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31.12.2018
Von: Jens Gesper

Und schon wieder ein Jubiläum

Kirchenkreis Wittgenstein feierte 2018 facettenreich 200-jähriges Bestehen


Christiane Mörchen (links stehend) und Ursel Groß eröffneten mit einer Andacht die Ausstellung „Die Geschichte der weiblichen Reformation“ in der Reister Kulturkirche, die früher eine Kirche der Dorlarer Kirchengemeinde war.

Wider Erwarten kann es auch so aussehen, wenn ein Kirchenkreis Jubiläum feiert: Lars Lucas Lukoschek mit dem Saxophon und Valerio Lombardo an den Trommeln kamen aus Berlin, Bastian Manche aus dem 200-jährigen Wittgensteiner Kirchenkreis.

Die Vortragsreihe zum 200-jährigen Bestehen des Evangelischen Kirchenkreises führte die Besucher auch in die Katholische Kirche St. Petrus und Anna in Bad Laasphe, wo Dr. Gabriel Isenberg den Zuhörern gern die größte Wittgensteiner Orgel erläuterte.

In allen am Bibel-Marathon beteiligten Kirchengemeinden lasen auch die örtlichen Bürgermeister laut eine halbe Stunde lang aus dem Buch der Bücher vor, wie hier in Winterberg Werner Eickler.

Die Lukas-Konfirmanden besuchten zum Auftakt der Acht-Stunden-Nachtschicht ihrer Kirchengemeinde im Bibel-Marathon den jüdischen Friedhof in Elsoff.

Genau wie die Banfer Konfirmanden am Donnerstagabend saßen ihre Fischelbacher Altersgenossen (Foto) am Samstagmittag beim Bibel-Marathon im Kreis im Chorraum ihrer Kirche, um miteinander laut aus der Bibel vorzulesen.

In 2018 ist der Evangelische Kirchenkreis Wittgenstein 200 Jahre alt geworden. Damit war im vielfachen Jubiläumsjahr also Dotzlar dreimal und Feudingen viermal so alt wie der der Kirchenkreis. Recht abstrakte Zahlen und Relationen, die außerdem nichts für die Ewigkeit sind. Sonst müsste Dotzlar ja anlog zum 201-jährigen Kirchenkreis in 2019 603 und Feudingen 804 Jahr alt werden. Verlässlich ist da nur etwas, das gleich alt ist. Gibt es sowas, vielleicht sogar im kirchlichen Umfeld? Ja, die „Stille Nacht“. Wie der Kirchenkreis wurde in 2018 das bekannte Weihnachtslied 200 Jahre alt, 1818 hatte der bereits zwei Jahre zuvor geschriebene Text seine Melodie gefunden. Während die Saison für „Stille Nacht“ naturgemäß zeitlich sehr eingeschränkt ist, feierte der Wittgensteiner Kirchenkreis sein Jubiläum hingegen das ganze Jahr hindurch.

Ermutigt durch die zahl- und facettenreichen Veranstaltungen zum Reformations-Jubiläum im Jahr zuvor gab es in 2018 vier sehr unterschiedliche Schwerpunkte zum Kirchenkreis-Jubiläum. Die allererste Veranstaltung schlug nochmal die Brücke zum vorhergehenden Jubiläum. In der Evangelischen Kirche Erndtebrück und in der Reister Kulturkirche wurde im Februar und in der ersten März-Hälfte die Ausstellung „Von der Pfarrfrau zur Bischöfin - die Geschichte der weiblichen Reformation“ gezeigt. Auf zweifache Art und Weise näherte sich die Sammlung der Thematik: zum einen auf 20 übermannshohen Schautafeln voller interessanter Informationen, zum anderen in zahlreichen Werken von Künstlerinnen eigens und konkret zum Thema „Die Geschichte der weiblichen Reformation“ geschaffen. Ergänzt wurde die Ausstellung in Erndtebrück durch Vorträge und ein Konzert sowie Passionsandachten und den Weltgebetstags-Gottesdienst.

War bei den ersten Ausstellungen noch der Theologische Ausschuss federführend, war im Mai die viele Arbeit auf mehr Schultern verteilt. Diesmal war auch der Gemeindepädagogische Ausschuss dabei. Das Festwochenende startete mit einem Abend im Abenteuerdorf Wittgenstein, bei dem zunächst die 20-jährige Feudingerin Linda Laubisch in einer Rede deutlich machte, was ihr Kirche bedeutet: „Ich kann nur aus meiner Sicht sprechen, aber ich denke, viele Jugendliche finden im Kirchenkreis eine Heimat, eine zweite Familie und vor allem auch Freunde fürs Leben und Gefährten in allen Glaubensfragen.“ Dann analysierte der Berleburger Dr. Johannes Burkardt die Geschichte: „Deutlich sollte geworden sein, dass der Kirchenkreis Wittgenstein auf zwei ereignisreiche Jahrhunderte zurückblicken kann. Buchstäblich mit null beginnend, haben zahlreiche Theologen und Laien mit ihm eine Plattform für ein reges geistliches und kirchliches Leben geschaffen. Mit Recht dürfen wir heute von einer evangelischen, mündigen Beteiligungskirche in Wittgenstein reden.“

Ganz unterschiedlich am Samstag auch die zwei Festwochenende-Programmpunkte im Berleburger Johannes-Althusius-Gymnasium. Zunächst das Duo Camillo mit seinem neuen Programm „Altarnative Wahrheiten“, das den immer gefährlicheren Fake News eine christliche Alternative gegenüberstellte: die Faith News. Statt um falsche Neuigkeiten möge sich der Christenmensch um Neuigkeiten des Glaubens bemühen. Getragen von der Überzeugung, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist und der allerwichtigste Satz für Christen lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Danach die Musiker von „Sax Meets Percussion“, Lars Lucas Lukoschek mit dem Saxophon und Valerio Lombardo an den Trommeln. Sie ließen den Weidenhäuser Bastian Manche als Disc-Jockey auf der Bühne coole Musik auflegen, während sie auf Tuchfühlung mit dem Publikum gingen und dabei live und mitreißend zur brillant zusammengemischten Musik spielten. Nach ihrem 90-Minuten-Auftritt waren nicht nur die Musiker wie aus dem Wasser gezogen, auch größere Teil des Publikums trieften vor Schweiß.

