wie die friedliche Völkerwallfahrt zum Zion, die wir in der Bibel beschrieben finden.

Außerdem dürfen wir uns natürlich mit anderen Menschen freuen, wenn sie etwas im Leben erreicht haben. Ich jedenfalls freue mich für die Athleten, wenn sie einen Sieg davontragen oder eine gute Platzierung erreichen. Wohlwissend, dass ein Sieg beim Sport wichtig, aber nicht alles im Leben ist. Entscheidend für unser Leben ist die Beziehung zu Jesus Christus.


Pfr. Thomas Janetzki

18. Februar 2018

Aschermittwoch – und was jetzt?

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Viele Menschen nehmen den Tag wohl als Ende der Karnevalszeit zur Kenntnis, können aber ansonsten nicht mehr viel mit ihm und der Zeit danach anfangen. Dabei ist er ein wichtiger Feiertag und sein Name ist mal dadurch entstanden, dass sich die Menschen zum Zeichen der Buße Asche auf ihre Häupter streuten. In der römisch-katholischen Kirche werden die Gemeindeglieder auch heute noch mit dem Aschekreuz gezeichnet, wobei die Asche an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern soll.

Der Aschermittwoch hat aber auch schon lange andere, sehr viel irdischere Seiten: Er wird als Politischer Aschermittwoch, wie wir jetzt wieder in den Zeitungen lesen können, von den Parteien seit langer Zeit schon gern als Veranstaltung genutzt, um ihre Mitglieder noch einmal aufs Neue zusammenzuschließen, indem noch mal die eigenen Ziele und Vorhaben (in Abgrenzung von den anderen Parteien) deutlich herausgestellt werden.

Für uns Christen bedeutet die Fastenzeit, die damit beginnt, aber viel mehr als den Verzicht auf bestimmte Dinge für eine bestimmte Zeit. Sie lädt dazu im biblischen Sinne ein, mit den Gaben Gottes und seiner Schöpfung verantwortungsvoll und bewusst umzugehen und diese maßvoll zu gebrauchen. Dies schließt auch den Umgang der Menschen untereinander mit ein. Fasten bezieht sich dann nicht nur auf einen bestimmten Lebensbereich wie das Essen oder einen bestimmten Zeitraum wie etwa einen bestimmten Tag in der Woche, obwohl dies durchaus eine gute Hilfe zu einem verantwortlichen Leben sein kann, sondern auf alle Bereiche unseres Lebens.

Wenn es uns nun noch gelingt, uns an diesem Tag und in der kommenden Zeit immer wieder selbst zu fragen, was denn für uns persönlich die wichtigen Fragen und Ziele in dieser Fastenzeit und im Jahr 2018 insgesamt sind, und wenn wir es auch noch schaffen, dies den Menschen um uns herum weiterzugeben, dann werden wir diese kommenden Wochen sehr viel bewusster und tiefer erleben können - und vielleicht auch anderen einen neuen Zugang zum Aschermittwoch und zur Fastenzeit schenken. In diesem Sinne eine gesegnete Zeit!


Pfr. Horst Spillmann

11. Februar 2018

Die Einladung fürs Masken-fallen-Lassen

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

Nächste Woche endet mit dem Aschermittwoch die Karnevalszeit. Aber ist dann auch Schluss mit der Maskerade? Es werden wohl lediglich die Masken eingemottet, die man während der närrischen Tage trug und sei es nur die einfache Pappnase, aber die wahre Maske trägt man weiter oder stülpt sie sich wieder über; ich meine damit die Alltagsmaske, mit der wir unseren Mitmenschen begegnen, nicht zuletzt an der Arbeitsstelle, in der Schule, in der Nachbarschaft. Oder können Sie es sich erlauben, Ihr wahres Gesicht zu zeigen? Können Sie es wagen, Schwächen, Fehler, Unzulänglichkeiten vor anderen einzugestehen: Als Vater gegenüber den Kindern, als Vorgesetzter gegenüber den Mitarbeitern, als Politiker*in vor dem politischen Gegner? Stattdessen üben wir weiter das Versteckspielen. Dabei kostet es so viel Kraft, beständig eine Show abzuziehen, das wahre Ich zu zeigen; es verbiegt unsere Seele, lässt uns krank werden.

