An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfrn. Claudia Latzel-Binder

10. März 2019

Mein Handy predigt

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Der neue Vikar in unserer Kirchengemeinde hat seine erste Andacht gehalten. Sie fand im Besuchsdienstkreis statt und passend für die Mitarbeiterinnen, die ehrenamtlich alte Menschen besuchen hat er eine Bibelstelle zu „suchen“ ausgewählt oder eigentlich die Bibelstelle schlechthin zu diesem Thema: Lukas 15, das verlorene Schaf. Mir gefiel sein Einstieg, dass wir, wenn wir etwas suchen, in der Regel bei Google, der großen Internetsuchmaschine, nachschauen. Die Idee fand ich witzig.

Abends zuhause erzähle ich nicht nur meinem Mann davon, sondern ich will auch wissen, was man da tatsächlich für eine Antwort bekommt. Also zücke ich mein Handy und probiere es gleich aus. Mal gucken, was die elektronische Sprachassistentin dazu zu sagen hat: „Siri, die 99 Schafe sind da. Wo ist das verlorene Schaf?“ Im Display leuchtet mir sogleich folgende Antwort auf: „Sie befinden sich in hier: Königsberger Str. 18, Bad Berleburg“ und dazu wurde die Google-Maps-Karte mit dem aktuellen Standort gezeigt. Eine brillante Antwort nach meinem Geschmack: ziemlich daneben und darin den Nagel auf Kopf getroffen.

Es ist eine geistliche Standortbestimmung. Es ist eine Handypredigt. Und die ist auch noch theologisch gut. Ich bin das verlorene Schaf! Ich bin die, die Gott sucht. Ich bin der Mensch, dem er nachgeht und nach Hause trägt. Das ist das Erste, was von mir zu sagen ist und ich habe verstanden. Wenn ich eine Andacht höre, bin ich nicht als erstes die Pfarrerin mit nun inzwischen einigen Berufsjahren Erfahrung, die dem jungen Kollegen in der Ausbildung als Mentorin zur Seite steht. Das Erste ist nicht, dass ich nun Rückmeldungen zu theologischer Korrektheit, rednerischen Fähigkeiten und angemessener Präsentation gebe. Das Erste ist vielmehr, dass ich selbst immer von Gott gemeint bin. Die Botschaft ist für mich!

Vielleicht kennen Sie das auch: Sie hören (oder lesen) eine Andacht und im Kopf geht sofort der Daumen hoch oder runter und wir haben mindestens 99 Verbesserungsvorschläge. Wichtiger aber ist der eine Finger, der wieder auf uns selbst zeigt. Es geht um mich. Gott hat eine Botschaft für mich. Er meint genau mich. Wie wunderbar! Ich bin gemeint. Ich bin das Schaf, das Gott sucht. Ich bin der Mensch, der ihm unendlich wichtig ist. Toll, dass Gott uns immer wieder neu anspricht. Er tut es täglich auf mindestens hundert Weisen: durch vertraute Geschichten, neue Vikare und neue Medien! Und heute im Gottesdienst ganz extra wieder für Sie – und für mich!


Pfrn. Christine Liedtke

3. März 2019

„Alles zum Besten kehren“

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Fasten bedeutet verzichten. Nach den närrischen Tagen beginnt die Fastenzeit: die sieben Wochen, in denen sich christliche Menschen auf den Leidensweg von Jesus Christus besinnen, der ihn zum Kreuz und in den Tod führte. Ich weiß, dass es im überwiegend katholischen Sauerland noch viele Kinder gibt, die in der Fastenzeit auf Süßes verzichten. Zu Karneval laufen sie durch die Nachbarschaft und lassen sich Süßigkeiten zustecken; was nicht bis Aschermittwoch gegessen ist, wird weggeschlossen bis Ostern. Das verdient meinen höchsten Respekt. Ich weiß von Christen, die in dieser Zeit auf Alkohol verzichten oder auf die Zigaretten. Einzelne verzichten auf das Fernsehen  oder reduzieren die Zeit am Computer.

