An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfr. Joachim Cierpka

22. März 2020

Jetzt gibt's die Zeit

von Pfr. Joachim Cierpka, Bad Laasphe

„In der Ruhe liegt die Kraft“ pflegte mein Ausbilder mir zu sagen, wenn ich mal wieder etwas zu hektisch voran wollte. Viele von uns fühlen sich derzeit zu häuslicher Ruhe verurteilt. Jedenfalls merken wir, wie schwer wir uns an verlangsamtes Leben gewöhnen, wie schwer es uns fällt, auf noch unbestimmte Zeit Teilbereiche unseres Lebens in den Ruhemodus zu versetzen.

Die hebräische Bibel kennt das Ruhegebot des Sabbats, das älteste Sozialgebot der Menschheit. Zeit zur Muße, zur Reflexion, zum Gespräch mit Gott, für mich selbst und die, die mir nahe sind.

Natürlich, man kann in diesen Tage sorgenvoll auf das schauen, was derzeit alles nicht möglich ist. Oder aber das annehmen, was plötzlich möglich ist. Die geschenkte Zeit lässt sich sinnvoll füllen. Gerade in so ungewöhnlichen, teils hysterischen Zeiten wie der unseren bietet das erzwungene ‚Jetzt nicht‘ auch Chancen.

Trotz der Sorgen, wie sich die nächsten Tage und Wochen entwickeln, sollten wir uns auch Zeit nehmen, zu uns selber zu finden: Was ist mir wirklich wichtig? Was brauche ich, was ist vielleicht nicht nur dieser Tage verzichtbar? Was ist tragende Säule meins Lebens, und was - obgleich mir sonst selbstverständlich - ist eigentlich eher überflüssige Belastung.

Im Großen gilt das auch für unser gesellschaftliches Miteinander. Vielleicht gelingt uns in diesen Tage der Krise und danach eine neue Ausrichtung, die allen Gewinn bringt. Vielleicht lernen wir eine neue Sprache des Miteinanders. Welche demokratischen Werte dürfen wir im Normalfall genießen. Welche Freiheiten sind unverzichtbar, welche scheinbar unverzichtbaren Freiheiten aber belasten Umwelt und Mitmenschen mehr als nötig und können anders gestaltet werden?

Ich möchte Sie einladen, in dieser Zeit auch die Chancen zu sehen, die für die Gestaltung unseres Lebens durch die erzwungene Zeit des Innehaltens möglich werden. Und ich bin gewiss, dass uns daraus auch Kräfte erwachsen können, die uns nach überwundener Krise mit Freude neues Miteinander im Großen wie im Kleinen gestalten lassen werden.


Pfr. Peter Liedtke

15. März 2020

Anschauen - und lächeln!

von Pfr. Peter Liedtke, Girkhausen

Eine Kollegin, die viel mit afrikanischen Geflüchteten arbeitet, erzählte mir von einer afrikanischen Begrüßungsweise. Der, der beginnt, sagt dem, den er begrüßt wird: „Ich sehe dich“. Und der andere antwortet: „Ich bin da.“

„Ich sehe dich“ - welch vielschichtige Zusage. Ich nehme dich wahr, in all deinen Facetten, ich erkenne dich wieder, ich weiß, wer du bist, kenne deinen Namen, deine Geschichte, deine Hoffnungen und Ängste. Für den, dem dies zugesprochen wird, bedeutet es die Zusage, nicht einer von vielen in einer namenlosen Masse zu sein, sondern herausgehoben zu sein, einen Platz zu haben in der Gemeinschaft, unverwechselbar und eindeutig, verflochten mit anderen Menschen um ihn herum.

Wir Deutschen haben uns darauf eingerichtet, aneinander vorbeizugehen. Wir scannen eben, ob wir die Menschen um uns herum unserem engeren Umfeld zurechnen. Wenn nicht, gehen wir achtlos aneinander vorbei. Wir sagen möglicherweise trotzdem brav „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“, „Bitte“ und „Danke“, aber ohne innere Beteiligung. Wenn jemand dann doch ein freundliches Wort oder sogar ein offenes Lächeln schenkt, ist das Gegenüber dann verwundert, selbst in unserem überschaubaren Wittgenstein, wo man sich doch eigentlich vom Sehen kennen könnte.

Im WDR 2 waren die Hörerinnen und Hörer aufgefordert zu überlegen, wie wir denn einander begegnen können ohne das im Zeichen von Corona zu vermeidende Händeschütteln. Ein Vorschlag war, einander etwas länger anzusehen und einander ein herzliches Lächeln zu schenken. Das erinnerte mich an die afrikanische Begrüßungsweise. Und an das, was im Moment - neben medizinischer Versorgung und kluger Umgangsweise - Not tut: Dass wir einander zugewandt begegnen. Die einen haben Angst um sich oder kranke Angehörige, andere sind cool und gelassen, wieder andere können die Situation nicht einschätzen und fühlen sich völlig verunsichert und hilflos. Wie wir auch empfinden, die Folgen des Corona-Virus beschäftigen uns alle.