Was die Maskerade abseits des Karnevals in einem Menschen bewirkt, beschreibt eindrücklich eine Studentin in einem Brief an ihren Professor: Lass dich nicht von mir narren. Lass dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache. Denn ich trage tausend Masken - Masken, die ich fürchte abzulegen. Und keine davon bin ich. So zu tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles sonnig und heiter in mir, innen wie außen… Dieses Äußere mag sicher scheinen - aber es ist eine Maske. Darunter ist nichts Entsprechendes. Darunter bin ich wie ich wirklich bin: Verwirrt, in Furcht und alleine.

Aber ich verberge das Ich, möchte nicht, dass es irgendjemand merkt. Deshalb erfinde ich Masken, hinter denen ich mich verstecken kann. Eine lässige, kluge Fassade, die mir hilft, etwas vorzutäuschen, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde. Dabei wäre dieser Blick gerade meine Rettung, wenn er verbunden wäre mit Angenommenwerden, mit Liebe.

Einer hatte diesen Blick der Annahme: Jesus Christus. Wir hören es in den nächsten Wochen wieder in der Passionsgeschichte: Nachdem der Jünger Petrus Jesus, seinen Herrn und Meister, vor den Menschen verleugnet hat, heißt es (Lukas 22, 61): „Und der Herr wandte sich und sah Petrus an.“ Und von Petrus wird berichtet: „Er ging hinaus und weinte bitterlich.“ Er war entlarvt. Jesus hatte hinter die Maske des Petrus geschaut. Sein Blick hat ihn aber nicht erniedrigt, er hat ihn allerdings auf seinen wahren Grund zurückgeführt, nämlich sich als verletzlicher, fehlerhafter Mensch zu erkennen, der einzig und allein von der Vergebung und Annahme Gottes lebt.

Wenn ich so vor Gott keine Maskerade benötige, der mein Herz ansieht und mich durch und durch kennt und trotzdem liebt, dann kann erst recht auch die Furcht vor den Menschen wegfallen, dann kann ich ihnen wahrhaftiger begegnen, ohne Maske! – Das wäre ein befreites Leben!


Pfrn. Simone Conrad

4. Februar 2018

Wieso Konfirmation und Fußball?

von Diakoniepfarrerin Simone Conrad, Birkelbach

Vorgestern war Konfi-Cup - und natürlich habe ich heute, am Donnerstag, als ich dieses Angedacht schreibe, noch keine Ahnung, welche der Wittgensteiner Mannschaften wohl gewonnen hat.

Konfi-Cup, das heißt: Gemischte Mannschaften von Konfirmanden und Konfirmandinnen spielen darum, welche Gemeinde wohl die beste Fußball- und welche wohl die beste Hockey-Mannschaft stellt und Wittgenstein beim Fußballturnier auf Landesebene vertreten darf.

„Nee, was das heute alles gibt“, habe ich als Reaktion aus der Gemeinde gehört. Und auch: „Was hat das eigentlich mit Konfirmation zu tun?!“

Na ja, mit der Konfirmation selbst hat das zugegebenermaßen nicht so viel zu tun… aber mit dem Weg dorthin und mit den Zielen eine ganze Menge!

Schließlich geht es darum, eine Gemeinschaft zu sein, im Team zu spielen, zu spüren: wir gehören zusammen. Fair-play ist angesagt - und das ist ein viel zu seltenes Gut geworden, im Fußball wie im Leben. Konfi-Cup heißt für mich auch, zu sehen: Wow, sind wir viele - und das ist in Zeiten immer leerer werdender Kirchen ein wunderbares Gefühl. Und last but not least haben die, die mitmachen, immer einen Riesen-Spaß - und mal ehrlich: Kirche darf doch auch mal Spaß machen, oder?

Ich jedenfalls bin gespannt, wer wohl gewinnt und halte (natürlich) meiner Mannschaft die Daumen. Vor allem aber wünsche ich uns ein faires, spannendes Turnier - und viel Freude in der Gemeinschaft.