Ich frage mich: Was könnte für mich ein gutes Fasten sein?

Ich halte inne: Gerade produziere ich Wörter. In meinem Alltag rede ich viel, auch schreibe ich Kurznachrichten. Vielleicht wäre es sinnvoll, mal ganz besonders auf meine Worte zu achten? Ich weiß doch, wie viel Macht die Wörter haben! Sie können trösten und aufrichten; aber auch zerstören und vernichten. Und, einmal ausgesprochen, können sie nie wirklich zurückgenommen werden. So wie es die Geschichte zeigt, in der ein tratschsüchtiger Mensch, der seine boshaften Worte reuevoll zurücknehmen möchte, vom Richter aufgefordert wird, sein Federkissen in der Dorfmitte zu entleeren; dann soll er gehen und alle Federn wieder einsammeln. „Wie soll das gehen?“, fragt er ratlos, „Der Wind hat sie doch in alle Richtungen verstreut!“  „Genau so“ antwortet der Richter, „ist es auch mit deinen niederträchtigen Äußerungen: sie sind weitergetragen worden und können nicht mehr zurückgenommen werden.“

Die Zeitungen berichten, wie Schüler*innen ihre Mitschüler*innen im Unterricht und in sozialen Netzwerken mobben, verleumden, bloßstellen und damit aufs Grausamste quälen. Wir hören von verbalen Ausschreitungen in Geschäften, bei Ärzten, auf Elternsprechtagen und bei anderen Gelegenheiten, wo Mensch auf Mensch trifft, wir können sie lesen in den digitalen Räumen im Internet, wo die Anonymität zu noch größeren Niederträchtigkeiten führt.

Wie wäre es, wenn wenigstens wir selbst bis Ostern auf böse und herabwürdigende Äußerungen verzichten würden?! Solche Äußerungen machen wir sowieso nicht? Dann ist es ja ein leichter Verzicht! Dann können wir noch eins draufsatteln: Wir können, wie Luther es einmal ausdrückte, „alles zum Besten kehren“: den Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm denken und ihn vor Anderen in Schutz nehmen. Wenn Jede und Jeder von uns so das boshafte Geschwätz, das leichtfertige Abwerten, das niederschmetternde Urteilen bis Ostern wegschließt, dann wäre das ein Fasten, das unser Miteinander für diese sieben Wochen grundlegend verändern müsste. Oder?


  • Pfrn. Kerstin Grünert

24. Februar 2019

„Kommt, alles ist bereit“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Planica, Spunglatten von Elan, die Prevc-Brüder oder unser alter Kühlschrank von Gorenje. Mein Zugang zu Slowenien läuft zugegebenermaßen sehr einseitig über den nordischen Skisport. Dieses kleine Land zwischen den Alpen und der Adria, mit all seinen Besonderheiten. Ein paar davon hab‘ ich im Ohr, die mir ein Kollege mal erzählt hat. Ach ja, da ist die Ökumene doch auch ein wenig mit im Spiel. Vor ein paar Jahren hab‘ ich mit einem slowenischen katholischen Pfarrer eine Trauung gemacht und er ist auch zu meiner Einführung nach Wittgenstein gekommen. Also, Slowenien ist mir geläufig und gar nicht so besonders exotisch oder weit weg.

Komisch, dass ich meine, ein Weltgebetstagsland müsste mindestens auf der anderen Seite der Weltkugel liegen, um etwas zu finden, für das es sich zu beten lohnt: weniger Armut, weniger Korruption, weniger Gewalt oder etwas Vergleichbares. Fast erscheint mir da ein europäisches Land fehl am Platz. Das ist natürlich Quatsch. Denn der Weltgebetstag ist ja nicht dazu da, dass man oder frau einmal für ein armes Land betet. Der Weltgebetstag der Frauen ist dazu da, um Blickwinkel zu verändern und zu weiten. Wenn Frauen aus dem jeweils zuständigen Land die Texte und Gebete für den Gottesdienst vorbereiten, dann helfen sie uns, eine andere Sicht auf die Dinge einzunehmen, als wir es in unserem Alltagstrott gewohnt sind. Mit offenen Händen und einem freundlichen Lächeln laden die slowenischen Frauen die ganze Welt zu ihrem Gottesdienst ein. „Kommt, alles ist bereit“ - unter diesem Motto geht es in diesem Jahr besonders um Unterstützung dafür, dass Frauen weltweit „mit am Tisch sitzen können“.

