An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfrn. Simone Conrad

19. Januar 2020

Puzzleteile in unserer Hand

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

„Ach, ich kann die ganzen Bilder gar nicht sehen! Das zerreißt einem ja das Herz!“
„Die armen Koalas, die sind so süß, und jetzt sind so viele verbrannt!“
„Ich habe gehört, über eine Milliarde Tiere sind gestorben!“
„Das ist so gemein, wir Menschen sind verantwortlich - und die armen Tiere müssen das ausbaden!“
Stimmen aus der vergangenen Woche, quer durch alle Alters-, Gemeinde- und sonstigen Gruppen.

Daneben:
„Es kann doch nicht wahr sein, dass man einen Cent bezahlen muss, wenn man seine eigene Dose für den Aufschnitt mit zum Metzger bringt!“
„Da werden die noch bestraft für ihre Umweltfreundlichkeit!“
„Die da oben müssen endlich mal umdenken und das ändern!“
Reaktionen auf einen Zeitungsartikel, ebenfalls aus unterschiedlichsten Mündern.

„Klimahysterie als Unwort - so ein Quatsch! Das ist doch wirklich hysterisch, was da mittlerweile abgeht!“
und – ganz anders:
„Endlich mal ein wirklich passendes Unwort! Ich kann es nicht fassen, dass es immer noch Menschen gibt, die versuchen, den Klimawandel wegzureden. Es ist doch gut, dass endlich was getan wird und dass das Thema ist. Das ist keine Hysterie! Es ist fünf vor Zwölf!“
Beides habe ich gehört – -und Leserbriefe in der Presse spiegeln beides wider.

Diese Stimmen, diese Meinungen sind für mich wie ein großes Puzzle zum Thema Klima, Schöpfung und Verantwortung. Sie zielen auf ganz verschiedene Aspekte, die doch alle dazu gehören und alle wichtig sind. Manche Puzzleteile fügen sich ineinander, manche sind sperrig, manche passen nicht.

Wichtig ist dabei doch: Welches Puzzle-Teilchen lege ich? Welche Stimme bringe ich ein?

Nun, ich bin Pfarrerin, Theologin, und als solche ist für mich ganz klar: Wir haben einen Auftrag – nämlich den, Gottes Schöpfung zu bewahren (1. Mose 2, 15).

Und ich bin Mutter, und als solche! ist für mich ganz klar: Damit können wir nicht warten, bis es fünf nach zwölf ist. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern.

Es bleibt die Frage, wie wir das leben, jede und jeder für sich. Vielleicht, indem wir unsere Aufschnitt-Dose mit zum Metzger nehmen. Vielleicht, indem wir an manchen Stellen auf Fleisch verzichten. Faire Kleidung kaufen. Müll vermeiden. Ja, ich weiß, kleine Schritte. Und ja, ich weiß auch, dass die da oben in der Welt ihren Kurs ändern müssen.

Aber ich erinnere mich an ein Graffiti, dass jemand an eine Wand der Ruhruniversität Bochum gesprüht hatte: „100 000 sagen: Ich alleine kann ja doch nichts tun.“

In diesem Sinne - lassen Sie uns unser Puzzleteil gestalten!


Pfrn. Christine Liedtke

12. Januar 2020

Gesegnetes Wachsen und Reifen!

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Will ich so bleiben, wie ich bin? Wenn Sie, wie ich, auch schon drei Jahrzehnte mit Leichtigkeit zurückblicken können, dann denken Sie jetzt vielleicht ebenfalls an eine Frau in figurbetonter Kleidung, die eine neue kalorienreduzierte Nahrungsmittelmarke entdeckt hat, die ihr genau das erlaubt, und so trällert sie fröhlich: Ich will so bleiben, wie ich bin.

Nein, ich will nicht so bleiben, wie ich bin. Natürlich habe ich gute Vorsätze gefasst. Sie auch? Noch ist das Jahr ganz jung. Es ist gut, sich etwas vorzunehmen für das neue Jahr. Und dazu gehören auch die guten Vorsätze. Denn sie zeigen: Wir nehmen unser Leben kritisch in den Blick, wir sagen nicht: Weiter so! Sondern wir schauen hin, wir bewerten, wir entdecken, was anders werden könnte und was anders werden sollte. So entwickeln wir uns, wie wir uns ja immer verändern und entwickeln, solange wir leben. Denn gestern hatten wir noch einen anderen Blick auf das Leben und auf uns selbst, und morgen werden wir auch wieder anders darauf schauen. Heute erweitern wir unseren Horizont und verarbeiten die Dinge, die uns begegnen. So entwickelt sich alles, was lebt.

An uns selbst merken wir es meist nicht, wie wir uns von Jahr zu Jahr verändern. Leichter bemerken wir das bei Menschen, die wir lange nicht gesehen haben oder die wir, wie unsere Kinder, über lange Zeit begleiten dürfen.

