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30.10.2019
Von: Jens Gesper

„Es bleibt die Ermutigung“

Robert Zoske stellte im Christus-Haus und in der Alten Synagoge Hans-Scholl-Biographie vor


Vor gut 100 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen elf und zwölf vom JAG stellte der pensionierte Pfarrer Robert Zoske im benachbarten Berleburger Christus-Haus entlang seines Buches „Flamme sein!“ den Menschen Hans Scholl vor.

Pfarrerin Silke van Doorn, Schulreferentin der Kirchenkreise Siegen und Wittgenstein, freute sich, dass bei der Veranstaltung im Berleburger Christus-Haus (Foto) genau wie in der Alten Synagoge in Bad Laasphe ein neues Bild von Hans Scholl gezeigt wurde.

Robert Zoske gab auf die Frage „Hans Scholl - was bleibt?“ in Bad Berleburg und in Bad Laasphe gleich drei ermutigende Antworten.

„Vierundzwanzig Jahre und fünf Monate vor seiner Hinrichtung erblickte Hans Scholl in dem kleinen schwäbischen Städtchen Ingersheim das Licht der Welt.“ So beginnt das erste Kapitel des Buches „Flamme sein!“ des protestantischen Theologen Robert Zoske, das der 67-Jährige jetzt auf Einladung von Pfarrerin Silke van Doorn, Schulreferentin der beiden Evangelischen Kirchenkreise Siegen und Wittgenstein, in Bad Berleburg und Bad Laasphe vorstellte. Darin geht es um Hans Scholl und die Weiße Rose.

Kennt man den Namen Hans Scholls, dann haben auch heute noch Viele ruckzuck ein bestimmtes Bild von ihm vor Augen: eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von einem jungen Mann mit einem dunklen Pullover über dem hellen Hemd, man sieht Hans Scholl mit seinem im Stirnbereich kaum gebändigten Schopf im Profil, er schaut nachdenklich nach rechts aus dem Foto heraus. Auch wenn zwei Filme, einer aus den 80er Jahren, ein zweiter von 2005, versucht haben, die Geschwister Scholl deutlich greifbarer zu machen, blieb Hans immer ein wenig blass. Das ist anders in Robert Zoskes Biographie, die zum 100. Geburtstag des Widerstandskämpfers 2018 erschien. Hier wird aus dem bekannten zweidimensionalen Foto von Hans Scholl eine Person, eine Persönlichkeit, ein dreidimensionaler Mensch. Akribisch hat der Pfarrer im Münchener Archiv des Instituts für Zeitgeschichte recherchiert und zeichnet ein schlüssiges Bild von dem jungen Mann, der nicht einmal 25 Jahre alt werden durfte.

Genau dieses Bild präsentierte Robert Zoske jetzt in Wittgenstein, zunächst in Kooperation mit einer Schule, danach zusammen mit dem Christlich-Jüdischen Freundeskreis Bad Laasphe, zwei ganz unterschiedlichen Zuhörergruppen. Mittags im Berleburger Christushaus gut 100 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen elf und zwölf des Johannes-Althusius-Gymnasiums, abends in der Alten Synagoge an der Laaspher Mauerstraße vor 50 Zuhörern, die dicht an dicht saßen, nachdem die ursprüngliche Stuhlzahl für den unerwartet großen Andrang quasi verdoppelt werden musste. Auch wenn Robert Zoskes Vorträge dem Publikum entsprechend ganz verschieden waren, so waren die Abläufe doch ähnlich. Die komplizierte Geschichte fesselte an beiden Vortrags-Orten einerseits massiv verdichtet, andererseits mit unendlich vielen, liebevoll zusammengesuchten lebendigen Details - und dazu immer wieder Aufnahmen, mit dem Beamer an die Wand geworfen: vom Widmungsblatt von Hans Scholls Konfirmations-Bibel bis zum Foto an der Ostfront im Sommer 1942.