Ungerechtigkeit, Armut, Korruption und Gewalt sind keine spezifischen Länderprobleme, sondern je ein aktueller Zustand im Leben der Menschen auf dieser Erde. Es sind Menschheits-Probleme und gehen uns daher etwas an. Als Mensch sollte man ja an der Menschheit interessiert sein und das Beste für sie herausholen wollen. „Kommt, alles ist bereit.“ Für uns ist der Tisch gedeckt. Jede und jeder sollte einen Teil vom großen Kuchen abkriegen dürfen.

Es lohnt sich immer, sich an einen Tisch zu setzen. Um zu reden. Um zu teilen. Um miteinander zu feiern. Das wollen wir auch an diesem ersten Märzfreitag wieder tun. Eingeladen und angeregt von den slowenischen Frauen. An einem Tisch, um ein Zeichen zu setzen gegen den fehlenden Zusammenhalt der Welt. So wie es auch das Komitee des Weltgebetstags selbst formuliert: „Wir rufen auf, mit uns rund um den 1. März 2019 zu beten für das gemeinsame Abendmahl und für eine gerechte Welt, in der alle Menschen mit am Tisch sitzen - unabhängig von ihrer Hautfarbe, Herkunft, Alter, sexueller Orientierung und Religion. Vertrauen wir auf die Kraft des Gebets.“


Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

17. Februar 2019

Zeitdruck, weil die Ewigkeit fehlt

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

„Was aber ist die Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemand erklären, so weiß ich es nicht.“ Schon vor 1600 Jahren stellte sich Augustinus diese Frage. Obwohl wir die Zeit sehr genau messen können, erscheint sie uns doch verschieden. Zeit ist nicht gleich Zeit. So drückt sich die Zeit nicht nur die Quantität, sondern ganz stark auch durch die Qualität meiner Lebenstage aus. Die entscheidende Frage lautet: Wie werden meine Stunden und Minuten des Lebens nicht nur eine gefüllte, sondern eine erfüllte Zeit?

Die Zeit ist mehr als die Summe von Augenblicken, mehr als die Spanne zwischen Geburt und Tod, sie umfasst mehr als Jahrmillionen der Schöpfung. Sie hat einen Ursprung und ein Ziel. Sie kommt von Gott und hat in ihm ihr Ziel. Was das für eine Gelassenheit bedeutet, hat Jochen Klepper in einem Lied so ausgedrückt: „Der du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt, im Fluge unserer Zeiten. Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.“ Ein Psychotherapeut formuliert es so: „Wo uns die Ewigkeit fehlt, geraten wir in Zeitdruck. Je mehr uns der Glaube an das ewige Leben verloren geht, umso mehr verlieren wir Stress vorbeugende Gelassenheit.“

Weiß ich also, dass meine Zeit in die Ewigkeit Gottes eingebunden ist, und ich zu diesem ewigen Gott gehöre, dann lebe ich nie in verlorener Zeit. Dann kann ich Zeitraubendes tun - solche Zeit ist dennoch aufgehoben in Gottes ewiger Zeit. Wer zum ewigen Gott gehört - also mit Ewigkeit in der Zeit rechnet - der kann ruhig und gelassen seine Zeit leben, die ihm bleibt. Denn ich bin in Gottes ewiger Zeitrechnung geborgen.

