An-Gedacht zum Wochenende

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „Angedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil aufgenommen, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Anliegen. Sie können und wollen auch nicht die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein zu besuchen.

Wir freuen uns auch über Reaktionen auf das Angedacht. Klicken Sie auf das Foto des jeweiligen Andacht-Schreibers, dann können Sie dem Autor Ihre Gedanken in einer E-Mail mitteilen.

Pfr. Thomas Janetzki

28. Juni 2020

Nächstenliebe ist der Weg

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Timotheus 1, 7

Warum geht mir dieses Bibelwort jetzt durch den Kopf? Weil die Nachrichten zum Thema „Corona“ mich fast schon wieder fürchten lassen, dass alles, was wir hofften überwunden zu haben, zurückkommt: Ausgangs- und Reisebeschränkungen, Kontaktverbote…

Ein Geist der Furcht könnte sagen: „Diese zweite Welle kommt doch sowieso.“ Dann sind ab jetzt wieder allen anderen zuerst ein mögliches Risiko für meine Gesundheit, erst dann meine Mitmenschen. Oder aber: „Die zweite Welle kommt sowieso - darum tue ich jetzt alles, was Spaß macht, bevor es zu spät ist...“

Hier steht aber das Wort „Besonnenheit“: Natürlich fragen wir uns, ob wir nicht alles zu früh wieder angefangen, gelockert haben, haben Angst, dass eine zweite Infektionswelle uns wieder in einen Lockdown zwingt - und das ist verständlich und hat sein Recht. Aber Angst kann auch kippen, zu Panik werden. Dann suchen wir schnell nach Schuldigen und laden alles auf sie ab. Denn wir sind doch nur unschuldige Leidtragende dieses Skandals… Aber ist das wirklich so einfach?

Die Besonnenheit versteht unsere Gefühle, aber sie fragt mit großer Klarheit zurück: Wovor hast Du Angst? Wie willst es vermeiden? Was ist die Alternative? Was kannst Du daraus lernen?

Besonnen ist, uns einzugestehen: Wir wissen einfach nicht, wie gefährlich Corvid-19 (wieder) noch werden wird. Es könnte unser Gesundheitssystem überfordern - es kann aber auch so kommen wie eine heftige Grippe - zumindest hier.

Besonnen ist, das zu tun, was nachweislich zur Eindämmung hilft, was auch alle wissen und die meisten beherzigen. Aber: Das ist nicht einfach nur „soziale Distanzierung“! Es gibt manchmal Nähe, die gefährlich ist, wo man andere anstecken kann, ohne es zu merken, sich auch selbst infizieren kann. Aber: Es gibt auch Distanz, die schaden kann, Menschen, die auf uns und unsere Zuwendung, wie sie auch aussehen mag, angewiesen sind. Besonnenheit heißt eine gesunde Balance finden…

Was kann uns dabei helfen? Ich denke, die beiden Begriffe „Kraft“ und „Liebe“ aus dem Bibelvers können uns helfen. Gott verspricht uns neue Kraft, wenn wir ruhig bleiben, mit ihm sprechen, uns von ihm ansprechen lassen - und uns fragen: Bemitleiden wir uns nur selbst, weil wir eingeschränkt sind in unserer Freiheit, oder tun wir etwas für die, die uns brauchen? Jesus ist immer gerade auf die zugegangen, mit denen keiner etwas zu tun haben wollte: etwa auf die Schwachen, Ausgegrenzten; sogar auf die, die schuldig geworden waren. Das ist unser Weg: Nächstenliebe - ohne jede Bedingung. Und die entwickelt ein feines Gespür für die, die Beistand und Unterstützung benötigen, ist erfinderisch darin, wie sie das tut. Lassen wir uns doch von Nächstenliebe leiten...