Aber es ist viel leichter damit umzugehen, wenn wir einander das Gefühl geben, dass der einzelne nicht allein da steht. „Ich sehe dich, deine Ängste, deine Unsicherheit, dein großes Vertrauen. Aber ich sehe dich nicht nur, ich fühle mich dir nahe, mich mit dir verbunden. Auch wenn ich ganz anders mit der Situation umgehe als du es tust, bist du Teil unseres Miteinanders.“ Und der andere fühlt sich wahrgenommen und angenommen. Die Herausforderungen lassen sich leichter meistern, wenn ich weiß, ich stehe nicht allein da.

Wir müssen keine afrikanischen Bräuche einführen. Das Anschauen und ein warmherziges Lächeln vermögen das gleiche. Wenn wir das lernen würden, dann hätte der Virus wenigstens eine gute Sache bewirkt.


Pfrn. Kerstin Grünert

8. März 2020

Beten ähnelt Händewaschen

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Infektionskette, Gefahr, Sterbefälle, Hygiene, Isolation, Tausende von Menschen… All das ist schon zum Alltag geworden und - ganz ehrlich - macht mich, je nach Tagesform, mehr oder weniger verrückt. So ein Virus hat schon etwas Bedrohliches. Trotz medizinischer Entwicklung kann uns so ein Winzling in Angst und Schrecken versetzen. Obwohl die Forschung unheimlich weit und gut ist, hat so eine Geschichte wie die Grippe- oder Corona-Epidemie etwas Mittelalterliches. Als man noch nicht so viel über Krankheiten wusste. Wir erleben, wie wir ausgeliefert sind. Und nichts tun können. Und das ist kaum auszuhalten. Ich kann das kaum aushalten. Es muss doch etwas geben, das man tun kann. Allein schon, um nicht nur Angst zu haben.

Als Pastorin bilde ich mir ein, dass ich etwas gegen die Angst tun muss. Jedenfalls etwas parat haben sollte. Hab' ich aber auch nicht immer. Und schon gar nicht bei solch einer unsichtbaren Bedrohung. Hoffentlich verhalte ich mich richtig und bringe nicht auch noch die Familie oder sonst wen in Gefahr. Man trägt ja nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch noch für die anderen. Ein guter Nährboden für die Angst, die sich so immer weiter fressen kann.

Der Virus, die Angst vor der Unsicherheit kann uns voll im Griff haben. Obwohl wir ja bestens informiert sind. Haben Landkarten, in Echtzeit, können genau verfolgen, wie die Spuren von Corona durch die Welt ziehen. Und bleiben dennoch ausgeliefert. Erschreckend, was man lesen muss über Diebstahl von Schutzkleidung oder Desinfektionsmitteln. Angst kann einen wohl auch auf ganz falsche Wege leiten. Angst oder Gier. Ich weiß gar nicht, was mich da mehr erschreckt.

Jedenfalls fühle ich mich wie ein Darsteller in einem Kinofilm. Alles, was man sich früher als besonders gruselig und aufregend ausgemalt hat, wird jetzt wahr. Ich wünschte, einer würde das Licht anmachen und fragen: Möchte noch jemand Eis?

Mein Herz ist voller Verlangen nach deiner Nähe, Gott“, so heißt es im 25. Psalm. Gott wird den Virus wohl nicht stoppen, keine Supersauger vom Himmel schicken, die alles Gefährliche einfach wegsaugen. Aber für mich könnte er das Licht anmachen. Dass ich meine Angst sehen und sie so besser in Angriff nehmen kann.

Ich hab' in den vergangenen Tagen festgestellt, dass Beten da so ähnlich wie Händewaschen ist. Ich kann den Virus nicht wegbeten, aber ich kann damit all das Konfuse abspülen. Kann zur Ruhe kommen und wieder klare Gedanken fassen. Besinne mich darauf, dass ein wachsamer Blick auf das Tagesgeschehen am besten ist. Lasse mein Herz ruhiger werden.

Und so bete ich: Gott, lass uns da alle durchkommen, gib uns Menschen Kraft in unserer Machlosigkeit. Amen.