Das Steigerungsdenken und das ausschließlich leistungsorientierte Arbeiten unserer Zeit bringen uns in einen tödlichen Zirkel. Wir müssen in immer weniger Zeit immer mehr erreichen. Wird diese Wirtschaftsmentalität auf alle Bereiche unseres Lebens übertragen, breitet sich Hektik zerstörend aus und zerfrisst alle Menschlichkeit. Zeit wird dadurch zum Verbrauchsgut und hat als Konsequenz: Zeit sparen, als ob es etwas wäre, das man horten könnte; Zeit herausholen, Zeit wieder hereinholen, oder sogar Zeit schinden. Dabei wird aber nicht die Zeit geschunden, sondern immer nur der Mensch.

Dem ersten Lebenstag des Menschen folgte der Ruhetag Gottes (1. Mose 1, 26). Das erste, was Gott den Menschen schenkt, ist Ruhe. Gott will den Menschen vor einem Übermaß an Arbeit schützen. Darum schafft er ihm einen Ruhetag durch das Arbeitsverbot am Sabbat (2. Mose 20, 10).

Wenn Gott meine Zeit erfüllt mit Leben, dann lebe ich aus der Fülle, während meine Zeit vergeht. Auch wenn wir durch Zeitdruck erschöpft neu dem Schöpfer begegnen, werden wir Kraft schöpfen und wieder schöpferisch leben können.


Pfr. Jaime Jung

10. Februar 2019

„Was hält mich, was trägt mich?“

von Pfr. Jaime Jung, Erndtebrück

Das Neujahr als Thema? Im Ernst jetzt, Mitte Februar? Mir ist klar, dass das neue Jahr 2019 schon einige Wochen alt ist. Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber irgendwie ist das Jahr doch wieder mit Sorgen gestartet, jetzt zu Beginn stehen die zu bewältigenden Aufgaben wie ein Berg vor mir.

Gerade in diesen ersten Wochen kreisen mir Gedanken im Kopf: War nicht letztes Jahr alles besser, was wird die Zukunft bringen? Schaffe ich alles, was ich mir vorgenommen habe? Erwartungen und Ziele tauchen vor mir auf. Druck baut sich auf, den eigenen Erwartungen und den Erwartungen anderer zu genügen. Und ehe ich mich versehe, merke ich, wie meine Gedanken immer schneller zu kreisen beginnen. Man schaut zurück, nach vorne und ist doch gleichzeitig im Hier und Jetzt. Was hält mich, was trägt mich?

Gerade jetzt, am Anfang, ist es Zeit, innezuhalten. Mir gibt ein Bibelvers aus dem Hebräer-Brief Kraft und Ausblick: „Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Ein kurzer und doch allumfassender Vers, der mir sagt, dass ich bei all meinen Überlegungen eine feste Konstante habe, auf die ich mich verlassen darf. Jesus Christus geht mit durch alle Zeiten. Er geht mit auf dem Lebensweg, da wo Fragen und Sorgen uns begegnen, auf den sonnigen und erfreulichen Wegen aber auch auf den Zielgraden, die wir vor Augen haben. Und er wird uns nicht verlassen, er ändert nicht auf einmal seine Meinung, sondern bleibt auch derselbe in Ewigkeit.

Bei allem Trubel am Anfang eines (fast) neuen Jahres bekomme ich hier wieder Orientierung. Wenn ich darauf vertraue, dass Christus mich begleitet in meinem Leben, dann geht es sich doch gleich sicherer in die weitere Zukunft. Denn bei allen Fragen, Sorgen, Rückblicken und Ausblicken gibt er mir sicheren Halt. Denn bei ihm bin ich geborgen. Und das gilt uns jeden Tag: Ich kann immer wieder neu anfangen und Kraft für die anstehenden Aufgaben schöpfen. Kein Mensch ist allein.

Was uns entgegenkommen wird, steht in Gottes Händen - und das ist gut so. In allen Jahreszeiten unseres Lebens, seien wir jung oder alt, ist Gott bei und mit uns, als treuer Wegweiser und Begleiter. Er kennt unsere Freuden, unsere Wünsche, unsere Nöte und Sorgen.

Gott schenkt uns täglich die Möglichkeit, ein neues Leben anzufangen, - egal ob im Februar oder Juli oder Oktober - mit Ihm und mit unseren Mitmenschen. Genau aus diesem Grund können wir voller Zuversicht in die Zukunft schauen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder neu Vertrauen fassen und auch in den turbulenten Zeiten des Jahres wissen, dass Sie nicht allein auf ihrem Weg sind!


