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25.05.2018
Von: Jens Gesper

„Es liegt also auch an Menschen...“

Ein jugendlicher und ein historischer Blick auf den Kirchenkreis zum Jubiläum


Der Wittgensteiner Kirchenkreis ist zehnmal so alt wie die Feudingerin Linda Laubisch. Eindrucksvoll schilderte sie bei der Eröffnung zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im Abenteuerdorf, was der Kirchenkreis für sie bedeutet.

Der Posaunenchor der Laaspher Kirchengemeinde umrahmte unter der Leitung von Alexander Bald die Eröffnung des Festwochenendes zum 200-jährigen Bestehen des Wittgensteiner Kirchenkreises im Abenteuerdorf musikalisch.

Insgesamt rund 100 Zuhörer kamen zu Beginn des Festwochenendes „200 Jahre Wittgensteiner Kirchenkreis“ ins Abenteuerdorf, um den Vortrag von Dr. Johannes Burkardt (erste Reihe, Zweiter von links) zu hören.

Die evangelisch vielfältigen Aktionen mit unterschiedlichsten Akteuren, Organisatoren und Kooperationspartnern an den verschiedensten Orten und einem großen ehrenamtlichen Engagement überall im Wittgensteiner Kirchenkreis zum Reformations-Jubiläum im vergangenen Jahr brachten die Verantwortlichen auf den Geschmack. Und so ließ es sich der Kreissynodalvorstand als Leitungsgremium des Kirchenkreises gern gefallen, dass hier vor Ort Gemeindepädagogischer und Theologischer Ausschuss in diesem Jahr weiterfeiern wollten. Nach 500 Jahren Reformation in Deutschland sollte es diesmal um 200 Jahre Kirchenkreis Wittgenstein gehen. Zu Jahresanfang ging es in einer kombinierten Kunst- und Informations-Ausstellung, garniert mit Musik und Vorträgen um die Rolle der Frauen in der Reformnation, zunächst in der Evangelischen Kirche Erndtebrück, dann in der Kulturkirche Reiste. Am Wochenende schlossen sich vier Veranstaltungen an, bei denen für jeden etwas dabei sein musste. Die Bandbreite war so groß, dass kein Artikel dem Festwochenende gerecht werden könnte. Hier nur einige Schlaglichter.

Los ging es am Freitagabend im Abenteuerdorf des Kirchenkreises in Wemlighausen. Zwischen der Entscheidung, ob 200 Jahre ein langer oder ein kurzer Zeitraum sind, kam Superintendent Stefan Berk in seiner Begrüßung zu einem salomonischen Urteil: „Ich finde es wunderbar, dass unser Kirchenkreis schon seit 200 Jahren besteht. Und es ist wunderbar, dass er erst 200 Jahre alt ist. Damit kann ich gut leben. Und fröhlich in diesem Kirchenkreis arbeiten. Und glauben, dass Gott auch hier mitten in den Bergen noch einiges mit seinen Menschen vorhat.“ Wobei es dafür die Menschen braucht, die sich von Kirchengemeinden und Kirchenkreis einladen lassen:

Musikalische Menschen, wie im Posaunenchor der Laaspher Kirchengemeinde, der die Feierstunde unter der Leitung von Alexander Bald musikalisch umrahmte.

Auch junge Menschen. Eine von ihnen die 20-jährige Feudingerin Linda Laubisch, Mitglied im Gemeindepädagogischen Ausschuss des Kirchenkreises. Sie machte deutlich, dass der christliche Glaube das Fundament all ihres ehrenamtlichen Engagements ist, aber dass auf dem Weg dorthin Menschen wichtig waren. Lindas Erinnerung an die Feudinger Jungschar: „Ich wollte immer so abgedreht, lustig, unfassbar kreativ und offen über Gottes Wort sprechen können wie Stella Crusius, Jana Brand und Franzi Benfer.“ Aber ihr fallen natürlich auch der frühere Wittgensteiner Jugendreferent und ihr ehemaliger Gemeindepfarrer ein: „Es liegt also auch an Menschen, oft Hauptamtlichen, wie Thomas Lindner und Oliver Günther, dass viele von uns hier ihren Platz gefunden haben.“ Was das genau heißt? Nochmal Linda Laubisch: „Ich kann nur aus meiner Sicht sprechen, aber ich denke, viele Jugendliche finden im Kirchenkreis eine Heimat, eine zweite Familie und vor allem auch Freunde fürs Leben und Gefährten in allen Glaubensfragen.“