Und mittendrin in Robert Zoskes Ausführungen stets Hans Scholl: der Stefan-George-Bewunderer, der Medizinstudent, der Dichter, der Buddenbrooks-Begeisterte, der Soldat, der nach Paragraph 175 verurteilte Bisexuelle, der Zeichner, der wandernde und radfahrende Naturfreund, der fromme Sohn eines liberalen Pazifisten und einer konservativen Pietistin, der 24-Jährige, dessen letzte Worte - bevor das Fallbeil ihn enthauptete - waren: „Es lebe die Freiheit.“ Auch ein Foto von dem Protokoll dazu war zu sehen. All das ist auf den knapp 370 Seiten des Buchs versammelt, darunter auch die Gedichte des Poeten Hans Scholl und der Wortlaut aller sechs Weiße-Rose-Handzettel und das Manuskript des Flugblatt-Sieben-Entwurfs. Das sechste Flugblatt endete folgendermaßen: „Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus, im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre!“

Bei alldem ging es nicht allein um die Darstellung der Vergangenheit, es ging Robert Zoske um die Zukunft. So stellte er am Schluss im Christus-Haus und in der Alten Synagoge seine Frage „Hans Scholl - was bleibt?“. Und der pensionierte Pfarrer gab seinem Publikum drei Antworten darauf, eine davon lautete: „Es bleibt die Ermutigung: Jede und jeder kann ihrem und seinem Gewissen, kann Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Kurz nach dem Besuch von Robert Zoske im Kirchenkreis finden in allen drei Wittgensteiner Kommunen Gedenkveranstaltungen zur Reichprogromnacht statt. Dabei ist es eine Ermutigung, dass an allen drei Orten Jugendliche die Veranstaltungen mitgestalten:

Erndtebrück. Am 9. und 10. November 1938 wurden zahlreiche Synagogen und jüdische Geschäfte in Deutschland zerstört. Diese Tage gelten allgemein als der Beginn der systematischen Verfolgung jüdischer Bürger durch das NS-Regime. Daher finden jedes Jahr an vielen Orten um dieses Datum herum Gedenkfeiern statt, bei denen an die Opfer und die Schrecken des Dritten Reiches erinnert wird. Auch in Erndtebrück wird regelmäßig der jüdischen Mitbürger aus dieser Zeit gedacht. In diesem Jahr beginnt die Gedenkfeier bereits am Freitag, 8. November, um 10.30 Uhr in der Evangelischen Kirche Erndtebrück, dem folgt der gang zur Gedenktafel an der Bergstraße. Gestaltet wird die Veranstaltung von Viertklässlern der örtlichen Grundschule. Unterstützung erhalten die Kinder von Bürgermeister Henning Gronau, der eine kurze Ansprache hält. Alle interessierten Mitbürger sind zu dieser Veranstaltung herzlich eingeladen.

Bad Laasphe. „Rassenwahn, Hass und Menschenverachtung - Erinnerung wach halten, damit die grausame Geschichte sich nicht wiederholt“, so ist die Ansprache überschrieben, die Pfarrer Dieter Kuhli bei der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Pogromnacht im Laaspher Haus des Gastes hält. Die Gemeinschaftsveranstaltung vom Christlich-Jüdischen Freundeskreis und der Stadt Bad Laasphe beginnt am Samstag, 9. November, um 17.30 Uhr. Beteiligt sind an diesem Tag nach den Begrüßungen durch den Freundeskreis-Vorsitzenden Rainer Becker und Bürgermeister Dr. Torsten Spillmann auch Laaspher Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie Pfarrer Steffen Post. Die musikalische Umrahmung übernehmen die Sänger der Männergesangvereine Niederlaasphe, Puderbach und Weifenbach unter Leitung von Siegfried Schade. Alle Interessierten sind herzlich willkommen. Im Anschluss an die Gedenkstunde besteht die Möglichkeit, die ehemalige Synagoge an der Laaspher Mauerstraße zu besuchen.

Bad Berleburg. „Lucie war ein Mensch, der verzeihen konnte, jedoch nicht vergessen wollte. Sie war offen für eine neue Begegnung mit Bad Berleburg und seinen Einwohnern.“ Das sagte Rikarde Riedesel von der Abteilung „Kultur und Erwachsenenbildung“ im Berleburger Rathaus am Jahresanfang über Lucie Weinstein, die unter ihrem Mädchennamen Lucie Krebs in der Odebornstadt aufgewachsen war und als Jüdin vor den Nazis aus Wittgenstein und Deutschland fliehen musste. Im Alter von 94 Jahren starb Lucie Weinstein am 8. Januar 2019 in den USA. Beim Berleburger Gedenken an die Reichpogromnacht vor 81 Jahren erinnert die Stadtarchivarin Rikarde Riedesel deshalb am Samstag, 9. November, ab 18 Uhr in ihrer Ansprache beim Mahnmal am Berlebach an Lucie Weinstein. Der Chor „Singsation“ unter Leitung von Christoph Haupt umrahmt die Gedenkstunde musikalisch. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen zu dieser Veranstaltung des Arbeitskreises für Toleranz und Zivilcourage.