An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.


Pfr. Steffen Post

5. Mai 2019

„Der Herr ist mein Hirte“ - für 2019

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Heute ist im Kirchenjahr der Sonntag „Vom guten Hirten“. Manch einer wird sich dabei vielleicht an den 23. Psalm erinnern, dessen Anfangsvers meiner Wahrnehmung nach immer noch zu den bekanntesten Worten aus der Bibel gehört: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Gut möglich, dass diese Worte auch bei den Konfirmationen dem ein oder anderen jungen Menschen als Leitwort mit auf den weiteren Lebensweg gegeben werden.

In unserer Kirchengemeinde beschäftigen wir uns im Rahmen der Konfirmandenarbeit an einem ganzen Blocktag mit dem 23. Psalm. Dabei wird mir jedesmal deutlich, dass die mir gewohnten Bilder und Vergleiche in diesem Psalm für heutige Jugendliche nicht mehr so ohne weiteres verständlich sind. Daher begeben wir uns mit ihnen auf Spurensuche und tragen gemeinsam zusammen, wer denn heute ein ‚guter Hirte’ für uns sein könnte. Gehen der Frage nach: Was sind denn ‚grüne Auen’ für junge Menschen und somit Orte, an denen sie sich wohl fühlen? Versuchen zu ergründen, welche Lebenssituationen sie mit einem ‚finsteren Tal’ in Verbindung bringen. So gehen wir diesen Psalm Vers für Vers durch und versuchen ihn für die heutige Zeit zu entschlüsseln. Dabei entstehen hin und wieder ganz originelle Psalmversionen.

Ich erinnere mich an eine Gruppe, in der jemand einen sogenannten „Mc-Donalds-Psalm“ geschrieben hatte:
Die grünen Auen und das frische Wasser waren demnach im genannten Fast-Food-Restaurant zu finden; das finstere Tal war dann der geschlossene Mc-Drive-Schalter; das Salben des Hauptes mit Öl ereignete sich dann wie folgt: „Du holst mir noch ein Eis und bezahlst es mir auch.“; und das Gute und Barmherzige gipfelte schließlich in einem „Gratis-Happy-Meal“, das wiederum dazu einlud, noch eine Weile da zu bleiben.

Und neben diesen vielleicht etwas humorvoll gemeinten Varianten gibt es eben auch immer wieder sehr ansprechende Übertragungen, wie diese: „Der HERR ist mein Helfer, mir wird nichts passieren. Er führt mich dahin, wo ich mich wohl fühle und gibt mir zu essen und zu trinken. Er ist das Navi meines Lebens. Auch wenn ich in die Schule/den Keller/das Krankenhaus muss, habe ich keine Angst, weil Gott bei mir ist. Gott führt uns nach Streit wieder zusammen, damit wir uns wieder vertragen. Gott kümmert sich um mich, wenn ich mich verletzt habe. Er ist immer bei mir, egal, was passiert.“

Ja, und wer weiß: Vielleicht haben Sie beim Lesen bereits damit begonnen, ihren eigenen Psalm 23 zu schreiben, mit dem Sie das jetzt für sich mit ihren eigenen Worten ausdrücken können: „Der HERR ist mein ..., mir wird nichts mangeln.“


Pfrn. Kerstin Grünert

28. April 2019

Mit Leidenschaft und Verstand

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Manchmal ist es ja so. Da trifft man jemanden und denkt: Passt. Der oder die tickt so ähnlich wie ich, da braucht es nicht viele Worte, kein großes Brimborium, man weiß einfach, was beim anderen läuft. Ja, es gibt so Konstellationen, da versteht man sich irgendwie schneller gut.

Ich mag das ja, wenn ich auf solche Menschen treffe. Das ist dann keine ganz ungefährliche Sache, weil ich dann nämlich ganz schnell dabei bin, mein Innerstes nach außen zu tragen und keinen Hehl daraus mache, dass der andere mir schnell ans Herz gewachsen ist. Überhaupt was für eine interessante Formulierung: ans Herz wachsen. Läuft das immer gleich ab? Ich glaub‘ ja nicht. Also, ich hab‘ das Gefühl, manche verwurzeln sich da über Jahre hinweg, langsam, zurückhaltend, aber dauerhaft. Oder eben so, dass es gar nicht viel braucht und schwupp sind da kurze und knappe, aber feste Wurzeln. Nicht weniger dauerhaft, als die anderen. Dann überlege ich, wieviel Platz wohl an so einem Herzen ist. Ich finde ja, ich hab‘ ein großes Herz. Müssen da dann auch alle rein? Hab‘ ich da so etwas wie einen Vorgarten und einen VIP-Bereich? Komisch, so über das eigene Herzen nachzudenken. Ich glaube, ich hätte lieber gerne einfach riesig viel Platz und gar keinen Unterschied.

Nein, alle wachsen mir nicht ans Herz, das geht ja gar nicht. Das wäre auch überhaupt nicht ehrlich. Aber die, die ich da festgemacht hab‘, die sind auch irgendwie besonders. Hab‘ ICH die da festgemacht oder sie sich selbst oder wie ist das überhaupt passiert? Das ist mal so und mal so. Die einen hab’ ich ganz bewusst festgemacht, vielleicht sogar ohne, dass sie etwas davon wissen. Dann kommt es vor, dass uns etwas Gemeinsames verbindet und es einfach so sein muss, dass wir uns am Herzen liegen. Hier und da kommt es auch vor, dass ich nicht mitkriege, wie sich jemand an meinem Herzen festgemacht hat. Das ist dann immer ein ganz besonderes Gefühl.

In der Bibel wird das Herz ja oft der Sitz der Zuneigungen und der Leidenschaften angesehen, aber auch sehr deutlich mit Weisheit und Verstand in Verbindung gebracht. Diese Deutung finde ich besonders schön. Es hat immer was mit Zuneigung zu tun. Aber wie wertvoll ist es, dass auch Weisheit und Verstand dazu gehören. Das macht das Ganze dann nämlich gar nicht kopflos, nicht nur zu einer Gefühlsduselei. Menschen, die mir am Herzen liegen, schenken mir etwas aus ihrer Weisheit, bieten eine Herausforderung und Abwechslung für den Verstand. Ich mag sie einfach und zehre von ihrer und gebe von meiner Leidenschaft. Egal, in welche Richtung. Dein ist mein ganzes Herz, du bist mein Reim auf Schmerz. Heinz Rudolf Kunze hatte schon Recht, als er es so formulierte. Von ganzem Herzen, das heißt schon ganz schön viel. Gucken Sie doch mal, wen Sie so alles in Ihrem Herzen haben oder dran oder drumherum.


Pfr. Stefan Berk

21. April 2019

Das Leben ist stärker als aller Tod

von Superintendent Stefan Berk

Ostern. Wir kriegen Besuch. Die Kinder kommen. Ich mache mich auf den Weg zum Einkaufen. Die elektrischen Türen im Supermarkt öffnen sich - und ich stehe staunend vor diesem bunten, kunstvoll aufgerichteten Berg von Ostereiern. Wie eine Pyramide türmen sie sich, so hoch, dass sich kaum darüber schauen kann.

