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30.12.2018
Von: Jens Gesper

Abschieds-Gottesdienst nach 33 Jahren

Esloher Jürgen Rademacher verlässt zum Jahresende seine erste und einzige Pfarrstelle


1986 feierte der junge Pfarrer Jürgen Rademacher seine Ordination in der Evangelischen Kirchengemeinde Dorlar. Zum Jahresende 2018 verabschiedet er sich in den Ruhestand.

Bei der Herbstsynode des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein, zu dem die Evangelische Kirchengemeinde Dorlar seit ihrer Gründung 1947 gehört, verabschiedete sich Pfarrer Jürgen Rademacher Anfang Dezember 2018 schon einmal von der dortigen Versammlung.

Ich könnte nach Wittgenstein gehen - das überlegte sich der angehende Pfarrer Jürgen Rademacher im Vikariat. Den Namen hörte er erstmals von seinem damaligen Mentor Bruno Lange. Der stammte aus dem Wittgensteiner Birkelbach und arbeitete als Pfarrer in Ennepetal. Jürgen Rademacher ist gebürtiger Sauerländer, dort im städtischen Letmathe aufgewachsen. Die Erzählungen von Landschaft und ländlichem Leben in Wittgenstein hörten sich für ihn gut an. Auch auf andere Weise schlug er aus der Art: Er wurde 1954 in eine traditionsreiche Fleischerfamilie hineingeboren. Dieser Beruf war definitiv nichts für ihn. Mit 16 oder 17 habe er beschlossen, Pfarrer zu werden. Obwohl er mit seiner Heimat-Kirchengemeinde nicht viel zu tun hatte. Die üblichen Lebensfragen eines Jugendlichen hätten ihn zu theologischen Fragestellungen geführt. Den sinnvollen Dienst eines Sozialarbeiters auf dem festen Fundament des Glaubens zu tun, das sei seine Vorstellung gewesen. Sein Theologie-Studium führte ihn nach Bochum, das Vikariat nach Ennepetal.

Die Situation stellte sich damals aber schwierig dar. Während Pfarrer-Mangel heute die evangelische Kirche stöhnen lässt, gab es in jenen Tagen zu viele Kandidaten für zu wenige freie Pfarrstellen. Auf gut Glück wandte sich Jürgen Rademacher im Vikariat an Wittgensteins Superintendent Reinhardt Henrich, den Leitenden Theologen des Kirchenkreises. Es sei ein gutes Gespräch gewesen, aber es habe weder eine freie Stelle noch eine Aussicht darauf gegeben. Jürgen Rademacher suchte eine Ersatz-Lösung. Der Plan: zur Entlastung eines älteren Kollegen nach Lüdenscheid gehen. Als das in trockenen Tüchern war, kam ein Anruf aus Bad Berleburg. Im Kirchenkreis sei jetzt doch eine Stelle frei. In Eslohe. Das hört sich nicht nach Wittgenstein an, gehört dennoch zum Wittgensteiner Kirchenkreis. Nach Rücksprache mit dem älteren Kollegen in Lüdenscheid, ermutigte dieser Jürgen Rademacher, sich um die Stelle in der Evangelischen Kirchengemeinde Dorlar zu bewerben.

Zum Erntedankfest 1985 kam Jürgen Rademacher mit Ehefrau Inka nach Eslohe, arbeitete nun in der Kirchengemeinde im Probedienst, erlebte hier seine Ordination - das ist bei den Evangelischen die offizielle Beauftragung zum öffentlichen Dienst an Wort und Sakrament - im April 1986 und trat im Mai 1987 seine erste - und einzige - Pfarrstelle an. Im Sauerland. Und irgendwie auch in Wittgenstein. Obwohl die Situation in Eslohe ganz anders war. Während in Wittgenstein die Evangelischen immer die Mehrheit sind, sind sie in der Dorlarer Gemeinde, egal ob auf Schmallenberger oder Esloher Kommunalgebiet, immer die Minderheit. Mit sieben Prozent leben Evangelische hier definitiv in der Diaspora. Über die Jahrzehnte habe es mit den katholischen Kollegen eine gute Zusammenarbeit gegeben, freut sich Jürgen Rademacher. Wobei er schon eine Veränderung sieht. Gern erinnert er sich an den Ökumenischen Gottesdienst zum Reformations-Jubiläum in Schmallenberg oder daran, dass er dieses Jahr beim Esloher Gemeindeschützenfest in Reiste genau wie bei der Einweihung des neuen Dorfplatzes in Cobbenrode bei ausdrücklich Ökumenischen Veranstaltungen dabei war.

