Jahreslosung 2018

Gott spricht:
„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Offenbarung 21, 6

Der rote Kunststoff-Luther kam 2017 im Jahr des Reformations-Jubiläums weit im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein herum. Er war auch im Abenteuerdorf Wittgenstein in Wemlighausen, wo an die Jahreslosung 2018 „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ an prominenter Stelle erinnert wird.

In unseren Breiten lässt einen Weihnachten zumeist sehr, sehr, sehr satt zurück. Im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne. Und auch für Durst ist eigentlich gerade bei uns nicht die richtige Jahreszeit. Jedenfalls im wörtlichen Sinn. Das könnte im übertragenen Sinne ein bisschen anders sein. Passend dazu lautet die Jahreslosung fürs kommende Jahr: „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Ganz am Ende des Neuen Testaments in der Offenbarung stehen diese Worte. Wie verstehen Menschen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein diese wundervolle Verheißung?

Der Schmallenberger Dr. Johannes Gilbert ist Presbyter in der Gleidorfer Kirchengemeinde und außerdem Arzt sowie auch noch Schiffskapitän. Und das hört man, wenn er sich dem Satz zunächst mal sehr grundsätzlich von der Wasser-Seite nähert: „Wasser ist chemisch H2O und doch viel mehr. Es ist lebensnotwendig, stiftet Nutzen und Schaden zugleich. Für die Menschen an Land unverzichtbarer Nahrungsbestandteil, für Fische und andere Bewohner von Meer, Flüssen und Seen das Lebenselement überhaupt, für Schiffe jeder Art und Größe notwendige und stets wechselnde, nicht immer ungefährliche Straße, für Industrie und Handwerk Energiequelle zum Beispiel als Wasserkraftwerk, Kälte- und Wärmetransportmittel in Kühltürmen, Autokühlern, Haus- und Wohnungsheizungen und nicht in jedem Falle berechenbar: Hochfluten, Überschwemmungen, Monsterwellen. In keiner vorkommenden Form mit den Händen haltbar: Flüssig rinnt weg, Eis schmilzt, Dampf ist flüchtig. Wasser ist, außer bei den Stadtwerken, kostenlos, aber nicht überall in ausreichenden Mengen und in sauberem Zustand erhältlich. Dies schließt, im weitesten Sinne auch den Bogen zur Jahreslosung. Zum Leben und Überleben ist Wasser unverzichtbar und immer ein Grund zu danken, wenn es in gezähmter und ausreichender Menge vorhanden ist.“

Pfarrerssohn Matthias Spornhauer ist nicht nur in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit großgeworden, war etwa vor wenigen Wochen bei der Zukunftswerkstatt für die Jugendarbeit im Kirchenkreis, der Erndtebrücker gehört heute als Geschäftsführer auch zum Vorstand der Ortsgruppe Bad Berleburg in der Deutschen-Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Er geht in seinen Gedanken grundsätzlicher auf den Durst ein: „Seinen Durst zu stillen ist mit eines der wichtigsten Bedürfnisse, nicht nur des Menschen, sondern auch der Tiere und Pflanzen. Ohne Wasser geht es einfach nicht. Jeder kennt dieses Gefühl, einmal richtig Durst zu haben. Wasserflasche auf, ansetzten, leer, ahhhhhhh. Zuhause überhaupt kein Problem, aber unterwegs doch schwieriger. Als wir das letzte Mal in den Urlaub geflogen sind, mussten wir, wie jedes Mal, alle Flüssigkeiten bei der Kontrolle abgeben. Da sich unser Flug verspätete, wurde ich durstig. Dieses Gefühl nahm stetig zu, da es sowieso langweilig in der Wartehalle war. Als ich eine Flasche Wasser für knapp 3 Euro plus Pfand kaufen musste, ist mir so richtig klar geworden, wie wichtig Wasser für uns ist. Dass Gott uns sein wertvolles lebendiges Wasser umsonst gibt, finde ich eine tolle Zusage, da wir gar nichts weiter dafür tun müssen, als es einfach dankend anzunehmen.“