Pfrn. Silke van Doorn

28. Januar 2018

„Vergessen verlängert das Exil“

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Harry Potters Narbe ist wichtig. Das Zeichen, das an Harrys Leib zurückblieb, als der furchtbarste Schicksalsschlag sein Babyleben traf, ist sichtbar und kennzeichnet ihn. Er verlor seine Eltern und wurde Waise. Jeder erkennt ihn.

Jeder? Nein, er wird in der Gesellschaft erkannt, die seine Geschichte kennt. Er selbst kennt seine Geschichte, die Geschichte seiner Eltern nicht. Er weiß nicht um seine Identität. Er kennt nicht einmal die wahre Geschichte seiner Eltern und weiß, warum und wie sie starben. Sie wurde ihm vorenthalten von denen, bei denen er lieblos großgezogen wurde. Die Unkenntnis seiner traumatischen Geschichte und die Geschichtsfälschung durch seine Pflegeeltern führen zu seiner Verkrüppelung.

Joanne K. Rowlings wunderbare Harry-Potter-Reihe erzählt von der Entwicklung eines Jungen, der alleingelassen und gezeichnet, durch Bildung (Hogwarts), Freunde (Hermine, Ron und viele andere), Liebe (die durch den Tod hindurch ein schützendes Band um ihn schlingt) und Aufklärung (er lernt seine Geschichte kennen) zu einem aufrechten, mutigen und klugen, herzensgebildeten Menschen wird. Seine Narbe bleibt ihm am Ende. Aber sie bereitet ihm keine Schmerzen mehr.

„Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.“ Warum erinnern an Geschehnisse, die furchtbar waren? Wie oft habe ich gehört, dass wir doch besser alles vergäßen, was zwischen 1933 und 1945 war? Vergessen, was in den Städten und Dörfern an Ausgrenzung und Entrechtung geschah, was zu millionenfachem Mord führte, was zu den Gaskammern von Auschwitz brachte.

Das Schweigen, das lange Zeit sowohl von Tätern und Opfern gewahrt wurde, machte die Kinder und Enkel krank. Erst als wir unsere gemeinsame Geschichte anschauten, als wir anfingen, zu erzählen, Unrecht beim Namen zu nennen, begann ein Heilungsprozess auf beiden Seiten. Erinnerung hilft, weil erfahrenes Unrecht eingestanden wird. Erinnerung hilft, weil diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben, durch das Eingestehen und Bereuen, den Opfern die Würde, die sie ihnen raubten, zurückgeben- und damit auch sich selbst.

Kinder und Jugendliche, die gestern am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische Armee, unsere deutsche Geschichte von Unrecht und Befreiung kennen lernten, die lernen, dass ihnen nicht eine namenlose Masse von Toten gegenübersteht, sondern die Nachbarn ihrer Großeltern und Urgroßeltern. Es waren Kinder und Eltern und Großeltern, Menschen, die sie auch selbst hätten sein können.

Die Narbe hört auf zu schmerzen, wenn wir uns erinnern, wenn wir erzählen und daraus lernen. Auf dass es nie wieder geschieht.


Pfr. Peter Liedtke

21. Januar 2018

„Was für ein Vertrauen“

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

„Was für ein Vertrauen“, so lautet die Losung für den Kirchentag 2019 in Dortmund. Würde man so über mich sprechen? Vorsichtig, immer bemüht, Folgen zu bedenken, Streit vermeidend, sind eher Sätze, mit denen ich mich beschreiben würde. Als kleiner Hirte David dem streitbaren Philisterkrieger Goliath die Stirn bieten, weil er Gott lästert? Als König Hiskia der Streitmacht der Assyrer entgegenzutreten ohne Heere? Als Prophet mich in die gottlose Stadt zu wagen, um ihnen zu sagen, wie gottlos sie sind oder meine Nacht zu verbringen in Gesellschaft hungriger Löwen? Die Bibel erzählt von vielen Menschen, die solche Dinge und vieles mehr gewagt haben, allein, weil sie Gott vertrauten. Ich höre bei solchen Berichten immer eine Frage an mich: Kannst Du das auch? Und ich gestehe mir dann ein, dass ich sehr unsicher bin. Ich habe schon Situationen erlebt, wo ich im positiven Sinne erstaunt war über mich. Aber immer hatte ich das Gefühl: Diese Kraft kommt nicht aus mir, sie ist mir geschenkt - für diesen einen Moment, mir unverfügbar.