Erstaunlich, dass da nichts passiert! Jeden Tag gehen hunderte von Menschen daran vorbei, und der Eierhaufen steht wie eine Eins. Was würde eigentlich passieren, wenn jemand ganz unten ein Ei herausziehen würde?

Ja, ich weiß: Vermutlich liegt jedes Ei in einer eigenen Halterung, damit nichts passiert. Aber nehmen wir einmal an, es wäre nicht so - und der ganze Haufen würde ins Rutschen und Rollen kommen! Alle Eier würden sich in der Eingangshalle verteilen. Und dann? Wie würden wir reagieren? Staunend auf die rollenden Eier schauen? Darüber schimpfen, dass wir Zeit verlieren, weil wir warten müssen? Auf die Knie gehen und helfen, die Eier wieder einzusammeln? Und wie würde die Geschäftsführung reagieren? Alle einladen zum Eieressen?

Auf jeden Fall würde dieses eine Ei für großen Wirbel sorgen. Zu Hause würde man von dem großen Durcheinander erzählen, vielleicht würde es die Aktion sogar bis in die Zeitung schaffen. Und das alles wegen eines einzelnen Eis!

Auf dem Heimweg geht mir die Sache nicht aus dem Kopf. Eigentlich ist das ein gutes Bild für Ostern. Das Fest lässt sich ja nicht leicht erklären. Da wird erzählt, dass ein Toter vor bald 2000 Jahren wieder lebendig geworden sei und die ganze Welt verändert habe. Beweisen ließ‘ sich das aber damals genauso wenig wie heute. Man muss daran glauben, das haben schon die Geschichten damals mit dem zweifelnden Thomas und anderen Freunden von Jesus deutlich gemacht.

Auferstehung – so nennen wir Christen das, was mit Jesus von Nazareth damals nach seinem gewaltsamen Tod passiert ist. Es ist ein bisschen wie mit diesem einzelnen Osterei, dass ich ganz unten aus dieser Pyramide herausziehe: Diese kurze Handbewegung, mit der ich dieses einzelne Ei herausziehe, reicht aus, um etwas Großes in Gang zu setzen. So stelle ich mir das vor, was mit Jesus in der Osternacht passiert ist: Er ist nur ein einzelner Mensch, aber seine Auferstehung zieht weite Kreise und löst etwas Großes aus, das noch immer weiter geht. Denn wenn es einmal gelungen ist, den Tod zu überwinden, den Tod in seine Schranken zu weisen, dann kann es immer wieder passieren. Wenn es einmal gelungen ist, den dumpfen Parolen des Hasses damals etwas entgegenzusetzen, dann kann das auch heute passieren.

Ostern steht für mich für die große Hoffnung, dass das Leben stärker ist als alle Bedrohung und aller Tod. Wenn es wahr ist, dass dieser Jesus damals auferstanden ist, dann ist es auch wahr, dass es Zukunft gibt. Und diese Perspektive der Hoffnung brauchen wir, um unser Leben gestalten zu können.

Ich weiß: Ohne Glauben geht es nicht. Den muss man immer wieder suchen und wagen, am besten mit anderen zusammen. Vielleicht könnte einer der Ostergottesdienste eine Hilfe sein?

Auf jeden Fall sollten Sie bei Ihrem ersten Osterei kurz innehalten und an das eine Ei mit seiner großen Wirkung denken! Fröhliche Ostern wünsche ich Ihnen!


Pfr. Peter Liedtke

14. April 2019

Zaubern ist eigentlich einfach

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

Wir haben gezaubert. Wir, das sind Kolleginnen und Kollegen, die an einer Fortbildung in Genua teilnahmen. Mittags aßen wir in einer preiswerten Trattoria. Das Essen war schlicht, aber sehr schmackhaft. Und die Betreiber wuselten immer hin und her, um die zahlreichen Gäste zu versorgen. Das harte Leben hatte ihre Gesichter gezeichnet. Trotzdem waren sie immer zuvorkommend und hilfsbereit. An unserem letzten Tag wollten wir uns bedanken. Und so lockten wir zuerst den Koch an unseren Tisch. „Lobe den Herrn meine Seele“, ein Kanon nach dem bekannten Psalmwort sangen wir - für ihn. Und er, der zwar immer freundlich guckte, aber nie lächelte, schenkte uns ein breites Lächeln - mit nur noch zwei Zähnen im sichtbaren Bereich seines Mundes. Er war gerührt, mehr gerührt als über Trinkgeld und ein freundliches „Mille grazie“. Er, der anscheinend nicht gut genug verdient, um seine Zähne richten zu lassen, erlebt, nicht nur als „der da in der Küche“ wahrgenommen zu werden, sondern als Mensch. Sonst trieb er seine Frau, die für die Bedienung zuständig ist, immer an. Aber jetzt holte er sie weg von ihren Aufgaben, erzählte ihr, was geschehen war und zeigte stolz auf uns, auf die, die für ihn gesungen haben. Natürlich bekam auch seine Frau ein gesungenes „Dankeschön“.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ - so heißt der erste Satz von Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Was ist das aber, die Würde des Menschen? In Genua haben wir es ablesen können an den Gesichtern der beiden Wirtsleute. Sie erlebten, dass sie in ihrer Würde wahrgenommen wurden. Diese Würde kommt jedem Menschen zu. Reichtum und Bildung bedarf es dafür nicht, man muss weder Ämter bekleiden noch die deutsche Sprache fehlerfrei beherrschen. Jeder Mensch verdient diese Würde. Als Christ ergänze ich: „Weil jeder Mensch von Gott in gleicher Weise geliebt wird.“ In seinen Augen sind alle gleich, in seinen Augen sind wir der Liebe wert.

Wir aber sind oft unzufrieden. Das Leben erscheint uns als ungerecht. Wir fühlen uns ausgenutzt oder unbedeutend. Die Härten des Alltags, die Sorge um Geld und Gesundheit, die Trauer über verlorene Lebensträume - all das zeichnet uns und macht uns zu Bausteinen einer brutalen Welt.

Doch wir können diesen Kreislauf durchbrechen, indem wir einander Würde zukommen lassen: am Kranken- oder Sterbebett, in der Warteschlange im Job-Center oder beim Hausarzt, bei der Arbeit oder im Straßenverkehr. Wir müssen nicht Superman oder -girl sein, um Wunder zu vollbringen. Zum Zaubern brauchen wir nur den Anderen wirklich wahrzunehmen und ihn ein bisschen menschliche Wärme spüren zu lassen.


Pfr. Jaime Jung

7. April 2019

„Glaube ist eine tägliche Übung“

von Pfr. Jaime Jung, Erndtebrück

Das Thema „Fitness“ ist allgegenwärtig. Neulich habe ich beim Fernsehen zufällig von einem Diät-Trend erfahren, nämlich von der Blutgruppendiät: Sie ist eigentlich nicht neu - für mich war sie´s aber - und basiert auf der These, dass Menschen aufgrund ihrer Blutgruppe gewisse Nahrungsmittel besser verbrennen als andere. Bestimmt ließen sich einige von der Sendung begeistern und mindestens für die nächsten vier Tage hielten sie sich an ihre neuen Ernährungsüberzeugungen - so wie es bei Ernährungstrends oft ist. Es ist überhaupt nicht schlimm, darauf zu achten, es sei denn, es wird zu einem Zwang. Sport und gesundes Essen sollten ja nicht nur gut tun, sondern auch Freude bereiten.

