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20.10.2019
Von: Jens Gesper

Gern schon nächsten Termin ausgemacht

Chorleiter Charles Kazaku aus Simbabwe war eine knappe Woche lang in Deutschland


15 Sängerinnen und Sänger aus Wittgenstein, Hochsauerland und Siegerland probten in einem Spontan-Chor unter der Leitung von Charlies Kazaku aus Simbabwe samstagsnachmittags für den Sonntags-Gottesdienst in der Evangelischen Kirche Erndtebrück.

Glücklich und zufrieden schaute Charles Kazaku am Sonntag, als er den letzten Ton von Jan Zwarts Toccata zu Psalm 146 auf der Orgel in der Evangelischen Kirche Erndtebrück gespielt hatte.

Durch die Zweige des Wittgensteiner Waldes in St. Petri hört Stefan Berk beim Dortmunder Kirchentag auf einmal die Johann Sebastian Bach zugeschriebene Toccata und Fuge in d-Moll. Laut Internet-Lexikon Wikipedia „wohl das mit Abstand bekannteste Orgelwerk europäischer Kunstmusik“, das dem musikalischen Wittgensteiner Superintendenten aus ganz persönlichen Gründen wichtig ist. Ohne dass er den Organisten sehen kann, fasziniert ihn schnell das meisterliche Spiel, das in dem über 300 Jahre alten Gassenhauer tatsächlich Neues findet. Noch beeindruckter ist Stefan Berk dann, als er bei näherer Betrachtung sieht, dass eben jener passionierte Vollblutmusiker an der Orgel offensichtlich ganz ohne Noten in der Petri-Kirche Bach zum Leben erweckt hat. Vor ihm sitzt Charles Kazaku, der gerade zum Kirchentag als Gast in Deutschland ist.

Der Lebensweg des 37-Jährigen hat diesen bislang vor allem zu unterschiedlichen Stationen im Süden Afrikas gebracht. 1982 geboren in dem Land, das heute Demokratische Republik Kongo heißt, studierte er dort Agrarwissenschaften. Nach dem Abschluss suchte er eine Stelle, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Schnell zahlte sich seine große Leidenschaft für Musik mehr aus als sein Studium, dabei war entscheidend, dass ihm die Musik eine Herzensangelegenheit war. Nach mehr oder weniger langen Jobs in Südafrika und Sambia brachte ihn die Fügung nach Simbabwe, wo er seit knapp drei Jahren hauptamtlich im Arundel Mädchen-Internat als Director of Music arbeitet. Und nebenbei in der Hauptstadt Harare Orgel spielt: in der anglikanischen Kathedrale der Heiligen Maria und Allerheiligen und in der Martin-Luther-Kirche, wo englisch- sowie deutsch-sprachige protestantische Gemeinde Gottesdienste feiern. Und hier schließen sich die Kreise unerwartet: Die Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Simbabwe ist Ute Hedrich, die aus dem Erndtebrücker Ortsteil Balde kommt und im Wittgensteiner Kirchenkreis aufgewachsen ist. Gemeinsam mit einer Gemeinde-Gruppe aus Harare waren sie und Charles Kazaku in Dortmund.

Bei ersten Gesprächen stellte sich heraus, dass es ein langgehegter Traum von Charlies Kazaku ist, seine Fähigkeiten durch ein kirchenmusikalisches Studium auszubauen. Die Idee, dem 37-Jährigen einen Weg nach Westfalen zu ebnen, entstand schnell. Hinzu kam, dass die offizielle kreiskirchliche Kirchenmusik in Wittgenstein und Hochsauerland seit Jahren brachliegt. Nach dem Ruhestand von Hartmut Weidt unternahm der Kirchenkreis unterschiedliche Anläufe, aber eine halbe Stelle den landeskirchlichen Ansprüchen entsprechend in diesem Bereich zu besetzen, ist einfach schwierig. Nicht nur, aber gerade in Wittgenstein. Inzwischen folgten wegen Charles Kazaku zahlreiche weitere Gespräche mit der Westfälischen Landeskirche und der Vereinigten Evangelischen Mission. All das ist kompliziert - genau deshalb war es gut, dass Charles Kazaku jetzt für sechs Tage in Deutschland war, um Möglichkeiten und Chancen in persönlichen Begegnungen auszuloten. Mit Stefan Berk war er in der Hochschule für Kirchenmusik in Herford und bei der Evangelischen Popakademie in Witten, wo er die jeweiligen Angebote kennenlernte - und die Leute vor Ort ihn und sein Können.

Auch im Kirchenkreis lernten ihn Menschen kennen. 15 Sängerinnen und Sänger aus Wittgenstein, Hochsauerland und Siegerland ließen sich zu einem spontanen Proben-Nachmittag in die evangelische Erndtebrücker Kirche einladen. Knapp drei Stunden lang bereitete Charles Kazaku samstagnachmittags mit ihnen die Lieder für den Sonntagmorgen-Gottesdienst vor: alte deutsche Stücke mit neuen Texten von Peter Spangenberg, einen moderneren Klassiker aus dem Spanien des 20. Jahrhunderts und Judy Baileys Titelsong für den Stuttgarter Kirchentag 2015. Geleitet und am Klavier begleitet wurde der Spontan-Chor von Charles Kazaku, der zum Abschluss des Gottesdienstes an die Orgel in der Erndtebrücker Kirche wechselte. Hier spielte und improvisierte er Jan Zwarts Toccata zu Psalm 146. Wirkmächtig ließ er die Musik seine Zuhörer ergreifen.

Im Nachgang zum Gottesdienst hatten alle Interessierten die Möglichkeit, darüber sowie über die Probe und die Perspektiven zu sprechen. Viel Lob erhielt Charles Kazaku für seine freundlich-bestimmte Art, sein kompromisslos-genaues Ohr, die Fähigkeit, alle Stimmlagen vorzusingen. Während die Sängerinnen und Sänger gern schon den nächsten Probentermin ausgemacht hätten, skizzierte Superintendent Stefan Berk, der den Gottesdienst gehalten und im Spontan-Chor mitgesungen hatte, dass der Weg weiter kompliziert sei. Ein Gedanke ist derzeit, dass Charles Kazaku Pi mal Daumen mit einer halben Stelle als Ökumenischer Mitarbeiter für den musikalischen Bereich im Wittgensteiner Kirchenkreis tätig wird und für die andere Hälfte ein Stipendium für ein kirchenmusikalisches Hochschulstudium bekommt. Potentielle Quellen dafür werden nun geprüft. Wohlmöglich könnten all die Dinge bis in den Sommer 2020 geklärt sein. Das gibt Charles Kazaku auch noch ein bisschen Zeit fürs Deutsch-Lernen, bisher spricht er nämlich nur Englisch, Französisch, Suaheli und die verbindende Sprache der Musik.

Hier gibt es Stefan Berks Predigt vom Sonntag,
hier gibt es den kompletten Gottesdienst-Ablauf,
hier
gibt es mehr Fotos aus Erndtebrück.