Pfrn. Ute Hedrich

1. März 2020

„Steh‘ auf und geh‘“

von Pfrn. Ute Hedrich, Martin-Luther-Gemeinde Harare, ursprünglich aus Balde

Simbabwe - bekannt durch die Viktoriafälle, den Ex-Präsidenten Robert Mugabe, Diamanten- und Goldvorräte, große Elefantenherden und jetzt, weil es Weltgebetstags-Land 2020 ist. Mit Texten, Liedern, Bildern und Gebeten, die Frauen aus Simbabwe vorbereitet haben, und vielleicht sogar Köstlichkeiten nach Rezepten von dort ist am Freitag in vielen Kirchen das afrikanische Land präsent. „Steh‘ auf und nimm Deine Matte und geh‘“ - dieses Wort aus dem Johannes-Evangelium ist nicht nur das Weltgebetstags-Motto, sondern konkrete Lebenserfahrung von Frauen und Männern hier.

Steh‘ auf und nimm Deine Matte und geh‘ und hole Wasser, weil es dies sogar in der Hauptstadt nur selten noch aus Leitungen gibt und oft nicht richtig geklärt ist: Frauen tragen dann nicht nur Matten, sondern bestimmt auch 20 Kilo auf dem Kopf - Wasserholen aus den Brunnen ist Frauensache.

„Steh‘ auf und geh‘“ sagen Mütter zu ihren Kindern, die sie gerade auf dem Land auf lange Schulwege schicken müssen, mit der Sorge, dass die Kinder vielleicht nicht sicher ankommen. Aber bei teilweise über 80 Prozent Jugendarbeitslosigkeit ist gute Schulbildung so wichtig. Zugleich machen Mütter sich schon früh auf, um auf Märkten Gemüse oder Eier zu verkaufen, auf dem Feld zu arbeiten. Die Sorge um Haushalt, Kindererziehung, kleines Familieneinkommen tragen Frauen oft allein - in einem Land, wo es kaum formelle Arbeit gibt, sind Männer auf der Suche nach einer Stelle oder im Ausland.

Dennoch klagen die Frauen nicht, lassen nicht ihre Matte liegen und schlafen, weil alles schwierig ist. Sie machen sich auf, erfinderisch mit Kraft Neues zu probieren, konkrete Dinge zu verbessern. So setzten sie durch, dass dort, wo der Schulweg gefährlich war, mit kirchlichem Geld eine neue zentrale Schule gebaut wird und nicht mehr 15 Kilometer Weg anfallen. So haben wir in der Martin-Luther-Kirche in Harare, wo ich in der Gemeinde arbeite, einen Markt, wo nach der Kirche aus eigenen Gärten verkauft wird: Lebensunterhalt für die einen, gutes, frisches, ungespritztes Gemüse für die anderen. Dies ist wichtiger geworden, nachdem durch eine der weltweit höchsten Inflationsraten, sogar Grundnahrungsmittel so teuer sind, dass das Geld noch weniger reicht, die Mahlzeiten pro Tag auf zwei reduziert wurden.

Steh‘ auf, nimm Deine Matte und geh‘ - Jesu Wort an den kranken Menschen in Bethesda befähigt Frauen (wie Männer) aufzustehen, trotz aller Widrigkeiten, weiterzugehen, sich in Arbeit und Gemeinschaft untereinander zu stärken, selbstständige Projekte zu beginnen, immer im Vertrauen darauf, dass Gott neue und oft ungewöhnliche Wege aufzeigt. Mehr davon bei den Wittgensteiner Weltgebetstags-Gottesdiensten. In Harare werden wir einen gemeinsamen großen Gottesdienst im Sportstadium feiern mit Frauen und Männern aus mehr als 20 unterschiedlichen Kirchen.


Pfr. Peter Liedtke

23. Februar 2020

Für mehr Wahrhaftigkeit

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke, Girkhausen

Eigentlich wollte ich einige Gedanken über das Lachen teilen und wie wichtig es ist, wie gut das Lachen tut. Die Nachrichten aus Hanau, die Nachbeben der Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen und die Aufdeckung einer Verschwörergruppe, die bürgerkriegsähnliche Zustände schaffen wollte, lassen mich aber erst einmal innehalten.

In dieser Zeit sind wir Christen herausgefordert: Es ist nötig, Stellung zu beziehen. Wir müssen uns öffentlich bekennen zu unserem biblisch geprägten Menschenbild, das alle Menschen als von Gott geliebte Menschen sieht, unabhängig von Rasse, Sprache, Bildung und Wohlstand. Wir sind gefordert, für Menschlichkeit einzutreten. Und es ist unbedingt notwendig, dass wir eine neue Kultur der Wahrhaftigkeit und Wahrheit leben. Es darf nicht sein, dass wir durch falsche Informationen und gezielte Manipulation in die Irre geführt werden und uns aufhetzen lassen.

Dieses Bekenntnis „Mitmenschlichkeit und Wahrheit“ ist jetzt dran. Es ist keine Zeit zum Abwarten, denn je länger wir schweigen, umso mehr driftet unsere Gesellschaft auseinander.