Aber ob sich die Menschen auch darum kümmern, fit im Glauben zu bleiben? Der Mensch ist doch nicht nur eine wunderbare Zusammensetzung von Knochen, Muskeln, Haut - alles in perfekter Harmonie, sondern ein ganzheitliches Wesen, das denkt, fühlt und anderen begegnet.

Der Glaube braucht tägliche Übung und ständige Bewegung - denn die Risiken, die Wochenend-Athleten eingehen, sind bekannt. Vielleicht übertreibe ich es in dem Vergleich, aber ich bin jetzt gerade richtig aufgewärmt: Der Glaube braucht die passende Nahrung, wie Gottesdienst, Gebet, Andacht, Musik... Der Glaube ernährt sich davon, und all das hilft ihm, zu wachsen, und es stärkt ihn.

Es kann aber auch passieren, dass der Glaube so wird wie jemand, der gern laufen gehen möchte aber die Motivation dafür nicht findet. Wer kennt das nicht…? Dann braucht man Ermutigung von anderen, braucht Gesellschaft: „Ich gehe mit dir, zusammen können wir uns gegenseitig antreiben!“ Der Glaube braucht also nicht nur Individualität, sondern auch Gemeinschaft. Er braucht frische Luft, genügend Zeit und Raum, um sich zu entfalten und sich zu entwickeln, wie der Körper. Dabei hat jeder Mensch seinen eigenen Rhythmus, und das sollte auch respektiert werden. Die Lebensstrecke hat Auf- oder Abfahrten, mal Kurven oder gerade Wege. Der Glaube fürchtet das nicht. Mal geht es schneller, mal langsamer - das gehört dazu.

Es mag schon verschiedene Ernährungstypen je nach Blutgruppe geben. Aber die Beziehung vom Menschen zu Gott ist einzigartig. Gott verleiht jedem die Freiheit, seinen Glauben auf seine ganz persönliche Art und Weise auszuleben. Der Glaube ist keine Fitnessstudio-Figur, die man selbst modellieren kann, sondern er ist ein Geschenk Gottes. So wie unser Körper, egal wie er aussieht, ein wunderbares Geschenk ist.

Wichtig ist die Bereitschaft, nicht stehen zu bleiben, sondern einen Lebens- und Glaubensstil führen zu wollen, der eine gesunde Verbindung zu sich selbst, zu Gott und zu den Mitmenschen sucht. Der Glaube ist eine tägliche und notwendige Übung. Eine, die unheimlich gut tut.


Pfrn. Claudia de Wilde

31. März 2019

„Und nie wieder ohne dich!“

von Krankenhaus-Seelsorgerin Pfrn. Claudia de Wilde, Hemschlar

„Ja - nein - vielleicht?!“ - das kindliche Spiel von Verliebten, im vergangenen „Angedacht“ von meiner Kollegin auf den Brexit bezogen, müssen wir nach heutigem Wissensstand über den Brexit erweitern! Zu ergänzen wäre: „Ja, unter der Voraussetzung, dass…“, „Ja, aber mit mehr Vorbereitungszeit“, „Ja, aber nur, wenn der Verhandlungspartner uns weiter entgegenkommt“, „Ja, aber nur, wenn wir uns die Kosten teilen...“. Tatsächlich haben die Briten jetzt ein paar Wochen mehr Zeit gewonnen - es bleibt spannend bis zur letzten Minute, wenn die gesetzte Frist zur Entscheidung am 12. April oder am 22. Mai ausläuft.

Währenddessen haben Versicherungen mit vielen tausend Kunden unter großen finanziellen, juristischen und logistischen Anstrengungen ihren Firmensitz aus England verlagert, um weiterhin sicher agieren zu können. Sorgen um die internationalen Beziehungen, um einen Kursverfall des britischen Pfund, um bisher ungekannte Zölle in beide Richtungen stehen im Raum. Brauchen wir demnächst einen Reisepass, wenn wir nach England reisen wollen? Zahlen britische Bürger demnächst höhere Maut-Gebühren in Staaten der EU?

„Ja - nein - vielleicht?!“ - stellen Sie sich die oben formulierten Bedingungen mal zu Beginn einer Liebesbeziehung vor: „Ja, unter der Voraussetzung, dass…“, „Ja, aber mit mehr Vorbereitungszeit“, „Ja, aber nur, wenn der Verhandlungspartner mir weiter entgegenkommt“, „Ja, aber nur, wenn wir uns die Kosten teilen…“ - ein bisschen zum Schmunzeln, jedenfalls eher abwägend und prüfend als ein überzeugtes „Ja, ich will...“

Wie gut, dass Gott seine Liebe nicht an Bedingungen knüpft! Wir sind von Gott geliebte Menschen. Und das nicht erst dann, wenn wir bestimmte Bedingungen erfüllen. Sondern genau da, wo wir gerade stehen. Mit den Enttäuschungen unseres Lebens. Mit der Zerbrochenheit unserer Hoffnungen. Mit dem, was wir am liebsten ungeschehen machen wollen. Mit dem, was misslungen ist. Gott fragt nicht danach, ob wir perfekt sind. Er liebt uns, mit unserer Unvollkommenheit.

„Gott, willst Du mit mir gehen?“

„Ja, unbedingt! Ohne wenn und aber! Jetzt gleich! Und nie wieder ohne dich!“


Pfrn. Kerstin Grünert

24. März 2019

Sei mutig und stark

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Schüchtern schleicht er um ihren Schulranzen herum. Wartet auf den richtigen Augenblick. Dass niemand hin sieht, dass ihn keiner erwischt. Und dann lässt er den Zettel in ihren Tornister fallen. Hoffentlich findet sie ihn auch - bald, nicht erst wenn sie nach den Sommerferien die alten Hefte und Butterbrote aussortiert. Er ist ja so aufgeregt. Ganz viel Mühe hat er sich beim Schreiben gegeben. Und die Kästchen erst - ganz gerade und gleichmäßige Linien. Wie wird sie wohl antworten?

Willst du mit mir gehen? Ja - nein - vielleicht?!

Wenn ich diese Worte höre, dann kommt mir sofort der Gedanke: Ach, wie früher. Ob man nun je einen solchen Zettel bekommen hat, spielt eigentlich keine Rolle. Aber diese wehmütige und nostalgische Stimmung stellt sich in jedem Fall ein. Und das „vielleicht“ wird als höflich, schüchtern oder zurückhaltend akzeptiert und für niedlich befunden. So wie eben die ersten Bande, die zart geknüpft werden wollen.

Mit dem Brexit ist es irgendwie so ähnlich. Obwohl ich da bald eher die Zeilen und Töne von Heidi Brühl im Kopf hab. „Wir wollen niemals auseinandergeh‘n…“ Wollen wir denn wirklich auch immer zueinander stehen? Die Insel und der Kontinent? Ich will ja gar keine politische Diskussion führen. Mir geht es um das „vielleicht“. Was oben noch niedlich war kommt mir in diesem Zusammenhang als wankelmütig und uneinheitlich vor. Ein richtiges Gedäh. Hin und her, und dann eine Einigung in Sicht und doch wieder ein Aufschub. Die lange Bank wird immer lang und länger.

