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11.06.2018
Von: Jens Gesper

„Möge Gott die schwierige Arbeit im Martinswerk weiterhin segnen!“

Rolf Hufnagel brachte Zuhörern Pfarrer Friedel Birker näher


Nachdem Rolf Hufnagel seinen sehr informativen Vortrag im Berleburger Haus der Kirche gehalten hatte, ermunterte Dieter Kuhli den Wittgensteiner Alt-Superintendenten Reinhardt Henrich (von links), sich noch einmal an den Dorlarer Pfarrer Friedel Birker zu erinnern.

Zum Dank für einen sehr guten, kurzweiligen Vortrag über das Dorlarer Martinswerk und seinen Begründer Pfarrer Friedel Birker überreichte Dieter Kuhli an Rolf Hufnagel ein Buch, in dem der Theologe Okko Herlyn fragt: Was ist eigentlich evangelisch?

„Menschen in Worten und Taten, mit den Möglichkeiten, die uns dazu gegeben sind, beizustehen, ihnen die Botschaft von Gottes barmherziger Zuwendung als Lebenshilfe und als Glaubenshilfe gleichermaßen zu bezeugen und sie für sie erfahrbar zu machen, ist im Hören der biblischen Botschaft und in der Nachfolge Jesu Christi unsere Aufgabe als Christenmenschen. Unser aller Aufgabe - an dem Ort, an dem wir jeweils stehen. Friedel Birker hat diesen Ort für sich in Dorlar gesehen und gefunden.“ So beendete Pfarrer Dieter Kuhli am Montag ausgehend von Psalm 36 seine Andacht im Berleburger Haus der Kirche zu Beginn des zweiten Abends im Rahmen der Vortragsreihe zum 200-jährigen Bestehen des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein. Denn kirchenkreis-technisch gehört der Schmallenberger Ortsteil Dorlar zu Wittgenstein. Dort ist heute eine Straße nach dem Pfarrer Friedel Birker benannt, der außerdem auch einen eigenen Eintrag im Internet-Lexikon „Wikipedia“ hat.

In Bad Berleburg war jetzt Rolf Hufnagel. Der langjährige, inzwischen ehemalige Presbyter der Evangelischen Kirchengemeinde Dorlar hatte Friedel Birker noch selbst kennengelernt. Rolf Hufnagel aus Oberhausen hatte es nach seiner Ausbildung als Volksschullehrer ins Sauerland verschlagen. Nach einem Zwischenspiel in Meschede trat er seine Stelle an der Evangelischen Schule Dorlar an. 90 Prozent der Schüler hier seien damals vom Martinshof gekommen, erinnerte sich der spätere Realschullehrer. Der Martinshof, zum einen benannt nach Martin Luther, zum anderen nach Martin von Tours, dem Mann, der mitfühlend seinen Mantel teilte und damit ein katholischer Heiliger wurde, dem aber auch Evangelische nicht nur bei Laternenzügen ein ehrendes Andenken bewahren.