Uns können dabei die karnevalistischen Beiträge helfen, denn sie überspitzen die Dinge derart, dass wir nicht drumherum kommen, darüber nachzudenken. Uns helfen Kabarett und Satire aus dem gleichen Grund. Und es hilft uns, uns daran zu erinnern, dass wir bei allem, was wir tun, in Gottes Hand ruhen. Wie Hanns Dieter Hüsch dichtete: „Gott nahm in seine Hände / Meine Zeit / Mein Fühlen Denken / Hören Sagen / Mein Triumphieren / Und Verzagen / Und Elend / Und die Zärtlichkeit“. Und er eröffnete diesen Kehrvers mit den Worten: „Ich bin vergnügt / erlöst / befreit“.

Und damit bin ich dann doch noch beim Lachen.

Wir sollen nicht über Menschen lachen. Niemand von uns weiß, was sie zum dem gebracht hat, das wir als komisch oder albern wahrnehmen.

Aber wir dürfen mit den Menschen lachen, lachen auch über Pannen, Missverständnisse, peinliche Momente. Dann macht das gemeinsame Lachen aus uns Verbündete, wir stärken einander und nehmen den misslungenen Momenten ihre Peinlichkeit. Das Lachen macht uns zu Menschen, die spüren, dass sie erlöst und befreit sind.

Wir werden im Lachen zu Kindern, welche die unzähligen Möglichkeiten des Lebens wahrnehmen. Und wir sind ja Kinder, Kinder unseres himmlischen Vaters. Es stimmt: Wir tragen Verantwortung. Aber in unserer Verantwortung liegt nur das, was zu tun uns möglich ist. Die Verantwortung für das, was uns unmöglich ist, die dürfen wir getrost in Gottes Hand legen.


Pfrn. Silke van Doorn

16. Februar 2020

Dient einander in der Liebe

Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn, Bad Laasphe

„Kein Millimeter nach rechts“ - letztes Jahr im Konzert in Frankfurt, mit Kolleg*innen aus dem Kirchenkreis unterwegs, sang eine sehr große Menschenmenge mit Herbert Grönemeyer. Überzeugt, dass eine Demokratie es auch aushält, wenn ein Teil der Bürger eine undemokratische, nationalistische Partei wählt. Spätestens seit Mittwoch, 5. Februar 2020, wird deutlich, dass Demokrat*innen nicht schweigen dürfen, wenn Rechtsextremisten, zu denen der radikalste Landesverband der AfD unter der Führung von Höcke gehört, bestimmen wollen, wer regiert.

Fünf leitende evangelische Geistliche haben sich sofort am nächsten Tag positioniert: „Aus christlicher Sicht darf es keine Regierung unter Mitwirkung von Rechtsextremisten geben“. Landesbischof Friedrich Kramer (EKM), Bischof Christian Stäblein (EKBO), Bischöfin Beate Hofmann (EKKW), Kirchenpräsident Joachim Liebig (Ev. Luth. Kirche Anhalts) sowie Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt (Nordkirche) begründeten es damit, dass „dies […] antidemokratischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Positionen Vorschub (leistet) und […] sie salonfähig (macht). Für Christinnen und Christen aber hat jeder Mensch seine Würde. Aufgabe der Politik ist es nach Artikel 1 Grundgesetz, diese Würde zu wahren und zu verteidigen. Dies kann nicht gelingen, wenn mit Rechtsextremisten gemeinsame Sache gemacht wird.“

Diese klare Positionierung der Kirche fehlte vor 90 Jahren als die NSDAP im Thüringer Landtag die Regierung mitbildete und Hitler von einem Experimentierfeld redete. So weit ist es 2020 nicht gekommen - die Parteien der Mitte haben verstanden, dass sie sich nicht von der AfD abhängig machen können.

Tausende Menschen zeigten gesterm in Erfurt: Nicht mit uns.

Zur Freiheit seid ihr berufen; deshalb sorgt dafür, dass die Freiheit nicht eurer Selbstsucht die Bahn gibt, sondern dient einander in der Liebe“ (Galater 5, 13). So spricht der Apostel Paulus von Freiheit und Liebe. Diese Freiheit und Liebe kann unsere Kirche hoch halten und leben. Sie weiß, wovon sie lebt und was sie weitergeben kann. Sie hat die Freiheit des Glaubens geschmeckt und mit diesem Geschmack auf der Zunge und dem befreienden Wort im Ohr geht sie auf die Menschen zu, die ihr am Wege und unterwegs begegnen. Zur Kirche gehört deshalb immer auch die Wahrnehmung der gegenwärtigen Zeitumstände, unter denen die Menschen leben. Vor ihrem Hintergrund und in sie hinein will die Botschaft von der Freiheit der Kinder Gottes selbstbewusst und fröhlich verkündigt werden.