Rückzieher machen oder die besten Bedingungen aushandeln? Das augenscheinlich wankelmütige „vielleicht“ wird auf einmal zu einem Ausdruck von Verantwortung und Fürsorge. Denn was ist, wenn die Entscheidung einfach nur schlecht getroffen wurde? Dann ist ein offenes Hintertürchen auf einmal ganz wichtig. Oder jedenfalls ein waches Auge auf die Konsequenzen.

Drei Mal „vielleicht“. Jedes Mal anders. Eins ist aber immer gleich. Wer sich entscheidet, der muss mutig sein. Angst vor der eigenen Courage, halbherzig getroffene Entscheidung oder absolute Ausweglosigkeit. Das ist die komplette Bandbreite, die einen treffen kann. Und doch müssen wir ganz oft einfach da durch. Das ist überhaupt nicht immer schön und lustig. Ganz im Gegenteil. So manches JA oder NEIN geht tief ins Herz und an die Substanz. Der Haufen mit den Scherben muss dann gleich mit eingeplant werden. Aber wie hieß es früher auch schon immer: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Und schon seit noch früher gilt: „Sei mutig und stark.“ (Josua 1, 6)


Pfrn. Simone Conrad

17. März 2019

Befiehl dem Herrn deine Wege...

von Diakoniepfarrerin Simone Conrad, Birkelbach

Am vergangenen Sonntag war Diakoniegottesdienst in Oberndorf. Mitarbeitende aus Diakonie und Gemeinde haben gemeinsam einen Gottesdienst gestaltet zum Thema „Aufbruch“: Das Aufbrechen der Natur im Frühling, aber auch Brüche und Auf-brüche in unserem persönlichen Leben. Dabei haben mich die sehr persönlichen Berichte von Mitarbeiterinnen aus der Diakonie sehr berührt - und einen Text, verfasst von einer Mitarbeiterin im Pflegedienst, möchte ich heute gerne weitergeben.

„Im vergangenen Jahr war ich zweimal gesundheitlich angeschlagen: eine Bluterkrankung und ein gebrochenes Bein haben mich jeweils für mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt. Zwangsläufig musste ich mich zur Ruhe begeben, hatte viel Zeit für mich, zum Nachdenken und zur Zwiesprache mit meinem Gott. Das war nicht einfach für mich: hatte ich doch einerseits mit meinen körperlichen Einschränkungen zu tun - andererseits mit mir selbst, mit meiner Sorge um meine Familie und in meinem Beruf als Pflegekraft bei der Diakonie.

Mit meiner körperlichen Gesundung kehrte schließlich auch meine seelische Kraft wieder zurück. Hilfreich war mir dabei der Bibelvers Psalm 37, 5: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen.“ Ich habe mich Gott anvertraut in dem Bewusstsein, dass er meinen Weg schon weiß und dass es der richtige Weg sein wird - er wird es wohlmachen - welch unglaubliche Sicherheit gibt dieser Zuspruch. Voller Vertrauen bin ich neu aufgebrochen, habe mich auf meinen Weg gemacht, lange Zeit, ohne zu wissen, wohin er mich führt – aber mein Gott wusste es für mich und hat es wohl gemacht.

Inzwischen bin ich aus einer mehrwöchigen Reha im Februar zurückgekehrt, ein Aufbruch, ein neuer Weg in meinem Leben mit vielen Perspektiven, Erlebnissen und guten Gesprächen. Dankbar bin ich für diesen Aufbruch und warte mit Spannung, auf welche Wege Gott mich noch führt - er wird es wohl machen.“

Er wird es wohlmachen – welch unglaubliche Sicherheit gibt dieser Zuspruch. Ja, habe ich gedacht, genau so ist es: Sicherheit gibt dieser Zuspruch, Halt und Kraft und Hoffnung. Möge diese Gewissheit uns alle in den Brüchen und Aufbrüchen unseres Lebens begleiten.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

10. März 2019

Mein Handy predigt

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Der neue Vikar in unserer Kirchengemeinde hat seine erste Andacht gehalten. Sie fand im Besuchsdienstkreis statt und passend für die Mitarbeiterinnen, die ehrenamtlich alte Menschen besuchen hat er eine Bibelstelle zu „suchen“ ausgewählt oder eigentlich die Bibelstelle schlechthin zu diesem Thema: Lukas 15, das verlorene Schaf. Mir gefiel sein Einstieg, dass wir, wenn wir etwas suchen, in der Regel bei Google, der großen Internetsuchmaschine, nachschauen. Die Idee fand ich witzig.

Abends zuhause erzähle ich nicht nur meinem Mann davon, sondern ich will auch wissen, was man da tatsächlich für eine Antwort bekommt. Also zücke ich mein Handy und probiere es gleich aus. Mal gucken, was die elektronische Sprachassistentin dazu zu sagen hat: „Siri, die 99 Schafe sind da. Wo ist das verlorene Schaf?“ Im Display leuchtet mir sogleich folgende Antwort auf: „Sie befinden sich in hier: Königsberger Str. 18, Bad Berleburg“ und dazu wurde die Google-Maps-Karte mit dem aktuellen Standort gezeigt. Eine brillante Antwort nach meinem Geschmack: ziemlich daneben und darin den Nagel auf Kopf getroffen.

Es ist eine geistliche Standortbestimmung. Es ist eine Handypredigt. Und die ist auch noch theologisch gut. Ich bin das verlorene Schaf! Ich bin die, die Gott sucht. Ich bin der Mensch, dem er nachgeht und nach Hause trägt. Das ist das Erste, was von mir zu sagen ist und ich habe verstanden. Wenn ich eine Andacht höre, bin ich nicht als erstes die Pfarrerin mit nun inzwischen einigen Berufsjahren Erfahrung, die dem jungen Kollegen in der Ausbildung als Mentorin zur Seite steht. Das Erste ist nicht, dass ich nun Rückmeldungen zu theologischer Korrektheit, rednerischen Fähigkeiten und angemessener Präsentation gebe. Das Erste ist vielmehr, dass ich selbst immer von Gott gemeint bin. Die Botschaft ist für mich!

Vielleicht kennen Sie das auch: Sie hören (oder lesen) eine Andacht und im Kopf geht sofort der Daumen hoch oder runter und wir haben mindestens 99 Verbesserungsvorschläge. Wichtiger aber ist der eine Finger, der wieder auf uns selbst zeigt. Es geht um mich. Gott hat eine Botschaft für mich. Er meint genau mich. Wie wunderbar! Ich bin gemeint. Ich bin das Schaf, das Gott sucht. Ich bin der Mensch, der ihm unendlich wichtig ist. Toll, dass Gott uns immer wieder neu anspricht. Er tut es täglich auf mindestens hundert Weisen: durch vertraute Geschichten, neue Vikare und neue Medien! Und heute im Gottesdienst ganz extra wieder für Sie – und für mich!