Die Wiege der Kirchengemeinde war der Martinshof in Dorlar, aus dem inzwischen die große Jugendhilfeeinrichtung „Martinswerk“ geworden ist. Auch das eine wichtige Konstante für Jürgen Rademacher. Er selbst habe lange dem Martinswerk-Vorstand angehört, habe die Geschäftsführung stets als kooperativ erlebt. Auch in Bezug auf die Nutzung der Dorlarer St.-Petri-Kirche, die nicht der Kirchengemeinde, sondern der Jugendhilfeeinrichtung gehört. Der gemeinsame Konfirmanden-Unterricht von den Sauerländer Kindern direkt aus der Gemeinde und den Mädchen und Jungen aus dem Martinswerk - und damit verbunden die Begegnung beider Gruppen - sei ihm immer ein großes Anliegen gewesen. Da habe das Martinswerk trotz logistischer Schwierigkeiten viel möglich gemacht.

Ganz generell war Jürgen Rademacher die Jugendarbeit wichtig. An allen bisherigen sechs Young-Ambassador-Austauschprogrammen des Kirchenkreises mit der United Church of Christ in Indiana und Kentucky waren junge Leute aus der Dorlarer Kirchengemeinde beteiligt. Während dieses das Besondere war, waren die Dorlarer Jugendlichen aber auch im Alltag eine ganz aktive Brücken zum manchmal etwas weit weg liegenden Wittgenstein. Jugendliche, die mit dem Fahrrad 35 Kilometer ins Kirchenkreis-Freizeitzentrum nach Wemlighausen fuhren, die quer durch den Kirchenkreis-Freundschaften schlossen, die bei den Jugendarbeit-Seminaren Gutes lernten und - unter ganz viel Anderem - immer wieder neue Lieder mitbrachten: „Diese Freundschaften waren prägend für unsere Kirchengemeinde, die Jugendlichen haben uns als Gemeinde immer gut getan.“

Mit dem Presbyterium musste Pfarrer Jürgen Rademacher auch schwere, traurige Entscheidungen treffen. Zwei der drei Kirchen der Gemeinde wurden in der jüngsten Vergangenheit verkauft. Das gemeindliche Leitungsgremium nahm dabei in einem sehr offenen Prozess die Gemeinde mit: die Dinge transparent machen und mit den Menschen, die es betrifft, sprechen, so fasste Jürgen Rademacher den Anspruch zusammen. Vorbildlich setzte er diesen gemeinsam mit dem Presbyterium um, so dass die Evangelische Kirchengemeinde Dorlar-Eslohe - so heißt sie seit dem 1. Dezember 2018 - mit knapp 1100 Gemeindegliedern auf über 180 Quadratkilometern ordentlich aufgestellt ist, wenn der 64-Jährige die Gemeinde am Jahresende in den Ruhestand verlässt.

Am Sonntag, 30. Dezember, beginnt um 14 Uhr in der Evangelischen St.-Johannis-Kirche Eslohe, Martin-Luther-Straße 7, der Abschiedsgottesdienst für Jürgen Rademacher. Die Zahl der Grußworte ist auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin auf vier begrenzt worden. Außerdem möchte er genauso ausdrücklich keine persönlichen Geschenke zum Abschied haben, stattdessen würde er sich über eine Spende für die Flüchtlingshilfe Eslohe freuen. Weitere technische Hinweise: Die Parkplätze bei der St.-Johannis-Kirche werden definitiv nicht ausreichen, deshalb werden Gäste mit Autos gebeten, diese entweder beim Esloher Rathaus oder auf dem örtlichen Rewe-Parkplatz abzustellen. Die Nachfeier findet im Katholischen Pfarrheim Eslohe, Dornseifferweg 19, statt. Shuttle-Busse dorthin stehen für die Gottesdienst-Besucher nach dem Gottesdienst bereit. Außerdem wird der Gottesdienst per Video in den Gemeinderaum der Kirchengemeinde Dorlar-Eslohe übertragen.

Jürgen Rademacher ist es wichtig, dass alle Interessierten, zu diesem Abschiedsgottesdienst eingeladen sind. Für ihn wird es absehbar für genau ein Jahr der letzte Termin in der Kirchengemeinde sein. Er möchte in einem Sabbatjahr Dinge, Gedanken und Gefühle ordnen. In seinem neuen Wohnort in Winterberg-Niedersfeld. Also wieder im Sauerland. Und wieder in Wittgenstein, denn Niedersfeld ist der letzte Ort im Kirchenkreis Wittgenstein.

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