Besuch im Oberen Lahntal >
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09.11.2019
Von: Jens Gesper

„Es wird höchste Zeit“

In Erndtebrück, Berleburg und Laasphe gab es klare Positionen zum Pogrom-Gedenken


Viertklässler erinnerten in diesem Jahr bei der Erndtebrücker Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht an die zehn Erndtebrücker, die Opfer der Nazis wurden.

Brannten am Anfang noch 85 Kerzen auf der Bühne des Laaspher Haus des Gastes, waren es am Ende nur noch vier: 81 Menschen kamen wegen der Nazis damals zu Tode. Örtliche Konfirmanden halfen dabei, dieses ganz eindrückliche Bild zu schaffen.

Berleburger Hauptschüler verlasen beim Mahnmal am Berlebach die Namen der 54 jüdischen Nazi-Opfer aus der Odebornstadt.

Grundschüler und Pogrom-Gedenken? Muss das sein? Ja! Klar sprach sich am Freitag Thorsten Denker als Schulleiter der Erndtebrücker Grundschule genau dafür aus. Gerade kurz nach dem Attentat in Halle stehe für ihn fest, dass man sich in unterschiedlichen Gruppen mit dem Thema „Antisemitismus“ beschäftigen müsse: „Damit so etwas wie damals nie wieder passiert.“ Die Erndtebrücker Veranstaltung begann in der örtlichen Evangelischen Kirche, gut begründet im religions-technischen Gedanken, dass Juden die älteren Geschwister der Christen sind. Viertklässler hatten sich mit den konkreten Lebensläufen der Erndtebrücker Juden beschäftigt, die aus ihrem Heimatort deportiert wurden oder vor den Nazis flüchten mussten. Bei der Gedenkstunde erinnerten sie an diese Erndtebrücker, neben den Grund- waren auch Realschüler und andere Interessierte vor Ort, darunter Pfarrerin Kerstin Grünert und Bürgermeister Henning Gronau, der in seiner kurzen Ansprache das Bild einer besseren Welt zeichnete, in der die Menschen mit Freundlichkeit die Feindlichkeit überwinden. Aus der Kirche ging es dann zur Gedenktafel an der Bergstraße, die an die örtlichen Nazi-Opfer erinnert. Wiederum waren es die Grundschüler, die hier zehn weiße Rosen ablegten, in Erinnerung an die zehn Erndtebrücker, deren Namen auf der Gedenktafel stehen.

Während die Erndtebrücker mit den Schülern bereits Freitagmorgen an die Pogromnacht erinnerten, fanden die Veranstaltungen in Bad Berleburg und Bad Laasphe etwa gleichzeitig am 9. November abends statt. Zehntklässler der Ludwig-zu-Sayn-Wittgenstein-Schule verlasen am Berlebach beim Mahnmal für die 54 jüdischen Nazi-Opfer auch in diesem Jahr deren Namen. Stadtarchivarin Rikarde Riedesel erinnerte auf Einladung des Arbeitskreises für Toleranz und Zivilcourage ganz besonders an Lucie Weinstein, die unter ihrem Mädchennamen Lucie Krebs in der Odebornstadt aufgewachsen war, als Jüdin vor den Nazis aus Wittgenstein und Deutschland fliehen musste und am Anfang 2019 im Alter von 94 Jahren in den USA verstarb. Rikarde Riedesel ließ an diesem Abend Lucie Weinstein nochmal lebendig werden, um nach dem Blick zurück fürs Gestalten der Zukunft zu appellieren: „Es ist jetzt an uns, nicht weg zu schauen, sondern Position zu beziehen. Wir brauchen keine Helden, sondern offene Augen für Ungerechtigkeit, und Mut, sich dagegen zu stellen. Wir selbst sind die Garanten für eine lebendige Demokratie und eine offene Gesellschaft. Ich möchte das tun, denn ich hatte in Lucie Weinstein ein Vorbild, sich zu engagieren und die Verletzung von Menschenrechten nicht wieder zuzulassen.“ Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung vom Chor „Singsation“ unter Leitung von Christoph Haupt.

Im Laaspher Haus des Gastes waren es die Männergesangvereine Niederlaasphe, Puderbach und Weifenbach unter Leitung von Siegfried Schade, die das Pogrom-Gedenken umrahmten. 180 Leute hatten sich hier versammelt, darunter Landrat Andreas Müller, der mit der SPD-Kreistags-Fraktion zu einer Tagung in der Lahnstadt war. Nach der Begrüßung durch Rainer Becker, Vorsitzender des Christlich-Jüdischen Freundeskreises Bad Laasphe, und Bürgermeister Dr. Tosten Spillmann, hielt Pfarrer Dieter Kuhli die Ansprache. Und der Tenor dabei war genauso entschieden wie zuvor in Erndtebrück und Bad Berleburg. „Es wird höchste Zeit, dass wir diesem Neuaufleben von Rechtsextremismus und Antisemitismus in Zivilgesellschaft und in Kirche gleichermaßen ganz entschieden entgegentreten. Das zu tun - möglichst: gemeinsam zu tun - ist nach meiner festen Überzeugung beides zugleich: Christenpflicht und gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit.“ Den letzten Gedanken hatte sich Dieter Kuhli bei Präses Manfred Rekowski, dem Chef der Rheinischen Landeskirche, geliehen. Im Haus des Gastes wurden beim Verlesen der 85 Namen der Laaspher, die von den Nazis aus ihrer Heimat vertrieben wurden, die Kerzen derer gelöscht, die wegen der Nazis damals zu Tode kamen. So brannten am Ende nur noch vier der 85 Kerzen. Laaspher Konfirmanden hatten diese Aufgabe übernommen, Pfarrer Steffen Post sprach danach Kaddisch, das Heiligungs-Gebet ist eines der wichtigsten im Judentum. Im Anschluss an die Gedenkstunde bestand erstmalig am 9. November die Möglichkeit zu einem Besuch in der örtlichen Alten Synagoge an der Mauerstraße. Denn auch wenn das Gotteshaus in der Pogromnacht vor 81 Jahren geschändet wurde, so wurde es doch nicht zerstört. Die Nähe der Nachbarhäuser schützte die Synagoge. Hätte mehr Nähe der christlichen Nächsten damals vielleicht auch die jüdischen Menschen schützen können?

Hier gibt es die Ansprache von Rikarde Riedesel,
hier gibt es die Begrüßung von Rainer Becker,
hier gibt es die Ansprache von Dieter Kuhli,
hier gibt es mehr Fotos.