Wittgensteiner Konfi-Cup bleibt Erfolg >
< Und wenn die Zivilcourage nicht mehr reicht?
31.01.2019
Von: Jens Gesper

Erkenntnis: Man ist kein Einzelkämpfer

Zwei Dutzend Besucher beim Zivilcourage-Workshop im Berleburger Haus der Kirche


Diese Spielszene mit Jürgen Albrecht und Karin Kettling war der Ausgangspunkt für alles Weitere. Wobei im Nachdenken darüber klar wurde, dass auch die Workshop-Teilnehmer die Kippen auf dem Boden als Problem sahen, das gelöst werden muss. Nur dabei helfen keine Parolen und auch nicht die Eskalation.

Eine der Anwesenden freute nach dem Berleburger Workshop der beiden Antirassismus-Trainer und Schauspieler Jürgen Albrecht und Karin Kettling über die Werkzeuge, die sie aus dieser langen Liste von Gesprächsstrategien mit nach Hause nehmen konnte.

Christine Beitzel (rechts) engagiert sich in der Berleburger Flüchtlingsarbeit, nach einem sehr lebendigen und gut konzipierten Workshop suchte sie nochmal das Gespräch mit der Antirassismus-Trainerin und Schauspielerin Karin Kettling.

Ermutigung stand jetzt als Überschrift über dem großen Sitzungssaal im Berleburger Haus der Kirche, zwei Dutzend Menschen waren hier am Donnerstagabend. Die Siegener Integrationsagentur der Diakonie in Südwestfalen hatte in Kooperation mit der Erwachsenenbildung im Evangelischen Kirchenkreis Siegen und dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu einem Workshop eingeladen, in dem es um Zivilcourage ging. Vertreter vom Atatürk-Verein Siegerland und vom Berleburger Jugendförderverein hatten sich genauso einladen lassen wie Ehrenamtliche aus der Flüchtlingsarbeit, Integrationsbeauftragte aus dem Rathaus, interessierte Privatpersonen und auch eine Pfarrerin. Nachdem Anna Butzek von der Diakonie Südwestfalen die Teilnehmenden begrüßt hatte, fragten Jürgen Albrecht und Karin Kettling ihre Gäste nach deren Motivation, den Workshop zu besuchen. Die Beiden hörten in dieser ersten Runde von unterschiedlichen Erfahrungen: von lauten und leisen Verunglimpfungen, von selbst erlittenen und miterlebten. Und sie hörten die allgemeine Einschätzung, dass sich die Grenzen verschoben haben für das, was heute wieder gesagt wird.

Danach zahlte es sich aus, dass die beiden Antirassismus-Trainer auch noch ausgebildete Schauspieler waren. In einer kurzen Spielszene erlebten die Workshop-Besucher eine Auseinandersetzung zwischen einem Mann mit einem Besen und ziemlich viel schlechter Laune und einer Frau mit einer Schale voller Äpfel und ziemlich viel Verständnis. In ihrer gemeinsamen Nachbarschaft regte sich der Mann darüber auf, dass er nicht nur das bunte Herbstlaub, sondern auch noch die viele Zigarettenkippen der ausländischen Nachbarn auffegen musste, die partout keinen Aschenbecher benutzen wollten. Nachdem der Mann sich zunächst noch bereitwillig einen Apfel von der Frau hatte schenken lassen, gab er ihr den dann mittendrin wieder zurück. Eingebettet war all das in eine massive Eskalation. Genau die gleiche Szene gab es dann in einer zweiten Runde noch einmal. Diesmal allerdings erläuterten die beiden Akteure die Sätze, die sie sagten, die gesprächs-technischen Tricks, die sie dabei benutzten, und die Wirkungen, die sie damit erzielten.

Genau mit dem Wissen gingen die Teilnehmer in eine weitere Runde, in der sie sich in mehr oder weniger willkürlich zusammengestellten Zweier-Paarungen Parolen in der Bandbreite von „Die wollen sich nicht integrieren“ über „Die haben alle die neusten Handys“ bis hin zu „Presse verbreitet nur Lügen“ beschäftigten. Mal musste man die Parole verteidigen, mal musste man sie widerlegen. Die Standpunkt-Seite wechselte, das Gegenüber ebenfalls, die Parole auch. Allein die Lautstärke im Raum machte deutlich, mit wieviel Energie alle dabei waren und wie schwer es fiel, ruhig und gelassen zu bleiben. Aus ihren gerade gesammelten Selbsterfahrungen filterten die Teilnehmer dann Gesprächsstrategien heraus, die bei ihnen selbst gut funktioniert hatten: Heraus kam eine lange Liste der Ermutigung. Natürlich hatten die Siegerländer, Wittgensteiner und Sauerländer in diesem Augenblick nicht das Ei des Kolumbus neu entdeckt, aber das Erleben, der gemeinsame Weg zur Erkenntnis wird ihnen im Kopf bleiben. Außerdem erhielten alle Teilnehmer zum Abschluss noch einen Spickzettel für mehr Zivilcourage: Von der Ermutigung zum Ruhig-Bleiben und zum Grenzen-Setzen bis zur Mahnung, nicht selbst auf das Parolen-Niveau der anderen Seite hinabzusteigen, reichten die Gegenstrategie-Tipps. Die Literatur-Hinweise auf dem Faltblatt umfassten Bücher von Klaus-Peter Hufer zu Argumenten am Stammtisch und Argumenten gegen Parolen und Populismus, die allesamt im Wochenschau Verlag erschienen sind. Fröhlicher ein Buchtipp, den es in Bad Berleburg obendrauf gab: „Post von Karlheinz“ des Spiegel-/Spiegel-Online-Autors Hasnain Kazim.

Tatsächlich war das Lockere, das Leichte während des gesamten Workshops zu einem eigentlich sehr schweren Thema eine große Ermutigung. Ein Teilnehmer freute sich im Schluss-Fazit, über die wohltuende Erkenntnis, dass man ja doch kein Einzelkämpfer sei, ein anderer lobte die schlüssige Konzeption und den genauen Blick bei den Verantwortlichen auf die Uhr, also letztendlich die sehr ordentliche Abwicklung des Abends. Der das sagte, war übrigens nicht in Deutschland geboren worden. Und auch wenn das eigentlich völlig egal ist, ermutigte es genau wie der ganze Abend doch zu einem zweiten Blick auf den Menschen hinter dem Klischee. Wohlmöglich sogar auf die, die mit ihren Stammtischparolen unser Zusammenleben so mutwillig und unnötig schwieriger machen.