Pfr. Steffen Post

3. Februar 2019

„Wem vertraut ihr eigentlich im Leben?“

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Seit wenigen Tagen ist einer der bekanntesten Posten im deutschen Fernsehen neu besetzt: Florian Silbereisen wird neuer Kapitän auf dem ZDF-Traumschiff. Das Echo auf diese Meldung ist durchaus geteilt, denn bisher kennen wir Florian Silbereisen eher als Sänger und Moderator und weniger als Schauspieler.

Eine, die sich eher kritisch zu dieser Besetzung geäußert hat, ist Heide Keller, die lange Chefhostess Beatrice spielte: „Mit dem Traumschiff-Kapitän verbindet man nicht einen fröhlichen Jungen, der mit guter Laune zur Musik auf der Bühne rumhüpft“, sagte sie. Der Kapitän sei kein netter Unterhalter. „Das ist ein Mann, dem man auch bei Sturm und Katastrophen sein Leben anvertraut“, so die Schauspielerin weiter.

Das finde ich eine beachtliche Aussage, weil darin ein Thema angesprochen wird, das ich nicht nur für die Besetzung einer Rolle in einem Fernsehfilm spannend finde, sondern auch mit Blick auf mein eigenes Leben: Welchem Kapitän vertraue ich mein Leben an? Wer hat das Sagen auf der Kommandobrücke meines Lebensschiffes?

Diese Frage klingt hier und da auch in Geschichten an, die die Bibel erzählt. Weil ein Teil der Jünger, die Jesus als seine Mannschaft ausgewählt hat, Fischer sind, erleben sie mit ihm auch das ein oder andere Abenteuer auf hoher See. Einmal ist Jesus mit seinen Jüngern auf dem See unterwegs und sie geraten in einen „großen Windwirbel“, wie es Luther übersetzt. Die Wellen schlagen ins Boot, so dass es zu sinken droht; aber von Jesus heißt es: „Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.“ (Markus 4, 38). Was also tun? Selbst das Steuerruder in der Hand behalten? Augen zu und durch? Oder doch den schlafenden Jesus wecken und um Hilfe bitten? Die Jünger entscheiden sich schließlich für die zweite Möglichkeit und dürfen erleben, dass er den Wind beruhigt und sich die Wellen legen. „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“, fragt Jesus danach seine Jünger. Mit anderen Worten: „Wem vertraut ihr eigentlich im Leben?“

Ich lerne aus dieser Geschichte Zweierlei:
1. Auch mit Jesus an Bord wird unser Lebensschiff nicht automatisch zum Traumschiff, das fortan nur noch auf azurblauem Wasser, unter strahlender Sonne und zu atemberaubenden Zielen unterwegs ist. Auch mit Jesus an Bord muss unser Lebensschiff ab und an durch die Wellen der Krankheit und der Traurigkeit hindurch; bläst uns der Wind des Zweifels und der Anfechtung entgegen.
Aber da wird mir dann auch das 2. wichtig: Dieser Jesus ist ein Mann, dem man auch bei Sturm und Katastrophen sein Leben anvertrauen kann. Er zeigt sich als zuverlässiger Kapitän, weil diese Stürme des Lebens und die Wellen des Todes auch um sein eigenes Leben getobt haben. Bei ihm ist das Ruder meines Lebensschiffes in guten Händen.


Pfrn. Silke van Doorn

27. Januar 2019

„Liebevollen Umgang pflegen“

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn, Bad Laasphe

Heute ist der 27. Januar - seit 1996 Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Solange hat es gedauert bis ein deutsches Staatsoberhaupt gesagt hat: Es ist Zeit, dass wir uns und unseren Kindern einmal im Jahr erzählen, was durch das Denken und Handeln von Deutschen an Millionen von Menschen - Juden, Sinti und Roma, politisch Andersdenkenden, Homosexuellen, Kranken - verübt wurde. Entrechtung, Entwürdigung. Mord. Denn was ein Konzentrationslager ist, wissen heute nicht einmal mehr 30 Prozent aller Menschen unter 25 Jahren.