Pfrn. Christine Liedtke

3. März 2019

„Alles zum Besten kehren“

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Fasten bedeutet verzichten. Nach den närrischen Tagen beginnt die Fastenzeit: die sieben Wochen, in denen sich christliche Menschen auf den Leidensweg von Jesus Christus besinnen, der ihn zum Kreuz und in den Tod führte. Ich weiß, dass es im überwiegend katholischen Sauerland noch viele Kinder gibt, die in der Fastenzeit auf Süßes verzichten. Zu Karneval laufen sie durch die Nachbarschaft und lassen sich Süßigkeiten zustecken; was nicht bis Aschermittwoch gegessen ist, wird weggeschlossen bis Ostern. Das verdient meinen höchsten Respekt. Ich weiß von Christen, die in dieser Zeit auf Alkohol verzichten oder auf die Zigaretten. Einzelne verzichten auf das Fernsehen  oder reduzieren die Zeit am Computer.

Ich frage mich: Was könnte für mich ein gutes Fasten sein?

Ich halte inne: Gerade produziere ich Wörter. In meinem Alltag rede ich viel, auch schreibe ich Kurznachrichten. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal ganz besonders auf meine Worte zu achten? Ich weiß doch, wie viel Macht die Wörter haben! Sie können trösten und aufrichten; aber auch zerstören und vernichten. Und, einmal ausgesprochen, können sie nie wirklich zurückgenommen werden. So wie es die Geschichte zeigt, in der ein tratschsüchtiger Mensch, der seine boshaften Worte reuevoll zurücknehmen möchte, vom Richter aufgefordert wird, sein Federkissen in der Dorfmitte zu entleeren; dann soll er gehen und alle Federn wieder einsammeln. „Wie soll das gehen?“, fragt er ratlos, „Der Wind hat sie doch in alle Richtungen verstreut!“  „Genau so“ antwortet der Richter, „ist es auch mit deinen niederträchtigen Äußerungen: sie sind weitergetragen worden und können nicht mehr zurückgenommen werden.“

Die Zeitungen berichten, wie Schüler*innen ihre Mitschüler*innen im Unterricht und in sozialen Netzwerken mobben, verleumden, bloßstellen und damit aufs Grausamste quälen. Wir hören von verbalen Ausschreitungen in Geschäften, bei Ärzten, auf Elternsprechtagen und bei anderen Gelegenheiten, wo Mensch auf Mensch trifft, wir können sie lesen in den digitalen Räumen im Internet, wo die Anonymität zu noch größeren Niederträchtigkeiten führt.

Wie wäre es, wenn wenigstens wir selbst bis Ostern auf böse und herabwürdigende Äußerungen verzichten würden?! Solche Äußerungen machen wir sowieso nicht? Dann ist es ja ein leichter Verzicht! Dann können wir noch eins draufsatteln: Wir können, wie Luther es einmal ausdrückte, „alles zum Besten kehren“: den Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm denken und ihn vor Anderen in Schutz nehmen. Wenn Jede und Jeder von uns so das boshafte Geschwätz, das leichtfertige Abwerten, das niederschmetternde Urteilen bis Ostern wegschließt, dann wäre das ein Fasten, das unser Miteinander für diese sieben Wochen grundlegend verändern müsste. Oder?


  • Pfrn. Kerstin Grünert

24. Februar 2019

„Kommt, alles ist bereit“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Planica, Spunglatten von Elan, die Prevc-Brüder oder unser alter Kühlschrank von Gorenje. Mein Zugang zu Slowenien läuft zugegebenermaßen sehr einseitig über den nordischen Skisport. Dieses kleine Land zwischen den Alpen und der Adria, mit all seinen Besonderheiten. Ein paar davon hab‘ ich im Ohr, die mir ein Kollege mal erzählt hat. Ach ja, da ist die Ökumene doch auch ein wenig mit im Spiel. Vor ein paar Jahren hab‘ ich mit einem slowenischen katholischen Pfarrer eine Trauung gemacht und er ist auch zu meiner Einführung nach Wittgenstein gekommen. Also, Slowenien ist mir geläufig und gar nicht so besonders exotisch oder weit weg.

Komisch, dass ich meine, ein Weltgebetstagsland müsste mindestens auf der anderen Seite der Weltkugel liegen, um etwas zu finden, für das es sich zu beten lohnt: weniger Armut, weniger Korruption, weniger Gewalt oder etwas Vergleichbares. Fast erscheint mir da ein europäisches Land fehl am Platz. Das ist natürlich Quatsch. Denn der Weltgebetstag ist ja nicht dazu da, dass man oder frau einmal für ein armes Land betet. Der Weltgebetstag der Frauen ist dazu da, um Blickwinkel zu verändern und zu weiten. Wenn Frauen aus dem jeweils zuständigen Land die Texte und Gebete für den Gottesdienst vorbereiten, dann helfen sie uns, eine andere Sicht auf die Dinge einzunehmen, als wir es in unserem Alltagstrott gewohnt sind. Mit offenen Händen und einem freundlichen Lächeln laden die slowenischen Frauen die ganze Welt zu ihrem Gottesdienst ein. „Kommt, alles ist bereit“ - unter diesem Motto geht es in diesem Jahr besonders um Unterstützung dafür, dass Frauen weltweit „mit am Tisch sitzen können“.

Ungerechtigkeit, Armut, Korruption und Gewalt sind keine spezifischen Länderprobleme, sondern je ein aktueller Zustand im Leben der Menschen auf dieser Erde. Es sind Menschheits-Probleme und gehen uns daher etwas an. Als Mensch sollte man ja an der Menschheit interessiert sein und das Beste für sie herausholen wollen. „Kommt, alles ist bereit.“ Für uns ist der Tisch gedeckt. Jede und jeder sollte einen Teil vom großen Kuchen abkriegen dürfen.

Es lohnt sich immer, sich an einen Tisch zu setzen. Um zu reden. Um zu teilen. Um miteinander zu feiern. Das wollen wir auch an diesem ersten Märzfreitag wieder tun. Eingeladen und angeregt von den slowenischen Frauen. An einem Tisch, um ein Zeichen zu setzen gegen den fehlenden Zusammenhalt der Welt. So wie es auch das Komitee des Weltgebetstags selbst formuliert: „Wir rufen auf, mit uns rund um den 1. März 2019 zu beten für das gemeinsame Abendmahl und für eine gerechte Welt, in der alle Menschen mit am Tisch sitzen - unabhängig von ihrer Hautfarbe, Herkunft, Alter, sexueller Orientierung und Religion. Vertrauen wir auf die Kraft des Gebets.“


Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

17. Februar 2019

Zeitdruck, weil die Ewigkeit fehlt

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

„Was aber ist die Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemand erklären, so weiß ich es nicht.“ Schon vor 1600 Jahren stellte sich Augustinus diese Frage. Obwohl wir die Zeit sehr genau messen können, erscheint sie uns doch verschieden. Zeit ist nicht gleich Zeit. So drückt sich die Zeit nicht nur die Quantität, sondern ganz stark auch durch die Qualität meiner Lebenstage aus. Die entscheidende Frage lautet: Wie werden meine Stunden und Minuten des Lebens nicht nur eine gefüllte, sondern eine erfüllte Zeit?

