An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Joachim G. Cierpka

20. Januar 2019

„Einträchtig beieinander wohnen“

von Pfr. Joachim G. Cierpka, Bad Laasphe

Der Frieden ist so flüchtig wie die Vernunft auch. Meist entschwinden sie Hand in Hand, wenn wir uns nicht für sie einsetzen, denn von allein bleiben sie nicht. Sie sind keine Selbstverständlichkeiten, auch wenn die meisten von uns ihr Leben durchgängig in Friedenszeiten gestalten konnten und können.

Allerdings scheint es mehr und mehr, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit aktiven vernünftigen und nicht spalterischen Handelns verloren geht. Ich bin an den Beginn von Brechts ‚Mutter Courage‘ erinnert, wo der Feldwebel lamentiert: „Man merkt’s, hier ist zu lang kein Krieg gewesen. Wo soll da Moral herkommen, frag ich? Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung. Die Menschheit schießt ins Kraut im Frieden. Mit Mensch und Vieh wird herumgesaut, als wärs gar nix.“

Nicht erst in diesem Tagen steht das europäische Projekt, das uns über 70 Jahre Frieden in Europa beschert hat, auf der Kippe. Das Brexit-Desaster im Vereinigten Königreich zeigt das ebenso deutlich wie die Ergebnisse des AfD-Parteitags. Risse gehen allenthalben durch unsere Gesellschaft; in unversöhnlich strittigen Positionen und teils gewaltsam ausgetragen, wie die Gelbwestenproteste in Frankreich oder die Separationsbewegung in Katalonien zeigen.

Die vom Schauspieler Curt Goetz beklagte ‚Mikrobe der menschlichen Dummheit‘ gedeiht besonders gut auf dem Boden von Wohlstand und Egoismus, und sie leidet derzeit weiß Gott keinen Hunger.

Nach dem Motto: ‚Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt‘ droht der gesellschaftliche Grundkonsens in unserer Gesellschaft, in Europa und darüber hinaus verloren zu gehen. ‚Ich zuerst‘ gilt nicht nur im Weißen Haus als Maxime.

Robert Schuman, einer der Gründungsväter der Europäischen Union hatte aus den zwei Weltkriegen den Schluss gezogen, dass nur Solidarität, gemeinsames Handeln und ungefähr vergleichbare soziale und wirtschaftliche Verhältnisse auf Dauer den Frieden bewahren. Nationalismus führt dagegen unweigerlich zum Gegeneinander und hat Europa schon mehr als zweimal in die Katastrophe geführt.

Die Lehre des Miteinanders als Grundlage von Frieden und Wohlstand ist, obgleich sie augenscheinlich von vielen Zeitgenossen als paradoxer Unsinn betrachtet wird, alte Menschheitserkenntnis und auch in der Bibel verankert. Im Psalm 133 formuliert der Staatsmann David, König in Israel, als Maxime:
Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen. Denn dort verheißt der Herr den Segen und Leben bis in Ewigkeit.
Vielleicht gelingt es uns, dies nach den Erschütterungen dieser Tage neu zu verstehen. Es ist nötig.

Ein in diesem Sinne verbindendes, schönes Wochenende.