Zum Abschluss ging es am Sonntag wieder ins Abenteuerdorf. Obwohl sich Gewitterwolken drohend zusammenzogen, konnte der Gottesdienst in der offenen Halle unterhalb der übrigen Gebäude ohne Regen, aber dafür mit knapp 300 Gästen gefeiert werden. Für die Musik sorgten die Erndtebrückerin Kathrin Hackler am E-Piano und der Projektchor fürs Jubiläum, ein von Erndtebrück bis Lukas aufgestockter Kleiner Chor zum Lobe Gottes der Berleburger Kirchengemeinde unter Leitung von Christine Liedtke. Den Gottesdienst, der in ein gemeinsames Fest überging, hielten Superintendent Stefan Berk und Pfarrer Peter Liedtke. Zum Nachmittag gehörte eine Video-Grußbotschaften aus Ngerengere mit einem Ständchen für den Wittgensteiner Partnerkirchenkreis, einem Puzzle mit allen Wittgensteiner Kirchen und Kapellen, einem Puzzle mit von allen Kirchengemeinden und Arbeitsbereichen selbstgestalteten Teilen sowie einem Buffet, für das alle 15 Kirchenkreis-Gemeinden in vielen großen Schüsseln ihren ganz eigenen speziellen Kartoffelsalat ablieferten.

Weiter ging es im Juni und Juli mit einer Vortragsreihe. Dr. Jens Murken, Historiker im Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen, ergänzte mit dem Blick von außen den Vortrag von Johannes Burkardt durch allgemeinere Informationen über die Gründung und die Geschichte der Kirchenkreise in Westfalen. Danach stellte Rolf Hufnagel als ehemaliger Lehrer und früherer Presbyter der Dorlarer Kirchengemeinde den Zuhörern „Pfarrer Friedel Birker und das Martinswerk in Dorlar“ vor, eine traditionsreiche Hochsauerländer Jugendhilfe-Einrichtung, die seit dem Zweiten Weltkrieg für viele Menschen im Wittgensteiner Kirchenkreis über Jahrzehnte eine bekannte Institution war. Eine weitere Woche später war es Dr. Ulf Lückel, der als evangelischer Theologe und Kirchenhistoriker zum Vortrag „Das pietistische Wittgenstein - eine Spurensuche zwischen radikalem Pietismus und radikaler Erweckung“ einlud. Für den Abschluss wechselte die Reihe aus dem Berleburger Haus der Kirche in die Katholische Kirche in Bad Laasphe. Der aus dem Siegerländer Allenbach stammende Dr. Gabriel Isenberg beleuchtet dort die Entwicklung der heimischen Orgellandschaft über die Jahrhunderte hinweg und spielte zwischendurch auf der größten Wittgensteiner Orgel, die nicht etwa in einer evangelischen, sondern in St. Petrus und Anna an der Laaspher Gartenstraße steht.

Den Schlusspunkt fürs Jubiläum setzte ein Bibel-Marathon Anfang Oktober. Am Ende waren es in Wittgenstein und Hochsauerland weit mehr als 300 Menschen, die vom Tag der Deutschen Einheit bis zum Erntedankfest in 14 evangelischen Kirchen und zwölf Kirchengemeinden des Kirchenkreises laut aus der Bibel gelesen hatten. Von „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ bis „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ war alles aus der Bibel zu hören, nichts wurde ausgelassen. Tag und Nacht wurde in einem fort irgendwo im Kirchenkreis gelesen. Mal fast ohne Zuhörer, mal mit ganz vielen. Es lasen ganz Junge, es lasen ziemlich Alte, und alle dazwischen. Es lasen Protestanten, es lasen Katholiken. Es lasen Christen, es lasen aber auch Konfessionslose. Es lasen regelmäßige Gottesdienst-Gäste, es lasen seltene Kirchgänger. Es lasen Menschen, die schon immer im Kirchenkreis wohnten, es lasen Menschen, die von weiter weg zu uns gekommen sind. Sie alle trugen gemeinsam dazu bei, dass der Bibel-Marathon ein bewegendes und eindrückliches Erlebnis wurde.

Viel ehrenamtliche und hauptamtliche Arbeit steckte im Jubiläum, zum Dank dafür bekamen die Gemeinden vom Kirchenkreis am Jahresende für jede Kirche und Kapelle eine 30 mal 30 Zentimeter große Acrylglas-Plakette, die künftig vor der Kirchentür das Gebäude kurz vorstellt und mit einem QR-Code auf einen langen Text im Internet verweist. 2019 werden die Plaketten angebracht. Dann sind alle eingeladen, mit Handys die 37 Plaketten in Wittgenstein und Hochsauerland zu erkunden.

Hier gibt es die Übersicht über alle Veranstaltungen.