An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen, die im Augenblick nicht in gewohnter Form stattfinden können.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Stefan Berk

5. April 2020

Die Glocken läuten zu Erinnerung

von Superintendent Stefan Berk

Wenn es vor rund 2000 Jahren eine globale Pandemie-Strategie gegeben hätte, wäre es eine gespenstische Szene geworden: Jesus sitzt auf einem Esel und reitet mutterseelenallein auf der staubigen Hauptstraße Richtung Jerusalem. Ach nein, er ist nicht ganz allein, einer darf ja dabei sein. Aber wer von seinen zwölf besten Freunden? Petrus, der Fels? Johannes, zu dem er eine besonders enge Beziehung hatte? Oder hätte er Maria von Magdala ausgesucht?

Ganz gleich, die beiden wären nicht weit gekommen. Das Stadttor ist zu. Nur wer in Jerusalem seinen ersten Wohnsitz hat, darf raus und wieder rein. Vorausgesetzt, man gehört zu den Schlüsselpersonen oder kann nachweisen, dass der Weg aus der Stadt unverzichtbar ist für die Daseinsvorsorge.

Da hat Jesus schlechte Karten. Er ist einer vom Land, gehört nicht zu den Stadtbewohnern. Dringende Geschäfte kann er auch nicht belegen. Und Daseinsvorsorge? Das nimmt ihm niemand ab. Ein Zimmermann auf Wanderschaft kann genauso gut woanders bleiben. Die Angst vor einer Ansteckung ist viel zu groß.

Da hätten die Leute gar nicht unrecht. Denn dieser Mann aus Galiläa wirkt ansteckend! Wer ihm begegnet, kriegt Herzklopfen, weil der Himmel plötzlich offen steht. Da wird eine Ewigkeitssehnsucht wach, die einen nicht mehr los lässt. Da droht das berüchtigte Gerechtigkeitssyndrom, das Menschen ständig unbequeme Fragen stellen lässt. Und plötzlich auftretende Visionen vom Leben, in dem alle zu ihrem Recht kommen, alarmieren die Gesundheitsbehörden: Wo kämen wir hin, wenn alle meinten, das Miteinander könnte ohne Krieg geregelt werden!

Heute ist Palmsonntag. Unsere Kirchen bleiben leer. Es muss wohl sein. Aber richtig fühlt es sich nicht an, weil es das Gegenteil von der Geschichte in den Evangelien ist, wie Jesus unter dem Jubel ungezählter Menschen in Jerusalem ankommt. Deshalb müssten unsere Kirchen gerade heute voll sein, und ausgelassene Freude müsste nach draußen dringen.

Andererseits: Schon damals erlebten die Menschen, wie schnell Stimmungen kippen können. Heute grenzenloser Jubel, weil die Menschen in Jesus den starken Mann sehen, der endlich aufräumt. Nur wenige Tage später ein wütender Mob, der Fäuste reckt - voller Frust und Enttäuschung, dass Jesus ihre Erwartungen nicht erfüllt hat. So endet er in einem qualvollen Tod an einem Verbrechergalgen. Wieder draußen, vor den Stadtmauern. Doch diesmal ohne Jubel, dafür lastendes Schweigen des Todes.

Ich merke, dass mir unsere leeren Kirchen weh tun. Wie gut, dass wenigstens die Glocken weiter läuten und daran erinnern: Glaube, Liebe, Hoffnung bleiben. Denn Ostern kommt. Jesus Christus lebt und steckt uns an: mit dem Glauben, dass Gott da bleibt. Mit der Hoffnung, dass es Zukunft für unsere Kinder gibt. Mit der Liebe zu allem Leben. Mit der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die alle umschließt. Und mit der Vision, dass sich Dinge ändern lassen – in unserem Land und in dieser Welt. Trotz und nach Corona.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag und Hoffnung in der Seele! Wir hören uns - heute Abend um halb Acht.