Die Zeit ist mehr als die Summe von Augenblicken, mehr als die Spanne zwischen Geburt und Tod, sie umfasst mehr als Jahrmillionen der Schöpfung. Sie hat einen Ursprung und ein Ziel. Sie kommt von Gott und hat in ihm ihr Ziel. Was das für eine Gelassenheit bedeutet, hat Jochen Klepper in einem Lied so ausgedrückt: „Der du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt, im Fluge unserer Zeiten. Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.“ Ein Psychotherapeut formuliert es so: „Wo uns die Ewigkeit fehlt, geraten wir in Zeitdruck. Je mehr uns der Glaube an das ewige Leben verloren geht, umso mehr verlieren wir Stress vorbeugende Gelassenheit.“

Weiß ich also, dass meine Zeit in die Ewigkeit Gottes eingebunden ist, und ich zu diesem ewigen Gott gehöre, dann lebe ich nie in verlorener Zeit. Dann kann ich Zeitraubendes tun - solche Zeit ist dennoch aufgehoben in Gottes ewiger Zeit. Wer zum ewigen Gott gehört - also mit Ewigkeit in der Zeit rechnet - der kann ruhig und gelassen seine Zeit leben, die ihm bleibt. Denn ich bin in Gottes ewiger Zeitrechnung geborgen.

Das Steigerungsdenken und das ausschließlich leistungsorientierte Arbeiten unserer Zeit bringen uns in einen tödlichen Zirkel. Wir müssen in immer weniger Zeit immer mehr erreichen. Wird diese Wirtschaftsmentalität auf alle Bereiche unseres Lebens übertragen, breitet sich Hektik zerstörend aus und zerfrisst alle Menschlichkeit. Zeit wird dadurch zum Verbrauchsgut und hat als Konsequenz: Zeit sparen, als ob es etwas wäre, das man horten könnte; Zeit herausholen, Zeit wieder hereinholen, oder sogar Zeit schinden. Dabei wird aber nicht die Zeit geschunden, sondern immer nur der Mensch.

Dem ersten Lebenstag des Menschen folgte der Ruhetag Gottes (1. Mose 1, 26). Das erste, was Gott den Menschen schenkt, ist Ruhe. Gott will den Menschen vor einem Übermaß an Arbeit schützen. Darum schafft er ihm einen Ruhetag durch das Arbeitsverbot am Sabbat (2. Mose 20, 10).

Wenn Gott meine Zeit erfüllt mit Leben, dann lebe ich aus der Fülle, während meine Zeit vergeht. Auch wenn wir durch Zeitdruck erschöpft neu dem Schöpfer begegnen, werden wir Kraft schöpfen und wieder schöpferisch leben können.


Pfr. Jaime Jung

10. Februar 2019

„Was hält mich, was trägt mich?“

von Pfr. Jaime Jung, Erndtebrück

Das Neujahr als Thema? Im Ernst jetzt, Mitte Februar? Mir ist klar, dass das neue Jahr 2019 schon einige Wochen alt ist. Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber irgendwie ist das Jahr doch wieder mit Sorgen gestartet, jetzt zu Beginn stehen die zu bewältigenden Aufgaben wie ein Berg vor mir.

Gerade in diesen ersten Wochen kreisen mir Gedanken im Kopf: War nicht letztes Jahr alles besser, was wird die Zukunft bringen? Schaffe ich alles, was ich mir vorgenommen habe? Erwartungen und Ziele tauchen vor mir auf. Druck baut sich auf, den eigenen Erwartungen und den Erwartungen anderer zu genügen. Und ehe ich mich versehe, merke ich, wie meine Gedanken immer schneller zu kreisen beginnen. Man schaut zurück, nach vorne und ist doch gleichzeitig im Hier und Jetzt. Was hält mich, was trägt mich?

Gerade jetzt, am Anfang, ist es Zeit, innezuhalten. Mir gibt ein Bibelvers aus dem Hebräer-Brief Kraft und Ausblick: „Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Ein kurzer und doch allumfassender Vers, der mir sagt, dass ich bei all meinen Überlegungen eine feste Konstante habe, auf die ich mich verlassen darf. Jesus Christus geht mit durch alle Zeiten. Er geht mit auf dem Lebensweg, da wo Fragen und Sorgen uns begegnen, auf den sonnigen und erfreulichen Wegen aber auch auf den Zielgraden, die wir vor Augen haben. Und er wird uns nicht verlassen, er ändert nicht auf einmal seine Meinung, sondern bleibt auch derselbe in Ewigkeit.

Bei allem Trubel am Anfang eines (fast) neuen Jahres bekomme ich hier wieder Orientierung. Wenn ich darauf vertraue, dass Christus mich begleitet in meinem Leben, dann geht es sich doch gleich sicherer in die weitere Zukunft. Denn bei allen Fragen, Sorgen, Rückblicken und Ausblicken gibt er mir sicheren Halt. Denn bei ihm bin ich geborgen. Und das gilt uns jeden Tag: Ich kann immer wieder neu anfangen und Kraft für die anstehenden Aufgaben schöpfen. Kein Mensch ist allein.

Was uns entgegenkommen wird, steht in Gottes Händen - und das ist gut so. In allen Jahreszeiten unseres Lebens, seien wir jung oder alt, ist Gott bei und mit uns, als treuer Wegweiser und Begleiter. Er kennt unsere Freuden, unsere Wünsche, unsere Nöte und Sorgen.

Gott schenkt uns täglich die Möglichkeit, ein neues Leben anzufangen, - egal ob im Februar oder Juli oder Oktober - mit Ihm und mit unseren Mitmenschen. Genau aus diesem Grund können wir voller Zuversicht in die Zukunft schauen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder neu Vertrauen fassen und auch in den turbulenten Zeiten des Jahres wissen, dass Sie nicht allein auf ihrem Weg sind!


Pfr. Steffen Post

3. Februar 2019

„Wem vertraut ihr eigentlich im Leben?“

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Seit wenigen Tagen ist einer der bekanntesten Posten im deutschen Fernsehen neu besetzt: Florian Silbereisen wird neuer Kapitän auf dem ZDF-Traumschiff. Das Echo auf diese Meldung ist durchaus geteilt, denn bisher kennen wir Florian Silbereisen eher als Sänger und Moderator und weniger als Schauspieler.

Eine, die sich eher kritisch zu dieser Besetzung geäußert hat, ist Heide Keller, die lange Chefhostess Beatrice spielte: „Mit dem Traumschiff-Kapitän verbindet man nicht einen fröhlichen Jungen, der mit guter Laune zur Musik auf der Bühne rumhüpft“, sagte sie. Der Kapitän sei kein netter Unterhalter. „Das ist ein Mann, dem man auch bei Sturm und Katastrophen sein Leben anvertraut“, so die Schauspielerin weiter.

Das finde ich eine beachtliche Aussage, weil darin ein Thema angesprochen wird, das ich nicht nur für die Besetzung einer Rolle in einem Fernsehfilm spannend finde, sondern auch mit Blick auf mein eigenes Leben: Welchem Kapitän vertraue ich mein Leben an? Wer hat das Sagen auf der Kommandobrücke meines Lebensschiffes?