Für mich spiegelt sich diese Erfahrung wider in den biblischen Zeugnissen. Ob es David ist oder Hiskia, Jona oder Daniel, Petrus oder Paulus, sie alle sind normale Menschen. Es gibt Dinge, vor denen sie sich fürchten, Momente, in denen sie schwach werden. Sie waren Menschen, wie wir es heute auch sind. Was sie oft unterscheidet von uns ist die Bereitschaft, in ganz bestimmten Momenten von sich selbst abzusehen und nach Gott zu fragen. Und dann erlebten sie das Herausragende: Sie können mit einmal Mal ganz Gott vertrauen, ihre Zuversicht auf ihn setzen. Und dieses Vertrauen verändert die Situation grundlegend.

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Als Einzelne kämpfen wir mit Krankheiten, ringen um die Kraft für die Pflege geliebter Menschen, versuchen uns zu befreien von lähmenden schwarzen Schatten, die uns zu ersticken drohen. In unseren Familien, Vereinen und Orten setzen wir uns ein, Liebgewordenes zu bewahren und ein Miteinander zu pflegen, das uns gut tut. Als Bürger unseres Staates und als Teil einer Wirtschafts- und Solidargemeinschaft stehen wir ebenfalls vor großen Aufgaben: die stetig größer werdende Kluft zwischen arm und reich, die Wahrung der uns wichtigen Werte wie Demokratie, persönliche Freiheit, Chancengleichheit, die wachsende Hilflosigkeit angesichts der häufig erhaltenen Antwort „Daran kann man nichts ändern“.

Das Kirchentagspräsidium wagt mit der Wahl der Losung für 2019 viel. Wir sollen angesichts dessen, was von uns gefordert ist, nicht auf unsere Klugheit setzen, nicht auf Macht und Einfluss, sondern auf Gott schauen, um von ihm das Vertrauen zu erhalten, das uns die Kraft gibt, uns waffenlos den Herausforderungen zu stellen. Eine mutige Wahl, aber wenn wir ehrlich sind, wie oft sind wir nicht schon mit unserer Klugheit und Macht gescheitert. Ein Vertrauen auf Gott, das ist womöglich die Chance für eine Wende, im Persönlichen wie im Politischen.


Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

14. Januar 2018

Das Himmelreich ist...

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

Werktag auf dem Bauernhof. Der Alte macht sich für die Arbeit auf dem Pacht-Feld fertig. Vielleicht ist er schon mit dem linken Bein aufgestanden. Alles läuft gegen den Strich. Der Kaffee schmeckt nicht, im Stall lahmt eine Kuh, der Traktor will nicht anspringen, und der Anhänger hat auch noch Plattfuß. „Ist das die Möglichkeit? Alles muss man alleine machen, weil keiner auf der Landwirtschaft arbeiten will. Es ist zum Auswachsen und zum Grün-Ärgern.“ Der Himmel ist grau in grau, während der Mann hinaus rattert. Endlich zieht der Pflug eine braune Furche - aber mit lautem Krach bleibt er stecken. Er ist auf einen Widerstand gestoßen. „Auch das noch. Dieser verfluchte Stein.“ Als er mit der Spitzhacke nachschlägt, entdeckt er einen Schatz vom unendlichen Wert. Mitten im Alltag hat sich der Wider-stand als großer Schatz entpuppt.

