An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfrn. Kerstin Grünert

13. Januar 2019

Das eigene Tun hat immer Folgen

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Pippi Langstrumpf, Opa Otto und Paul Schockemöhle. Diese Namen hab‘ ich damals genannt, als ich in der Schule mal nach meinen Vorbildern gefragt wurde. Eine Zeit lang wollte ich auch mal sein wie Sissi, aber das hat keinen weiteren Einfluss auf mich gehabt. Mal abgesehen vom Dirndl vielleicht. Ich weiß noch, dass ich gefragt wurde: Warum gerade die? Naja, ich wollte alles können können, so wie Pippi, so gut springen wie Schockemöhle, und meinen Opa hatte ich genannt, weil der gerade gestorben war. Aber auch von ihm habe ich mir einiges abgeguckt, etwa dass man alles schaffen kann, wenn man bereit ist, viel dafür zu arbeiten.

Wenn ich heute sagen sollte, wer meine Vorbilder sind, dann wüsste ich gar keine Antwort. An einem Punkt, an dem ich sagen kann, dass ich ja auch schon durchaus etwas erreicht habe und inzwischen auf einmal mitten im Leben stehe, da denke ich lieber über Vorreiterinnen nach. Menschen, die in einer früheren Zeit viel geleistet haben und uns als jüngerer Generation so manchen Weg geebnet haben. Denen ich dankbar bin, dass ich es leichter hab‘, oder die ich für ihre Arbeit und ihren Werdegang bewundere.

Dieses Angedacht schreibe ich als die jüngste Pfarrerin im Kirchenkreis. Gott sei Dank überhaupt kein Problem. Auch wenn noch nicht alles Ungerechtigkeiten in der Frauen- und Männerarbeitswelt aus dem Weg geschafft sind, kann ich aus meiner Sicht nur zufrieden sein, mit dem was mir in meinem Beruf, mit meiner Berufung begegnet. Gott sei Dank, denn ich hatte viele Vorreiterinnen, die Steine aus dem Weg geräumt, Konventionen verändert und gegen Engstirnigkeiten gekämpft haben. Ich finde es ganz großartig, dass es in Wittgenstein überhaupt kein Thema ist, GemeindepfarrerIN zu sein.

Wie mag es da wohl meiner verstorbenen Kollegin Ruth Salinga gegangen sein? Erste Pfarrerin im Kirchenkreis, nachdem sie den Beruf auf dem zweiten Bildungsweg in Angriff genommen hat. Ich bewundere diese Energie und den Ehrgeiz. Frauen wie sie haben für mich den Anfang gemacht und so manchen Weg geebnet. Wenn ich darüber nachdenke, dann komme ich auch immer wieder darauf, wie wichtig es ist, dass jeder seine generationsübergreifende Verantwortung in den Blick nimmt. Deswegen kann man ja immer noch sein Zeug machen, aber hin und wieder eben auch die, die schon vorher waren und noch da sind, und die, die noch kommen, mitbedenken. Wie ich lebe, wie ich mich gebe, wie ich rede, wie ich handle, das alles hat Folgen.

Und weil Vorreiterinnen und Vorreiter immer gebraucht werden, ist es so wichtig, flexibel mit den Steinen, Engstirnigkeiten und Konventionen umzugehen. Schließlich ist die Angelegenheit mit Gott auch ein weites Feld. Da passen Steine und Grenzen gar nicht so richtig rein.


Pfrn. Christine Liedtke

6. Januar 2019

„Frieden finden und erhaschen"

von Pfarrerin Christine Liedtke, Girkhausen

Das begonnene Jahr ist wirklich noch sehr jung, gerade einmal wenige Tage alt. Und doch haben wir uns schon ziemlich eingerichtet in ihm. Vieles läuft ja weiter. Alte Sorgen haben wir mitgenommen, alte Verstrickungen bleiben. Die Jahreszahl, die ist neu. Ein paar Erwartungen haben wir. Und sonst?

Neu ist die Jahreslosung, die uns mitgegeben wird für das Jahr 2019. Jahreslosungen, also Bibelworte, die über einem ganzen Jahr stehen, gibt es seit 1930, als der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller den Parolen der Nationalsozialisten bewusst ein Bibelwort entgegenstellte - damals ein hochpolitischer Akt. Die erste Jahreslosung 1930 lautete: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“, aus dem Römerbrief des Paulus. Seitdem stand jedes Jahr unter einer neuen Jahreslosung.
Die Jahreslosung für 2019 lautet: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ (Psalm 34, Vers 15)

Suche und jage - wir sind fast an Kinderspiele erinnert, in denen es ums Verstecken und Nachlaufen geht. Lässt sich der Frieden erhaschen, so wie ein Schmetterling vielleicht? Ist er flüchtig, so dass ich ihm nachstellen muss? Ist er nie ganz da, sondern immer nur vorläufig vorhanden? Muss ich ihn suchen, damit er zutage tritt? Wie gelingt der Friede? Die Verse im Umfeld der Jahreslosung geben einen Hinweis: Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34, 14 und 15)

Das heißt für uns heute: Zunge und Lippen im Zaum halten, damit sie nicht Fake-News verbreiten, es bedeutet, üble Nachrede zu vermeiden, aber auch: bösem Gerede ins Wort zu fallen und üblen Hasstiraden kein Ohr zu leihen. Den Frieden suchen kann heißen, unter zerstrittenen Kollegen den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen, in der verstummten Familie nach jahrelangem Schweigen den ersten vorsichtigen Kontakt zu knüpfen. Frieden ist nicht einfach da. Er braucht vollen Einsatz. Wir wissen es doch, dass der Friede auf dem Spiel steht, wenn wir nicht nachgeben, verzeihen, einmal den Kürzeren ziehen oder ein Wagnis eingehen können. Frieden ist nicht selbstverständlich.

Auf der Jugendseite „Mediacampus“ der Westfalenpost konnten wir lesen, dass eine Wunsch-Schlagzeile der jungen Menschen für das neue Jahr ist: „74 Jahre keinen Krieg - das ist fantastisch!“ Ja, Frieden ist ein großartiges Geschenk, er ist zerbrechlich, wie uns Kämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen und Krisen immer wieder deutlich machen, er ist kostbar und er braucht unser Mit-Tun. Darum sind in der Jahreslosung gleich zwei Verben mit ihm verbunden: suchen und jagen. Lassen Sie uns den Frieden finden und erhaschen, immer wieder neu!