Diese Frage klingt hier und da auch in Geschichten an, die die Bibel erzählt. Weil ein Teil der Jünger, die Jesus als seine Mannschaft ausgewählt hat, Fischer sind, erleben sie mit ihm auch das ein oder andere Abenteuer auf hoher See. Einmal ist Jesus mit seinen Jüngern auf dem See unterwegs und sie geraten in einen „großen Windwirbel“, wie es Luther übersetzt. Die Wellen schlagen ins Boot, so dass es zu sinken droht; aber von Jesus heißt es: „Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.“ (Markus 4, 38). Was also tun? Selbst das Steuerruder in der Hand behalten? Augen zu und durch? Oder doch den schlafenden Jesus wecken und um Hilfe bitten? Die Jünger entscheiden sich schließlich für die zweite Möglichkeit und dürfen erleben, dass er den Wind beruhigt und sich die Wellen legen. „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“, fragt Jesus danach seine Jünger. Mit anderen Worten: „Wem vertraut ihr eigentlich im Leben?“

Ich lerne aus dieser Geschichte Zweierlei:
1. Auch mit Jesus an Bord wird unser Lebensschiff nicht automatisch zum Traumschiff, das fortan nur noch auf azurblauem Wasser, unter strahlender Sonne und zu atemberaubenden Zielen unterwegs ist. Auch mit Jesus an Bord muss unser Lebensschiff ab und an durch die Wellen der Krankheit und der Traurigkeit hindurch; bläst uns der Wind des Zweifels und der Anfechtung entgegen.
Aber da wird mir dann auch das 2. wichtig: Dieser Jesus ist ein Mann, dem man auch bei Sturm und Katastrophen sein Leben anvertrauen kann. Er zeigt sich als zuverlässiger Kapitän, weil diese Stürme des Lebens und die Wellen des Todes auch um sein eigenes Leben getobt haben. Bei ihm ist das Ruder meines Lebensschiffes in guten Händen.


Pfrn. Silke van Doorn

27. Januar 2019

„Liebevollen Umgang pflegen“

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn, Bad Laasphe

Heute ist der 27. Januar - seit 1996 Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Solange hat es gedauert bis ein deutsches Staatsoberhaupt gesagt hat: Es ist Zeit, dass wir uns und unseren Kindern einmal im Jahr erzählen, was durch das Denken und Handeln von Deutschen an Millionen von Menschen - Juden, Sinti und Roma, politisch Andersdenkenden, Homosexuellen, Kranken - verübt wurde. Entrechtung, Entwürdigung. Mord. Denn was ein Konzentrationslager ist, wissen heute nicht einmal mehr 30 Prozent aller Menschen unter 25 Jahren.

Es ist kein Feiertag. Aber ein nachdenklicher Tag, an dem wir dem unendlichen Grauen nachgehen, das geschehen ist. Das unsere Großeltern und Eltern vielleicht sogar mitverantwortet haben. Wenn es so wäre, dann ist es kein Grund, den Stab über sie zu brechen. Wie viele Kinder und Jugendliche sind verführt worden, ihre Gehirne gewaschen worden. Ohne unser Nachdenken darüber, dass genau diese Erziehung das Unrecht schon in sich trug und Generationen danach mit diesem falsch eingeimpften Wissen beeinflusst hat, kann es wieder geschehen.

Unser Fühlen, Denken und Handeln heute ist bestimmt von diesem „Nie wieder“: Kein (Fremden)Hass, sondern Völkerverständigung. Kein Nationalismus, sondern Liebe zur Welt und all ihren Menschen. Das ist das Erbe, die Botschaft, die uns durch die Bibel immer wieder eingeschärft wird: „Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Micha 4, 3). Und „Suchet den Frieden und jaget ihm nach“.

„Suchet den Frieden“: In Bad Laasphe wird das Haus in der Mauerstraße 44, in dem bis 1938 die Synagoge war - Lern- und Bethaus der jüdischen Gemeinde - zurückverwandelt. Leider wird es keine Synagoge mehr, denn es gibt keine jüdische Gemeinde mehr in Wittgenstein. Aber es wird ein Ort des lebendigen Gedenkens und Erinnerns werden: Menschen werden sich treffen, um Orientierung für die Zukunft zu schaffen. Menschen werden sich treffen, um zu lernen, zu lachen, einander kennen zu lernen - dem Unvertrauten begegnen, damit niemand sagen kann: Der Islam gehört nicht zu Deutschland, das Judentum hat hier keinen Platz. Die Reihe ist beliebig fortzuführen.

Um gut und friedlich und auskömmlich hier zu leben - in Wittgenstein, in Deutschland, in Europa, auf dieser Erde - haben wir viele Aufgaben und Anstrengungen vor uns.

Denken wir gemeinsam, wie wir es tun: Das Hassen unterlassen, den liebevollen Umgang miteinander pflegen. Dafür ist nicht nur heute Zeit, aber immer am 27. Januar.

Aufs Leben.


Pfr. Joachim G. Cierpka

20. Januar 2019

„Einträchtig beieinander wohnen“

von Pfr. Joachim G. Cierpka, Bad Laasphe

Der Frieden ist so flüchtig wie die Vernunft auch. Meist entschwinden sie Hand in Hand, wenn wir uns nicht für sie einsetzen, denn von allein bleiben sie nicht. Sie sind keine Selbstverständlichkeiten, auch wenn die meisten von uns ihr Leben durchgängig in Friedenszeiten gestalten konnten und können.

Allerdings scheint es mehr und mehr, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit aktiven vernünftigen und nicht spalterischen Handelns verloren geht. Ich bin an den Beginn von Brechts ‚Mutter Courage‘ erinnert, wo der Feldwebel lamentiert: „Man merkt’s, hier ist zu lang kein Krieg gewesen. Wo soll da Moral herkommen, frag ich? Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung. Die Menschheit schießt ins Kraut im Frieden. Mit Mensch und Vieh wird herumgesaut, als wärs gar nix.“

Nicht erst in diesem Tagen steht das europäische Projekt, das uns über 70 Jahre Frieden in Europa beschert hat, auf der Kippe. Das Brexit-Desaster im Vereinigten Königreich zeigt das ebenso deutlich wie die Ergebnisse des AfD-Parteitags. Risse gehen allenthalben durch unsere Gesellschaft; in unversöhnlich strittigen Positionen und teils gewaltsam ausgetragen, wie die Gelbwestenproteste in Frankreich oder die Separationsbewegung in Katalonien zeigen.

Die vom Schauspieler Curt Goetz beklagte ‚Mikrobe der menschlichen Dummheit‘ gedeiht besonders gut auf dem Boden von Wohlstand und Egoismus, und sie leidet derzeit weiß Gott keinen Hunger.

Nach dem Motto: ‚Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt‘ droht der gesellschaftliche Grundkonsens in unserer Gesellschaft, in Europa und darüber hinaus verloren zu gehen. ‚Ich zuerst‘ gilt nicht nur im Weißen Haus als Maxime.

Robert Schuman, einer der Gründungsväter der Europäischen Union hatte aus den zwei Weltkriegen den Schluss gezogen, dass nur Solidarität, gemeinsames Handeln und ungefähr vergleichbare soziale und wirtschaftliche Verhältnisse auf Dauer den Frieden bewahren. Nationalismus führt dagegen unweigerlich zum Gegeneinander und hat Europa schon mehr als zweimal in die Katastrophe geführt.