Werktag im Juweliergeschäft. Der Chef zieht die Gitter hoch, öffnet die Ladentür, wischt den Staub von den Glasvitrinen, macht die Kasse fertig und wartet auf den ersten Kunden, der den Umsatz ankurbelt. Als die Ladentür klingelt, ist es nur ein Mann mit dem Handkoffer. „Oh, diese Vertreter“, entfährt es ihm: „Eigentlich habe ich heute keine Zeit. Aber bleiben sie da. Zeigen Sie mal schnell ihre Kollektion.“ Schnell und widerwillig überfliegt er das neueste Sortiment und entdeckt urplötzlich einen leuchtenden Diamanten. „Den muß ich haben, den und kein andern.“ Mitten im Alltag stieß er auf den Fund seines Lebens.

Der Acker ist doch der Platz, den ich zu beackern habe. Das Geschäft ist doch der Ort, wo ich meinen Dienst tue, Es hat Gott gefallen, seinen Schatz nicht als Kirchenschatz im Dome zu stellen. Es ist Gottes Absicht, die Perle der Gotteskindschaft nicht in eine goldene Fassung zu hängen, ums sie dann in Galaschaufenstern den Reichen und Begüterten anzubieten. Vor unseren Füßen, gar nicht weit weg, mitten drin im Geschäft und im Dienst ist es zu entdecken. Gerade dort wo wir es nicht vermuten - im Hindernis, im Schmerz, in der Sinnlosigkeit, in der Krankheit - ist er da und will uns begegnen.

Kaum hat der Bauer seine Entdeckung gemacht, da spannt er seinen Pflug aus und steuert geradewegs den nächsten Makler an. Wenige Stunden später ist die schönste Auktion im Gange. Der ganze Hof mit toten und lebendigen Inventar kommt unter den Hammer. Alles findet einen neuen Besitzer. Mit dem Erlös eilt der Bauer zum Verpächter des Ackers und schließt einen Kaufvertrag ab. Fröhlich zieht er auf diese Scholle.

Und den Juwelier bietet dem Vertreter seinen ganzen Laden für diesen Diamanten. Der geht diesen atemberaubenden Handel ein. Als neuer Besitzer wechselt dieser Kofferträger das Ladenschild und sieht den Juwelier nach, wie der mit seinen Edelstein die Straße hinunterspringt. „Er ging hin voller Freude.“

Das ist die Entdeckung. Der Schatz und der Edelstein wiegen alles andere auf. Sie überstrahlen alle herben Verluste. Sie ersetzen hundertfältig alle anderen Einbußen. Mehr als diesen Schatz, mehr als diese Perle, mehr als das Reich Gottes in der Person Jesus brauchen wir nicht.


Pfrn. Christine Liedtke

7. Januar 2018

Wenn Könige niederknien

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Gestern war der Dreikönigstag, der Tag der Sternsinger, die in den katholisch geprägten Gegenden von Haus zu Haus gehen. Es sind Kinder, die als die Heiligen Könige verkleidet mit einem Stern und Reisigbesen singend an jeder Tür klingeln. In Schmallenberg kamen sie - wie schön! - jährlich auch an die Tür unseres evangelischen Pfarrhauses und baten um eine Spende für notleidende Kinder in der Welt. Dann malten sie mit Kreide ihren Segensspruch an den Pfosten der Haustür: 20+C*M*B+18, was neben den Anfangsbuchstaben der legendären Namen der Könige (Caspar, Melchior und Balthasar) auch den Segensspruch bedeutet: Christus möge dieses Haus segnen!

Am meisten gefiel mir, wenn einer der glitzernd gewandeten Könige mit seinem Reisigbesen über unsere Schwelle wischte und dazu sagte: „Alle Sorgen aus diesem Haus / kehrt Melchior mit dem Besen aus!“ Ja, das wäre so gut, ohne Sorgen und zuversichtlich in das neue Jahr zu blicken! In der Bibel finde ich dazu auch eine Anweisung, im ersten Petrusbrief: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er, Gott, sorgt für euch.“ (1. Petrus 5, 7)