Wobei Christine Liedtke, Pfarrerin der Kirchengemeinden Bad Berleburg und Girkhausen, genau diese Vokabel genauer hinhören lässt: „‚Umsonst‘, dieses kraftvolle Wort am Schluss der Jahreslosung, lässt mich aufhorchen: Wenn es etwas umsonst gibt, schaue ich gern noch einmal hin. Allerdings hat mich meine Lebenserfahrung gelehrt, dass oft ein Haken dabei ist, wenn mir etwas ‚umsonst‘ angeboten wird. Von Freunden und Angehörigen kann ich unbedenklich etwas umsonst annehmen, von Wildfremden eher nicht. In der Jahreslosung ist es Gott, der spricht, der mich besser kennt, als ich mich selbst. Gott, der weiß, dass ich so müde bin, mir etwas verdienen zu müssen, würdig zu sein oder ausgewählt zu werden. Umsonst - einfach so geschenkt, weil Gott weiß, wie nötig ich das lebendige Wasser brauche, und weil Gott es mir geben will aus lauter Liebe. Dem Durstigen will er es geben: Bin ich durstig? Das Wasser kommt bei uns aus der Leitung, ist stets verfügbar. Vielen Menschen weltweit geht es anders. Obwohl der Zugang zu sauberem Wasser ein Menschenrecht ist, sterben jährlich über drei Millionen Menschen an nicht ausreichender Wasserversorgung. Das ist alle zwanzig Sekunden ein Kind. Entsetzlich. Und auch ein Aufruf an uns, auf gerechte Wasserverteilung zu drängen. Lebendiges, sprudelndes Wasser aus der Quelle, umsonst, verschenkt, nicht versiegend - was für ein Hoffnungsbild: Rettung für den Durstigen, Labsal für das Ausgedörrte, belebend für alles, was verkümmert ist. Es stillt meinen Durst, wenn es mir Sinn ist, wo ich nach dem Sinn frage, wenn es Hilfe bedeutet, wo ich keine mehr erhoffe, neues Leben, wo ich nur Tod und Verzweiflung sehe. Es stillt meinen Durst, wenn es Antworten auf existentielle Fragen bedeutet, eine Richtung, wo ich nur Labyrinth-Wege sehe, ein Ziel, das ich nicht kenne und zu dem ich doch unterwegs sein möchte. Ja, ich spüre meinen Durst und sehne mich nach dem lebendigen Wasser. Wie gut, dass Gott es mir umsonst geben will - und wird.“ Da hört man, dass bei Christine Liedtke, die sich sehr stark in die Arbeit mit dem tansanischen Partnerkirchenkreis Ngerengere einbringt, aus dieser Richtung nochmal eine andere Dimension des Wortes „Durst“ mitschwingt.

In diese Richtung gehen ebenfalls die Überlegungen von Christian Gerhardt, Hesselbacher Heizungsbauer und Sanitärtechniker sowie Presbyter der Fischelbacher Kirchengemeinde, in Bezug auf die Jahreslosung: „Mein erster Gedanke dazu ist ein ganz pragmatischer: Auch in dieser Welt sollte jedem Menschen freier Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht werden. Dieses kostbare Gut - das kein Industrieunternehmen produziert - darf niemandem gehören! Es ist LEBENS-mittel! Wir müssen jetzt aufpassen, dass die zukünftigen Auseinandersetzungen und Kriege nicht um Wasser geführt werden. Rein beruflich ist es mir ein großes Anliegen, mit dafür zu sorgen, dass dieses kostbare Gut sauber zu unseren Kunden kommt!“

Auch Silke Grübener denkt als Geschäftsführerin des Abenteuerdorfs Wittgenstein in Wemlighausen an die Kundschaft, hier steht die Jahreslosung sogar an einer der Wände bei den neugebauten Zimmern in dem von Grund auf renovierten Freizeitzentrum: „Wann bekommt man schon einmal etwas umsonst, das man dringend zum Leben braucht? Wir werden im Abenteuerdorf in Wemlighausen versuchen, die Jahreslosung auch ganz praktisch umzusetzen. Das Abenteuerdorf bietet ja insbesondere für Kinder- und Jugendgruppen, aber auch für Familien Unterkunft. Hier werden wird zum Start ins neue Jahr einen großen Trinkwasserspender installieren, so dass sich alle kleinen und großen Gäste den ganzen Tag lang mit erfrischendem Wasser versorgen können, ohne dafür etwas bezahlen zu müssen. Für mich persönlich bedeutet die Jahreslosung neben dem Element des Wassers noch viel mehr, das Gott mir schenkt, ohne dass ich mir dies erst verdienen müsste oder könnte - Familie und Freunde, Begegnungen mit Menschen, die mir guttun - und das ich zum Leben genauso brauche, um lebendig zu sein, wie das Wasser jeden Tag.“

Wenn die Wittgensteiner Schulreferentin Silke van Doorn die Jahreslosung hört, erinnert sich die Pfarrerin an eine ganz konkrete Lebenssituation in Israel: „Im Jahre 2000 habe ich an der Ben-Gurion-Universität im Negev studiert. Mitten in der Wüste steht die Stadt, die im Sommer heiß ist. Wüste faszinierte mich. Doch wirklich kennt man sie nur, wenn sie durchwandert wird. Mit acht Litern Wasser, die unbedingt getrunken werden mussten, machte ich mich auf den Weg durch den großen Krater bei Mizpe Ramon. Eine Tagwanderung. Allein. Es sollten acht Stunden Fußmarsch sein. Acht Stunden und acht Liter. Als die acht Stunden um waren, waren meine Wasservorräte verbraucht. Doch das Ziel war nicht in Sicht. Ich hatte mich verirrt. Zwei Stunden später verzweifelte ich. Unter einer dürren Pflanze kauerte ich mich zusammen. Durst bringt um den Verstand. Ich döste. Wusste, dass ich das nicht machen sollte. Was weckte mich? Ein arabischer Junge. Er nahm meine Hand. Und brachte mich zum Zelt. Wasser gab‘s, aus einem Tank. Etwas rostig. Obwohl lauwarm, köstlich erfrischend. Ich spürte den Weg des Wassers durch meine Kehle. Aufatmen. Aufleben. Nie so ein Gefühl verspürt. Ich dankte und wollte etwas geben. Wasser ist kostbar. Nein. Der Vater des Jungen schüttelte den Kopf. Und brachte mich mit seinem Wagen zur Haltestelle an der Wüstenstraße.“

