An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Stefan Berk

15. September 2019

Zusammenrücken schafft Platz

von Superintendent Stefan Berk

Nine-eleven: Die beiden Zahlen haben sich in unser Bewusstsein gegraben. An diesem 11. September vor 18 Jahren starben hunderte von Menschen in den Trümmern der Hochhäuser in den USA. Für die Angehörigen und Familien war jedes Opfer eine Katastrophe, die bis heute weh tut. Aber dass dieser Tag die Weltpolitik bis heute bestimmt, lag nicht an der Zahl der Toten - da gibt es weitaus schlimmere Ereignisse. Es war eher der Schock über den Hass, der hinter diesen Taten steckt. Und die Angst vor immer mehr Terror, die uns seitdem prägt. Dabei hatte das neue Jahrtausend so hoffnungsvoll angefangen!

Ich merke, dass mir die Konsequenzen Angst machen. Die Sprache wird immer rauer. Politiker und Parteien leisten sich wieder Kraftausdrücke, Lügen, ohne dass die Öffentlichkeit aufschreit. Leute, die anderer Meinung sind, werden mit Verachtung und Spott bedacht. Über den Nationalstaat wird wieder laut nachgedacht - und es gibt immer mehr Menschen, die meinen: Wir müssen zuerst an uns denken, damit der Wohlstand bleibt. „America first!“ ist nur das lauteste Beispiel. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber, oder?

Zum Glück gibt es auch anderes. In der letzten Woche haben wir uns mit rund 60 Leuten darüber unterhalten, wie wir mehr Platz für den anderen machen können - und darunter waren rund ein Dutzend Amerikaner aus unserer Partnerkirche in Indiana und Kentucky in den USA. Platz machen bedeutet nicht, dass ich von der Bank falle. Aber zusammen zu rücken, dass andere auch sitzen können. Dass nicht automatisch immer andere die Opfer sind, weil sie anders denken, anders aussehen oder andere Lebensgeschichten erzählen.

Einen Tag später wurde ein Pfarrer aus Tansania in Siegen als ökumenischer Mitarbeiter eingeführt. Seine Familie hat es gewagt, nach Deutschland zu kommen und hier zu leben und zu arbeiten. Jemand sagte: Ihr seid Helden. Ein starkes Wort, aber irgendwie stimmt das: Wir brauchen die Anregungen von außen. Wir brauchen gute Ideen, wie das Leben weitergehen kann. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Nicht so, dass die einen die anderen von der Bank stoßen, weil sie selbst besser sitzen wollen. Die Herausforderungen unserer Zeit - Klimawandel, Ungerechtigkeit im Welthandel, die zunehmende Armut - scheren sich nicht um Grenzen. Da nützt es herzlich wenig, sich auf seine Nationalität, auf seine Tradition oder seine Sprache zu berufen.

Für mich sind diese Begegnungen mit Menschen aus anderen Ländern immer wieder Hoffnungs-Orte. Anderssein heißt eben nicht, dass jemand gegen mich ist. Und wenn wir gemeinsam „Draw the Circle Wide“ singen, den Kreis weit zu ziehen, immer weiter, stärkt das meinen Mut, weiter zu machen. Meine Entschlossenheit, nicht aufzugeben. Und als mir der Bibelspruch für diese Woche über den Weg lief, fing er an zu leuchten: „Gott wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Diesen Glauben brauchen wir. Diese Hoffnungs-Orte. Gegen Hass, Angst, Gleichgültigkeit. Und wenn am 20. September, dem Klima-Aktionstag, irgendwo Glocken läuten, dann halten Sie einen Moment inne und fassen neue Hoffnung. Das hilft weiter.