Um eine Entwicklung geht es auch in der Jahreslosung für 2020, die hier schon mit einem ausführlichen Artikel bedacht wurde. „Ich glaube“, sagt ein verzweifelter Mensch da zu Jesus, „hilf meinem Unglauben.“ (Markus 9, 24) Auch der Glaube darf sich entwickeln, ja, er verändert sich lebenslang, er wird reifer und anders - hoffentlich, denn ein Kinderglaube kann uns, wenn wir erwachsen sind, nicht tragen; und wenn er uns als Kinderglaube zu klein geworden ist, dann werfen wir ihn schnell leichtfertig über Bord, und er kann nicht weiter mit uns wachsen.

Wie nah ist mir die kurze Szene von Herrn Keuner, die uns Bert Brecht geschenkt hat:
„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘, sagte Herr K. und erbleichte.“

Es wäre in der Tat erschreckend und zum Erbleichen, wenn wir uns nicht verändern würden! Das ist die Kunst des Lebens: Zu wachsen, zu reifen, sich gegebenenfalls anzupassen, andere Wege zu suchen, manches zu integrieren, manches abzuwerfen, etwas hinter sich zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen - und dabei immer wieder mal innezuhalten: In welche Richtung möchte ich mich verändern, was will ich zurücklassen, was möchte ich wagen?

So wünsche ich Ihnen ein entwicklungsreiches Jahr, das Sie nicht unverändert lässt, ein gesegnetes Jahr, das uns reifen und wachsen lässt.


Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

5. Januar 2020

Gottes Sternzeichen

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

Fast jede Zeitung bringt am Wochenende ein Horoskop. Da liest der Krebs, was seine Gefahren und was seine Chancen in den nächsten Tagen sind. Erstaunlich, wer alles daran glaubt!

Ist was dran?

Ich meine: Ja. Die Bibel berichtet ausdrücklich: Bei der Geburt und bei der Kreuzigung waren Zeichen am Himmel zusehen - bei der Geburt ein Stern, beim Tod eine Sonnenfinsternis. Es hing das Geschehen auf der Erde irgendwie mit dem Kosmos zusammen. Und das ist heute nicht anders. Die Frage ist nur: Wie sieht der Zusammenhang aus?

Sehen wir uns die beiden Verse von Matthäus 2, 1 und 2 an:

„Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: ‚Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben sein Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.‘“

Uns soll der Stern von Bethlehem beschäftigen. Eigentlich ist er die natürlichste Sache der Welt. Dass wir uns über ihn wundern, zeigt nur, wie weltfremd wir sind. Vielleicht dass die Astronauten uns wieder die Augen für den Zusammenhang zwischen uns und dem Weltraum öffnen. An sich müsste dieser Zusammenhang selbstverständlich sein, auch und gerade für den Christen. Wie oft heißt es in den Psalmen: „Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.“ Sollte Gott die Geburt seines Sohnes nicht auch durch ein Stern anzeigen! Und sollten Menschen wie diese Weisen nicht dieses Zeichen lesen können!

Wir heute merken langsam wieder: Mancher ist wetterfühlig. Sonnenschein macht gute Laune, Regen schlechte. Warum sollen nicht auch andere Planeten uns beeinflussen! Und warum soll dieser Einfluss nicht bei meiner Geburt beginnen! Schon meine Eltern und Voreltern haben mir eine bestimmte Erbmasse mitgegeben. Die Kultur prägt mich. Mein Unbewusstes trägt in sich uralte Bilder aus der Erfahrung meiner Urahnen. Ich bin ein unentwirrbares Geflecht von Einflüssen. Und da sollte zwischen mir und den Sternen eine isolierende Wand bestehen?! Das Wunder meiner Geburt und meiner Eigenart wird durch meinen Bezug zu den Sternen größer.

So weit, so gut. Aus diesem guten Glauben wird aber dämonischer Aberglaube, wenn - ja wenn der Einfluss für mein Schicksal gehalten wird. In den Sternen steht eben nicht mein Schicksal. So wenig meine Gene mein Schicksal sind; wir sind nicht programmiert wie ein Roboter. Und so wenig wir willenlos der Gesellschaft oder unserem Unbewussten ausgeliefert sind. Ich bin von Gott als eine einmalige, unverwechselbare Person geschaffen. Auch die Milliarden Menschen zählt er und nennt sie mit Namen. Bekanntlich besitzt jeder eigenen Fingerabdruck. Erst recht seine persönliche Eigenart. Die Sterne, die Gene, die Triebe, die gesellschaftliche Systeme und was sonst noch uns zu bestimmen scheinen - das alles sind nur Einflüsse, mehr nicht. Was wir aus ihnen machen, ist unsere Entscheidung.

Dass wir von dem Einfluss der Sterne wissen, soll uns zur Andacht führen vor dem Wunder, das in Jesus uns widerfährt. Ich soll Gott loben, dass er Himmel und Erde in Bewegung setzte, damit Jesus geboren wurde. Meine ganze Natur, so wie sie auch durch den Einfluss der Sterne zustande kam und täglich neu gestaltet wird, mein ganzes Wesen soll in den Dienst Jesu gestellt werden. Wenn ich so lebe, ist die Aufgabe, die die Sterne an mir haben, erfüllt.