In seinem einstündigen Vortrag zeichnete Rolf Hufnagel sehr genau den Weg von Friedel Birker nach: 1907 im thüringischen Langensalza geboren, 1919 erster Umzug nach Dorlar, 1925 mit den Eltern nach Siegen, wo er sein Abitur ablegt, 1929 bis 1934 Studium der Theologie, 1938 Ordination in Krombach, weiter führte Rolf Hufnagel aus: „Mit einer Anstellung hatte er wohl zunächst einige Probleme, weil er ein Anhänger der Bekennenden Kirche war, deshalb musste er sein Zweites Examen noch einmal in Detmold bei der Reformierten Kirche ablegen. Im Jahre 1931 schenkten die Eltern ihm das alte Molkereigebäude in Dorlar. Weil seine Eltern hier einige Jahre die Molkerei geführt hatten, hatte Friedel Birker in Dorlar einige Jahre seiner Jugend verlebt, und es hatte ihm wohl gefallen, so dass er sich freute, hier schon bald, nämlich 1932, ein evangelisches Jugendheim eröffnen zu können. Für den Theologiestudenten ging damit ein Herzenswunsch in Erfüllung.“ Friedel Birkers mutiges Gottvertrauen, das zwischen diesen Zeilen deutlich wird, zieht sich danach wie ein roter Faden durch sein Leben. Nicht nur ganz am Anfang, sondern auch in den schnell folgenden schweren Jahren, als die neuen Machthaber im Erholungsheim das Sagen hatten und den Besitzer Birker vergeblich auf Linie bringen wollten: „Es war ihm allerdings verboten, christliche Andachten zu halten und christliche Symbole anzubringen. Doch Friedel Birker, ein erklärter Gegner des Nationalsozialismus, hielt mit großer Vorsicht immer wieder Andachten, und er soll sogar Hitler-Bilder im Haus durch christliche Motive ersetzt haben.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es nicht mehr ein System, das in seiner Menschenverachtung gotteslästerlich war, da waren es die üblichen Probleme eines gesellschaftlichen Zusammenlebens in einem darniederliegenden Land. Die Situation verbesserte sich zwar, aber stets blieb Friedel Birker hellwach, nahm sensibel die Schwierigkeiten der Menschen wahr und wollte stets Lösungen finden. Nur kurze Stichworte für Projekte in Verbindung mit dem Martinshof, der über die Jahre stetig wuchs: Zuhause für eltern- oder heimatlose Kinder, Altersheim, Häuser am Lago Maggiore, um Heimkindern, Mitarbeitern und Unterstützern Erholung und Entspannung zu bieten mit einer Beschulungsmöglichkeit für die Kinder, ein kleines Haus direkt am Bodensee als Stopp auf dem Weg in die Schweiz, Übernachtungsmöglichkeiten auf Korsika, die Evangelische Schule Dorlar, eine angesehene Pflegevorschule für Mädchen zur Vorbereitung auf einen Beruf im sozialen Bereich, eine private Sonderschule für Lernbehinderte. Darüberhinaus hatte Friedel Birker die Gründung der Evangelischen Kirchengemeinde Dorlar in den Nachkriegsjahren vorangetrieben und auf seinem Grundstück mit Menschen aus Dorlar und vom Martinshof die St.-Petri-Kirche errichtet, ein Gotteshaus im Privatbesitz des Pfarrers. Ende der 1960er Jahre nahm die Idee eines Kinderdorfes Formen an: „Die Pläne wurden bald konkret und konnten 1969 abgeschlossen werden. Im Mai wurden sie den Verantwortlichen von Pfarrer Birker vorgestellt. Es war die letzte Sitzung, die Pfarrer Birker leiten konnte, denn er war seit Jahren schwer krank. Dennoch war er stets an einer Verbesserung seiner Einrichtung interessiert und mit Ideen aktiv beteiligt. Am 3. Juli 1969 starb er. Damit endete ein Leben, das immer um das Wohl der Menschen bemüht war, und in dem Jesus Christus im Mittelpunkt stand.“ So weit die Ausführungen von Rolf Hufnagel.

Ausführungen über einen Mann, der seiner Zeit weit voraus war. Wenn heute „Networking“ und „Fundraising“ - englische Schlagworte für professionelles Netzwerken und Spendeneinsammeln - die Ansätze für ein effizient-optimiertes Erreichen von Zielen sind, dann hat Friedel Birker diese Vokabeln schon Jahrzehnte zuvor als Christ im Dienste des Nächsten im engen Kontakt mit Politik und Wirtschaft mit Inhalt gefüllt. Mit allem Guten, aber auch mit unorthodoxen Methoden, die sein Umfeld in der Zusammenarbeit auch schon mal überforderten. Verschiedene Menschen aus dem Hochsauerland und Wittgenstein, die den Pfarrer persönlich gekannt hatten, waren jetzt bei dem Vortrag. Sie steuerten mit ihren Erinnerungen weitere Mosaiksteinchen zum schillernden Bild von Friedel Birker bei. Unter ihnen der inzwischen 90-jährige Alt-Superintendent Reinhardt Henrich, der sich in Bezug auf Friedel Birker schmunzelnd erinnerte, „dass er mich nicht erkennen ließ, dass ich sein Vorgesetzter war“. Reinhardt Henrich sprach über die Kartoffelsammlungen, die es regelmäßig im Kirchenkreis kurz vorm Erntedankfest für den Martinshof gab. Oder auch davon, dass er damals als Seelsorger es gern genutzt habe, Frauen aus schwierigen Situationen in Wittgenstein heraus- und im Martinshof unterzubringen. Friedel Birker sei ein „überaus menschlicher, menschenfreundlicher Pfarrer“ gewesen.

Und knapp 50 Jahre nach seinem Tod besteht das Werk von Friedel Birker fort. Es passt sich wie schon in Birkers Zeiten weiter hellsichtig den jeweiligen Gegebenheiten und Erfordernissen an und hilft Menschen, wie es auch Rolf Hufnagel abschließend sagte: „Das Martinswerk ist 1932 als evangelisches Jugendheim gegründet worden und kooperiert noch heute mit dem Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe als Dachverband. Hinter allen Tätigkeiten steht der christliche Leitgedanke der Nächstenliebe. So gibt es bei der Aufnahme von Kindern und bei der Anstellung von Bediensteten keine konfessionellen Schranken. Möge Gott die schwierige Arbeit im Martinswerk weiterhin segnen!“

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