Die Lehre des Miteinanders als Grundlage von Frieden und Wohlstand ist, obgleich sie augenscheinlich von vielen Zeitgenossen als paradoxer Unsinn betrachtet wird, alte Menschheitserkenntnis und auch in der Bibel verankert. Im Psalm 133 formuliert der Staatsmann David, König in Israel, als Maxime:
Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen. Denn dort verheißt der Herr den Segen und Leben bis in Ewigkeit.
Vielleicht gelingt es uns, dies nach den Erschütterungen dieser Tage neu zu verstehen. Es ist nötig.

Ein in diesem Sinne verbindendes, schönes Wochenende.


Pfrn. Kerstin Grünert

13. Januar 2019

Das eigene Tun hat immer Folgen

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Pippi Langstrumpf, Opa Otto und Paul Schockemöhle. Diese Namen hab‘ ich damals genannt, als ich in der Schule mal nach meinen Vorbildern gefragt wurde. Eine Zeit lang wollte ich auch mal sein wie Sissi, aber das hat keinen weiteren Einfluss auf mich gehabt. Mal abgesehen vom Dirndl vielleicht. Ich weiß noch, dass ich gefragt wurde: Warum gerade die? Naja, ich wollte alles können können, so wie Pippi, so gut springen wie Schockemöhle, und meinen Opa hatte ich genannt, weil der gerade gestorben war. Aber auch von ihm habe ich mir einiges abgeguckt, etwa dass man alles schaffen kann, wenn man bereit ist, viel dafür zu arbeiten.

Wenn ich heute sagen sollte, wer meine Vorbilder sind, dann wüsste ich gar keine Antwort. An einem Punkt, an dem ich sagen kann, dass ich ja auch schon durchaus etwas erreicht habe und inzwischen auf einmal mitten im Leben stehe, da denke ich lieber über Vorreiterinnen nach. Menschen, die in einer früheren Zeit viel geleistet haben und uns als jüngerer Generation so manchen Weg geebnet haben. Denen ich dankbar bin, dass ich es leichter hab‘, oder die ich für ihre Arbeit und ihren Werdegang bewundere.

Dieses Angedacht schreibe ich als die jüngste Pfarrerin im Kirchenkreis. Gott sei Dank überhaupt kein Problem. Auch wenn noch nicht alles Ungerechtigkeiten in der Frauen- und Männerarbeitswelt aus dem Weg geschafft sind, kann ich aus meiner Sicht nur zufrieden sein, mit dem was mir in meinem Beruf, mit meiner Berufung begegnet. Gott sei Dank, denn ich hatte viele Vorreiterinnen, die Steine aus dem Weg geräumt, Konventionen verändert und gegen Engstirnigkeiten gekämpft haben. Ich finde es ganz großartig, dass es in Wittgenstein überhaupt kein Thema ist, GemeindepfarrerIN zu sein.

Wie mag es da wohl meiner verstorbenen Kollegin Ruth Salinga gegangen sein? Erste Pfarrerin im Kirchenkreis, nachdem sie den Beruf auf dem zweiten Bildungsweg in Angriff genommen hat. Ich bewundere diese Energie und den Ehrgeiz. Frauen wie sie haben für mich den Anfang gemacht und so manchen Weg geebnet. Wenn ich darüber nachdenke, dann komme ich auch immer wieder darauf, wie wichtig es ist, dass jeder seine generationsübergreifende Verantwortung in den Blick nimmt. Deswegen kann man ja immer noch sein Zeug machen, aber hin und wieder eben auch die, die schon vorher waren und noch da sind, und die, die noch kommen, mitbedenken. Wie ich lebe, wie ich mich gebe, wie ich rede, wie ich handle, das alles hat Folgen.

Und weil Vorreiterinnen und Vorreiter immer gebraucht werden, ist es so wichtig, flexibel mit den Steinen, Engstirnigkeiten und Konventionen umzugehen. Schließlich ist die Angelegenheit mit Gott auch ein weites Feld. Da passen Steine und Grenzen gar nicht so richtig rein.


Pfrn. Christine Liedtke

6. Januar 2019

„Frieden finden und erhaschen"

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Das begonnene Jahr ist wirklich noch sehr jung, gerade einmal wenige Tage alt. Und doch haben wir uns schon ziemlich eingerichtet in ihm. Vieles läuft ja weiter. Alte Sorgen haben wir mitgenommen, alte Verstrickungen bleiben. Die Jahreszahl, die ist neu. Ein paar Erwartungen haben wir. Und sonst?

Neu ist die Jahreslosung, die uns mitgegeben wird für das Jahr 2019. Jahreslosungen, also Bibelworte, die über einem ganzen Jahr stehen, gibt es seit 1930, als der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller den Parolen der Nationalsozialisten bewusst ein Bibelwort entgegenstellte - damals ein hochpolitischer Akt. Die erste Jahreslosung 1930 lautete: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“, aus dem Römerbrief des Paulus. Seitdem stand jedes Jahr unter einer neuen Jahreslosung.
Die Jahreslosung für 2019 lautet: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34, Vers 15)

Suche und jage - wir sind fast an Kinderspiele erinnert, in denen es ums Verstecken und Nachlaufen geht. Lässt sich der Frieden erhaschen, so wie ein Schmetterling vielleicht? Ist er flüchtig, so dass ich ihm nachstellen muss? Ist er nie ganz da, sondern immer nur vorläufig vorhanden? Muss ich ihn suchen, damit er zutage tritt? Wie gelingt der Friede? Die Verse im Umfeld der Jahreslosung geben einen Hinweis: Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34, 14 und 15)

Das heißt für uns heute: Zunge und Lippen im Zaum halten, damit sie nicht Fake-News verbreiten, es bedeutet, üble Nachrede zu vermeiden, aber auch: bösem Gerede ins Wort zu fallen und üblen Hasstiraden kein Ohr zu leihen. Den Frieden suchen kann heißen, unter zerstrittenen Kollegen den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen, in der verstummten Familie nach jahrelangem Schweigen den ersten vorsichtigen Kontakt zu knüpfen. Frieden ist nicht einfach da. Er braucht vollen Einsatz. Wir wissen es doch, dass der Friede auf dem Spiel steht, wenn wir nicht nachgeben, verzeihen, einmal den Kürzeren ziehen oder ein Wagnis eingehen können. Frieden ist nicht selbstverständlich.

Auf der Jugendseite „Mediacampus“ der Westfalenpost konnten wir lesen, dass eine Wunsch-Schlagzeile der jungen Menschen für das neue Jahr ist: „74 Jahre keinen Krieg - das ist fantastisch!“ Ja, Frieden ist ein großartiges Geschenk, er ist zerbrechlich, wie uns Kämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen und Krisen immer wieder deutlich machen, er ist kostbar und er braucht unser Mit-Tun. Darum sind in der Jahreslosung gleich zwei Verben mit ihm verbunden: suchen und jagen. Lassen Sie uns den Frieden finden und erhaschen, immer wieder neu!