Ganz viele Tiere im Schlafanzug >
< „Wachsen wie ein Baum“
07.10.2018
Von: Jens Gesper

Einmal die komplette Bibel gelesen

In vier Tagen lasen über 300 Menschen das Buch der Bücher einmal komplett vor


Schon vorm offiziellen Beginn des Bibel-Marathons eröffneten die Girkhäuser mit ihrer Pfarrerin Christine Liedtke unten im Kirchturm einen kleinen Andachtsraum, der mit vereinten Kräften aufgeräumt worden war und auch beim Dorf-Jubiläum noch eine Rolle spielen wird.

Nachdem die Erndtebrücker Ideengeberin Kerstin Grünert das Konzept erklärt hatte, eröffnete Superintendent Stefan Berk in Girkhausen offiziell den Bibel-Marathon, der anschließend bis nach Feudingen und Fischelbach, bis nach Wingeshausen und Winterberg führte.

In Bad Laasphe beteiligten sich Neuntklässler des Städtischen Gymnasiums mit ihrer Religionslehrerin Ulrike Halbach am Bibel-Marathon.

Die Konfirmanden der Banfer Kirchengemeinde lasen gemeinsam mit ihrem Pfarrer Peter Mayer-Ullmann im Chorraum der Kirche aus der Bibel.

In der Dotzlarer Kapelle lasen Erwachsenen und örtliche Grundschüler gemeinsam aus der Bibel.

Bevor sich die Großen beim Bibel-Marathon Berghausen mit Hiob beschäftigen mussten, hatten die örtlichen Grundschüler für ihre Zuhörer in der Kirche zunächst ein Esther-Theaterstück vorbereitet.

2018-bibelmarathon-plus-35, 37: Parallel zur Acht-Stunden-Schicht der Lukas-Kirchengemeinde beim Bibel-Marathon fand in Elsoff der nächtliche Konfirmanden-Tag von Pfarrer Joachim Cierpka zum Thema „Bibelkunde“ statt. Die Jugendlichen gingen zu Beginn auf den örtlichen Jüdischen Friedhof und pausten die hebräischen Buchstaben ab, mit denen sie sich im Gemeindehaus beschäftigten.

In Arfeld bekamen die Leser des Wittgensteiner Bibel-Marathons jeweils ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte als Belohnung.

Während der Vier-Stunden-Schicht der Flüchtlingsarbeit im Kirchenkreis beim Bibel-Marathon wurde in der Berleburger Stadtkirche gegessen - und außerdem auf Deutsch, Arabisch, Englisch, Persisch, Bengali und Altgriechisch aus der Bibel gelesen.

Erndtebrücks Pfarrerin Kerstin Grünert und Dieter Kuhli als Vorsitzender des Theologischen Ausschusses im Kirchenkreis hatten den Bibel-Marathon organisiert, beim Abendgottesdienst zum Abschluss waren auch einige der Erndtebrücker und der Laaspher Leser (Foto).

Menschen, die in der Bibel lesen, gibt es auch heute noch viele. Normalerweise sieht man sie dabei nicht. Auf der Internet-Seite des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein kann man gerade jedoch ganz viele Menschen anschauen, die aus Anlass des Bibel-Marathons innerhalb von vier Tagen öffentlich alle Texte aus dem Alten und dem Neuen Testament am Stück vorgelesen haben. Kritiker mögen anmerken, dass es beim Marathon keinen Staffel-Stab gibt, weil es ja das Ziel sei, dass Einer ganz allein die gesamte Strecke absolviert. Aber diesem Leistungsprinzips-Gedanken war der Ansatz beim Bibel-Marathon im Wittgensteiner Kirchenkreis diametral entgegengesetzt. Es war die beabsichtigte Stärke die Veranstaltung, dass viele - nur durch kleine Pause unterbrochen - nacheinander lasen und so gemeinsam im Miteinander der biblischen Botschaft Gehör verschafften.

Am Ende waren es in Wittgenstein und Hochsauerland mehr als 300 Menschen, die vom Tag der Deutschen Einheit bis zum Erntedankfest in insgesamt 14 evangelischen Kirchen und zwölf Kirchengemeinden des Kirchenkreises gelesen hatten. Sie lasen aus der neuen Bibel auf dem Abendmahlstisch, sie lasen aus ihrer eigenen alten deutlich gebrauchten Bibel, sie lasen von Zetteln, sie lasen aus dem Handy. Sie lasen die überarbeitete Luther-Übersetzung von 2017, sie lasen aus der Guten Nachricht, sie lasen aus „Und Gott chillte - die Bibel in Kurznachrichten“. Sie lasen in unterschiedlichen Lautstärken, sie lasen in unterschiedlichen Stimmlagen. Sie lasen in mehr als sehr gut geheizten Kirchen, sie lasen in eher unterkühlten Kirchen. Sie lasen im Hellen, sie lasen im Dunkeln. Sie lasen im Stehen, sie lasen im Sitzen. Sie lassen in bequemen Sesseln, sie lasen auf Sprungkästen, sie lasen auf Festzeltgarnituren. Sie lasen die meiste Zeit auf Deutsch, sie lasen aber auch mal auf Englisch, auf Arabisch, auf Persisch, auf Bengali - und die Weihnachtsgeschichte gab es auf Altgriechisch. Es lasen ganz Junge, es lasen ziemlich Alte, es lasen alle dazwischen. Es lasen Protestanten, es lasen Katholiken. Es lasen viele Christen, es lasen aber auch Konfessionslose. Es lasen regelmäßige Gottesdienst-Besucher, es lasen seltene Kirchgänger. Sie lasen Vertrautes, sie lasen aber auch sehr, sehr Fremdes.

Und so konnte es passieren, dass jemand eine - nach heutigem Verständnis - gleichberechtigungs-feindliche Passage mit einem deutlich sichtbaren Stirnrunzeln oder sogar einem ironischen „Na prima!“ kommentierte. Oder dass eine Leserin sich nach ihrem Lesen wunderte, was so alles in der Bibel stehe, eigentlich würde ihr so etwas ja die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Sie alle lasen aus der Bibel, aber was die Menschen hörten, das lag an jedem Einzelnen selbst. Letztendlicher Maßstab muss dabei immer das Doppelgebot der Liebe sein. Die Antwort, die Jesus einem Pharisäer auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot gab: „‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt‘ Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Selbst wenn man auch auf diese Art vielleicht die komplette Bibel ganz einfach auf den Punkt bringen und ihre Wichtigkeit auch und gerade für die Gegenwart nochmal unterstreichen kann, so war der Bibel-Marathon trotzdem ein bewegendes und eindrückliches Erlebnis, das nur an einer Stelle noch Luft nach oben hatte: Wenn die Bibel schon laut vorgelesen wird, dann könnten etwas mehr Leute zum Zuhören kommen.

Hier gibt es mehr Fotos,
hier gibt es die Auftakts-Einleitung.