Ein noch nicht genanntes Einsatzgebiet hat das Wasser für Petra Seiffert. Die Jugendfeuerwehrwartin der Freiwilligen Feuerwehr Erndtebrück war am dritten Advent mit Pfarrerin Kerstin Grünert unterwegs, um das Friedenslicht aus Bethlehem nach Wittgenstein zu holen: „Wasser ist für uns Feuerwehrleute sehr wichtig. Wir benötigen es im Kampf gegen die Flammen, um Menschenleben zu retten und Sachwerte zu schützen. Nach den Einsätzen beseitigen wir damit den Schmutz von Kleidung, Geräten und Fahrzeugen. Bei Engpässen in der Trinkwasserversorgung bringen wir das lebensnotwendige Element zu den betroffenen Menschen. In den Sommermonaten üben wir gern mit dem Wasser und haben dann vor allen Dingen bei der Kinder- und Jugendfeuerwehr unseren Spaß damit. Ohne Wasser wären wir als Feuerwehrleute nicht in der Lage, unserem Auftrag nachzukommen, und die Gemeinschaft wäre um vieles ärmer.“

Deshalb gilt es, von kleinauf ein Bewusstsein für das kostbare Gut zu schaffen, wie Birgit Namockel als Leiterin der Evangelischen Kindertageseinrichtung „Farbklecks“ ausführt: „Die Kita hat im Rahmen eines Projektes eine Bachpatenschaft übernommen. Jedes Jahr machen sich Kinder mit ihren Erzieherinnen auf und sammeln Müll und Unrat aus einem Bachlauf in Laasphe. Außerdem wird immer die Qualität des Wassers untersucht. Mal ist sie besser, dann wieder schlechter. Wir versuchen den Kindern, die Achtung vor der Schöpfung nahezubringen, nicht nur der Körper des Menschen braucht Wasser, sondern auch alle anderen Lebewesen auf der Erde brauchen sauberes Wasser, um zu leben. Die Wertschätzung für das kostbare Gut ist lebenswichtig. Wir sind alle verantwortlich für diese Welt. Jeder Einzelne von uns. Auch in unserem Leben gibt es manchmal Durststrecken, wie etwa eine Krankheit. Wenn die Quelle vielleicht versiegt, aus der wir Kraft schöpfen. Wir sollten uns immer wieder auf das Wesentliche besinnen und nicht immer weiter nach Anerkennung und Erfolg trachten. Hierbei begleitet uns Gott.“

Das Wasser als Grundbedingung menschlichen Lebens bezweifelt niemand, seine Gefährdung aus unterschiedlichsten Ecken ist eine bittere Realität, und manchmal hat man den Eindruck, die Dinge werden nicht besser, sondern verschlechtern sich. Das sieht auch Superintendent Stefan Berk: „Durst ist in unserer Zeit zu einem Milliardengeschäft geworden. Quellen, Flüsse, sogar Seen werden von internationalen Konzernen gekauft, um mit dem kostbaren Nass Geld zu verdienen. Da könnte man die Jahreslosung für 2018 wie einen Hohn lesen: Ja, das wäre was, wenn den Durstigen umsonst lebendiges Wasser gegeben würde! Wasser, das das Leben schützt, das zum Leben führt. Aber das bleibt doch ein Traum, das wird mehr und mehr zur Illusion, zur Täuschung. Andererseits klingt dieser Satz aus dem Mund Gottes wie die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Die Vorstellung, dass eines Tages genug lebendiges Wasser für alle da ist, dass es eines Tages Leben in Fülle geben wird, das man nicht erst kaufen muss - diese Vorstellung lässt einen nicht resignieren. Im Gegenteil: Wer diese Jahreslosung aus der Offenbarung an sich herankommen lässt, der kann nicht anders, als zu protestieren, wenn Wasser vermarktet wird. Der kann nicht anders, als dafür zu streiten, dass es zur Menschenwürde gehört, freien Zugang zu gutem Wasser zu haben. Der findet sich nicht mit dem Tod ab, der leise zu den vielen Menschen kommt, weil sie nichts zu trinken haben - oder es sich nicht leisten können. Gott will. Wollen wir auch? Hoffnung, Sehnsucht, Mahnung - die Jahreslosung für das kommende Jahr weckt viele Gefühle in mir. Und ich ahne: Mit diesem Satz bin ich nicht schon Ende Januar durch. Der braucht länger. Ich brauche länger, vielleicht ein ganzes Jahr lang.“