Zu hören war das im Abenteuerdorf inmitten einer Ausstellung zum 200-jährigen Kirchenkreis-Bestehen und vorm Vortrag „Zukunft braucht Erinnerung - Geschichte und Prägung des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein“. Verantwortlich für Beides der Berleburger Dr. Johannes Burkardt. „Leiter der Abteilung Ostwestfalen-Lippe des Landesarchivs NRW in Detmold, ehrenamtlich betreut er darüber hinaus seit vielen Jahren das Archiv unseres Kirchenkreises“, wie der Laaspher Pfarrer Dieter Kuhli als Vorsitzender des Theologischen Ausschusses den akribischen und versierten Verwalter der Kirchenkreis-Geschichte vorstellte: „Deshalb war es schon bei den ersten Überlegungen zur Gestaltung unseres Kirchenkreis-Geburtstags klar, ein Vortrag von Johannes Burkardt gehört unbedingt dazu. Und nach Möglichkeit auch eine kleine Ausstellung, die bestückt ist mit Schätzen aus seinem exzellent geführten Archiv. Dass das - trotz der vielfältigen anderweitigen Verpflichtungen in Detmold - so möglich geworden ist, freut mich ungemein.“ Und auch wenn Johannes Burkardt dann einen Parforceritt durch die heimische Kirchenkreis-Geschichte ablieferte, so hatte man doch als einer der 100 Zuhörer eher den Eindruck, in der offenen Kutsche durch die heimische Landschaft und Geschichte unterwegs zu sein. Um den ersten Superintendenten mit dem schönen Namen Apollo Kneip kennenzulernen, seinen Nachfolger Philipp Schmidt aus Laasphe, den die Synode bei der von ihm geforderten Anerkennung der lutherischen Confessio Augustana gegen die Wand laufen ließ, oder auch den Berleburger Friedrich Wilhelm Winckel, der den Heidelberger Katechismus zur besseren Verständlichkeit überarbeitete. Dank tiefer Einblicke in Protokolle und Briefe formulierte Johannes Burkardt klare Einschätzungen: „Aus nationalen Gründen wurden denn auch die Kriege der Reichsgründungszeit und der Erste Weltkrieg von der Pfarrerschaft begrüßt. Der Erste Weltkrieg gab zunächst sogar Anlass zur Freude, weil die Zahl der Gottesdienst-Besucher steil nach oben ging. Ein Strohfeuer, denn in den letzten Kriegsjahren dominierte die Trauerarbeit, nach dem Krieg wurde das Gedenken an die Gefallenen zum wichtigen Thema im Leben der Gemeinden.“ Oder für die schwärzeste Zeit der jüngeren deutschen Geschichte: „Die Reihe der Synodaltagungen wurde nur von 1933 bis 1944 angesichts des Kirchenkampfes unterbrochen. Die Mehrheit der Wittgensteiner Pfarrer hielt sich in diesen Jahren zur Bekennenden Kirche und besuchte deren Treffen und Synoden. Theologischer Heimathafen war für viele der Reformierte Bund, wie denn die reformierte Tradition der Synode, offenbar um sich gegenüber den Gleichschaltungstendenzen der regimetreuen Kirchenteile zu positionieren, betont hoch gehalten wurde.“

Am Ende der Kutschfahrt zog Johannes Burkardt das folgende Fazit: „Deutlich sollte geworden sein, dass der Kirchenkreis Wittgenstein auf zwei ereignisreiche Jahrhunderte zurückblicken kann. Buchstäblich mit null beginnend, haben zahlreiche Theologen und Laien mit ihm eine Plattform für ein reges geistliches und kirchliches Leben geschaffen. Mit Recht dürfen wir heute von einer evangelischen, mündigen Beteiligungskirche in Wittgenstein reden.“ Er plädierte dafür, sich Strukturveränderungen vorsichtig zu nähern: „Der Kirchenkreis ist nach wie vor Identifikationsfaktor auf mehreren Ebenen: im Dorf, in den Städten, aber auch im kirchlichen Gesamtgefüge der EKvW. Der seit den 70er Jahren zielgerichtet eingeschlagene Weg der Kooperationen ist offensichtlich erfolgreich. Er sollte weiter gegangen werden, darf aber nicht missverstanden werden als schleichende Fusion.“ Und doch erinnerte der Referent auch daran, was der damalige Wittgensteiner Superintendent Reinhardt Henrich im Zuge der kommunalen Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen Mitte der 1970er sagte: „Die Grenzen der Kirchengemeinden und Kirchenkreise sind keine biblischen und deshalb keine heiligen Grenzen.“ Der 90-Jährige Alt-Superintendent war übrigens auch beim Vortrag einer der Besucher aus Wittgenstein, Hochsauerland und Hessen. Und sein Nach-Nach-Nachfolger Stefan Berk hatte an diesem Abend schon etwas ganz Ähnliches gesagt: „200 Jahre sind keinerlei Garantie dafür, dass wir in 50 Jahren das nächste runde Jubiläum feiern. Es sind nicht die Strukturen, die unseren Glauben und unser Engagement tragen. Das Wesentliche sind nicht die jetzigen Gemeindegrenzen, wenn es darum geht, Jesus Christus nachzufolgen.“

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