An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfrn. Silke van Doorn

17. Juni 2018

„Me first“ trennt uns Menschen

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn, Bad Laasphe

Tag der deutschen Einheit ist heute. Nein, ich habe mich nicht vertan: Der Tag der Deutschen Einheit ist natürlich am 3. Oktober. 1990, im Jahr der Vereinigung - hatten wir zwei Tage der Einheit. Unterscheidbar nur durch das „d“ oder „D“. Wer nach 1989 geboren ist, wird sich kaum mehr an diesen Tag erinnern, der -  obwohl als gesetzlicher Feiertag abgeschafft - immer noch Gedenktag ist. Heute jährt sich der Tag des Aufstandes gegen das DDR-Regime, gegen die schrecklich falsche Politik, die Menschen knechtete, Hunger und Unfreiheit produzierte, zum 65. Mal.

Seit Tagen rumorte es im Juni 1953: Menschen standen auf gegen die Normerhöhung, gegen Enteignung, gegen die Unterdrückung der Menschen, die der Kirche angehörten. Gewerkschaft und RIAS - beide aus dem Westen - berichteten und unterstützten damit die Aufständischen, ohne es zu ahnen. Das SED-Regime schwankte. So viele Menschen hatten mit den Füßen abgestimmt, wollten nicht mehr unter diesen immer schlechter werdenden Lebensbedingungen bleiben.

Die Arbeiterklasse hatte dem Regime des Arbeiter- und Bauernstaates das Vertrauen entzogen. Entgegen ihrer Lippenbekenntnisse interessierte sich die Herrschenden nicht für die Nöte der Arbeiterklasse und drangsalierte sie, ohne überhaupt auf die Klagen zu hören. Die Sowjetunion griff ein und schlug den Aufstand nieder. Menschen starben. Die Darstellung des DDR-Regimes setzte sich nicht mit ihrem Versagen auseinander: Da war es einfacher, es als „vom Westen gelenkten faschistischen Putschversuch“ darzustellen.

Bert Brecht hat in seiner Verarbeitung dieses Aufstandes, der tatsächlich ein Befreiungsversuch der Unterdrückten war, in seinem Gedicht „Die Lösung“ einen Schlusssatz geschrieben, der auch heute noch wahr klingt: Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?

Die Rolle der Kirche war zu der damaligen Zeit in der DDR eine wirklich wichtige: Sie sammelte die kritischen Geister, die die menschenverachtenden Tendenzen des Regimes, das Hunger und Unfreiheit brachte. Gemeinsam standen Menschen auf, um gegen Menschenverachtung zu demonstrieren. Die Situation mitten im Kalten Krieg ließ weiteres Eingreifen der westlichen Verbündeten nicht möglich werden. Wie glücklich waren wir, als diese Blockbildung überwunden war, die Welt - Osten und Westen - sich entfeindeten. Nun stehen wir in einer wieder auseinanderdriftenden Welt. Die Hetzer und Kriegstreiber wachsen.

Erinnerung ist gut, wenn wir versuchen, daraus den Weg für die Zukunft zu finden. Zukunft eröffnet sich immer dann, wenn Menschen in Freiheit und Würde leben, ihre Grundbedürfnisse gestillt werden können. Wir ahnen, das wir trotz unseres immensen Reichtums uns immer weiter davon entfernen. Ein „Me first“ - egal ob es Amerika oder Deutschland ist, wird uns als Menschen immer auseinanderbringen und niemals die Bedingungen für Viele zum Besseren bringen.

Das bedenken wir vielleicht heute wieder am 17. Juni.