Es ist kein Feiertag. Aber ein nachdenklicher Tag, an dem wir dem unendlichen Grauen nachgehen, das geschehen ist. Das unsere Großeltern und Eltern vielleicht sogar mitverantwortet haben. Wenn es so wäre, dann ist es kein Grund, den Stab über sie zu brechen. Wie viele Kinder und Jugendliche sind verführt worden, ihre Gehirne gewaschen worden. Ohne unser Nachdenken darüber, dass genau diese Erziehung das Unrecht schon in sich trug und Generationen danach mit diesem falsch eingeimpften Wissen beeinflusst hat, kann es wieder geschehen.

Unser Fühlen, Denken und Handeln heute ist bestimmt von diesem „Nie wieder“: Kein (Fremden)Hass, sondern Völkerverständigung. Kein Nationalismus, sondern Liebe zur Welt und all ihren Menschen. Das ist das Erbe, die Botschaft, die uns durch die Bibel immer wieder eingeschärft wird: „Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Micha 4, 3). Und „Suchet den Frieden und jaget ihm nach“.

„Suchet den Frieden“: In Bad Laasphe wird das Haus in der Mauerstraße 44, in dem bis 1938 die Synagoge war - Lern- und Bethaus der jüdischen Gemeinde - zurückverwandelt. Leider wird es keine Synagoge mehr, denn es gibt keine jüdische Gemeinde mehr in Wittgenstein. Aber es wird ein Ort des lebendigen Gedenkens und Erinnerns werden: Menschen werden sich treffen, um Orientierung für die Zukunft zu schaffen. Menschen werden sich treffen, um zu lernen, zu lachen, einander kennen zu lernen - dem Unvertrauten begegnen, damit niemand sagen kann: Der Islam gehört nicht zu Deutschland, das Judentum hat hier keinen Platz. Die Reihe ist beliebig fortzuführen.

Um gut und friedlich und auskömmlich hier zu leben - in Wittgenstein, in Deutschland, in Europa, auf dieser Erde - haben wir viele Aufgaben und Anstrengungen vor uns.

Denken wir gemeinsam, wie wir es tun: Das Hassen unterlassen, den liebevollen Umgang miteinander pflegen. Dafür ist nicht nur heute Zeit, aber immer am 27. Januar.

Aufs Leben.


Pfr. Joachim G. Cierpka

20. Januar 2019

„Einträchtig beieinander wohnen“

von Pfr. Joachim G. Cierpka, Bad Laasphe

Der Frieden ist so flüchtig wie die Vernunft auch. Meist entschwinden sie Hand in Hand, wenn wir uns nicht für sie einsetzen, denn von allein bleiben sie nicht. Sie sind keine Selbstverständlichkeiten, auch wenn die meisten von uns ihr Leben durchgängig in Friedenszeiten gestalten konnten und können.

Allerdings scheint es mehr und mehr, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit aktiven vernünftigen und nicht spalterischen Handelns verloren geht. Ich bin an den Beginn von Brechts ‚Mutter Courage‘ erinnert, wo der Feldwebel lamentiert: „Man merkt’s, hier ist zu lang kein Krieg gewesen. Wo soll da Moral herkommen, frag ich? Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung. Die Menschheit schießt ins Kraut im Frieden. Mit Mensch und Vieh wird herumgesaut, als wärs gar nix.“

Nicht erst in diesem Tagen steht das europäische Projekt, das uns über 70 Jahre Frieden in Europa beschert hat, auf der Kippe. Das Brexit-Desaster im Vereinigten Königreich zeigt das ebenso deutlich wie die Ergebnisse des AfD-Parteitags. Risse gehen allenthalben durch unsere Gesellschaft; in unversöhnlich strittigen Positionen und teils gewaltsam ausgetragen, wie die Gelbwestenproteste in Frankreich oder die Separationsbewegung in Katalonien zeigen.