Kirche will auf Menschen zugehen, die sich ungerecht behandelt fühlen und wütend Hass spucken. Sie will aber auch an der Seite der Menschen stehen, die Hilfe brauchen, die Freiheit suchen und Brot, wenn sie dieses dort nicht mehr finden, wo sie herkommen. Und: Kirche steht dafür in unserem Land, dass Ausgrenzung und Hass, Antisemitismus und engmachender Nationalismus nie wieder Verbreitung findet.

Kein Millimeter nach rechts. Dafür stehen wir weiter auf.

Einen gesegneten Sonntag.


Pfrn. Berit Nolting

9. Februar 2020

Einladung zum Neugierig-Machen

von Pfrn. Berit Nolting, Berghausen

Als ich in den Weihnachtsferien mal in Siegen zum Stadtbummel war, sah ich im Schaufenster eines Geschäftes besondere Thermosflaschen stehen. Ihre Form, ganz leicht - und ohne dieses verspiegelte zerbrechliche Innere. Sie sahen total stylisch aus.

Als ich sie mir näher anschaute, habe ich mir die Frage gestellt: Würde mein Tee darin wohl wirklich heiß bleiben? Und wenn Ja, wie geht das?

Ein paar Tage später bekam ich so eine Flasche geschenkt. Da es jetzt ja meine war, habe ich sie noch mal näher untersucht und sofort ausprobiert. Tatsächlich, sie hielt meinen Tee sehr lange richtig heiß.

Stolz habe ich die Flasche rumgezeigt und immer gleich die Frage in den Raum gestellt: Wie funktioniert das? Denn unsere normalen Thermoskannen, von denen wir ja viele im Gemeindehaus haben, besitzen doch alle diese verspiegelte Innenhülle.

Von den physikalisch gebildeten Menschen bekam ich zur Antwort: Das ist doch ganz logisch. Das ist die extrem gute doppelwandige Vakuumisolierung der Thermosflasche.

Die Erklärung war simpel. Ganz einfach. Klar, für alle die, die es wussten. Und als es mir erklärt wurde, auch für mich.

So im Nachhinein habe ich mich über mich selbst gewundert: dass mich so etwas Neues und für mich Ungewöhnliches so neugierig machen kann.

Ich habe mich dann gefragt, gibt es wohl auch etwas im christlichen Glauben, das jemand so spannend findet, dass er neugierig wird, nachfragt und ausprobiert? Was könnte das wohl sein?

Eigentlich ist der kirchliche Unterricht ja ein Ort, um neugierig zu machen. Viele Kinder kommen heutzutage ohne Vorbildung in diesem Bereich in den Unterricht. Sie kennen die biblischen Geschichten kaum noch. Beten und christliche Inhalte und Gott sind ihnen fremd.

Schaffen wir es, sie neugierig zu machen? So, dass sie christlichen Glauben ausprobieren, ihn drehen und wenden. Und dann für gut befinden? Zum Glück haben wir viele Mitarbeiter in der Jugendarbeit, die uns dabei unterstützen. Und außerdem? Was macht Erwachsene heutzutage noch neugierig? So dass sie etwas ausprobieren und für gut befinden? Eine spannende Frage. Man muss wirklich mal darüber nachdenken. Lassen Sie sich doch auch selbst mal darauf ein!


Pfrn. Kerstin Grünert

2. Februar 2020

„Los, machen wir es hell“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Ernctebrück

Was machen Sie eigentlich mit nicht abgebrannten Adventskranzkerzen? Bei mir ist es jedes Jahr das Gleiche. Im Advent denke ich noch so, zünd' den Kranz nicht zu oft an, dann ist er nicht so schnell abgebrannt. Und Anfang Januar hab' ich dann die vier Kerzen in der Hand und weiß nicht wohin damit. Man kann sie ja schlecht bis zum nächsten Advent verwahren. Kerzen auf dem Adventskranz müssen doch unverbraucht und noch ganz neu sein. Also, stehen sie jetzt hier, noch in der Schale, aber ohne Tannengrün und Apfelsinenscheiben. Gewissermaßen als Erinnerung an die gemütliche Zeit im Dezember.

An diesem Wochenende ist es aber nun wirklich vorbei. Der Weihnachtsfestkreis endet, auch im Kirchenjahr. Dann müsste jetzt auch der letzte Stern und der letzte Tannenzweig verschwinden.

Was sind Sie denn für ein Typ? Alles höchstens bis zum 6. Januar und dann die Deko sofort komplett umstellen? Oder hängen Sie dem Heimeligen und den schönen Dingen auch noch ein bisschen nach und räumen nur erst langsam alles weg? Abends hab' ich unterwegs tatsächlich noch in drei Fenstern Sterne leuchten sehen.

Und weil die liturgisch verordnete Zeit des Lichtes jetzt zu Ende ist und es dann bald schon wieder auf die düstere Passionszeit losgeht, will ich heute noch mal total adventlich dazu aufrufen: Tragt in die Welt nun ein Licht!

