An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Horst Spillmann

26. Januar 2020

„Mit Jesus diese Welt aushalten“

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

In meiner Zeit als Klinikseelsorger hat ich mich eine Beobachtung besonders beeindruckt: Wie manche Patientinnen und Patienten sogenannte schwere Schicksalsschläge überwunden haben. Sie erzählten von eigenen Krankheiten, von mehreren Sterbefällen - auch eigener Kinder - in ihren Familien, von materiellen Verlusten, von der Aufgabe der Heimat. Das Auffällige war bei vielen, dass sie nicht in eine Depression geraten, nicht verbittert, nicht gebrochen waren. Sie wirkten wohl getroffen, vom Leben gezeichnet, aber immer noch dem Leben zugewandt.

Wir haben umgangssprachlich dafür das Bild des Stehaufmännchens geprägt. Man kann dieses Männchen - warum sagt man eigentlich nicht Stehauffrauchen? - auf einer Seite nach unten drücken, und wenn man es loslässt, richtet es sich wieder auf. Der tiefe Schwerpunkt verschafft dieser Figur Standfestigkeit und Stabilität. Das gilt beispielsweise auch bei Sportautos oder im Kampfsport, das gilt für unser ganzes Leben, wir brauchen einen tiefen Schwerpunkt.

Der Apostel Paulus hatte diesen Grund in seinem Leben gefunden, sodass er schreiben konnte: „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“ (2. Korinther 4, 8f.) Warum nicht? Seine Antwort: „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“ (Vers 10) Mit Jesu Sterben meint er nicht nur die Todesstunde Jesu, Paulus hat vielmehr das ganze Leben Jesu im Blick.

Jesus, der mit Gott, seinem himmlischen Vater, eins war (und ist) hat einen Schmerz über diese kaputte Welt empfunden, den wir niemals ermessen können. Er hat die Gottesferne durchmessen. Es muss ihm das Herz zerrissen haben, wenn er das Elend der Menschen sah, das wir im hohen Maße selbst verschulden, dabei könnten wir doch in der Einheit mit Gott leben, die er uns angeboten hat.

Ähnlich zerreißt es Eltern ihr Herz, wenn sie sehen, wie ihr Kind einen katastrophalen Weg einschlägt, sie es aber nicht darin hindern können. Wie soll man dann reagieren? In Liebe dem Kind zugewandt bleiben! Macht Gott, der himmlische Vater, auch. Und das heißt, die Situation annehmen, wenn ich sie nicht ändern kann, sie aushalten und durchkämpfen. So haben sich auch viele der eingangs erwähnten Patientinnen und Patienten durchgekämpft, sind nicht einfach in die mannigfachen Betäubungsmöglichkeiten dieser Welt geflüchtet. Das kennzeichnet auch unseren Glauben: Mit Jesus diese Welt aushalten, die noch nicht das Paradies ist; es gibt keine andere. Das klingt erst einmal wenig attraktiv, hat aber eine große Verheißung. Denn wenn ich diesen tiefen Schwerpunkt in Gott habe, habe ich Bestand: in dieser und in Gottes neuer Welt.