Die vom Schauspieler Curt Goetz beklagte ‚Mikrobe der menschlichen Dummheit‘ gedeiht besonders gut auf dem Boden von Wohlstand und Egoismus, und sie leidet derzeit weiß Gott keinen Hunger.

Nach dem Motto: ‚Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt‘ droht der gesellschaftliche Grundkonsens in unserer Gesellschaft, in Europa und darüber hinaus verloren zu gehen. ‚Ich zuerst‘ gilt nicht nur im Weißen Haus als Maxime.

Robert Schuman, einer der Gründungsväter der Europäischen Union hatte aus den zwei Weltkriegen den Schluss gezogen, dass nur Solidarität, gemeinsames Handeln und ungefähr vergleichbare soziale und wirtschaftliche Verhältnisse auf Dauer den Frieden bewahren. Nationalismus führt dagegen unweigerlich zum Gegeneinander und hat Europa schon mehr als zweimal in die Katastrophe geführt.

Die Lehre des Miteinanders als Grundlage von Frieden und Wohlstand ist, obgleich sie augenscheinlich von vielen Zeitgenossen als paradoxer Unsinn betrachtet wird, alte Menschheitserkenntnis und auch in der Bibel verankert. Im Psalm 133 formuliert der Staatsmann David, König in Israel, als Maxime:
Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen. Denn dort verheißt der Herr den Segen und Leben bis in Ewigkeit.
Vielleicht gelingt es uns, dies nach den Erschütterungen dieser Tage neu zu verstehen. Es ist nötig.

Ein in diesem Sinne verbindendes, schönes Wochenende.


Pfrn. Kerstin Grünert

13. Januar 2019

Das eigene Tun hat immer Folgen

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Pippi Langstrumpf, Opa Otto und Paul Schockemöhle. Diese Namen hab‘ ich damals genannt, als ich in der Schule mal nach meinen Vorbildern gefragt wurde. Eine Zeit lang wollte ich auch mal sein wie Sissi, aber das hat keinen weiteren Einfluss auf mich gehabt. Mal abgesehen vom Dirndl vielleicht. Ich weiß noch, dass ich gefragt wurde: Warum gerade die? Naja, ich wollte alles können können, so wie Pippi, so gut springen wie Schockemöhle, und meinen Opa hatte ich genannt, weil der gerade gestorben war. Aber auch von ihm habe ich mir einiges abgeguckt, etwa dass man alles schaffen kann, wenn man bereit ist, viel dafür zu arbeiten.

Wenn ich heute sagen sollte, wer meine Vorbilder sind, dann wüsste ich gar keine Antwort. An einem Punkt, an dem ich sagen kann, dass ich ja auch schon durchaus etwas erreicht habe und inzwischen auf einmal mitten im Leben stehe, da denke ich lieber über Vorreiterinnen nach. Menschen, die in einer früheren Zeit viel geleistet haben und uns als jüngerer Generation so manchen Weg geebnet haben. Denen ich dankbar bin, dass ich es leichter hab‘, oder die ich für ihre Arbeit und ihren Werdegang bewundere.

Dieses Angedacht schreibe ich als die jüngste Pfarrerin im Kirchenkreis. Gott sei Dank überhaupt kein Problem. Auch wenn noch nicht alles Ungerechtigkeiten in der Frauen- und Männerarbeitswelt aus dem Weg geschafft sind, kann ich aus meiner Sicht nur zufrieden sein, mit dem was mir in meinem Beruf, mit meiner Berufung begegnet. Gott sei Dank, denn ich hatte viele Vorreiterinnen, die Steine aus dem Weg geräumt, Konventionen verändert und gegen Engstirnigkeiten gekämpft haben. Ich finde es ganz großartig, dass es in Wittgenstein überhaupt kein Thema ist, GemeindepfarrerIN zu sein.