Licht brauchen wir nämlich immer. Nicht nur im Dezember, nicht nur in den dunklen Wintermonaten. Wir müssen immer wieder dunkle Winkel erhellen. In Köpfen, hinter Mauern und ganz besonders in den Herzen. Wie dunkel können Beziehungen zwischen Menschen sein. Nicht nur in den Partnerschaften, auch inder Familie, zwischen Freunden, Kollegen und Kameraden. Wie düster fühlt es sich an, wenn man Bindungen abbrechen muss, aus welchem Grund auch immer. Abschiede, für immer oder auch nur für eine bestimmte Zeit, selbst gewählt oder hilflos ausgeliefert, ziehen wie eine dunkle Wand im Leben auf.

Tragt in die Welt nun ein Licht! Macht es hell! Findet den Lichtschalter! Zündet die alten Kerzen an und stellt Euer Licht nicht unter den Scheffel. Hört sich abgedroschen an, wie auf einem Motivationsseminar. Ist aber so! Wir brauchen unendlich viel Licht, um uns im Alltag der Welt und eines jeden Lebens nicht zu verlaufen. Los, machen wir es hell!


Pfr. Horst Spillmann

26. Januar 2020

„Mit Jesus diese Welt aushalten“

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

In meiner Zeit als Klinikseelsorger hat ich mich eine Beobachtung besonders beeindruckt: Wie manche Patientinnen und Patienten sogenannte schwere Schicksalsschläge überwunden haben. Sie erzählten von eigenen Krankheiten, von mehreren Sterbefällen - auch eigener Kinder - in ihren Familien, von materiellen Verlusten, von der Aufgabe der Heimat. Das Auffällige war bei vielen, dass sie nicht in eine Depression geraten, nicht verbittert, nicht gebrochen waren. Sie wirkten wohl getroffen, vom Leben gezeichnet, aber immer noch dem Leben zugewandt.

Wir haben umgangssprachlich dafür das Bild des Stehaufmännchens geprägt. Man kann dieses Männchen - warum sagt man eigentlich nicht Stehauffrauchen? - auf einer Seite nach unten drücken, und wenn man es loslässt, richtet es sich wieder auf. Der tiefe Schwerpunkt verschafft dieser Figur Standfestigkeit und Stabilität. Das gilt beispielsweise auch bei Sportautos oder im Kampfsport, das gilt für unser ganzes Leben, wir brauchen einen tiefen Schwerpunkt.

Der Apostel Paulus hatte diesen Grund in seinem Leben gefunden, sodass er schreiben konnte: „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“ (2. Korinther 4, 8f.) Warum nicht? Seine Antwort: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“ (Vers 10) Mit Jesu Sterben meint er nicht nur die Todesstunde Jesu, Paulus hat vielmehr das ganze Leben Jesu im Blick.

Jesus, der mit Gott, seinem himmlischen Vater, eins war (und ist) hat einen Schmerz über diese kaputte Welt empfunden, den wir niemals ermessen können. Er hat die Gottesferne durchmessen. Es muss ihm das Herz zerrissen haben, wenn er das Elend der Menschen sah, das wir im hohen Maße selbst verschulden, dabei könnten wir doch in der Einheit mit Gott leben, die er uns angeboten hat.

Ähnlich zerreißt es Eltern ihr Herz, wenn sie sehen, wie ihr Kind einen katastrophalen Weg einschlägt, sie es aber nicht darin hindern können. Wie soll man dann reagieren? In Liebe dem Kind zugewandt bleiben! Macht Gott, der himmlische Vater, auch. Und das heißt, die Situation annehmen, wenn ich sie nicht ändern kann, sie aushalten und durchkämpfen. So haben sich auch viele der eingangs erwähnten Patientinnen und Patienten durchgekämpft, sind nicht einfach in die mannigfachen Betäubungsmöglichkeiten dieser Welt geflüchtet. Das kennzeichnet auch unseren Glauben: Mit Jesus diese Welt aushalten, die noch nicht das Paradies ist; es gibt keine andere. Das klingt erst einmal wenig attraktiv, hat aber eine große Verheißung. Denn wenn ich diesen tiefen Schwerpunkt in Gott habe, habe ich Bestand: in dieser und in Gottes neuer Welt.


Pfrn. Simone Conrad

19. Januar 2020

Puzzleteile in unserer Hand

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

„Ach, ich kann die ganzen Bilder gar nicht sehen! Das zerreißt einem ja das Herz!“
„Die armen Koalas, die sind so süß, und jetzt sind so viele verbrannt!“
„Ich habe gehört, über eine Milliarde Tiere sind gestorben!“
„Das ist so gemein, wir Menschen sind verantwortlich - und die armen Tiere müssen das ausbaden!“
Stimmen aus der vergangenen Woche, quer durch alle Alters-, Gemeinde- und sonstigen Gruppen.