Ich blickte den Sternsingern hinterher und mir kam unversehens ein Werbespruch eines Bierherstellers in den Sinn: Heute ein König! Und auch ein anderer Sinnspruch fiel mir wieder ein: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“. Wollen wir nicht alle immer auch Könige und Königinnen sein, Prinzen und Prinzessinnen? Die Mädchen leben diesen Wunsch zu Karneval aus, wenn sie sich als kleine Prinzessinnen verkleiden, mit Tüllkleidchen und Krönchen - habe ich selbst auch gemacht! Die Märchen erzählen von Königsfamilien - und erzählen uns damit auch von uns selbst. Die Regenbogenpresse hält uns auf dem Laufenden, was die realen Königshäuser dieser Welt betrifft. Insofern ist uns der Königsbegriff ganz nahe und kann uns vielleicht auch der gerade vergangene Dreikönigstag ganz wesentlich berühren.

Jetzt ist auch die Zeit, in der die drei Köngisfiguren der Weihnachts-Krippe zusammen mit dem Kamel an den Stall und die Krippe herangerückt werden, wo sie ihre Geschenke darreichen: Gold, Weihrauch und Myrrhe, kostbare Gaben, die schon deutlich machen, dass dieses neugeborene Kind einen besonderen Weg vor sich hat, denn Weihrauch und Myrrhe sind Heilmittel zur Wundbehandlung und Schmerzstillung. Der Evangelist Matthäus erzählt als einziger von den drei Weisen aus dem Morgenland, die dem neuen Stern gefolgt waren, um den neugeborenen König zu finden. Meine drei Krippenfiguren der weit gereisten Sterndeuter - oder Könige, wie es der Volksmund sagt -, zeigen deutlich, was die Bibel mit den folgenden Worten ausdrückt: „Und sie fielen nieder und beteten es an.“ Die drei Könige haben begriffen, dass auf dem Heu und Stroh jemand liegt, der größer und mächtiger ist als sie, und sie beugen ihre Knie und zeigen ihm ihre Ehrerbietung.

Ich selbst habe noch nie vor einem Menschen gekniet, außer wenn ich meinen kleinen Jungs die Schuhe zugebunden habe. (Eine Frage an die Männer unter Ihnen: Haben Sie beim Heiratsantrag vor Ihrer Liebsten gekniet?) Ich kenne es aber, vor Gott zu knien, eine Gebetshaltung, die uns Evangelischen eher nicht so vertraut ist. Sich niederknien bedeutet: Ich mache mich klein, ich erniedrige mich vor dir, ich beuge mein Haupt vor dir (denn auch das gehört dazu: versuchen Sie mal, kniend den Kopf nach oben zu heben). Niederknien bedeutet, dem Anderen die Ehre zu geben. Es bedeutet, ihn als größer und mächtiger anzuerkennen, es bedeutet, selbst eine demütige Haltung einzunehmen.

Vielleicht müssen wir sie wieder einüben, diese Haltung der Demut, die anerkennt, dass nicht ich selbst mein Leben und meine Geschicke lenke und verantworte. Vielleicht sollten wir mal wieder unser Haupt neigen vor wunderbaren Entwicklungen, staunenswerten Ereignissen und unverdienten Geschenken des Lebens. Vielleicht steht es uns gut an zuzugeben, dass wir weniger Könige und Königskinder sind als vielmehr Bettler und Bedürftige. Auf seinem Sterbebett fasste es Martin Luther in den Satz: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Wie wenig verdanken wir uns selbst! Wie viel mehr verdanken wir anderen Menschen und eintretenden Fügungen. Wie viel verdanken wir unserem Schöpfer, dem, der in Wahrheit unser Leben lenkt: Gott, der unsere Nähe sucht und uns mit seiner Liebe umhüllt und uns ein fürsorglicher Vater sein will! Wenn wir diese Erkenntnis in unserem Herzen spüren, dann fallen wir vielleicht wie die Heiligen Drei Könige dankbar auf die Knie, dann werfen wir unsere Sorgen von uns und vertrauen sie diesem Vater an, dann neigen wir unser Haupt und beten: Hab' Dank für das neue Jahr und gib du deinen Segen auf all mein Tun und Lassen, lass mich nicht sorgen und ängstlich sein, sondern zuversichtlich und getrost mein Leben aus deiner Hand nehmen.