Wie mag es da wohl meiner verstorbenen Kollegin Ruth Salinga gegangen sein? Erste Pfarrerin im Kirchenkreis, nachdem sie den Beruf auf dem zweiten Bildungsweg in Angriff genommen hat. Ich bewundere diese Energie und den Ehrgeiz. Frauen wie sie haben für mich den Anfang gemacht und so manchen Weg geebnet. Wenn ich darüber nachdenke, dann komme ich auch immer wieder darauf, wie wichtig es ist, dass jeder seine generationsübergreifende Verantwortung in den Blick nimmt. Deswegen kann man ja immer noch sein Zeug machen, aber hin und wieder eben auch die, die schon vorher waren und noch da sind, und die, die noch kommen, mitbedenken. Wie ich lebe, wie ich mich gebe, wie ich rede, wie ich handle, das alles hat Folgen.

Und weil Vorreiterinnen und Vorreiter immer gebraucht werden, ist es so wichtig, flexibel mit den Steinen, Engstirnigkeiten und Konventionen umzugehen. Schließlich ist die Angelegenheit mit Gott auch ein weites Feld. Da passen Steine und Grenzen gar nicht so richtig rein.


Pfrn. Christine Liedtke

6. Januar 2019

„Frieden finden und erhaschen"

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Das begonnene Jahr ist wirklich noch sehr jung, gerade einmal wenige Tage alt. Und doch haben wir uns schon ziemlich eingerichtet in ihm. Vieles läuft ja weiter. Alte Sorgen haben wir mitgenommen, alte Verstrickungen bleiben. Die Jahreszahl, die ist neu. Ein paar Erwartungen haben wir. Und sonst?

Neu ist die Jahreslosung, die uns mitgegeben wird für das Jahr 2019. Jahreslosungen, also Bibelworte, die über einem ganzen Jahr stehen, gibt es seit 1930, als der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller den Parolen der Nationalsozialisten bewusst ein Bibelwort entgegenstellte - damals ein hochpolitischer Akt. Die erste Jahreslosung 1930 lautete: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“, aus dem Römerbrief des Paulus. Seitdem stand jedes Jahr unter einer neuen Jahreslosung.
Die Jahreslosung für 2019 lautet: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34, Vers 15)

Suche und jage - wir sind fast an Kinderspiele erinnert, in denen es ums Verstecken und Nachlaufen geht. Lässt sich der Frieden erhaschen, so wie ein Schmetterling vielleicht? Ist er flüchtig, so dass ich ihm nachstellen muss? Ist er nie ganz da, sondern immer nur vorläufig vorhanden? Muss ich ihn suchen, damit er zutage tritt? Wie gelingt der Friede? Die Verse im Umfeld der Jahreslosung geben einen Hinweis: Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34, 14 und 15)

Das heißt für uns heute: Zunge und Lippen im Zaum halten, damit sie nicht Fake-News verbreiten, es bedeutet, üble Nachrede zu vermeiden, aber auch: bösem Gerede ins Wort zu fallen und üblen Hasstiraden kein Ohr zu leihen. Den Frieden suchen kann heißen, unter zerstrittenen Kollegen den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen, in der verstummten Familie nach jahrelangem Schweigen den ersten vorsichtigen Kontakt zu knüpfen. Frieden ist nicht einfach da. Er braucht vollen Einsatz. Wir wissen es doch, dass der Friede auf dem Spiel steht, wenn wir nicht nachgeben, verzeihen, einmal den Kürzeren ziehen oder ein Wagnis eingehen können. Frieden ist nicht selbstverständlich.

Auf der Jugendseite „Mediacampus“ der Westfalenpost konnten wir lesen, dass eine Wunsch-Schlagzeile der jungen Menschen für das neue Jahr ist: „74 Jahre keinen Krieg - das ist fantastisch!“ Ja, Frieden ist ein großartiges Geschenk, er ist zerbrechlich, wie uns Kämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen und Krisen immer wieder deutlich machen, er ist kostbar und er braucht unser Mit-Tun. Darum sind in der Jahreslosung gleich zwei Verben mit ihm verbunden: suchen und jagen. Lassen Sie uns den Frieden finden und erhaschen, immer wieder neu!