Daneben:
„Es kann doch nicht wahr sein, dass man einen Cent bezahlen muss, wenn man seine eigene Dose für den Aufschnitt mit zum Metzger bringt!“
„Da werden die noch bestraft für ihre Umweltfreundlichkeit!“
„Die da oben müssen endlich mal umdenken und das ändern!“
Reaktionen auf einen Zeitungsartikel, ebenfalls aus unterschiedlichsten Mündern.

„Klimahysterie als Unwort - so ein Quatsch! Das ist doch wirklich hysterisch, was da mittlerweile abgeht!“
und – ganz anders:
„Endlich mal ein wirklich passendes Unwort! Ich kann es nicht fassen, dass es immer noch Menschen gibt, die versuchen, den Klimawandel wegzureden. Es ist doch gut, dass endlich was getan wird und dass das Thema ist. Das ist keine Hysterie! Es ist fünf vor Zwölf!“
Beides habe ich gehört – -und Leserbriefe in der Presse spiegeln beides wider.

Diese Stimmen, diese Meinungen sind für mich wie ein großes Puzzle zum Thema Klima, Schöpfung und Verantwortung. Sie zielen auf ganz verschiedene Aspekte, die doch alle dazu gehören und alle wichtig sind. Manche Puzzleteile fügen sich ineinander, manche sind sperrig, manche passen nicht.

Wichtig ist dabei doch: Welches Puzzle-Teilchen lege ich? Welche Stimme bringe ich ein?

Nun, ich bin Pfarrerin, Theologin, und als solche ist für mich ganz klar: Wir haben einen Auftrag – nämlich den, Gottes Schöpfung zu bewahren (1. Mose 2, 15).

Und ich bin Mutter, und als solche! ist für mich ganz klar: Damit können wir nicht warten, bis es fünf nach zwölf ist. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern.

Es bleibt die Frage, wie wir das leben, jede und jeder für sich. Vielleicht, indem wir unsere Aufschnitt-Dose mit zum Metzger nehmen. Vielleicht, indem wir an manchen Stellen auf Fleisch verzichten. Faire Kleidung kaufen. Müll vermeiden. Ja, ich weiß, kleine Schritte. Und ja, ich weiß auch, dass die da oben in der Welt ihren Kurs ändern müssen.

Aber ich erinnere mich an ein Graffiti, dass jemand an eine Wand der Ruhruniversität Bochum gesprüht hatte: „100 000 sagen: Ich alleine kann ja doch nichts tun.“

In diesem Sinne - lassen Sie uns unser Puzzleteil gestalten!


Pfrn. Christine Liedtke

12. Januar 2020

Gesegnetes Wachsen und Reifen!

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Will ich so bleiben, wie ich bin? Wenn Sie, wie ich, auch schon drei Jahrzehnte mit Leichtigkeit zurückblicken können, dann denken Sie jetzt vielleicht ebenfalls an eine Frau in figurbetonter Kleidung, die eine neue kalorienreduzierte Nahrungsmittelmarke entdeckt hat, die ihr genau das erlaubt, und so trällert sie fröhlich: Ich will so bleiben, wie ich bin.

Nein, ich will nicht so bleiben, wie ich bin. Natürlich habe ich gute Vorsätze gefasst. Sie auch? Noch ist das Jahr ganz jung. Es ist gut, sich etwas vorzunehmen für das neue Jahr. Und dazu gehören auch die guten Vorsätze. Denn sie zeigen: Wir nehmen unser Leben kritisch in den Blick, wir sagen nicht: Weiter so! Sondern wir schauen hin, wir bewerten, wir entdecken, was anders werden könnte und was anders werden sollte. So entwickeln wir uns, wie wir uns ja immer verändern und entwickeln, solange wir leben. Denn gestern hatten wir noch einen anderen Blick auf das Leben und auf uns selbst, und morgen werden wir auch wieder anders darauf schauen. Heute erweitern wir unseren Horizont und verarbeiten die Dinge, die uns begegnen. So entwickelt sich alles, was lebt.

An uns selbst merken wir es meist nicht, wie wir uns von Jahr zu Jahr verändern. Leichter bemerken wir das bei Menschen, die wir lange nicht gesehen haben oder die wir, wie unsere Kinder, über lange Zeit begleiten dürfen.

Um eine Entwicklung geht es auch in der Jahreslosung für 2020, die hier schon mit einem ausführlichen Artikel bedacht wurde. „Ich glaube“, sagt ein verzweifelter Mensch da zu Jesus, „hilf meinem Unglauben.“ (Markus 9, 24) Auch der Glaube darf sich entwickeln, ja, er verändert sich lebenslang, er wird reifer und anders - hoffentlich, denn ein Kinderglaube kann uns, wenn wir erwachsen sind, nicht tragen; und wenn er uns als Kinderglaube zu klein geworden ist, dann werfen wir ihn schnell leichtfertig über Bord, und er kann nicht weiter mit uns wachsen.

Wie nah ist mir die kurze Szene von Herrn Keuner, die uns Bert Brecht geschenkt hat:
„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘, sagte Herr K. und erbleichte.“

Es wäre in der Tat erschreckend und zum Erbleichen, wenn wir uns nicht verändern würden! Das ist die Kunst des Lebens: Zu wachsen, zu reifen, sich gegebenenfalls anzupassen, andere Wege zu suchen, manches zu integrieren, manches abzuwerfen, etwas hinter sich zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen - und dabei immer wieder mal innezuhalten: In welche Richtung möchte ich mich verändern, was will ich zurücklassen, was möchte ich wagen?

So wünsche ich Ihnen ein entwicklungsreiches Jahr, das Sie nicht unverändert lässt, ein gesegnetes Jahr, das uns reifen und wachsen lässt.


Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

5. Januar 2020

Gottes Sternzeichen

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

Fast jede Zeitung bringt am Wochenende ein Horoskop. Da liest der Krebs, was seine Gefahren und was seine Chancen in den nächsten Tagen sind. Erstaunlich, wer alles daran glaubt!

Ist was dran?

Ich meine: Ja. Die Bibel berichtet ausdrücklich: Bei der Geburt und bei der Kreuzigung waren Zeichen am Himmel zusehen - bei der Geburt ein Stern, beim Tod eine Sonnenfinsternis. Es hing das Geschehen auf der Erde irgendwie mit dem Kosmos zusammen. Und das ist heute nicht anders. Die Frage ist nur: Wie sieht der Zusammenhang aus?

Sehen wir uns die beiden Verse von Matthäus 2, 1 und 2 an:

„Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: ‚Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben sein Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.‘“

Uns soll der Stern von Bethlehem beschäftigen. Eigentlich ist er die natürlichste Sache der Welt. Dass wir uns über ihn wundern, zeigt nur, wie weltfremd wir sind. Vielleicht dass die Astronauten uns wieder die Augen für den Zusammenhang zwischen uns und dem Weltraum öffnen. An sich müsste dieser Zusammenhang selbstverständlich sein, auch und gerade für den Christen. Wie oft heißt es in den Psalmen: „Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen.“ Sollte Gott die Geburt seines Sohnes nicht auch durch ein Stern anzeigen! Und sollten Menschen wie diese Weisen nicht dieses Zeichen lesen können!

Wir heute merken langsam wieder: Mancher ist wetterfühlig. Sonnenschein macht gute Laune, Regen schlechte. Warum sollen nicht auch andere Planeten uns beeinflussen! Und warum soll dieser Einfluss nicht bei meiner Geburt beginnen! Schon meine Eltern und Voreltern haben mir eine bestimmte Erbmasse mitgegeben. Die Kultur prägt mich. Mein Unbewusstes trägt in sich uralte Bilder aus der Erfahrung meiner Urahnen. Ich bin ein unentwirrbares Geflecht von Einflüssen. Und da sollte zwischen mir und den Sternen eine isolierende Wand bestehen?! Das Wunder meiner Geburt und meiner Eigenart wird durch meinen Bezug zu den Sternen größer.

So weit, so gut. Aus diesem guten Glauben wird aber dämonischer Aberglaube, wenn - ja wenn der Einfluss für mein Schicksal gehalten wird. In den Sternen steht eben nicht mein Schicksal. So wenig meine Gene mein Schicksal sind; wir sind nicht programmiert wie ein Roboter. Und so wenig wir willenlos der Gesellschaft oder unserem Unbewussten ausgeliefert sind. Ich bin von Gott als eine einmalige, unverwechselbare Person geschaffen. Auch die Milliarden Menschen zählt er und nennt sie mit Namen. Bekanntlich besitzt jeder eigenen Fingerabdruck. Erst recht seine persönliche Eigenart. Die Sterne, die Gene, die Triebe, die gesellschaftliche Systeme und was sonst noch uns zu bestimmen scheinen - das alles sind nur Einflüsse, mehr nicht. Was wir aus ihnen machen, ist unsere Entscheidung.

Dass wir von dem Einfluss der Sterne wissen, soll uns zur Andacht führen vor dem Wunder, das in Jesus uns widerfährt. Ich soll Gott loben, dass er Himmel und Erde in Bewegung setzte, damit Jesus geboren wurde. Meine ganze Natur, so wie sie auch durch den Einfluss der Sterne zustande kam und täglich neu gestaltet wird, mein ganzes Wesen soll in den Dienst Jesu gestellt werden. Wenn ich so lebe, ist die Aufgabe, die die Sterne an mir haben, erfüllt.